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Das Festessen

Nach einer guten Mahlzeit kann man allen verzeihen, selbst seinen eigenen Verwandten. Oscar Wilde

Dieses Zitat hat mich zum Schmunzeln gebracht und passt hervorragend in die Weihnachtszeit. Nie scheint das Essen wichtiger zu sein als jetzt; es wird geschlemmt, als gäbe es kein Morgen mehr - im Januar steht dann allerdings das Abspecken an erster Stelle. In den Geschäften quellen die Regale schier über. Pfirsiche, Kaviar, Erdbeeren, Lobster, Foi gras, Champagner, edle Weine... Kein Begehren bleibt unerfüllt.

Wenn ich mich unter Bekannten und Familie umhöre, komme ich nicht umhin festzustellen, dass es, was das Festessen anbelangt, zwei Typen gibt: die, die auf Tradition schwören und jene, die grundsätzlich immer etwas anderes servieren.

Nein, schreien die Traditionsbewussten, es muss stets dasselbe auf den Tisch - und zwar haargenau dasselbe, es werden keine Abweichungen bei der Vorspeise, den Gewürzen, der Brot- oder Käsesorte, den Saucen oder dem Salat toleriert. Einzig bei der Wahl des Weins ist Experimentierfreudigkeit meist erlaubt. Traditionalisten bestehen oft auch auf die immer gleiche Christbaumdekoration und, so ist mir zu Ohren gekommen, es gibt sogar Extremisten, die extra einen Weihnachtsanzug im Schrank haben.

Ein Albtraum für die Experimentierfreudigen, die als Credo auf ihr Banner schreiben: nie zweimal dasselbe! Gefüllte Gans oder Raclette, mal Fleisch, mal Fisch, mal Pasta – Hauptsache, keine Wiederholung. Den Weihnachtsbaum gibt es einmal 'Natur', dann in Gold, Pink oder mit rotwangigen Äpfeln behängt.

Das Problem – oder diplomatischer ausgedrückt: die Herausforderung – ist, dass die Gäste oft nicht kompatibel sind. So mag der eine stöhnen, weil es bei seinen Freunden jedes Jahr Fondue Chinoise gibt (allein der Geruch der Bouillon verursacht ihm Übelkeit) während der andere bereits zwei Wochen vor dem Fest Panikattacken hat, weil er nicht weiss, welche Überraschung die Mutter – die zwar eine wunderbare Mutter aber eine miserable Köchin ist – dieses Jahr servieren wird.

Ein feines Essen erfreut die meisten, das ist eine unangefochtene Tatsache. Was jedoch wirklich zählt, ist eine mit Liebe zubereitete Mahlzeit, zusammen mit Menschen an einem Tisch sitzen, die man mag, sich gut unterhalten, die Gesellschaft geniessen und die Freundschaft oder Liebe spüren, die uns verbindet.

Und sollte das Essen doch einmal ungeniessbar sein, was solls! In jeder Küche findet sich ein Stück Brot, ein wenig Käse, ein Apfel oder ein Mailänderli.

Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen. – Sir Winston Churchill
 

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Kommentare zu diesem Artikel

Lucia Wenger

Sie schreiben mir aus dem Herzen!
Brüte soeben über meinen Kochbüchern und weiss doch bereits jetzt, dass ich es sic her nicht allen recht machen kann.
Dabei ist es doch das Zusammensein das zählt.
Fröhliche Weihnachten!

roger

Super Zitat, bessere Blog, lass die Astrologie und Soduku, zum Teufel mit die schlimsten Nachrichten du jour, Frau Ledermann ist immer mein Hohepunkt des Tages.
Bravo und schöne Festtagen. Roger in Murten