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Ferienfeeling

In diesem Sommer bin ich oft am frühen Abend nach der Arbeit am See, denn was gibt es bei diesen Sommertemperaturen Schöneres, als ein Abendbad! - ausser vielleicht ein Bad am frühen Morgen.

Es ist Ferienzeit, fahre ich morgens zur Arbeit, habe ich die Strasse für mich alleine und zuweilen muss ich der Versuchung widerstehen, in eleganten, grosszügigen Schwüngen die ganze Breite der Strasse zu nutzen, die ich nur allzu bald wieder mit vielen anderen werde teilen müssen. In der Stadt tummeln sich Touristen, man hört holländisch, italienisch, englisch, chinesisch – würde ich mich nur auf mein Gehör konzentrieren, hätte ich den Eindruck, in einem anderen Land zu sein.

Am Seeufer ist es an diesem Abend ruhig und beschaulich. Ich schwimme und geniesse anschliessend auf dem Rasen die Abendsonne. Mein Natel piepst mehrmals und signalisiert, dass mich eine Freundin erneut mit einer Flut von Ferienfotos beglückt. Sie ist mit Mann und Tochter auf einer griechischen Insel in Urlaub. „Stell dir vor“, hatte sie bereits vor Wochen geschwärmt, „weisser Sandstrand, das Meer türkisblau, Sonne von früh bis spät, ein tolles Hotel, kurzum: das Paradies. Und für die Kleine gibt es einen kids-Club und meine Mann kann schnorcheln oder surfen und mittags und abends gibt’s ein Buffet und die Getränke sind alle frei.“

Am Tag des Abflugs hatte sie mich angerufen, geklagt, die Anreise zum Flughafen sei mühsam, Stau, heiss, die Parkhäuser nahezu ausgebucht.
Nun überschwemmt sie mich mit Bildern: Am Strand reiht sich Liege an Liege, der Pool ist rammelvoll, das Buffet so reich beladen, dass man bereits vom Hinsehen satt wird. Im weiss getünchten Dörfchen ist ein Souvenirladen an den nächsten geklatscht, die engen Gässchen sind von sonnenverbrannten Touristen verstopft. Kein schöner Anblick und den dazugehörigen Lärmpegel kann ich mir gut vorstellen, ebenso den Geruch. Ich klicke durch die neuste Bilderflut (Kind geschminkt als Piratin im kids-Club, meine Freundin inmitten ihrer Aquafit-Gruppe, lächelnd posierend vor dem Pool, ihr Mann mit Flossen und Schnorchel, Freundin mit Mann farbige Drinks schlürfend, Sonnenuntergang in sechsfacher Ausführung) und stelle dann das Handy auf lautlos.

Ich blicke über den See, ein paar Segel- und Motorboote dümpeln auf dem Wasser, Stand-up-Paddler paddeln am Ufer entlang, Sonnenstrahlen tanzen auf den Wellen. Hinter mir auf dem Rasen spielt ein Vater mit seinen beiden Jungs Fussball, eine ältere Frau sitzt auf einer Bank und flicht einem kleinen Mädchen das blonde Haar zu Zöpfen. Auf einer Decke im Schatten geniessen vier junge Männer ein Fondue. Sie scheinen eine Menge Spass zu haben. Ein junges Paar sitzt sehr nahe beieinander, wenn sie sich nicht küssen, zupft er auf seiner Ukulele ein paar Akkorde und sie lehnt den Kopf an seine Schulter.

Auf dem Heimweg kreuze ich eine Gruppe Chinesen. Sie fotografieren alles und jedes, geben gestikulierend Anweisungen, wie sich die zu fotografierende Person optimal in Szene setzen soll, ohne die Sicht auf See, Stadtmauer oder Denkmal zu ruinieren. Ich frage mich, ob sie überhaupt wahrnehmen, was sie ablichten oder ob das Ziel des Reisens darin besteht, daheim Familie und Freunde mit Bild und Film zu beeindrucken und vielleicht auch erst dann – im Nachhinein auf Bild oder Film - die Schönheit eines Berges, der Zauber einer Laube oder einer Brücke wahrzunehmen.

Ich gebe es zu, als meine Freundin vor zwei Monaten von ihren Ferien schwärmte, war ich ein klein bisschen neidisch. Ich hatte mir das ägäisblaue Meer vorgestellt, die weissgetünchten Häuser, die Bars in den kleinen Fischerhäfen, den bunten Wochenmarkt und den unberührten Sandstrand. Doch meine Bilder im Kopf haben nichts zu tun mit den Fotos, die meine Freundin mir schickt. Eigentlich, überlege ich, habe ich hier alles, was zu einer schönen Ferienumgebung gehört: Wasser (egal ob Meer, See oder Fluss, wesentlich ist, dass ich an seinem Ufer Ruhe finde und mich die Temperaturen zum Bad einladen), Hügel und Berge, eine gute Auswahl an Bars und Restaurants (und von denen, das kann ich Ihnen versichern, hat es in Murten eine ganze Menge), nette Menschen, hübsche Geschäfte, Märkte und kulturelle Angebote - und das alles direkt vor meiner Haustür.

Als ich im schwindenden Licht des Tages gemächlich nach Hause spaziere, komme ich am hellerleuchteten OpenAir-Kino beim Berntor vorbei. Einen Augenblick bleibe ich stehen, schaue dem bunten Treiben zu. Ich gehe weiter durch die Hauptgasse, eine Beiz reiht sich an die andere, ich höre Satzfetzen, helle und dunkle Stimmen, Lachen und von irgendwoher Musik und ich komme nicht umhin festzustellen, dass ich in der absolut privilegierten Situation bin, dort wohnen zu können, wo andere Ferien machen.

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