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Wünsch dir was

Abertausende Wünsche schwimmen derzeit auf dem Murtensee

Wunschlaternen schaukeln sachte auf dem Wasser hin und her, sicher gehalten durch ein simples Holzfloss mit Kiel.

Es ist ein friedlicher Anblick und ich könnte dem Treiben stundenlang zuschauen.
Zuschauen ist nett, aber ich bin neugierig, ich bin ein Voyeur. Mich interessiert, was auf den Laternen gezeichnet und geschrieben ist; ich erhasche die Worte Friede, santé, Liebe, confiance, Glück. Auf anderen Laternen sehe ich ein gemaltes Herz, eine lachende Sonne, ein Regenbogen, eine Katze, ein schaukelndes Segelboot, ein Sandstrand oder ein Flugzeug.

Was wünsche wir uns, wir, die wir so viel haben?

An der Wasserungs-Rampe steht, einem Geburtshelfer gleich, ein Mann, der die Laternen sanft auf den Weg ins Wasser anschiebt.
Irgendjemand wird sie später aus dem Wasser fischen, sie vom Holzfloss nehmen und wahrscheinlich in den Müll werfen. Ach, wie gerne möchte ich alle Lampions horten, die Wünsche sammeln und aus ihnen Geschichten weben.

Die Lampions sind so verschieden, wie ihre Besitzer. Es hat welche mit vier vollgekritzelten Seiten, winzig kleine Buchstaben; andere ziert lediglich eine Zeichnung, ein Symbol, ein Wort und es gibt welche, die sind jungfräulich weiss und leer.
Bedeutet eine unbemalte, unbeschriftete Laterne, dass ihr Besitzer wunschlos glücklich ist? Oder kann/will er nicht schreiben oder zeichnen, ist er fantasielos, steht er nicht zu seinen Wünschen oder fühlt er sich überfordert?

Ich sehe junge und alte Paare, eng umschlungen, Hand in Hand, Familien mit kleinen und grossen Kindern; ihre Wünsche kann ich mir teilweise gut vorstellen.
Ich sehe den Mann mit dem weissen Blindenstock und die junge Frau im Rollstuhl, das Kind, mit dem Arm in der Schlinge und der Vater, der seine erwachsene, behinderte Tochter fest an der Hand hält. Was erhoffen sie sich?

So viele Geschichten wie Menschen – wir wissen nichts von diesen Männern, Frauen, Kindern. Leben sie in Armut, sind sie Gewalt ausgesetzt, wir kennen nicht ihre Sorgen um Arbeitslosigkeit, Krankheit, Depression, Angst, Mobbing, Hoffnungslosigkeit.

Ich vertraue meiner Laterne meine Wünsche an: Für meine Familie und Freunde wünsche ich mir Gesundheit und Glück, ich wünsche mir, dass sie ein erfülltes Leben haben, ohne Angst, ohne Not, ein Leben voller Zuversicht und Hoffnung.

Und dann kritzle ich – etwas schamerfüllt ob meines Egoismus - auf die Nordseite meiner Laterne, dass ich mir Friede wünsche, einen Planeten, der heilen darf, und überhaupt mehr Verständnis und Toleranz, keine Kriege und kein Hunger.
Natürlich möchte ich, dass es diese Welt gäbe. Aber glaube ich, dass diese Hoffnungen sich je erfüllen?
Oder füge ich diese Wünsche eher hinzu, weil ich mich nicht als Egoist fühlen mag – obwohl ich eigentlich einer bin.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com
 

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