0

Generation Flohmarkt

Endlich ist die Saison der Brocantes, Flohmärkten, vide-greniers wieder angebrochen. Ich liebe es, von Stand zu Stand zu gehen, ‚Trouvaillen‘ zu entdecken, und ab und zu etwas nach Hause zu tragen.

Im letzten Jahr erstand ich auf dem Kunsthandwerk Brocante in Murten eine Underwood Schreibmaschine und auch heute noch erfreut mich ihr Anblick jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe. Manchmal hinterlasse ich eine kurze Nachricht für meinen Liebsten, zuweilen schlage ich lediglich eine Taste an, einfach weil es Spass macht zuzusehen und zu hören, wie sie emporschnellt und dann wieder an ihren Platz zurückfällt.

Als mich eine Kollegin kürzlich mit ihrer fünfjährigen Tochter besuchte, war die Kleine von der Schreibmaschine fasziniert. Nachdem sie sie von allen Seiten bestaunt, die Walze hin und her gefahren, mit dem Finger über die Tasten gestrichen und die Hebel angehoben hatte, fragte sie, ob sie ihren Namen schreiben dürfe. Beinahe ehrfürchtig schlug sie die Tasten an und lachte hell auf, als die Typenhebel nach oben sprangen. Nachdem das Interesse an der Schreibmaschine erloschen war, spielte sie auf Mamas Handy.
„Hast du mal mit deiner Tochter einen Flohmarkt besucht?“, fragte ich meine Kollegin, die den Kopf schüttelte und meinte, sie wüsste mit diesem alten Plunder nichts anzufangen.

Später überlegte ich mir, welcher Generation dieses kleine Mädchen zuzuordnen war. Die Generation Z, kurz Gen Z, ist Teil der Digital Natives, das heisst, sie ist von klein an vertraut im Gebrauch von World Wide Web, SMS, MP3-Player, Smartphone, Touchscreen. Gen Z ist zwischen 1995 und 2010, je nach Auslegung 2015, geboren. Der Umgang mit Computer, Instagram, Snapchat, Gamekonsolen, Installieren von Apps, downloaden von Programmen war mir, als Angehörige der Baby-Boomer-Generation, nicht in die Wiege gelegt worden. Dafür weiss ich, wozu Amboss, Lötkolben, Dampflok, Brätzeli-Eisen, Waschbrett oder Lockenwickler gut sind. Wenn ich eine Sense, eine Draisine oder eine Drehorgel sehe, muss ich mich nicht fragen, wozu man diese Gegenstände gebraucht hat.

Spannend ist, dass auch unsere Sprache durch unser Tun, unser Handwerk geprägt ist und ich frage mich, wie ein Gen Z- oder ein Gen Alpha-Kind, Aussagen wie „man soll das Eisen schmieden, solange es heiss ist“, „...Dampf ablassen“, oder „wer zuerst kommt mahlt zuerst“ interpretieren soll. Vielleicht verschwinden diese Ausdrücke aus unserer Sprache wie Waschbrett oder Handmühle aus unserem Haushalt verschwunden sind und werden durch andere ersetzt. Ich stelle mir vor, dass für meinen Vater, sollte er plötzlich von den Toten auferstehen, Sätze wie „ich google das mal“ oder „ich gebs in meine cloud“ absolut keinen Sinn ergäben.

Unsere Sprache passt sich unserem Leben an, sie ist lebendig – wenn auch träger als der technische Fortschritt.

Ich nehme mir vor, mit der Tochter meiner Kollegin einen Antiquitätenmarkt zu besuchen um ihr Dinge, die für die Baby-Boomer- oder Veteranen-Generation alltäglich waren, näher zu bringen. Zudem ist das Stöbern an Markttischen, der Austausch mit Händlern, kurzum, das ganze bunte Treiben, sicher mindestens so vergnüglich, wie ein Nachmittag mit Pokémon go, Sims, Little big planet und Kompanie.

Im Gegenzug bin ich – um up to date zu bleiben – gerne bereit, mich von ihr in naher Zukunft im technischen - und vielleicht auch sprachlichen – Bereich supporten zu lassen.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

Kommentare zu diesem Artikel