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Kaffeegenuss

Wir essen und trinken wo immer wir sind, im Zug, auf der Strasse, gehend und autofahrend. Alles muss schnell gehen. Tempo, Tempo ... Und so hat sich natürlich auch die Kultur des Kaffee- (oder Tee-) trinkens in den letzten Jahren gewandet.

Als ich ein Kind war, bekam ich ein Kaffeeservice für meine Puppen geschenkt. Weisses Porzellan, bemalt mit rosa Rosen und Goldrand um Teller und Tassen. Ich nehme an, ich servierte meinen Puppen und Plüschtieren den Kaffee auf dieselbe Weise, wie meine Mutter ihren. Auf einem Tellerchen arrangierte ich ein paar Biskuits, Taschentücher – damals noch aus Stoff! – dienten als Servietten, Wasser oder Sirup als Tee- oder Kaffee-Ersatz. Meine Gäste, die Puppen, sassen manierlich in Reih und Glied aufgereiht am Boden und ich spielte Gastgeberin.

Kürzlich habe ich mich wieder an diese Kaffeekränzchen erinnert und ich habe mir überlegt, wie sich die Kultur des Kaffee- (oder Tee-) Trinkens seither entwickelt hat.
Ich mag die Zeremonie des Teeaufgiessens, auch wenn ich eher eine Kaffeetrinkerin bin. Aber auch beim Servieren des Kaffees gibt es grosse Unterschiede. So wurde er mir kürzlich auf einem silbernen Tablett serviert, die schwarze Tasse stand auf einem kleinen Tellerchen, das Tellerchen auf einem grossen Teller. Auf dem Tablett war weiter ein Krüglein Milch, weisser und brauner Zucker, künstlicher Süssstoff und zwei Pralinen hübsch arrangiert. Ich mag es, wenn etwas nett präsentiert wird – selbst wenn es bloss eine Tasse Kaffee ist.

Natürlich kann man entgegenhalten, dass dieser verschwenderische Gebrauch von Geschirr unnütz sei und auch nicht eben umweltfreundlich und die Frage, ob es zum Kaffeetrinken wirklich eine Serviette braucht, ist auch nicht unberechtigt.

Es geht, so mag man sagen, doch auch einfacher! Zum Beispiel in einem Schnellimbiss.
Genau in einem solchen ‘Restaurant’ habe ich kürzlich einen Kaffee trinken wollen. Ich war in Eile und dachte mir, dass ich auf diese Weise am schnellsten zu meiner Dosis Koffein käme.

Es war frühmorgens, das Restaurant praktisch leer. Beim Eingang stand ein grosser Automat, mit welchem ich meine Bestellung aufgeben konnte. Nach etwa zwanzig Klicks hatte ich meinen Kaffee Macchiato, mittelgross, bestellt und musste nun bloss noch entscheiden, ob ich mit Karte oder bar bezahlen wolle. Ich vermeide es wenn immer möglich, für Beträge unter zehn Franken eine Kreditkarte zu benützen und entschied mich also für die Barzahlung. Nach drei oder vier weiteren Klicks wurde mir eine etwa zehn Zentimeter lange Quittung ausgedruckt, die mich als Kunde Nr. 33 auswies. Nach vier, fünf Minuten wurde die Nummer 33 ausgerufen, ich wurde an die Kasse gebeten und durfte meinen Kaffee bezahlen. Im Gegenzug bekam ich eine neue Quittung, die mich wiederum als Kunde Nr. 33 auswies und bestätigte, dass ich meinen Kaffee bezahlt hatte. Zum Glück hatte ich mich beim Eingeben der Bestellung vertan und den Kaffee ‘Coffee-to-go’ angewählt. Denn es dauerte nochmals drei, vier Minuten, bis mir der Kaffee in einem Styroporbecher überreicht wurde. Längst war klar, dass ich das Getränk entweder siedend heiss hinunterkippen oder eben unterwegs trinken musste, um meinen Termin einhalten zu können.

Als ich mit dem Becher davonhastete, überlegte ich mir, dass ich, wäre ich in das kleine Café um die Ecke gegangen, meinen Kaffee in einer Tasse serviert bekommen und ihn gemütlich auf einem Stuhl sitzend und vielleicht sogar Zeitung lesend hätte geniessen können.
Zudem hätte es die Umwelt (und meine Nerven) trotz der Tasse, die gespült sein wollte, weniger belastet als die Menge Papier und Styropor.

Kaffeetrinken sollte Genuss sein und kein Stress!
In Zukunft werde ich mir die Zeit nehmen, die es braucht, um ihn sitzend und in Ruhe zu trinken – oder darauf verzichten. An diesen guten Vorsatz werde sich mich halten - zumindest solange, bis ich wieder einmal ganz dringend auf eine Dosis Koffein angewiesen bin...

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Kommentare zu diesem Artikel

Luciano

Ich bin mit Ihnen einer Meinung: Kaffee sollte man geniessen wie man überhaupt das Tempo mehr drosseln sollte. Immer Hü und hopp. Es sollte auch anders gehen.
Danke und weiter so - lese ihre Beiträge immer gerne.
Luciano