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Kleider machen Leute

Kleider machen Leute. Aber zum Glück noch keine Menschen (Ernst Ferstl)

Wenn ich daheim von meinem Arbeitsplatz aus dem Fenster schaue - was ab und zu passiert, da ich auf der Suche nach einem Wort oder einer Idee bin und meine Gedanken in die Ferne schweifen - sehe ich zum Altkleider-Container, der etwa 150 Meter entfernt ist. Erstaunlich, denke ich zuweilen, welch emsiges Treiben da herrscht. Autos fahren vor und aus Kofferräumen werden prallgefüllte Säcke herausgezerrt und in die Schublade des Containers geschoben. Was – so frage ich mich - haben die Leute bloss alles wegzugeben?

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Bäume und Sträucher, sehe Richtung Bodenmünzi, Felder und Matten, auf welchen Pferde weiden. Die Felder sind abgeerntet, braune Erde, die Pferde grasen die letzten grünen Halme ab, das Laub der Bäume und Sträucher ist goldgelb, rot, orange, hoch oben in den Ästen zwitschern aufgeregt und in Reisestimmung die Zugvögel, die ersten sind bereits vor langem aufgebrochen, die letzten werden ihre lange Reise erst jetzt antreten. Ich hörte ihnen viel und gerne zu in den letzten Wochen, fragte mich, was sie zu erzählen haben und später schloss ich das Fenster, da sich die herbstliche Kühle hineinschlich.

Es war Zeit, Sommerkleider, Shorts und Sandaletten zu versorgen, ich stand vor dem Kleiderschrank und ertappte mich bei der unsinnigen Frage: Was hatte ich bloss im letzten Herbst und Winter getragen?
Tatsache ist, dass ich sicher nicht nackt herumgelaufen war, nun aber sah ich nichts, was mir gefiel. Ich schaute in den Schuhschrank, fragte mich, wie ich durch den letzten Winter gegangen war – sicher nicht barfuss!
Unlustig hängte ich ein paar Blusen und Pullis auf Bügel, damit sie sich entknitterten, ich kramte Hosen und Jacken hervor und staubte Schuhe ab.

Ich erinnerte mich, dass ich als Kind manchmal Grossmutters Schrank durchwühlt, ihre gehäkelten Handschuhe oder ihre Spitzenbluse angezogen, mir Grossvaters Hut aufgesetzt und seine getupfte Fliege umgebunden hatte. Das eine oder andere Stück war dann in meinem Schrank gelandet und es war mir egal gewesen, ob es der Mode entsprochen hatte oder nicht, es genügte, dass es mir gefallen hatte.

Eigentlich, so sinnierte ich, gab es genügend Regeln und Vorschriften, die ich zu respektieren hatte, ohne dass ich mich – freiwillig zudem! – auch noch dem Modediktat unterwerfen musste. Vielleicht hatte das Rot meines Pullis nicht den richtigen Trend-Rot-Ton, vielleicht war die Hose ein wenig zu weit oder zu schmal geschnitten. Musste mich das interessieren, war es wichtig, ob Karo- oder Blümchenmuster diesen Winter 'en vogue' waren, wenn sie mir persönlich gefielen.
Hinzu kommt, dass unsere Kleidung zu einem grossen Teil in Billiglohnländern von Frauen und Kindern unter teilweise desolaten Bedingungen gefärbt und genäht wird. Diesem Missbrauch wollte und will ich keinem Vorschub leisten, was ich aber aufgrund meines Budgets müsste, wollte ich mich zweimal jährlich neu einkleiden. Da macht es weit mehr Sinn, seine Kleidungsstücke mit Bedacht zu wählen und teurer aber nachhaltiger und fairer einzukaufen.

Mit neuen - respektive neugierigen Augen - überprüfte ich nochmals den Inhalt meines Schranks und kam zum Schluss, dass das meiste tragbar war und mir gefiel.
Statt dass ich mir nun eine neue Garderobe zugelegt hatte, die im nächsten Herbst eh wieder ‘démodé’ und deren Anschaffung zeit- und geldaufwändig gewesen wäre, benutzte ich Zeit und Geld, um mich mit Winterlektüre einzudecken, meine beste Freundin zum Essen und meinen Liebsten zu einem Verwöhn-Wochenende einzuladen und ich spendete hie und da einen Batzen, der hoffentlich irgendwo irgendwem etwas Gutes tut.

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