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Die Unsichtbaren

Die Trendfarben für den Winter 2020/2021 sind Orange, Rot und Blau – das zumindest habe ich gelesen

Tragen darf man nach wie vor den kräftigen Senfton, der letzten Winter total trendy war. Wie gesagt, das ist, was ich gelesen habe, gesehen davon habe ich bisher allerdings wenig.
Wenigstens was die äussere Schicht – sprich Jacken, Vesten, Mäntel – anbelangt, hält man(n), frau und selbst kind sich lieber an Schwarz, Dunkelblau, -grau, -braun.
Leider.
Denn was uns die Winterzeit – nebst Kälte, Nebel, Graupel – beschert, sind kurze Tage und lange, dunkle Nächte. Und wie ein Sprichwort so schön zu sagen weiss: nachts sind alle Katzen grau. Und auch alle Menschen. Vielen ist es möglicherweise nicht bewusst, wie schlecht sie in der Dunkelheit zu sehen sind, anderen ist es schlicht einerlei und dann gibt es noch eine dritte Gattung. Die dritte Gattung weiss zwar um ihre miserable Sichtbarkeit, vertritt jedoch die Meinung, als Fussgänger und/oder Velofahrer gegenüber dem Motorisierten im Recht zu sein. Das mag – rechtlich gesehen – auch zutreffend sein, aber seien wir ehrlich, was hat man davon Recht zu haben, wenn man mit gebrochenen Gliedern schmerzgepeinigt in einem Spitalbett liegt?

Wenn sich zu der Dunkelheit noch Regen oder Nebel gesellt, ist der Dunkelgekleidete nur noch als Schemen auszumachen – und das oft erst im allerletzten Augenblick.
Kürzlich war ich frühmorgens unterwegs, als ein Radfahrer - ohne abzubremsen und einen prüfenden Blick auf die Hauptstrasse - aus einer Seitengasse in die Hauptstrasse hineingesaust.
Ob er ein Handzeichen gegeben hat, weiss ich nicht, denn ich hatte ihn schlicht nicht gesehen! Er hatte weder Licht am Rad noch Reflektoren an seiner Kleidung und auch der Helm fehlte. Zum Glück konnte ich rechtzeitig bremsen, mein Herz schlug mir bis zum Hals, ich war heilfroh, einen Zusammenstoss vermieden zu haben. Das Einzige, was ich dann kurz als heller, winzig kleiner Fleck erkennen konnte, war der Stinkefinger, den mir der davonbrausende Radfahrer zeigte.

Zwei Tage später, es regnete Bindfäden, überquerte eine alte Dame die Strasse. Sie blickte weder nach rechts noch links, ein Zebrastreifen war weit und breit nicht in Sicht. Sie war dunkel gekleidet, den Schirm hielt sie sich wie ein Schild vor den Kopf, den anderen Arm streckte sie weit nach vorne, wohl um zu signalisieren, dass sie über die Strasse will. Wiederum verlangte ich den Bremsen meines Autos einiges ab, die alte Dame war sich wohl keinen Moment lang bewusst, in welche Gefahr sie sich befunden hatte.

Ich wünschte mir wirklich, die Leute würden mehr Mut (und Lust) haben, sich farbig zu kleiden und so auch nicht länger mit der Dunkelheit verschmelzen. Ein beleuchtetes Rad ist ein Muss und reflektierende Kleidung erhöhte die Sicherheit massiv.

Ich meine mich zu erinnern, dass in den vergangenen Jahren mittels Plakate aktiv auf das 'sich sichtbar machen' aufmerksam gemacht wurde. Wann, so frage ich mich, habe ich zum letzten Mal ein solches Plakat gesehen? Werden die überhaupt noch angebracht oder mussten auch die den Corona-Warntafeln weichen?

Ich weiss es nicht. Aber nachdenklich stimmte mich dann folgende Begegnung. Auf einer schlecht beleuchteten Landstrasse überholte ich in der Dämmerung zwei nebeneinanderfahrende Radler.
Kein Licht, keine Reflektoren, nichts als zwei dunkle Schatten in der einbrechenden Nacht. Ich umfuhr sie grosszügig und der Zufall wollte es, dass sich unsere Wege ein paar Kilometer
weiter erneut kreuzten, als ich aus dem Supermarkt kam und die Radfahrer auf den Parkplatz einbogen und ihre Räder parkierten. Ich sprach sie auf ihre schlechte Sichtbarkeit an und dass Licht an Rad etc. für mehr Sicherheit – vor allem für ihre eigene Sicherheit – sorgen würde. Die Frau schüttelte missmutig den Kopf, der Mann nestelte eine Maske aus seiner Jackentasche und fauchte mich an: "Mir fahre so, wies üs passt und überhoupt, dir tätet besser ä Maske aalege." Ich stand etwa drei Meter von dem beiden entfernt und nun schaute ich ihnen ziemlich fassungslos hinterher, als sie sich schimpfend von Dannen zogen. Sich zu schützen ist wichtig aber offenbar haben einige vergessen, dass es noch andere Gefahren gibt als Corona und eine Maske bewahrt uns sicher nicht vor dem Überfahren werden.

Deshalb plädiere ich für Farben und Licht, ein Lächeln und etwas Freundlichkeit. Das brauchen wir jetzt alle, egal, ob als Fussgänger, Radfahrer oder Motorisierter.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

 

Kommentare zu diesem Artikel

Elena

Liebe Karin Ledermann
Passiert mir auch immer wieder. Ich nerve mich über die Fussgänger, die im Dunkeln kaum auszumachen sind und ertappe mich dann dabei, dass ich selber auch so dunkel angezogen herumlaufe.
Aber Ihr Blog hat mir gefallen und vielleicht motiviert er nicht nur mich, etwas aufmerksamer zu sein. Mein Velolicht ist auf jeden Fall wieder am Rad montiert :-)