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Die Sache mit der Baustelle

Eine Aussage, die sich hartnäckig hält, ist, dass Rentner keine Zeit hätten und zwar – unter anderem – weil sie begeisterte Baustellen-Besucher seien.

Diese Behauptung ist, so scheint mir, nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn ich beobachte immer wieder, dass ältere Männer interessiert in Baugruben schauen oder sich mit einem anderen älteren Herrn angeregt über Fortschritte oder Auswirkungen der Arbeiten unterhalten. Aber auch Eltern mit kleinen Buben stehen zuweilen recht lange um Baustellen herum. Kleine Buben sind begeistert von Baggern, Kränen, dicken Rohren und Betonmischern.

Der Anziehungskraft von Baustellen konnte ich bis anhin problemlos widerstehen.
Nun aber habe ich meine eigene Baustelle direkt vor dem Haus und ich komme nicht umhin, dass sie mich in mehr als nur einer Hinsicht beschäftigt. Zum einen finde ich es grundsätzlich beeindruckend, was die Arbeiter leisten. Sie sind den ganzen Tag über auf den Beinen, heben schwere Gewichte, trotzen Sonne, Regen, Hitze und Kälte. Sie arbeiten körperlich sehr, sehr hart (und daher kann ich nur befürworten, dass sie früher in Rente gehen). Zum anderen verursacht sie, die Baustelle, tagsüber Lärm und Staub, nachts ist es hingegen wunderbar ruhig, da es keinen Durchgangsverkehr gibt. Dieser zurzeit nicht mögliche Durchgangsverkehr ist selbstverständlich sehr deutlich signalisiert. Fährt man auf der Burgunderstrasse bis zum Kreisel und biegt dort Richtung Engelhardstrasse oder Wilerweg ab, weist ein Schild 'Sackgasse' darauf hin, dass es nach 50 Metern nicht mehr weitergeht. Zudem gibt es zwei grosse, orange Schilder mit der Aufschrift 'Umleitung' und, damit nun wirklich alles erklärt ist, ein Schild 'Achtung Bauarbeiten'.

Alles klar?
Nein, offenbar nicht. Denn ich beobachte häufig - in der Tat sogar sehr häufig - wie Autos schwungvoll Richtung Wilerweg abbiegen, stoppen, etwas vor oder zurück ruckeln, bevor sie dann mehr oder weniger elegant wenden und, eine riesige Staubwolke aufwirbelnd, davonbrausen, zurück auf den Kreisel.

Ich gebe es zu: anfangs verstand ich es nicht. Ein Strassenschild, das nach 50 Metern eine Sackgasse signalisiert, lässt schliesslich nicht viel Raum für Interpretationen. Was ist so schwer zu verstehen daran?
Ich überlegte, mich auf unserem Parkplatz häuslich zu installieren und von jedem Fahrer, der den Platz zum Wenden benutzt, einen 'Fünfliber' zu kassieren.

Was bewegt Menschen dazu, diese deutliche Signalisation anzuzweifeln? Liegt es, fragte ich mich, schlicht daran, dass der Mensch nicht glaubt, was er nicht glauben will? Ist er zu misstrauisch oder meint gar, man wolle ihm einen Bären aufbinden? Oder missachtet er aus Trotz Verkehrsschilder, Anweisungen, Verbote?

Ich kenne Kinder, die einen elektrisch geladenen Zaun anfassen, obwohl man sie vor dem Stromstoss warnt. Ich hörte von Teenagern, die an Geschirrspültabs leckten, obwohl auf der Packung steht, dass sie giftig sind. Ich las von Leuten, die von einer Brücke in den Fluss sprangen, um sich persönlich zu überzeugen, dass das Warnschild recht hat und sich die Tiefe des Wassers nicht für einen Kopfsprung eignet. Sicher gibt es auch Menschen, die im Flugzeug versuchen, Tür oder Fenster während des Flugs zu öffnen und sicher hat es auch diese Gattung Mensch, die sich trotz Verboten bei der Tankstelle eine Zigarette anzünden.

Warum tun wir uns manchmal so schwer damit, zu glauben, was wir sehen oder lesen? Und wo verläuft die Grenze zwischen unüberlegter, blinder Akzeptanz von Ge- oder Verboten und sturer Verweigerung derselben?
Im Grunde genommen ist es ja  richtig und wichtig, hinterfragen wir Entscheide, Gebote, Verbote und nehmen sie nicht alle 'tel quel' als notwendig oder sinnvoll hin.
Aber bezüglich einer Baustelle vertraue ich darauf (und ich wünsche mir, dass ich das auch darf), dass der Signalisation bedingungslos geglaubt werden darf (im Gegensatz etwa zu einer Geschwindigkeitsaufhebung von 60 km/h, knappe 100 Meter vor einer Haarnadelkurve. Da ist mitdenken Pflicht, finde ich).

So lautet meine Antwort auf die Frage, warum so viele Autofahrer, den Schildern zum Trotz, in den Wilerweg einbiegen, dass es sich mit ziemlicher Sicherheit einfach um selbständig denkende (und handelnde) Bürger handelt – was allemal wünschenswert ist!

Gleichwohl bedaure ich, nicht von jedem dieser Fahrer ein Fünf-Frankenstück bekommen zu haben, dann nämlich wäre ich mittlerweile eine reiche Frau.

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