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Das Wetter findet statt

Gibt es ein dankbareres Thema als das Wetter? Jeder hat eine Meinung dazu, jeder kann mitreden – und mitlästern

Der letzte Samstag war regnerisch und kühl, als hätte von einem Tag auf den anderen der Herbst Einzug gehalten. Im Café erzählte eine Dame leicht gereizt ihrer Begleiterin, sie hoffe, der Hauswart werde dieses Jahr nicht wieder so lange damit zuwarten, die Heizung anzulassen. Später hörte ich, wie ein Triathlon-Zuschauer es laut bedauerte, dass es ausgerechnet – ausgerechnet! – heute regnen müsse und ob es denn nicht möglich gewesen wäre, dass der Regen noch einen Tag – nur einen Tag! – hätte warten können.

Ich erinnerte mich, wie es einigen Wochen zuvor war:
Morgens um sechs öffnete ich alle Fenster in der unsinnigen Hoffnung, in die Wohnung etwas kühlere, frische Luft zu bringen, doch bereits zu früher Stunde war es feucht und warm.

Auf dem Bahnhof fächelte ich mir mit einer Zeitschrift Luft zu. Ohne Erfolg, kühler wurde es nicht und das Herumfuchteln mit der Zeitschrift löste lediglich einen Schweissausbruch aus.
Im Zug setzte sich eine Frau schwer atmend neben mich: „Diese Hitze!“, ächzte sie an niemand gerichtet und tupfte sich den Schweiss von der Stirn.

Überall wurde über die hohen Temperaturen geklagt. „Mein Rasen!“, stöhnte ein Bürokollege und verdrehte verzweifelt die Augen, „braun, verbrannt, ruiniert. Und ich hatte ihn komplett neu ansäen lassen im Frühling.“ In der Mittagspause raufte sich die Frau, die mit ihrer Freundin am Nebentisch sass, entnervt die Haare: „Diese verdammte Feuchtigkeit macht mich wahnsinnig. Mein Haar kringelt und ich sehe aus wie ein Schaf!“, wetterte sie, ungehalten an ihren Locken zupfend. Am Abend schimpfte die Nachbarin, die Lehrerin ihres Buben hätte behauptet, aufgrund der grossen Trockenheit dürften keine Feuer mehr entfacht werden und die Kinder sollten statt einer Cervelat oder Bratwurst ein Sandwich mit auf die Schulreise nehmen.

Ich mochte das Jammern nicht mehr hören!
Es war heiss gewesen, zugegeben. Aber ich erinnere mich, dass zum Beispiel der Juni letztes Jahr kalt und nass gewesen und das Wetter damals auch das Thema war. „Mein Gartenfest habe ich bereits dreimal wegen des Dauerregens verschieben müssen!“, hatte Sandra beim wöchentlichen Freundinnentreff geseufzt und Marlène nickte verständnisvoll und meinte, ihr würden wohl bald Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen, was jedoch kein Problem sei, niemand würde es sehen, da Flip-Flops und Sandalen eh im Schrank blieben.“ „Weshalb zum Teufel“, hatte Carmen geknurrt, „habe ich mir bloss ein Cabrio zugelegt, ein Amphibienfahrzeug hätte mehr Sinn gemacht.“ Die Fahrräder der Kinder verrosteten im Unterstand, der Sandkasten beim Kindergarten hätte zum Aquarium umfunktioniert werden können, die Rosen meiner Cousine – ihr ganzer Stolz - verfaulten und mein Freund Paul hatte mit Garantie wiederholt sehnsüchtig zum Golfbag geguckt.

Wie gesagt, ich habe die Wetter-Schimpferei satt bis obenhin.
Natürlich wünsche auch ich mir für das Gartenfest einen lauen Sommerabend, grosse Hitze setzt mir zusehends zu, Dauerregen schlägt mir auf die Moral und im Winter freue ich mich, wenn Schnee liegt und ich langlaufen kann. Vom Wetter sind wir alle betroffen – aber nicht alle abhängig. Ich komme nicht umhin festzustellen, dass sich offenbar vor allem die Menschen übers Wetter beschweren, die – egal, ob es regnet, schneit, die Sonne scheint, es eisig kalt, feucht oder knochentrocken ist – witterungsunabhängig Ende Monat ihren Lohn überwiesen bekommen. Über die meteorologischen Gegebenheiten zu klagen, sollte sich nur erlauben, wer wirtschaftlich davon abhängig ist. Zum Beispiel Lisa, die junge Winzerin, die in diesem Frühjahr ihre Lese an den Frost verloren hat. Oder Martin, der nach langer Arbeitslosigkeit letztes Jahr den Schritt in die Selbständigkeit wagte und Schlafen im Stroh, ausreiten mit Eseln, Gold waschen und im Winter Langlauf- und Schneeschuhtouren anbot. Nach einem zu kalten Sommer und einem schneearmen Winter weiss er nicht, wie es weitergehen soll.

Auf dem Markt fragte ich diesen Sommer an einem schwülheissen Samstagmorgen Renate, die Bäuerin, bei der ich seit Jahren Gemüse, Früchte, Blumen, Pilze, und Kräuter einkaufe, was sie von diesen tropischen Temperaturen halte. Sie hat die Schultern gezuckt: „Es ist zu heiss und zu trocken. Aber was soll‘s, das Wetter können wir zum Glück nicht bestimmen. Es ist wie es ist und wir machen das Beste daraus.“ Diese Haltung sollten wir wirtschaftlich Wetterunabhängigen uns schnellstens zu Eigen machen, vor allem auch aus Respekt vor den Menschen, deren Existenz direkt von den Wetterkapriolen abhängt.

Kommentare zu diesem Artikel

Anne-Sophie

Jolies photos et belle histoire :)