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1. August - Raketen, Böller und viel Rauch

Am 1. August feiern wir den Geburtstag der Eidgenossenschaft, seit 1993 ist dieser Tag ein offizieller Feiertag

Mancherorts finden die Feierlichkeiten bereits am 31. Juli statt, was mich recht unsinnig dünkt. Etwa gleich unsinnig, wie zum Beispiel den Jahreswechsel am 30. Dezember vorzufeiern – was meines Wissens - zum Glück! - bis jetzt noch keinem in den Sinn gekommen ist. Aber offenbar liegt diesem Vorfeier-Trend der Gedanke zugrunde, dass man und frau am ersten August, dem arbeitsfreien Tag ausschlafen (und seinen Kater auskurieren) kann.

Wir haben Glück, dürfen wir in der Schweiz leben – und das darf und soll gebührend gefeiert werden. Vieles funktioniert hier (noch) recht gut, aber natürlich gibt es auch bei uns Armut, Kriminalität, Korruption, Misswirtschaft und Fremdenfeindlichkeit...

Zum ersten August gehören Feuerwerk, Festwirtschaft, Festreden, Schweizer Fahnen, Bratwurst, laute Böller und ein geschenkter Arbeitstag.
Das Feuerwerk ist beliebt und zweifellos wunderschön anzuschauen. Dicht gedrängt stehen Schweizer und Schweizerinnen, Ausländer und Ausländerinnen am Ufer des Murtensees in Erwartung des fulminanten Spektakels von Farben, Formen, Funkeln.

Und während dicht an dicht Menschen jeden Alters, jeder Couleur und Herkunft staunend zum Himmel schauen, flüchten Enten schnatternd ins Schilf, verstecken sich Hunde winselnd daheim unterm Bett, suchen Füchse das Weite, Fische gehen auf Tauchstation und Kleinkinder reissen erschrocken die Augen auf und beginnen zu weinen. Der Lärm, das ungewohnte Lichterfunkeln und die rauchgeschwängerte Luft versetzen Tiere (und auch einige Menschen) in Angst und Schrecken.

Die Kosten und die Belastung der Umwelt durch die schweizweit stattfindenden Feuerwerke sind nicht zu unterschätzen. Die Mengen an Feinstaub, die als Niederschlag in Böden, Gewässer und unsere Atemwege gelangen ist gewaltig. Zudem entstehen Berge von Abfall, stecken die Feuerwerkskörper doch in Holz-, Karton-, Kunststoff- und Tonverpackung.
Wenn wir uns dann noch die Kosten dieses Vergnügens vor Augen führen, hört der Spass auf. Schweizweit werden horrende Summen buchstäblich in die Luft gejagt. Ich frage mich, ob dies ein Zeichen unseres Wohlstands ist – oder eher unserer Ignoranz. Spielen wir Vogel Strauss? Mir – und sicher auch Ihnen – kämen sofort mehrere Möglichkeiten in den Sinn, wie dieses Geld sinnvoller (und garantiert nachhaltiger) verwendet werden könnte.

Als ich ein Kind war, bildete der Höhepunkt der Erst-August-Feierlichkeiten der Lampion-Umzug. Behutsam hielt ich mein Mond-Sterne-Lampion in die Höhe, war fasziniert vom flackernden Kerzenlicht. Ich erinnere mich an die Höhenfeuer, die von Weitem zu sehen waren, und die ein Gefühl von Nähe und Zusammenhalt vermittelten.

Vielleicht boomte in den letzten Jahren exakt deshalb das Angebot 'brunchen auf dem Bauernhof' dermassen. Viele sehnen sich nach mehr Zusammenhalt, nach Lebenssinn und -inhalt, nach Freundschaft und Verbindlichkeit.

Die Schweiz ist ein Flecken Erde, den wir bewohnen, bewirtschaften, zu dem wir Sorge tragen sollten. Wie auch zu seinen Bewohnern. Was brauchen wir als Individuum und als Gemeinschaft? Was macht ein stolzes, würdiges Volk aus?
Es sind dies Empathie, Zuwendung, Freundlichkeit, Offenheit, Gemeinsamkeit – vom 01. Januar bis zum 31. Dezember, und dies ist bestens möglich ohne Raketen und Böller.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

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