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Sprache im Wandel – chill mal!

Ein Mittwoch Mitte Juni. Kinder – überall. Im Coop, auf dem Spielplatz, am Seeufer, am Bahnhof und natürlich im Zug - Schulreisewetter.

Kleine Knöpfe mit hochroten Wangen. Wippende Pferdeschwänze, pickelige Teenager, Mädchen und Buben mit schlaksigen, langen Gliedern, wie junge Fohlen. Lachen, laute Stimmen, fröhliche und hässige, strahlende und mürrische Gesichter. Rucksäcke, Kaugummis, Glace, bunte Käppis, der Geruch nach Sonnencreme und Landjäger.

Kindheitserinnerungen.
Nein, keine Sorge, ich gerate nicht in nostalgisches schwärmen. Schulreisen waren mir ein Gräuel, ich habe bis heute nicht verstanden, was daran Spass macht und zum Glück liegt die Schulreise- und Schulzeit seit Langem hinter mir. Ich erinnere mich, dass die Lehrer uns mahnten, wir sollten uns im Zug ruhig und gesittet verhalten, zu laute Stimmen ernteten missbilligende Blicke, ebenso mürrische Gesichter. Gruppenfröhlichkeit wurde vorausgesetzt, ein Lehrer verdarb die Zugfahrt zudem mit der Erwartung, wir müssten am nächsten Tage wissen, wo der Zug durchgefahren und wie die umliegenden Gipfel des bestiegenen Berges hiessen.

Heute ist alles anders. Vielleicht googlen die Kinder, wenn sie denn müssen, daheim Reisestationen und Berggipfel. Zeit, zum Fenster hinaus zu schauen, haben die wenigsten. Entweder haben sie Kopfhörer auf, die Augen geschlossen, das einzige Lebenszeichen ist ein wippender Fuss. Oder sie beugen den Kopf über Smartphone oder Tablet, gamen oder texten.

Auf der Zugfahrt stellte ich fest, dass die Kinder auch heute noch miteinander sprechen – manchmal. Doch in welcher Sprache? Die Sätze, wenn man sie denn als solche bezeichnen kann, strotzen vor Anglizismen: Hey bro, chill mal, ich bin fly, du bist tilt, er ist dope, nehmts smooth...

Halt, hätte ich rufen mögen, was tut ihr da, kids ... sorry...ehm, Entschuldigung, Kinder. Ihr vergewaltigt und verfremdet meine - unsere - Sprache.

Wie und wo soll das hinführen, frage ich mich und gleichzeitig fallen mir unzählige Ausdrücke ein, die nicht diese Kinder auf- oder übernommen haben, sondern wir, die vernünftigen Erwachsenen.

Wir chatten, flirten, fighten, lunchen, fahren einen Oldtimer, tragen Shorts, T-Shirt und high heel, haben dates. Wir nehmen alles easy und sind happy – oder pissed off.. Wir haben meetings, treffen agreements und die gute, alte Personalabteilung nennt sich Human Resources.

Ich habe es aufgegeben, mir zu wünschen, wir würden uns unsere Sprache bewahren – oder zu ihr zurückfinden. Mittlerweile löst es bereits Glücksgefühle aus, wenn in vollständigen Sätzen gesprochen (und unter Berücksichtigung der gängigen Regeln geschrieben) wird. Denn auch vollständige Sätze scheinen démodé zu sein. Oder ist für Sie 'gömmer Kino' oder 'schieb Füür' ein vollständiger Satz?

Anglizismen und eine Verarmung unserer Sprache ist eine nicht aufzuhaltende Tatsache. Was mich aber wirklich ärgert, ist die gleichzeitig zunehmende Ablehnung oder Bekämpfung von Helvetismen.
Was, bitte schön, frage ich Sie, ist schlecht an ihnen?
Sie gehören zu uns, unserem Sprachenreichtum und ich liebe sie: Plagen, gell, werweissen, der Sack, das Puff, die Serviertochter, die Attikawohnung. Die Schulreise. Auf gut Deutsch Klassenfahrt, auf Englisch school trip.
Wir sind, was und wie wir sprechen. Im Wort offenbart sich unsere Kultur, unsere Vergangenheit, unsere Werte. Worte schaffen Verbindungen, Worte lösen Kriege aus.
Worte haben eine unglaubliche Kraft, unterschätzen wir sie nicht.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

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