02.03.2020

Von der Studienwahl und anderen Krisen

Das passende Studium zu finden tönt einfacher als es ist, denn die Möglichkeiten scheinen unendlich und irgendwie klingen so viele Angebote interessant. Auch die Zukunft des Studiums sollte bei der Auswahl nicht vernachlässigt werden, ebenso wie der Ort der Universität oder Fachhochschule. Ein Essay über die Schwierigkeiten der Studienwahl und was dieser verwirrende Prozess mit sich bringt.

Nach der OS mal ans Collège, das tönt doch gut. Da habe ich ein breites Allgemeinwissen, eine Matura und was ich studieren will, das weiss ich dann im vierten Jahr sicher. Dem war nicht so. Wie womöglich viele andere, die sich momentan in ihrer Ausbildung befinden, stehe ich an einer komplizierten Kreuzung. Und da man das richtige Abzweigen hier nicht im Verkehrskundekurs lernt, weiss ich nicht genau, wie die Regeln an dieser Kreuzung funktionieren.

Es gibt unglaublich viele interessante Studiengänge, die an der Universität oder an der Fachhochschule absolviert werden können. Jenes tönt doch toll, ach, aber wie wäre es denn mit dem? Und wo verdiene ich eigentlich am meisten Geld?

Viele Faktoren spielen eine entscheidende Rolle. Nicht nur die eigenen Interessen, auch die Zukunftsaussichten und die Sicherheit des Berufsfeldes sind für viele Junge wichtig. Das Bewusstsein, dass viele Berufe durch die Digitalisierung verschwinden werden, ist präsent. Ein Studium ist nicht «Peanuts» und erfordert viel Ausdauer. Deshalb ist es verständlich, wollen viele keinen Studiengang absolvieren, bei dem das Risiko besteht, nach dem Studium schon bald nicht mehr gebraucht zu werden. Auch ich möchte einen Studiengang absolvieren, dessen späteres Berufsfeld stabil ist und nach welchem ich Aussichten auf eine gute Stelle habe. Wie oft habe ich über einen Studiengang ernsthaft nachgedacht, mir dann aber eingestanden, dass es wohl im späteren Berufsleben ziemlich «brotlos» werden könnte? Und bin ich ganz ehrlich, muss ich sagen: Bei der Studienwahl überschätze ich oft automatisch meine Fähigkeiten. Irgendwie können einen toll klingende Studiengänge total in den Bann ziehen. Auch wenn jedem bewusst ist, dass man sich nicht von solchen Namen verleiten lassen sollte, träumen darf man ja. Medizinphysik, das wärs. Das würde ja toll klingen, wenn ich mich dann auf meinem Instagram-Profil als «Medicine Physics Student» vorstellen könnte. Fragen Sie dann aber mal meinen Physiklehrer, der fände das Ganze wohl eher nicht so eine tolle Idee wie ich. Übrigens, ein guter Tipp an zukünftige «Suchende»: Fragt eure Lehrerin oder euren Lehrer, was zu euch passen könnte. Die kennen euch nämlich besser als ihr denkt...

Viele Universitäten bieten einen «Tag der offenen Tür» an, an welchem man die Möglichkeit hat, die Gebäude zu besichtigen und Informationen zu Studiengängen erhält. Doch manchmal können auch diese Informationstage verunsichern. Wollte man doch bis jetzt an die Universität in Lausanne, bekam aber an der Universität Freiburg so tolle Werbegeschenke, dass man doch noch mal über das Ganze nachdenkt. Wenn die dort so tolle Stifte verteilen, ist die Uni vielleicht doch besser, oder nicht? Doch in der Regel helfen die Besuchstage, da die Schüler die Möglichkeit haben, sich mit Studierenden zu unterhalten und Antworten auf all ihre Fragen zu erhalten. Eine tolle Sache, denn wer kann einem bessere Tipps geben als die Studierenden? Auch Vorträge von Professoren über einzelne Studiengänge schaffen bei einigen Klarheit, andere verlassen den Vorlesungssaal mit gemischten Gefühlen. Oft wird die Erwartung erfüllt oder sogar übertroffen. Aber manchmal war man sich über Jahre sicher, ein bestimmtes Studium absolvieren zu wollen. Und auf einmal ist man sich dann doch nicht mehr so sicher. Dies kann zu einer kleineren bis grösseren Existenzkrise führen, da bei der Studienwahl nun wieder von vorne begonnen werden muss. Auch realisieren viele erst wenn sie sich genauer mit einem Studiengang befassen, dass sie für diesen ausziehen müssen, da es ihn zum Beispiel nur in Chur oder Luzern gibt. Dies stellt ein weiteres Problem dar. Denn das Ausziehen kostet nicht nur viel Geld, sondern auch eine gewisse Portion Mut.

Immer mehr kommen auch andere Möglichkeiten auf, sich den Weg in seinen Traumberuf zu bahnen. Eine Way-Up-Lehre ist eine dieser Varianten: eine verkürzte Lehre für Maturandinnen und Maturanden, in denen sie Berufserfahrung sammeln, um schlussendlich ein Fähigkeitszeugnis zu erhalten. Für viele Berufe sehr sinnvoll, und meiner Meinung nach eine tolle Lösung. Auch Praktika helfen vielen, sich einen Beruf besser vorstellen zu können. Warum nicht? Die Vorstellung, dass nach dem Collège direkt die Universität folgen muss, ist passé. Oder man nimmt sich noch ein bisschen Zeit, um die definitive Entscheidung nicht im letzten Ausbildungsjahr treffen zu müssen. Das Collège-Leben ist ja anstrengend genug – denken wir an all die Freitagnachmittage, an denen wir noch im Café Populaire verweilen. Auch Zwischenjahre sind deshalb sehr beliebt bei den Collégiens. «Currently in Australia» tönt ja dann auf dem Instagram-Profil fast so gut wie «Medicine Physics Student». Natürlich ist das Ganze etwas hypothetisch, denn die Finanzierung solcher «Auszeiten» ist für Studenten eine grosse Schwierigkeit und nicht für jeden realisierbar.

Es ist also sicher anspruchsvoll sich zu entscheiden, doch schlussendlich ist es auch kein Weltuntergang, wenn man sich mal falsch entscheidet. Dann wechselt man das Studium nach einem Semester und probiert es nochmals mit etwas Neuem. Oder man gelangt über Umwege zum Ziel. Oder vielleicht entdeckt manch einer unterwegs sogar ein ganz neues Ziel. Die Devise lautet also, sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen und ehrlich mit sich selber und seinen Interessen zu sein. Und wenn alle Stricke reissen, kann man immer noch Berufsberater werden, denn dann kennt man sich ja bestens mit allen Studiengängen und Berufen aus.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird: www.freiburger-nachrichten.ch/zig-blog