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Wie ein Vogel ohne Flügel

"Ein Reisender ohne Beobachtungsgabe ist wie ein Vogel ohne Flügel.“ Dieses Zitat habe ich kürzlich gelesen und es ist mir wieder in den Sinn gekommen, als mich eine gute Freundin anrief.

Sie lebt seit mehreren Jahren in der Schweiz und bezeichnet die Schweiz als ihr Adoptivland. Ihr Mutterland ist ein Nachbarland der Schweiz, das Vaterland die USA, wo sie aufgewachsen ist. Nun erzählte sie mir am Telefon aufgeregt, ihre Schwester komme sie besuchen, es sei der erste Besuch, seit sie in der Schweiz daheim sei. Wir verabredeten uns auf eine Tasse Kaffee, um zu planen, was man der Schwester von der Schweiz zeigen möchte. Die Verenaschlucht in Solothurn und natürlich wären die Twannbachschlucht und die Gorge d’Areuse auch ein Besuch wert. Die Giessbachfälle und die Thuner Altstadt dürften nicht fehlen, eben so wenig wie Bern und Fribourg. Überhaupt, die Zähringer Städte müsse sie gesehen haben und dann natürlich auch ein paar Berge und ein absolutes Muss seien die Fahrt über einen Pass und ein Fondue-Abend. Wir merkten schnell, dass in den zehntägigen Besuch unmöglich alles hineingequetscht werden konnte, was wir ihr zeigen wollten.

Wir erwiesen uns, das ist unbestritten, als hervorragende Schweizer Ambassadeurinnen! Die Schwester war begeistert. Wir bestiegen Murtens Ringmauer, besuchten den Maimarkt, machten eine Schifffahrt und betraten den historischen Boden der Bodenmünzi.

Wir ‘touristelten’ durch grosse Teile des Landes und hatten eine Menge Spass. Es kam mir vor, als sähe ich meine Stadt und mein Land durch andere Augen. Wir haben es, so durfte ich immer wieder feststellen, verflixt schön hier!

Ich komme nicht umhin mir über des Schweizers Reiseverhalten Gedanken zu machen. Zuweilen habe ich den Eindruck, bei der Reiseplanung vieler gehe es in erster Linie darum, die Distanz zwischen Zuhause und Reisedestination möglichst gross zu halten. Weit zu reisen war nie einfacher – und billiger – als heute. Die Flüge sind für wenig Geld zu haben, die Zugfahrt zum Flughafen oft teuer als der Flug. So besuchen wir alle Kontinente und alle Metropolen dieser Welt, besegeln die Weltmeere, durchwandern Wüsten und Wälder, Schluchten und Berge, entdecken ferne Länder zu Pferd, zu Fuss, mit Schiff, Motorrad oder Camper. Beinahe könnte man meinen, Abenteuer, Kultur oder Entspannung liessen sich nur weit weg von daheim finden.
So wissen wir, wo in Cannes die leckersten Austern, in Pretoria der angesagteste Golfclub, in New York das beste Sushi und in Maui der aufsehenerregendste Strand zu finden ist. Oft aber kennen wir die nächste Umgebung des eigenen Wohnorts kaum.
Gegen das Reisen spricht nichts, es bereichert in mannigfacher Weise. Fraglich ist aber, warum es erstrebenswerter sein soll, andere Länder besser zu kennen als das eigene. Warum einem das Land, in welchem man arbeitet, Steuern bezahlt, seine politischen Vertreter wählt, in welchem man den grössten Teil seiner Lebenszeit verbringt, seine Kinder zur Welt bringt und einmal seine letzte Ruhestätte findet, weniger entdeckungswert erscheint als eines auf der anderen Seite des Erdballs.

Roman Herzog sagte einmal: Die Heimat ist ja nie schöner, als wenn man in der Fremde von ihr spricht. Dies dünkt mich eine traurige Aussage, ich wünsche es mir anders. Ich plädiere dafür, dass wir unserem Land dieselbe Aufmerksamkeit und vor allem dasselbe Wohlwollen entgegenbringen, wie wir es augenscheinlich bei anderen Ländern praktizieren. Liebe Leserin, lieber Leser, begeben Sie sich auf Entdeckungsreise in der eigenen Stadt, dem eigenen Kanton, dem eigenen Land, ich versichere Ihnen, Sie werden es nicht bereuen – wie Ihnen die Schwester meiner Freundin jederzeit gern bestätigen würde!

*Moslih Eddin Saadi

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

 

Kommentare zu diesem Artikel

Markus Meier

Warum in die Ferne schweifen....
Treffend beobachtet!
Es ist nicht nur woanders schön!
Gruss, Markus