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Das Vogeljunge

Wenn wir schon nicht die Welt retten können, wäre es nett, wenn uns die Rettung wenigstens bei einem Vogeljungen gelänge…

Morgens, noch bevor ich die Augen öffne, lausche ich den Geräuschen draussen. Sehr früh am Morgen ist nur ab und zu ein vorbeifahrendes Auto zu hören, vernehme ich hingegen Kinderstimmen und das Klappern von Absätzen weiss ich, dass der Tag schon weiter fortgeschritten ist. Ich mag die frühen Morgenstunden, wenn der Verkehr noch weitgehend ruht und allein das Singen der Vögel zu hören ist. Ganz in der Nähe meines Hauses ist eine Voliere, da trillern Wellensittiche und singen Kanarienvögel.

Kürzlich aber horchte ich vor allem auf das Rufen und Singen einer Amsel. Denn wir beherbergten eine junge Amsel auf unserem Balkon.

Das aufgeregte Rufen und Schimpfen hatte mich ans Fenster gelockt und ein Blick nach draussen zeigte mir eine Amsel, die mit allen Mitteln versuchte, eine Katze abzulenken. Sie flatterte wiederholt provozierend tief an ihr vorbei, hüpfte gar gefährlich nahe vor dem lauernden Raubtier auf und ab.

Als ich das Haus verliess, sah ich einen kleinen Vogel mitten auf der Strasse hocken. Das entgegenkommende Auto hielt ich an und verscheuchte die Katze, die sich bereits mordlustig näherte. Was tun? Unmöglich konnte ich den Kleinen seinem – todbringendem - Schicksal überlassen!

Ich trug ihn nach Hause und wir richteten unseren Balkon vogel-baby-gerecht her, so dass die Amsel - die wir als Hommage an den Abba Song, den wir kurz zuvor im Open Air Kino im Film Mamma mia! gehört hatten, Fernando tauften – einen trockenen Unterstand, ein paar Topfpflanzen (wegen der grünen Umgebung) und ein Nest hatte. Gespannt warteten wir, ob die Mutter ihr Junges finden und füttern würde. Amseln sind vorbildliche Mamas! Obwohl sie noch andere Kinder zu ernähren hatte, flog sie unzählige Male zum kleinen Nestflüchtling und versorgte ihn mit Würmern und allem, was ein Jungvogel sonst noch zu verspeisen pflegt.

Nach vier Tagen hegten wir die Hoffnung, Fernando würde den Neststurz überstehen. Er frass, hüpfte hin und her, piepste zuweilen und schaute uns aus dunklen Augen aufmerksam an, wenn wir mit ihm sprachen. Wir sorgten uns ein wenig, da er keine Gelegenheit hatte, Sozialkompetenzen zu entwickeln und wir überlegten, welche Auswirkungen dies auf sein Erwachsenenleben später wohl haben würde.

Dann kam die Nacht, die Regen brachte. Fernando hüpfte immer wieder aus seinem Häuschen und stand stoisch im Regen, bis wir ihn pitschnass auf dem Rücken liegend fanden. Wir trockneten sein Gefieder mit dem Haarföhn. Es war köstlich zu sehen, wie er sich dem Luftstrom entgegenreckte und diese Behandlung sichtlich genoss. Es war ihm förmlich anzusehen, dass er sich fühlte, als flöge er.
Vielleicht wurde dieser dritte Lebensrettungsakt zu seinem Verhängnis, da es in ihm die unsinnige Illusion erzeugte, er könne tatsächlich bereits fliegen.

Am nächsten Tag hüpfte oder flatterte er auf die Balkonbrüstung. Wahrscheinlich hob er ab, meinte, Himmel und Erde gehörten nun ihm.
Später fanden wir im Garten eine Handvoll flaumige Federn, die Katze beobachtete uns träge aus schmalen Augen.

Ich befürchte, die Mutter hatte das grausame Ende mitangesehen, denn sie rief nicht weiter nach ihrem Jungen und suchte es auch nicht.
Ab und zu beobachte ich, wie sie eilig Nahrung zu ihren anderen Zöglingen fliegt. Sie hat ein strenges Leben sie tut – wahrscheinlich klaglos - was zu tun ist.

Fernandos Ende stimmte mich traurig und nachdenklich.
Ich komme nicht umhin mir zu überlegen, dass unser Eingreifen in die Natur, ausser ein paar stressigen Tagen für die Vogelmutter, nichts gebracht hat. Wir mischen uns allzu oft und allzu schnell in die Abläufe der Natur ein. Wir düngen, jäten, manipulieren, überzüchten, verändern Landschaften, Wasserläufe, Gene, alles muss grösser, besser und wirtschaftlicher sein. Als wüssten wir es besser als die Natur!
Leben und Sterben. Das ist der Zyklus des Seins und unserem kleinen Fernando war schlicht kein längeres Leben vergönnt gewesen. Ich spekulierte über der Frage, ob unser Vogel je ein normales Vogelleben hätte führen können, ihm fehlten hierzu unzählige Lektionen, die er auf unserem Balkon nie hätte lernen können. Möglicherweise wäre er ein unglücklicher Einzelgänger geworden, hätte sich in seinem Amselvolk nie daheim gefühlt.
Wahrscheinlich hatte auch hier die Natur die richtigen Weichen gestellt.
Gleichwohl, ich würde es beim nächsten Mal nicht anders machen und wenn wir ihm auch nicht das Leben retten konnten, so hatte er doch zumindest kurz die Illusion des Fliegens erleben dürfen.

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