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Landressourcen und die Idee mit den Baummietern

Wie erfreulich, werden die Tage wieder länger und man nicht länger in Dunkelheit gehüllt ist, wenn man sich von A nach B bewegt. Das milde Frühlingswetter lädt zudem zu Spaziergängen und zum Velofahren ein und so streife ich derweil wann immer möglich umher.

Die Saat, die in den dunklen Wintermonaten unter der harten Erde unbemerkt aufgegangen ist, drängt nun ans Licht und Felder und Wiesen werden grün. An den Bäumen bilden sich zartgrüne Knospen, Krokusse, Narzissen, Osterglocken und Bärlauch erfüllen die Luft mit ihrem Duft und bereits ist das Summen von Bienen und Fliegen zu hören.

Ach, wie herrlich ist es, den Frühling zu sehen, riechen, hören, fühlen.

Aber leider kann ich diese Eindrücke nicht ganz uneingeschränkt geniessen. Mich dünkt, seit letztem Herbst sind enorm viel neue Häuser gebaut worden, Siedlungen, ja ganze Wohnviertel sind offenbar aus dem Boden gestampft worden und auf Matten und brachliegenden Feldern sind zukünftige Besiedlungen mit Pfeilern markiert. Natürlich ist es nicht mit dem Bau der Einfamilienhaus- oder anderer Wohnform-Siedlungen gemacht. Schliesslich müssen die Quartiere erschlossen und mit Strassen und Gehsteigen zugänglich gemacht werden. Und ist ein neues Quartier dicht genug besiedelt,  braucht es bald einmal weitere Infrastruktur, eine Schule, einen Friedhof, Einkaufsmöglichkeiten, Bus- oder gar Zughaltestellen.

Ich komme nicht umhin festzustellen, dass Felder, Wald und Weiden weniger und die Überbauungen mehr werden. Natürlich, werden Sie entgegenhalten, schliesslich wächst die Bevölkerung und es braucht zusätzlichen Wohnraum. Ja, diese Tatsache gilt es zu akzeptieren, die Frage ist nur, wie wir dieser Nachfrage sinnvoll nachkommen. Denn es sind ja nicht bloss unsere Landreserven, die schrumpfen, damit einher geht auch der Verlust unserer Flora- und Faunavielfalt (und nicht zuletzt unserer Unabhängigkeit, wenn wir uns je länger je weniger selber zu versorgen wissen).

Da kam mir Friedensreich Hunterwasser, Maler, Architekt und Umweltschützer, in den Sinn und seine Aussage, dass bei der Stapelung der Wohnungen nach oben zuerst der Mensch zugrunde gehe und erst dann die Natur und dass es sich bei der Stapelung in die Breite genau umgekehrt verhalte. Na ja, wir wollen ja nicht zugrunde gehen, das ist klar. Ebenso klar aber ist, dass wir uns über unsere Landressourcen Gedanken – wenn nicht gar Sorgen – machen müssen. Der Schweizer träumt vom Eigenheim, vom Häuschen mit Garten und das heisst nichts anderes, als dass viel Land für wenig Leute verbaut wird. Eine grüne, atmende und lebendige Umgebung ist Balsam für unsere Psyche, zweifelsohne. Aber brauchen wir dazu wirklich unser eigenes Haus auf grüner Insel, pardon: grünem Grund? Wieder kommt mir Hundertwasser in den Sinn und seine Vision vom Baummieter. Er schlug vor, dass der Mensch freiwillig von seinem Wohnbereich kleine Territorien an die Natur zurückgibt und in einem Haus von vornherein Räume für die sogenannten Baummieter eingeplant werden; rostfreie Wannen aus Stahl, in die man Bäume pflanzt. Die Baummieter haben vielfältige positive Wirkungen auf den (Stadt-)Mensch: Unter anderem produzieren sie Sauerstoff, im Sommer spenden ihre Blätter Schatten und Frische, sie filtern die Luft und dienen als Lärmdämmung und sie wirken beruhigend und stressabbauend.

Warum bloss, sinniere ich, ist diese grandiose Idee bisher nicht umgesetzt worden? Und prompt stosse ich ein paar Tage später auf einen Artikel über das erste begrünte Hochhaus der Schweiz. Im Lausanner Vorort Chavannes-près-Renens soll der «Tour des Cèdres» gebaut werden, ein 117 m hohes Gebäude, das mit über 100 Bäumen und Pflanzen bewachsen sein soll und aussehen wird wie ein ‘vertikaler Wald’. Ein wunderbares Projekt! Und wer weiss, vielleicht werden solche scheinbar futuristischen Bauideen – die so neu ja gar nicht sind – irgendeinmal zur gängigen Schweizer Wohnkultur. Denn dadurch würde man endlich Mensch und Natur gerecht und gerne zitiere ich abschliessend nochmals Hundertwasser, diesen weisen, seiner Zeit weit vorausdenkenden Mensch: «Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit».

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

Kommentare zu diesem Artikel

Denise

Ein Thema, dass uns alle zum Nachdenken und Handeln anregen sollte.
Grüsse Denise