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Zwangsbeschallung

Unsere Welt ist voller Geräusche, sanfte, beruhigende, einschläfernde, laute, schrille, ohrenbetäubende...

...Klänge, die wir mögen und solche, die uns schier in den Wahnsinn treiben.
So verkaufte ein Bekannter kürzlich sein Ferienchalet in den Bergen, da ihn das Plätschern des nahegelegenen Wildbachs nervte und am Schlaf hinderte. Andere ziehen aufgrund störenden ‘Lärms’ gar vor Gericht, das frühmorgendliche Krähen eines Hahns, das Bimmeln von Kuh- oder das Schellen von Kirchenglocken, ist für sie eine unerträgliche und nicht tolerierbare Zumutung.

Wir gewöhnen uns zum Glück an die ständige Lärm-Berieselung. Musik im Fahrstuhl, in der Warteschlaufe am Telefon oder der Arztpraxis, plärrende Stimmen aus Lautsprecher am Bahnhof oder im Warenhaus, das Schrillen des Martinshorns, das Aufheulen eines Motors ...

Damit noch lange nicht genug. Das Surren der Klimaanlage, das Kreischen einer Auto-Alarmanlage (was eh keinen kümmert), das Bimmeln, welches das Schliessen der Zugsschranke ankündigt.

Diese andauernde Lärmberieselung ist ermüdend.
Richtig schlimm wird’s, wenn wir in der Öffentlichkeit dem Mitteilungsbedürfnis uns fremder Menschen ausgesetzt sind. Es passiert immer wieder: Im Zug, im Wartezimmer des Zahnarztes, an der Kasse im Supermarkt, in der Cafeteria, beim Warten auf den Bus oder der Fussgängerampel. Das Handy ist allgegenwärtig, telefoniert wird überall und wir sind dazu verdammt mitzuhören. Nicht selten schämen wir uns fremd, wenn wir ungewollt verbale Zeugen von Gehässigkeiten, Ehekrisen, finanziellen Desastern und Lästereien werden.

Aber wirklich unerträglich empfinde ich diese ungewollte, unerwünschte und andauernde Lärmimmission dort, wo ich – zu Recht – Ruhe suche und meines Erachtens ein Recht auf diese Ruhe habe. In der Natur, dort, wo ich dem Vogelgezwitscher, dem Wind, dem Rauschen der Blätter oder der Stille lauschen möchte. Diese Orte werden zur Mangelware.
So ist es zum Beispiel im Sommer am Seeufer praktisch unmöglich, eine stille Ecke zu finden – ausser vielleicht um fünf Uhr früh. Glücklich schätze ich mich bereits, wenn ich nur einen Ghettoblaster höre und nicht zwischen verschiedenen Musikquellen einem wahren Potpourri von Rap, Hip-Hop, Rock und Schnulze ausgesetzt bin.

Stille muss für einige unter uns kaum auszuhalten sein. Selbst die Stand-up-Paddler kommen nicht ohne ihre Hits aus und sogar beim Wandern am Schwarzsee wurde letzte Woche eine Kuhherde und ich von lauten Bässen aus der Ruhe gerissen.

Kürzlich las ich einen Bericht, wonach Kühe mehr und besser Milch geben, wenn sie klassische Musik hören. Ich weiss aber nicht, im Vergleich zu was, zur Stille oder zu Hard Rock oder Ländler? Eine weitere Studie gibt – Gott sei Dank, darauf haben wir lange gewartet – Aufschluss darüber, dass auch Käse besser zu bestimmten Musikklängen reift. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Natur da etwas vermasselt hat.
Vielleicht reift Käse mundiger bei Mozart oder rezenter bei Ramstein, vielleicht ist Elsas Milch fetter, wenn sie Bach hörte. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Natur da etwas vermasselt hat. Am wohlsten wird sich die Kuh sicher nach wie vor auf ihrer Wiese fühlen, wenn es ausser dem Zirpen der Grillen, dem Surren der Fliegen und dem Mahlen der Kuhkiefer still ist.

Und wie, so komme ich nicht umhin, mich zu fragen, verhält es sich mit dem Menschen. Warum ist die Stille für viele so schwer zu ertragen? Will man die eigenen Gedanken übertönen, hält man sich sonst nicht aus? Ist die Stille in der Natur – die nie wirklich still ist – beängstigend?
Ich plädiere für mehr Stille, mehr Innehalten, mehr in-sich-hineinhören, für mehr feine Töne und leise Klänge.
Ich plädiere für einen Stopp der Haltung: Ich mache Lärm, also bin ich.

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