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Nicht mein Tag

Kennen Sie das auch? Sie haben sich so richtig doll viel vorgenommen, starten voller Elan in den Tag, aber dann – na ja, dann kommt alles anders

Letzthin hatte ich exakt einen solchen Tag. Bereits nach dem ersten Erwachen, es war noch dunkel draussen, formulierte ich in Gedanken eine Schlüsselstelle meines Buchs und überlegte, womit ich meine Freundin zum Geburtstag überraschen wollte. Mir sind ein paar sehr gelungene Formulierungen eingefallen, sowohl für mein Buch als auch die Glückwunschkarte. Dumm nur, dass ich nochmals eingeschlafen bin und als ich erwachte, gab es nur noch eine blasse Erinnerung an die tollen Texte.

Nicht verzagen, beschwor ich mich, und entschied, mich zuerst um den Haushalt zu kümmern und Staub zu saugen. Den Staubsauger bewahre ich in einem Schrank im Treppenhaus auf und als ich ihn nun hervorholen wollte, war er weg. Gestohlen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich bestohlen worden und diese Erkenntnis erschütterte mich doch ziemlich – und erschüttert mich noch heute.

Nachdem ich mich ein wenig gefasst hatte, setzte ich mich an den PC und versuchte, die frühmorgendlichen tollen Formulierungen in den Tiefen meines Gehirns wiederzufinden. Vergeblich, sie waren unwiderruflich abhandengekommen – auch sie.

Nein, ich würde mir den Tag nicht vermiesen lassen! Mehr oder weniger frohgemut begab ich mich mangels Musenkuss in die Stadt, um das Geburtstagsgeschenk für besagte Freundin zu besorgen. Das Geschäft meiner Wahl hatte just diese Woche Urlaub – ich kehrte unverrichteter Dinge und nicht eben fröhlich heim.

Verbissen hielt ich am Entschluss, einen produktiven, erfolgreichen (und vielleicht sogar glücklichen) Tag zu haben fest. Ich entschied, das seit langem geplante Fotoalbum in Angriff zu nehmen. Ich liebe es, die Bilder der vergangenen Monate anzuschauen und mich in Erinnerungen an Ausflüge, Anlässe, schöne Landschaften, Feste und Begegnungen zu verlieren. Wobei, das muss gesagt sein, dieses Jahr die Feste und Begegnungen eher mager ausgefallen sind. Wie auch immer. Ich wählte also das Buchformat, den Einband, die Schrift und begann mit der Wahl der Bilder. Ich schnitt die Fotos zurecht, arbeitete mit Licht, Schatten, Schärfe, und Farben. Ich schrieb Texte und wählte den passenden Seitenhintergrund. Nochmals erlebte ich (den weitgehend unbeschwerten) Winter, erfreute mich an den Farben des Frühlings und wanderte über sommerliche Bergwege. Im Herbst geschah es... Ein Flackern, ein Flimmern... Schwarz.
Atmen, nicht in Panik verfallen, nichts überstürzen...Es half alles nichts. Drei – oder waren es gar vier? – Stunden Arbeit lösten sich in Nichts auf. Mein Laptop hatte einen unerklärlichen (und unentschuldbaren) Absturz. Ich hätte heulen können, oder schreien. Oder beides.
Aber genützt hätte es nichts.

Es war drei Uhr nachmittags. Ich hatte nichts hingekriegt, es war nicht mein Tag. Draussen schien die Sonne von einem milchig blassen Himmel. Es war Zeit, sich zu ergeben. Ich richtete mich auf dem Sofa gemütlich ein mit einem spannenden Krimi, einer Tasse Tee und einer Tafel Schokolade. Ich las, bis der Mörder überführt, der Tee kalt, die Schokolade aufgegessen und die Sonne untergegangen war.

Dass abends der Risotto in der Pfanne anbrannte und die Salatsauce zu sauer geriet, vermochte mich nicht mehr zu überraschen.

Es gibt solche Tage und andere. Produktive, erfolgreiche, strahlende. Und es gibt die anderen. Die harzigen, widerständigen, unerfüllten. An diesen Tagen gibt es wenig Trost und wehe, jemand sagt dir, dass der nächste Tag besser sein werde. Das mag man sich dann zuallerletzt anhören (und glauben tut man es eh nicht).

Aber nach dem besagten Tag erwachte ich am nächsten Morgen ausgeruht, mit klarem Kopf und Fokus. Die Worte flossen, das Fotoalbum war, da bereits vorgedacht, ruckzuck kreiert.
Die Lehre, die ich daraus ziehe? Ich glaube nicht, dass es sie gibt. Ich erfreue mich an den guten, geschmeidigen Tagen und nehme sie als Geschenk. Die anderen gilt es zu akzeptieren, denn ihnen ist es zu verdanken, dass wir manche Tage als erfolgreicher, glücklicher, erfüllter empfinden und gerade unter diesem Blickwinkel haben die weniger guten Tage eben auch ihre Daseinsberechtigung.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

Kommentare zu diesem Artikel

Maleika

Sie sprechen mir aus dem Herzen!
Oh ja, diese Tage kenne ich und wenn ich das nächste mal ein solchen habe, werde ich den Artikel lesen. Schauen ob es hilft.
Danke und Grüsse Maleika