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Erntezeit

Herbst. Zeit der Ernte, der Weinlese, Zeit, den Holz- – oder zeitgemässer Oelbestand – zu prüfen, Vorräte anzulegen.

Herbst, Zeit, das warme Bettzeug und die Winterkleider auszulüften, sich mit Kerzen, Büchern und Spielen für die kommenden kalten Winterabende einzudecken.
Ich mag den Herbst, die abgeernteten Felder, die bunten Wälder, die am Strassenrand feilgebotenen Kürbisse, ich mag Sauser, die ersten Mandarinen oder die ersten Grittibänzen. Ich mag die langen Schatten und die klaren Nächte.

Kürzlich besuchte ich eine Bekannte, die mir im Keller stolz ihre gut gefüllten Regale zeigte. Da standen in Reih und Glied Gläser mit selbst gekochter Marmelade und eingelegtem Gemüse und Früchten, Flaschen mit Sirup, gedörrte Bohnen und Tomaten und in der Kühltruhe, deren Inhalt sie mir auch vorführen musste, stapelten sich Beutel mit blanchiertem Gemüse, Beeren und abgepackten Fleischstücken. Natürlich verfügte besagte Bekannte auch über einen stattlichen Vorrat an Mehl, Oel, Mineralwasser Teigwaren und vielem mehr.

Auf dem Nachhauseweg fuhr ich an einem Supermarkt und an einem Hofladen vorbei, überlegte, ob ich einen Grosseinkauf machen und ebenfalls Vorräte anlegen solle. Doch ich kenne mich gut genug um zu wissen, dass ich bei der Verwaltung meiner Vorräte schnell den Überblick verliere. Was in meinem Tiefkühlfach landet, geht leider oft vergessen, und ich muss - nachdem ich eine dicke Eisschicht abgekratzt habe – feststellen, dass der einjährige Geburtstag des Verfalldatums bereits vor Monaten hätte gefeiert werden können. So fuhr ich am Hofladen und dem Supermarkt vorbei und verschob den Plan ‘Vorräte anzulegen’ auf später.

Denn ich muss zugeben, das Anlegen von Reserven hatte ich zuweilen ein bisschen belächelt. In der heutigen Zeit ist das Einkaufen während sieben Tagen rund um die Uhr möglich. Wer will da noch im Voraus hamstern?

Doch dann schenkte mir jemand ein total spannendes, schockierendes und aufrüttelndes Buch. Erzählt wird die Geschichte eines europaweiten, totalen Stromausfalls. Man stelle sich vor: Kein fliessendes Wasser, keine funktionierenden Fahrstühle oder automatischen Türen oder Waagen oder Kassen oder Tiefkühltruhen, weder Licht noch Heizung, keine Züge, kein Auftanken des Autos, kein Internet, keine Melkmaschinen, kein Warentransport ... Chaos total. Irgendwann legte ich das Buch beiseite und inspizierte meine Küchenschränke. Überleben würde ich nicht lange mit meinen mageren Reserven.

Im Tierreich, so überlegte ich, legen einige Tiere, zum Beispiel Eichhörnchen, Blauhäher oder Bienen instinktiv Vorräte an, um der Knappheit an Nahrungsmitteln im Winter zu entgehen, bis die Natur ihnen im nächsten Frühjahr und Sommer wieder genügend Futter bietet. Auch der Bauer legt Vorräte an, wenn nicht für sich, so sicher für seine Tiere. Dem sogenannt 'modernen Menschen' ist dieser Instinkt leider ziemlich verloren gegangen. Aber mir ist nun wirklich klar geworden, dass ich mich gelegentlich um Vorräte kümmern sollte. Gelegentlich? Dieser Zeitpunkt wird nie kommen. Es muss heissen: Jetzt.

Im Internet finde ich viele Tipps und Listen zu Notrucksack, Notvorrat, Wasseraufbereitung, Haltbarkeit und vieles mehr, Ausreden gibt es also keine mehr.

Zudem bietet sich der Herbst als Jahreszeit geradezu ideal dazu an, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Zeit der Ernte, Zeit, sich auf den Winter vorzubereiten. Natürlich hoffe ich, nie auf diese Reserven angewiesen zu sein – aber nun kann ich, sollte es einmal drei Tage hintereinander regnen (was mittlerweile ein wahrer Segen wäre) getrost daheimbleiben, in meinem Schrank hat es nun jede Menge Getreide, Dinkel, Kressesamen, Dörrfrüchte,, Wein und Trockenmilch.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

Kommentare zu diesem Artikel

Werner Schaad

Ein gut gewähltes Thema. Früher war es selbstverständlich, Vorräte zu haben und heute wäre es sinnvoll und würde von Verantwortungsbewusstsein zeugen.
Vielleicht bringen Ihre Zeilen den einen oder anderen zum Handeln!