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Sagenumwobene Nächte zwischen den Jahren

Die letzten Nächte des alten und die ersten des neuen Jahrs sind besondere Nächte; sie liegen zwischen Vergangenheit und Zukunft, es heisst, Altes loslassen, Neues begrüssen.

Es ranken sich viele Mythen und Sagen um diese Nächte, die sogenannten Raunächte.

Es wird gesagt, die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönigsnacht widerspiegelten das neue Jahr, jede Nacht stehe für einen Monat, zeige, wie das Wetter sein werde. Es wird gesagt, Tiere sprächen um Mitternacht die Menschensprache und Geister würden erwachen. Es wird gesagt, es werde gesegnet und bestraft, man treffe an einer einsamen Kreuzung mitten in der Nacht sein Schicksal und die Jungfer erbklicke dort ihren Zukünftigen.

In früheren Zeiten wurde das Leben im Winter ruhiger, stiller. Die Arbeit auf dem Feld war getan, die Ernte eingebracht, die Tage kurz, die Nächte lang; Zeit, Geschichten zu erzählen, weiterzugeben, was die Grossmutter von ihrer Grossmutter gehört hatte. Über das Leben, Gevatter Tod, über Wunder, über das Unheimliche und das Heilige.

Heute ist die Zeit um die Raunächte geprägt von Hektik, Lärm, Licht, Konsum. Partys, Musik, Essen, Trinken. Von allem zu viel.
Man geht eher aus (sich) als in sich.

Doch zuweilen geht man aus und findet anderswo zu sich. Wie in der mongolischen Jurte in Ulmiz, wo Andreas Sommer mit seinen Raunachtgeschichten Klein und Gross verzauberte.
Es ist gemütlich warm, Frauen, Männer und Kinder sitzen eng zusammen, Kerzenlicht flackert. Andreas, der Sagenwanderer berichtet von der Königin Berta, von einem blinden Kind, einer verwarzten Alten, einem sprechenden Muni, von silbrigem Mondlicht auf glitzerndem Schnee, der Lebensmutter, von Gier und Liebe und Armut, vom Segen und dem Leben.

Er benutzt Worte wie 'zentume', 'chrümele', 'potztuusig'. Worte, die mich an meine Grossmsutter erinnern. Wir werden vom Hutzelmännchen, der schlanken Birke, dem Säuseln des Windes, der Königin, dem armen Bauern in alte Welten entführt.

Das Rad der Zeit dreht und dreht sich, singt der Sagenwanderer. Mich dünkt, es dreht sich immer schneller, kommt nicht mehr, wie einst vielleicht, in der Winterzeit etwas zur Ruhe. Keine Zeit, innezuhalten, in sich zu horchen, keine Rast, bei sich anzukommen. Wir horchen nach draussen und jagen dem (scheinbaren) Glück im Aussen hinterher.

Gesättigt und erfüllt fanden wir am Ende des Abends in die Gegenwart zurück. Aber etwas von dem Zauber bleibt haften und begleitet mich aus dem alten ins neue Jahr.
Ich wünsche Ihnen, liebe LeserInnen, dass Sie im neuen Jahr Zeit zur Musse finden, zum Innehalten, Sie sich zwischendurch in eine Märchenwelt entführen lassen und den Glauben an Wunder nie verlieren.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

Kommentare zu diesem Artikel

Martin W.

Wegkommen vom Lärm und Stress, das ist , was wir brauchen,
Sie sprechen mir aus dem herzen, danke - weiter so, freue mich immer auf ihre Beiträge.
Martin