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Grüssen wird überschätzt

Ich gehe regelmässig joggen und kreuze dabei immer wieder fremde Leute, welche auch rennend unterwegs sind. Bis heute konnte ich aber das Rätsel nicht lösen, wieso einige freundlich grüssen und andere gar nicht. Die Sache ist jedoch vielschichtiger als man denken könnte. Das Grussverhalten kann je nach Wetter, Jahreszeit, Geschlecht oder Tageszeit ändern.

Hartgesottene

Das sind die Läufer die sich weder von Regen, Schnee oder Sturm vom Laufen abhalten lassen. Diese Leute grüssen eigentlich immer; wer bei solchen Wetterbedingungen unterwegs ist, teilt die gleichen Werte und ist per se sympatisch. Sofern man immer die gleichen Strecken läuft, kennt man nach einigen Jahren die verschieden Gesichter und unter Umständen wechselt man auch ein paar Wörter. Sofern man spät am Abend unterwegs ist, gehört eine gute Stirnlampe zur Standardausrüstung. Sonst kann es sein, dass ein simples Hallo andere Menschen gehörig erschreckt.

Gelegenheitsjogger

Diese sind im Grussverhalten eher ambivalent; im städtischen Umfeld wird traditionell nicht gegrüsst, im ländlichen Umfeld meistens schon. Die Städter denken wohl ‚wo käme man hin, müsste man plötzlich wildfremde Leute grüssen‘. Die ländlich geprägten Läufer grüssen alle, das macht man so. In der Regel erkannt man die Gelegenheitsläufer übrigens auch am Outfit. Irgend ein Ausrüstungsteil ist entweder fabrikneu oder es handelt sich um ein Lieblingsobjekt aus der Jugendzeit.

Kopfhörer

Wer mit Musik in den Ohren unterwegs ist, grüsst in 99 Prozent der Fälle nicht. Diese Leute sind wohl in erster, zweiter und dritter Linie mit sich selber beschäftigt. Jahreszeit, Naturgeräusche oder andere Menschen sind für sie ohne Bedeutung. Im ungünstigsten Fall erschrecken sie fast zu Tode, weil sie den von hinten heran rennenden Menschen nicht bemerken.

Supersportler

Die grüssen, sofern sie noch die notwendige Luft dazu haben. Aber wer mit 200 Pulsschlägen pro Minute und einem Kilometertempo von 3 Minuten und 20 Sekunden (trainingshalber) unterwegs ist, hat ganz andere Probleme als sich als Grussonkel aufzuführen. Bei genauer Betrachtung erkennt man aber - unter Umständen - ein zustimmendes Nicken, weil man auch bei widrigen Bedingungen unterwegs ist.

Gruppenläufer

Es gibt solche, die können nicht alleine oder zu zweit unterwegs sein. Je nach Sozialisierungsstand der Gruppe grüssen alle oder gar keiner. Hängt wohl davon ab, wie der Gruppenleader (im Gorillaverband wohl der Silberrücken) das Grüssen einschätzt. Sofern er ‚Grüssen wird überschätzt‘ als Lebensmotto gewählt hat, werden andere Läufer (das heisst nicht zur Gruppe gehörend) ignoriert. Nota bene; es hat immer einen Leader! Diese sind gerne in einer Gruppe unterwegs, weil es dort sicher Kolleginnen und Kollegen hat, welche man auf den letzten 3 Kilometern in Grund und Boden laufen kann.

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