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Wo sind Sie ausgestiegen?

Werbung begegnet uns jederzeit und überall und sorgt nicht unbedingt für Transparenz

Wieder einmal darf ich ein paar Tage im Goms verbringen. Durch das Tal fliesst gemächlich die Rotta und entlang des Flusses verläuft die Langlaufloipe. Unterwegs laden gemütliche Beizen zu Kaffee fertig, Tee und Apfelstrudel ein und wenn die Beine müde werden, fährt man mit dem Zug zurück, schaut aus dem Fenster und ist ein wenig stolz auf sich und die erbrachte Leistung.

Im Goms, so dünkt es mich, verstreichen die Minuten langsamer, Hektik, Konsum und Stress hat hier keinen Platz.
Wer allerdings gerne shoppt und von Schaufenster zu Schaufenster bummelt, ist hier fehl am Platz. Man findet zwar in jedem Dorf ein Sportgeschäft, meist auch eine Bäckerei und Metzgerei und vielleicht einen Mini-Markt. Wer ein Einkaufsparadies erwartet, wie er es in Gstaad oder St. Moritz vorfindet, wird hier bitter enttäuscht. 
Es hat weder edle Boutiquen noch wird Werbung gemacht für teure Uhren, Schmuck, Getränke oder Designermode. Die schmalen Strassen und Gässchen werden nachts nicht von Reklametafeln sondern von Mond und Sternen beleuchtet.

Dann allerdings spaziere ich am frühen Abend am Bahnhof Obergesteln vorbei und komme nicht mehr aus dem Staunen heraus. An der Bahnhoffassade hängt eine grosse Leuchttafel, auf welcher der Name einer Bank in roten, grossen Lettern prangt. Daneben - unscheinbar und vor allem unbeleuchtet - eine schlichte Tafel, die dem Reisenden den Ortsnamen verrät. Ich war, ich gebe es zu, schockiert.

Man stelle sich vor, ein Feriengast aus Japan, China, Spanien oder Neuseeland besuchte das Goms mit dem Zug. Ihm gefielen die pittoresken Dörfer und er beschlösse, auszusteigen und sich das Dorf anzusehen. Er stiege in Bank aus (den Namen der betreffenden Bank verrate ich nicht), würde durch die engen Gassen spazieren, die alten Häuser mit den schneebefrachteten Dächern bestaunen und in einem der Hotels nächtigen. Am nächsten Tag führe er weiter und zuhause würde er erzählen, das schönste Dorf in der Schweiz sei Bank gewesen.

Nach meinem Dafürhalten eine skandalöse Vorstellung. Wer, so frage ich mich, ist für diese Werbeaktion verantwortlich. Und wo, so frage ich Sie, kommen wir hin, wenn die Bahnhöfe nicht länger die Ortsnamen preisgeben, sondern die Marke des besten Champagners, der wärmsten Unterwäsche, der ultimativen Anti-Falten-Crème?

So gesehen hat es sein Gutes, sind zugfahrende Kinder heute mit ihren Smartphones beschäftigt statt – wie wir es früher taten – aus dem Fenster zu schauen. Ich erinnere mich, dass ich mir jeweils die Orte merken musste, an denen der Zug vorbeifuhr. Heute also würde ich nicht mehr von Murten über Kerzers nach Bern fahren sondern beispielsweise von BMW über Odlo nach Migros...

Wieder daheim gehe ich zum Bahnhof um zu prüfen, wie wir unsere Gäste willkommen heissen und bin beruhigt, prangt am Gebäude gross und weithin deutlich sichtbar das schlichte Schild mit der Aufschrift «Murten».

 

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