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Sommerzeit ist Baustellenzeit

Stau auf der Autobahn A1. Der Zeitverlust beträgt... Wenn der Verkehr stockt, man wartend hinterm Lenkrad sitzt, gehen die Gedanken eigene Wege.

Neulich sass ich im Auto und schob mich Meter um Meter an einer Baustelle vorbei. Ich hoffte, es pünktlich ins Büro zu schaffen - ich hasse es, zu spät zu kommen.

Im Radio wurde die Musik unterbrochen, eine kühle Stimme informierte, dass sich infolge eines Unfalls auf der A1 der Verkehr staue und mit einem Zeitverlust von zwanzig Minuten zu rechnen sei. Zum Glück, dachte ich, bin ich nicht auf der A1 unterwegs.
Der Ausdruck „Zeitverlust“ tanzte in meinen Gedanken.

Ich stellte mir vor, ich stünde auf der A1. Vor mir und hinter mir Autos, vorwärtskommen im Schritttempo – wenn überhaupt. Der Griff zum Natel, um jemandem mitzuteilen, dass ich mit gut zwanzig Minuten Verspätung eintreffen würde. Oder mehr, wenn ich von wo aus auch immer nicht pünktlich weggefahren wäre. Der ungeduldige Blick auf die Uhr, die Augen schweiften zum Fahrzeug auf der Nebenspur. Kam man auf der anderen Spur schneller voran? Was Murphys law entspräche.

Die Stimme im Radio holte mich in die Gegenwart zurück. Nun sei mit einem Zeitverlust von dreissig Minuten zu rechnen, informierte sie.
Musste es denn verlorene Zeit sein?

Verlorene Zeit war es ziemlich sicher für diejenigen, die den Stau verursacht hatten. Es war nicht auszuschliessen, dass für sie – einen oder mehreren von ihnen – der Zeitverlust drei Jahre, fünf Monate oder dreissig Jahre betrug. Weil ihr Lebensweg beendet worden war durch den Zusammenstoss mit einem anderen Auto.
Andererseits, sinnierte ich, wer konnte wissen, was ihm, ihr, ihnen, das Leben noch aufgebürdet hätte: Arbeitslosigkeit, Krankheit, ein langes, schmerzvolles Sterben, der Verlust des Liebsten oder des Kindes.

Ich dachte an Partner, Eltern, Kinder, Freunde, die bei der Arbeit, in den Ferien, beim Golfen oder im Wartezimmer beim Zahnarzt einen Anruf des Krankenhauses oder der Polizei erhielten. Sie nähmen ihn ahnungslos entgegen, man würde sie über den Unfall informieren und das Leben wäre nie mehr, wie es vor dem Anruf gewesen war. Sie erinnerten sich für immer an diesen Augenblick, die Zeit wäre aufgeteilt in ein ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘.

Für uns im Stau Stehende mochte der Zeitverlust andere Auswirkungen haben.
Denkbar war, dass genau diese zwanzig – oder dreissig – Minuten nötig sind, damit wir nicht zum Zeitpunkt X anderswo in einen Unfall verwickelt werden. Oder wir treffen in unserem Lieblingscafé, das wir zwanzig – oder dreissig – Minuten später als geplant betreten, unsere grosse Liebe, vielleicht liegt auf dem Tisch eine Tageszeitung, die kurz zuvor ein Gast liegengelassen hat und wir finden darin unseren Traumjob – oder unser Traumhaus oder unser Traumauto.

Vorstellbar ist, dass die Zeit aufgrund der Verspätung nicht ausreicht, um ins Fitnessstudio zu gehen, sie – oder er –  direkt nach Hause fährt und – da der Liebste, die Liebste noch nicht zum Chorsingen oder Kegelabend aufgebrochen ist – es zu einem intimen Intermezzo kommt, das neun Monate später die Geburt eines Babys zur Folge hat.

Die Baustelle lag endlich hinter mir, ich trat aufs Gas, ordnete meine Gedanken und konzentrierte mich auf den Verkehr. Natürlich wäre es mir ein Leichtes, den Faden weiter zu spinnen. Wenn ich mir zu überlegen begänne, was durch dieses Baby – eine indirekte Folge des erlittenen Zeitverlusts – in Zukunft möglich sein könnte, wurde mir beinahe schwindelig.

Ich schaffte es pünktlich ins Büro. Die Frage, ob alles Schicksal oder bloss Zufall ist, hob ich mir für den Heimweg auf, denn sicher würde ich wieder im Stau stehen und Zeit für weitere philosophische Gedankengänge haben.

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