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Steil hinauf

Martin Hostettler am Einrichten des sogenannten Schulterstandes (Bild: Bruno Tenner)
Bald geht es schon los in Richtung Tibet, höchste Zeit nicht nur in konditioneller sondern auch in alpinistischer Sicht vorbereitet zu sein. Für das Wochenende vom 6. und 7. Juli stand die Lauperroute am Mönch auf meiner Wunschliste. Am Freitag-Nachmittag stand es fest, die Wetteraussichten für das Wochenende waren optimal.

Bei der Lauperroute handelt es sich um eine klassische Route durch die Nordwestwand (Nordwandrippe) am Mönch. Ausgangspunkt für diese Tour ist die Guggihütte; diese ist von der Station Eigergletscher der Jungfraubahn in rund zwei Stunden zu Fuss erreichbar. Die Hütte liegt exponiert auf einem Felssporn, links rechts und vorne geht es nur in eine Richtung, steil hinunter. Sie ist am Wochenende und während der Hauptsaison bewartet. Das hat seinen guten Grund; es gibt immer Leute die der Ansicht sind, die Übernachtungskosten sparen zu müssen (25 Franken für SAC-Mitglieder, 35 Franken für Nicht-Mitglieder). Die Anwesenheit des Hüttenwarts, dem freundlichen und aufmerksamen Noldi Zwahlen, lässt solche Ansinnen im Keime ersticken. Die Hütte ist gut unterhalten und bietet 20 bis 30 Bergsteigern (je nachdem wie eng man liegen will) eine Selbstverpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeit. Unter Umständen liegt man eben Kopf an Kopf mit einem schnarchenden Unbekannten. Wer einen langen, tiefen und gesunden Schlaf pflegen will, sollte sich nicht zu häufig in Berghütten aufhalten.

Um 02.15 werde ich aus dem Halbschlaf geweckt und es gibt Frühstück (mit Betonung auf früh). Auf dieser Tour begleitet mich Martin Hostettler, ein professioneller Bergführer. Um 02.45 geht es los und wir laufen resp. klettern in Richtung Mönchsplateau. Dort angekommen geht es in östlicher Richtung rund 150 Meter steil hinunter in ein Gletscherkessel am Fusse der Mönch-Nordwestwand und man traversiert diesen. Auch mitten in der Nacht finden wir den Weg problemlos. Ab diesem Zeitpunkt geht es nur noch in eine Richtung, nämlich steil bergauf. Zunächst über nasse, halbgefrorene und abwärtsgeschichtete Kalkplatten, dann über ein immer steiler werdendes Firnfeld. Oben an diesem Firnfeld traversiert man in westlicher Richtung über das letzte, ausgesetzte Schneeband hin zur Schlüsselstelle. Dabei handelt es sich zunächst um einen senkrechten und vereisten Riss und kurz später ein Felsdach. Über letzteren müssen wir irgendwie hinauf! Old school wäre ein sogenannter Schulterstand. D.h. man steigt auf die Schultern des Seilpartners und überwindet es so. Auf dieses Experiment verzichten wir kommentarlos, wir benutzen die dort hängende alte Trittschlinge (siehe Bild). Martin überwindet das Hindernis elegant und scheinbar ohne jeglichen Kraftaufwand, sieht ganz einfach aus. Irgendwie schaffe ich es auch, im Gegensatz zu Martin - und nach Selbsteinschätzung - aber ohne jegliche Eleganz und nur durch den Einsatz roher Kraft. Na ja, nobody is perfect.

Weiter geht es über teilweise schneefreie Gneissblöcke und anhaltend steile Firnfelder direkt zum schmalen und ausgesetzten Nordost-Grat des Mönch. Von dort sind es noch maximal 150 Höhenmeter bis zum Gipfel, welchen wir nach 5 ¾ Stunden erreichen. Der SAC-Clubführer veranschlagt für diese Tour einiges mehr an Zeit, wir waren ordentlich unterwegs. Zeitgleich mit uns trifft am Gipfel auch eine Seilschaft ein, welche über den sogenannten Nollen geklettert ist (das ist eine weitere klassische Route in der Nordwestwand). Am Nollen sind noch sechs Seilschaften unterwegs, aber die nehmen sich viel Zeit. Wir schiessen noch ein paar Gipfelfotos und steigen in einer knappen Stunde über den Normalweg (Südarm des Ostgrates) hinunter zum Jungfraujoch. Am Einstieg des Normalweges kreuzen wir noch verschiedene Seilschaften die auf den Mönch wollen! Der Normalweg zum Mönch ist übrigens die meistunterschätzte Route auf einen 4000er. Wohl auch deshalb gibt es dort immer wieder Todesfälle; die Ausgesetztheit am Gipfelgrat ist eindrücklich und unter Umständen sehr tückisch (Eis, Wächten).  

Es war eine ausgesprochen schöne, aber doch anspruchsvolle Tour. Man bewegt sich hauptsächlich auf dem Vorderfuss und gegen Schluss spürt man die Waden deutlich, immerhin müssen 1450 Höhenmeter überwunden werden. Ganz ohne Anstrengung geht es eben nicht. Am Shisha Pangma wird es nicht einfacher, im Gegenteil.

Abschliessend noch ein Wort zum Thema Bergführer. Diplomierte Bergführer geniessen in der Schweiz eine sehr strenge, aber ausgezeichnete Ausbildung. Nicht nur in Alpinistenkreisen geniessen sie ein sehr hohes Ansehen. Auf anspruchsvollen Routen kann ich jedem anraten einen solchen zu verpflichten. Einverstanden, laufen und klettern müssen sie schon selber. Kein vernünftiger Bergführer wird sie am Seil auf den Gipfel schleppen. Er ist verantwortlich für die professionelle Vorbereitung und Durchführung der Tour unter Beachtung der Sicherheitsaspekte. Der Gast kann sich dafür auf das Wesentliche konzentrieren, auf die Landschaft, auf das Klettern und das Erlebnis als solches geniessen. Mein Bergführer, Martin Hostettler, hat dies in vorbildlicher Art und Weise in die Praxis umgesetzt. Ganz herzlichen Dank.

Kommentare zu diesem Artikel

Mila

Wunderschön!!!!

Mario

Ich wünsche dir nach all den Anstregungen viel Erfolg und natürlich Freude mit deinem Himalaya-Projekt!