0

Notre-Dame(-flamme) de Paris und die Milliardenspende

Mitte April wurde die Kathedrale Notre-Dame de Paris, errichtet von 1163 bis 1345, durch einen Grossbrand teilweise zerstört

Trauer und Entsetzen waren gross, innert Kürze kamen Spenden von mehr als einer Milliarde Euros zusammen. Diese Grosszügigkeit ist bemerkenswert und übertrifft die Spendefreudigkeit bei Hungersnöten, Kriegen, Vulkanausbrüchen oder Hurrikans. Reiche, Schöne und Prominente öffneten ihre Schatz-Schatullen, um sich mit zu den Grosszügigen zählen zu dürfen. Wir leben in einer Welt mit wahrlich generösen Menschen!
Aber halt, ist es so einfach?

Zweifelsohne, die Kathedrale Notre-Dame de Paris ist das Pariser Wahrzeichen schlechthin, sie beeindruckt durch ihre Architektur, das grossartige Hauptportal, die Galerie des Chimères, die Rosette, das Strebewerk ... Man könnte noch vieles mehr ins Feld führen, aber seis drum. Es ist unbestritten, dass dieser Brand etwas Grossartiges für immer beschädigt hat (und wo, dies nur am Rande bemerkt, wohnt nun der arme Quasimode?).

Die Kathedrale soll wiederaufgebaut werden, genau so schön wie zuvor – oder noch schöner.

Ist das nötig, ist das richtig?

Tatsache ist: Ein Gebäude aus Stein, Glas, Holz, Blei wurde (teilweise) Opfer eines Feuers. Es gab – Gott sei Dank – keine Verletzten oder gar Toten.
Ist es nicht so, dass alles vergänglich ist und auch ein Palast oder eine Kirche – nicht anders als ein Bauernhof, ein Wohnhaus oder eine Fabrik – irgendeinmal zu Staub zerfällt, Platz macht für Neues. Wollen wir für immer an Altem festhalten oder uns Neuem zuwenden?

Böte sich nicht gerade hier die Möglichkeit, wahrlich ein Zeichen zu setzen, indem die Kathedrale ein einfaches Dach bekäme und die immensen Geldsummen dort investiert würden, wo sie Not lindern oder gar Leben retten. Millionen Menschen leiden Hunger, sind obdachlos, haben kein Trinkwasser, kein Zugang zu Bildung, zu ärztlicher Versorgung – keine Zukunft.

Es setzt in der Tat ein Zeichen, wenn die Kathedrale für eine Milliarde Euros saniert wird - aber kein positives. Der Wiederaufbau ist Symbol für die Gleichgültigkeit gegenüber menschlicher Not. Ist uns ein Haus mehr wert als ein Menschenleben? Ist eine Kathedrale nicht in erster Linie Gotteshaus und ist es nicht ausreichend, wenn es ein bescheidenes Dach hat, das vor Kälte, Nässe und Hitze schützt?

Ich plädiere für mehr Menschlichkeit. Ein einfaches Dach für die Kathedrale und die restlichen Spenden zum Wohle derer, die Not leiden – und das sind Millionen.
Ich bin überzeugt, dass die Kathedrale – und ganz Frankreich -  durch eine solche Geste (und nicht durch einen grösseren, höheren, prächtigeren Turm) an Grösse und Schönheit gewänne.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com
 

Kommentare zu diesem Artikel