1

Gockel oder Smartphone?

Der Wecker. Natur kontra Technik ...

Diesen Sommer verbrachte ich ein paar Ferientage am Thunersee (ja, es gibt auch noch andere schöne Seen ausser dem Murtensee!).
Ich genoss es, konnte ich hoch über dem See das Fenster nachts weit offen lassen, denn ausser dem Zirpen der Grillen war nichts zu hören. Kein Aufheulen von Motoren, keine weinselig singenden Spät-, respektive Frühheimkehrer, kein Zuschlagen von Autotüren, keine Musik, die ohrenbetäubend laut aus einem vorbeibretternden Auto meinen Schlaf stört.

Himmlische Stille, welch ein Segen!
Bis mich um fünf Uhr das Krähen eines Hahns aus dem Schlaf riss. Wissen Sie, wie laut ein Hahn kräht?
Sein Weckruf, vermutete ich, ist allmorgendlich von Thun bis Interlaken zu hören.
Es war zudem ein sehr ausdauernder Hahn.
Ich resignierte, stand auf und schloss das Fenster.

Es gibt Nachbarn, die sind durch das Krähen eines Güggels zu Feinden geworden und vor Gericht marschiert, und lebte und krähte ein Güggel in meiner unmittelbaren Nähe, fühlte ich mich wohl auch in meiner Ruhe gestört.
'Mein' Hahn am Thunersee lebte recht weit von meinem Dorf entfernt, aber seine Stimme trug kilometerweit! Ich sprach den einen oder anderen Bewohner auf das Hahnengeschrei an, erntete als Antwort Lachen, Kopfschütteln und Schulterzucken. Der Hahn störte keinen - um den Thunersee herum leben offenbar tolerante Menschen.

Die Frage, warum ein Hahn so 'matinal' konzipiert ist, blieb unbeantwortet, bis mein Smartphone den Dienst versagte.
Was es natürlich an einem Samstagabend tat. Ich blieb gelassen. Ich definiere mich nicht über mein Smartphone, ich muss nicht immer erreichbar sein, ich habe ein handy-unabhängiges Leben. Kein Problem und überhaupt hatte ich mir vorgenommen, mir mehr smartphone-freie Zeit zu nehmen.

Bis am Sonntagabend ging es mir gut, keine Entzugserscheinungen, keine Anzeichen einer Depression.
Aber dann fiel mir siedend heiss ein, dass ich ohne Handy keinen Wecker hatte! Wie, verflixt noch eins, sollte ich um viertel nach fünf aufwachen, wenn mein Phone mich nicht aus dem Schlaf holte?
Als einzige Lösung blieb, mich auf meine innere Uhr zu verlassen, oder am Thunersee zu übernachten und mich vom Güggel wecken zu lassen, den ich plötzlich sehr vermisste.

Wie clever hat die Natur auch das eingerichtet!
Lange, bevor es Uhr, Telefon oder Wecker gab, hat sich etwas, was Grösser und Klüger ist als wir, den Hahn ausgedacht.
Damit er uns bei Tagesbeginn weckt, im Sommer etwas früher als im Winter.

Ich verliess mich also auf meine innere Uhr, die nicht versagte (ob ich ein klein wenig von einem Güggel in mir habe?) und kaufte am nächsten Tag (nach kurzem Zögern, Handy oder Hahn?), ein neues Smartphone.
Für meinen Entscheid sind mir die Nachbarn sicher dankbar...

Hahn oder Smartphone – die Frage stelle ich mir nach wie vor, beide haben Vor- und Nachteile. Toleranz ist gefragt.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

Kommentare zu diesem Artikel

Linda-Sue

ha,ha, ich musste lachen, als ich den artikel las, da mir vor kurzem dasselbe passiert ist. tja, ohne handy sind wir echt aufgeschmissen ;-(
mir gefallen ihre texte - ich bin immer gespannt drauf.
Lg, linda