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Chad Silver: Skorer, Lebemensch, Liebling der Fans

Chad Silver war einer der populärsten Gottéron-Spieler aller Zeiten. Vor 18 Jahren verstarb er auf tragische Weise. Ehemalige Weggefährten erinnern sich an die legendäre Nummer 18.

Vor 18 Jahren verstarb einer der schillerndsten und beliebtesten Gottéron-Spieler der Clubgeschichte: Chad Silver wurde am 3. Dezember 1998 im Alter von 29 Jahren leblos in seiner Wohnung aufgefunden. Er starb, wenige Tage nachdem er während eines Spiels mit dem Kopf auf das Eis geprallt war; es wurde ein Herzversagen festgestellt. Silver spielte damals für den ZSC, noch heute erinnert deshalb vor dem Zürcher Hallenstadion eine Statue an den Kanadaschweizer. Für Gottéron absolvierte er zwischen 1991 und 1995 188 NLA-Partien und erzielte dabei, oft an der Seite von Slawa Bykow und Andrei Chomutow spielend, 189 Skorerpunkte. Silver ist nicht nur von den Freiburger Fans unvergessen, zum 18. Todestag erzählen ehemalige Weggefährten und Mitspieler Geschichten und Anekdoten rund um die legendäre Nummer 18. Von Mario Rottaris, den Silver in Kanada zum Golfsport brachte, über Frédy Bobillier, der dank ihm Gitarre spielt, bis zu Colin Muller, der sagt: «Ich vermisse sein Lachen jeden Tag».

Misko Antisin (Mitspieler beim EV Zug): Chad war einer der tollsten Charaktere, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Ich hab den Typen geliebt, ich vermisse ihn die ganze Zeit. Ich erinnere mich, wie wir zu acht Golf spielten in Myrtle Beach, und er Peanut Butter Candy für alle brachte. Wenn ich heute einen solchen Riegel sehe, denke ich immer noch an ihn. Auf dem Feld spielte er mit sehr viel Herz, arbeitete seinen Arsch ab und ging stets vors Tor. Er war ein schrecklicher Schlittschuhläufer, es war schlimm für die Augen der Zuschauer. Ich stichelte zum Spass oft gegen ihn und fragte: «Warum konntest gerade du mit Slawa und Andrei spielen, die Typen sind Weltklasse!» Aber er lieferte Leistung, auch wenn es hässlich aussah. (lacht) Er war ein unglaublicher Junge, er hätte niemals sterben dürfen. Es ist wichtig, dass die Erinnerung an ihn nicht verloren geht.

Frédy Bobillier (Teamkollege bei Gottéron): Dass ich heute noch Gitarre spiele, liegt an Chad. Er war nicht nur sehr beliebt und schoss viele Tore, sondern spielte auch Gitarre. Da ich hingegen weder ein Lieblingsspieler war, noch viele Tore schoss, beschloss ich halt immerhin, Gitarre spielen zu lernen.

Patrice Brasey (Teamkollege bei Gottéron und beim ZSC): Ich mochte Chad sehr, ich erinnere mich an die vielen tollen Abende, als er DJ im Rock Café war. Am Tag als er starb, hatten wir morgens Training. Da er nicht kam, dachten wir alle, er hätte wohl verschlafen. Das war leider ganz und gar nicht so … Er kam nie wieder zurück, das war sehr schmerzhaft.

Paul-André Cadieux (damals Trainer bei Gottéron): Chad war sehr easy going und ein sehr angenehmer Mensch. Er kannte seine eigenen Schwächen und arbeitete hart daran, sich zu verbessern. In den Spielen wuchs er über sich hinaus. Natürlich wusste ich, dass er oft bis etwas später im Ausgang war, aber am nächsten Morgen war er immer frisch und munter im Training.

Bruno Hayoz (Journalist beim «Blick»): Chad Silver war ein lockerer und fröhlicher Typ. Er hatte immer einen Spruch oder ein Lachen drauf. Chad legte im damaligen Freiburger In-Lokal Rock Café in seiner Freizeit zum Plausch Platten auf. Wir vom «Blick» machten eine grosse Reportage mit Fotos von DJ Silver am Plattenpult und füllten eine ganze Seite. Dumm nur, dass Chad Silver ab dem Erscheinen des Artikels für Wochen das Tor nicht mehr traf. Seinen ersten Treffer nach der langen Durststrecke feierten wir natürlich mit einem grossen Titel: «DJ Silver sendet wieder.» Chad, wie er leibt und lebte, hatte eine riesige Freude an diesem Titel. Ein Titel für einen aussergewöhnlichen Menschen.

Christian Hofstetter (Teamkollege bei Gottéron): Chad hatte ein grosses Herz. Er war immer da für seine Kollegen und hatte immer einen guten Spruch parat. Ich erinnere mich, wie er mal auf mich zukam und das Gefühl hatte, einer unserer Mitspieler sei niedergeschlagen und brauche Hilfe. Er fragte mich, ob wir etwas machen könnten. Wir suchten besagte Person auf und diese bestätigte, dass sie gerade Sorgen hatte. Niemandem war dies aufgefallen, aber Chad hatte dies gespürt. Er merkte stets, wenn es jemandem nicht gut ging, und wollte immer helfen. Ein anderes Mal waren wir nach einem Spiel bei einer Kollegin eingeladen, und Chad war unsterblich in sie verliebt. Wir verputzten zu zweit eine riesige Schüssel Tiramisù, und er schlief gesättigt auf dem Sofa ein und wachte erst sehr viel später auf. Das war ihm sehr, sehr peinlich ... Er war einerseits ein sehr selbstsicherer Mensch und trotzdem extrem feinfühlig, manchmal gar zerbrechlich, war nie launisch, und versuchte, in allem nur das Positive zu sehen, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Er schaute stets, dass es den anderen gut ging; war dies der Fall, dann war er glücklich. Als Spieler war er immer für die Jungen da und gab stets Tipps oder baute sie auf. Er war es auch, der im Ausgang oft die Runde bezahlte. In der Garderobe war er zudem natürlich auch DJ, musikalisch schön ausgewogen zwischen Deutschweizern und Romands. Country durfte natürlich nicht fehlen.

Doug Honegger (Teamkollege bei Gottéron): Was Chad auszeichnete, war, wie er Menschen behandelte. In einer perfekten Welt hofft man, dass «Stars» gegenüber Fans grosszügig sind, wenn sie auf sie treffen. Das ist nicht immer der Fall, aber bei Chad war es das. Fast alle, die mit ihm in Kontakt kamen, merkten schnell, wie liebenswürdig und selbstlos er war. Er hatte keine Attitüden, strahlte Wärme und Freundlichkeit aus. Das machte es so angenehm, um ihm herum zu sein; er war immer gut drauf. Wir waren sehr enge Freunde. Zunächst waren wir Mannschaftskollegen, später war ich dann noch sein Agent. Wir haben viel zusammen erlebt, und ich habe so viele wunderbare und lustige Erinnerungen an ihn, wie wir einfach nur zum Essen gingen oder mit ein paar Bier übers Spiel sprachen – aber egal, was wir auch machten, es war immer lustig, weil Chad ein sehr humorvoller Typ war. Obwohl er Eishockey liebte, waren es die Momente, die er abseits des Stadions mit den Jungs verbrachte, die ihn am glücklichsten machten.

Kari Martikainen (Mitspieler beim ZSC): An einem Freitag tauchte Chad einmal bei mir zu Hause mit einer Flasche Rotwein auf, wir hatten an diesem Abend kein Spiel. Obwohl ich zwei ganz junge Kinder hatte, liess ich ihn rein. Ich stellte zwei Gläser auf den Tisch, und wir tranken die Flasche und redeten. Am nächsten Montag kam er zu mir und fragte, ob es denn okay gewesen sei, dass er zu später Stunde noch vorbeigekommen ist. Er hatte fast ein schlechtes Gewissen. Ich sagte ihm, dass es kein Problem gewesen sei. Ich spielte mit ihm in derselben Linie. Weil er kein guter Schlittschuhläufer war, musste ich in der Abwehr manchmal doppelt aufpassen, er war auch sehr offensiv und kam nicht gerne zurück in die Defensive; er war in dieser Hinsicht etwas faul. Er hatte aber andere Stärken: Als Grossgewachsener ging er gerne vors gegnerische Tor und arbeitete im Slot, zudem hatte er sehr gute Hände und im Kopf war er auch stets bereit. Es ist verrückt, dass es schon 18 Jahre her ist.

Bob Mongrain (Mitspieler beim HC Sierre): Jeder liebte es, um ihn herum zu sein, nicht nur die Frauen. Chad besuchte auch oft meine Kinder. In Sierre war er das Nesthäkchen, ich und Kelly Glowa nahmen ihn unter unsere Fittiche. Zu Beginn dachte ich nur: Was macht der Typ nur in unserer Mannschaft? Er lief Schlittschuh wie eine Ente, die Knie beide nach innen, und sah aus wie ein Jugendlicher, der zu schnell aus seinen Kleidern gewachsen ist, aber er hatte eine grossartige Hand-Auge-Koordination und kam an jeden Puck im Umkreis von drei Metern ran, und vor dem Tor war er natürlich top. Ich habe mir oft gewünscht, seine Füsse würden so gut funktionieren wie seine Hände, trotzdem hat er eine tolle Karriere gehabt. Ich erinnere mich, wie er mir zum Siegestreffer im letzten Aufstiegsspiel gegen Martigny zum entscheidenden 4:3 den Assist gab. Als er zu Freiburg wechselte, hatte er Angst, mit Bykow und Chomutow zu spielen. Ich sagte ihm, er solle einfach mit dem Stock bereit sein, denn Bykow würde ihm die Pässe schon direkt auf die Schaufel spielen. Er hatte sehr viel Charisma und war genau jene Art von Spieler, die eine Mannschaft zusammenhalten. Er war immer fröhlich und liebte die Schweiz und die Leute hier.

Colin Muller (Mitspieler beim EV Zug): Chad war ein sehr guter und enger Freund. Er kam mindestens einmal in der Woche bei mir vorbei und spielte Jeopardy zu einer guten Flasche Wein. Auch im Sommer verbrachten wir oft die Tage zusammen und sahen uns wöchentlich. Zirka eine Woche bevor er starb, half er mir noch beim Umzug in mein neues Haus. Er war eine unglaublich positive Person und hatte immer ein Lächeln auf den Lippen. Seine Fröhlichkeit war ansteckend, und er war stets gut gelaunt. Er liebte das Leben, und ich vermisse sein Lachen jeden Tag.

Mario Rottaris (Teamkollege bei Gottéron): Im Sommer 1994 war ich mit Chad in seinem Elternhaus in Brandon-Manitoba in Kanada, um eine Woche lang jeden Tag in den umliegenden Gewässern angeln zu gehen. Am ersten Morgen früh, es war herrliches Wetter und ich hatte das Fischertenue bereits montiert, sagte mir Chad, dass die Fische heute nicht beissen, es sei zu warm zum Angeln; stattdessen würden wir deshalb golfen gehen. Chad war ein begnadeter Golfer, ich jedoch hatte vorher noch nie einen Golfschläger in den Händen. So kam es, wie es kommen musste: Ich absolvierte (hackte) meine ersten 18 Löcher auf einem Golfplatz. Für den Rest der Woche empfanden wir das Wetter dann immer entweder als zu warm, zu kalt, zu sonnig oder zu bewölkt, um fischen zu gehen, und haben keinen einzigen Köder an den Haken gehängt. So absolvierten wir (Chad spielte – ich hackte) jeden Tag eine Runde Golf. Angler bin ich danach nie geworden, Hobby-Golfer schon, und Golf Management wurde und ist mein Beruf seit Ende der Eishockeykarriere.

Raphael Siffert (ehemaliger Gérant des Rock Café): Chad war ein grosser Country-Fan. Am liebsten hörte er die Songs von Garth Brooks. Er hat die Songs von Garth Brooks regelmässig als DJ im Rock Café gespielt und auch (mehr oder weniger genau) dazu gesungen. Die Leute haben ihn in Freiburg geliebt. Er war immer zu allen gleich, völlig unabhängig vom Status. Als ich mit ihm den Final der Fussball-WM 1994 in Los Angeles besuchte, waren wir am Abend nach dem Spiel in einer Musikbar. Als es Feierabend wurde, hörte die Band auf zu spielen. Chad hat dann eine Lokalrunde spendiert, nur damit die Band noch einen Song von Garth Brooks als Zugabe spielte. Als wir eines Tages nach Las Vegas gingen, kam er am Flughafen in Kanada nur mit einer kleinen Tasche daher. Ich fragte ihn, wo er sein Gepäck habe. Er zeigte mir seine Tasche, da waren nur ein paar Country-Stiefel drin. Er meinte, das sei alles, was man brauche, es könnte ja sein, dass wir irgendwo in eine Country-Party hinein«lauern». Wegen Chad habe ich angefangen, Golf zu spielen. Er kam eines Tages aus den Sommerferien zurück aus Kanada und brachte mir ein paar Golfschläger mit. Bereits nach einer Woche hat er uns zusammen an einem Golfturnier in Evian angemeldet. Das war einer der peinlichsten Momente meines Lebens. Ich habe natürlich keinen vernünftigen Ball getroffen. Chad hat nur gelacht und einen Riesenspass gehabt. Chad war von allen Spielern damals respektiert. Schon als Bykow und Chomutow das Heu nicht mehr auf der gleichen Bühne hatten, hat er uns alle zum Fondue eingeladen, und alle sind gekommen. Slawa hat mir damals gesagt, wie sehr sie Chad als Mensch und integrative Person in der Mannschaft respektierten. Noch heute, wenn ich Slawa in der Stadt sehe, sprechen wir immer über die Zeiten mit Chad. Chad liebte seinen Hund Shelby. Seine damalige Freundin erzählte mir, dass der Hund selbstverständlich immer zwischen ihnen im Bett schlafe.

John Slettvoll (ehemaliger Trainer beim SC Herisau): Er war ein leidenschaftlicher Sportler, kam aufs Eis um sein Bestes zu geben. Er war ein glücklicher Mensch, hatte einen tollen Sinn für Humor und war eine sehr soziale Person. Ich mochte ihn sehr, sowohl als Spieler als auch als Mensch.

Alain Thévoz (damals Kommentator bei Radio Fribourg): Die erste Sache, die mir in den Sinn kommt, ist ... seine Lebensfreude! Und er war ein treuer Gast im Rock Café und parkierte sein Auto irgendwie und irgendwo, er sammelte Parkbussen, und das fand er lustig. Eine sportliche Anekdote: das famose Tor in den Playoffs gegen Ambri. Er glich nur ein paar Sekunden vor dem Ausscheiden aus, und Chomutow markierte den Siegestreffer in der Verlängerung. Sein Spielstil war nicht sehr akademisch, und sein Schlittschuhlaufen war schrecklich, aber er hatte den Sinn für das Spiel und für die Stellung. Und ich erinnere mich natürlich leider auch noch sehr gut an sein Dahinscheiden und das emotionale Interview, das Patrice Brasey mir damals auf Radio Fribourg gab.

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