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Der Angriff auf die Schulnoten ist bloss Symptombekämpfung

Dagmar Rösler, Präsidentin des Schweizer Lehrerverbandes, will weniger Noten in der Schule, lässt sie uns via NZZ am Sonntag vom 29. Dezember 2019 wissen. Sie meint, man solle die Kinder nicht zum «Lernen für Noten» trimmen und «Noten möglichst sanft und spät einführen». Viele Pädagogen würden Schüler lieber mit Worten statt mit Zahlen beurteilen. Auch die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) will das Thema wieder aufgreifen. EDK-Präsidentin und Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) ist für eine klare Graduierung der Leistungen, wofür sich Noten eignen und fügt diplomatisch hinzu: «Aber wenn es eine andere Lösung gibt, dann können wir darüber diskutieren.»

Wer die Noten mit etwas Text ersetzen will, ignoriert ein paar grundlegende entwicklungspsychologische Fakten und schadet den Kindern eher, als ihnen zu helfen. Die menschliche Wahrnehmung und Entwicklung basiert auf dem Vergleichen. Ohne einen Vergleich, wissen die Kinder bloss, ob sie mit der Zeit besser werden. Sie haben aber auch ein Bedürfnis, sich mit anderen Kindern zu vergleichen. Und hier haben Eltern, Lehrer und andere Personen, die Kinder erziehen, ihnen etwas beibringen wollen, eine wichtige Rolle. Es ist falsch und schädlich, so zu tun, als ob Leistung im Leben keine Rolle spiele. Es ist ebenso falsch und schädlich, die Kinder derart auf Wettbewerb auszurichten, dass es stets nur Gewinner und Verlierer gibt. Gute Erziehung ist der Balanceakt dazwischen.

Gute Erziehung setzt bei der natürlichen Neugier der Kinder an, bei ihrer Lust, stets Neues zu probieren und gemeinsam besser zu werden. Sie nimmt den Kindern die Angst vor Misserfolg und stärkt die Hoffnung auf Erfolg. Wer den Kindern die Angst vor Misserfolg nehmen will, darf nicht einfach Schulnoten durch eine vieldeutige und unklare Beurteilung in Prosa ersetzen. Die Angst vor Misserfolg verschwindet mit nachhaltig wirkenden Erfolgserlebnissen. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass Lehrer die individuellen Stärken und Schwächen der Kinder kennen und ihnen Aufgaben geben, die nicht zu leicht und nicht zu schwierig sind. Kinder merken rasch, ob man es ihnen zu einfach oder zu schwer macht, ob sich Anstrengung lohnt oder nicht. Sie haben auch ein gutes Gespür für faire Beurteilungen. Sowohl übertriebenes Lob wie vernichtender Tadel wirken kontraproduktiv.

Wettbewerb ist der Kern der Evolution. Wettbewerb ist also tief in uns. Deshalb ist es falsch, so zu tun, als ob es keinen Wettbewerb gäbe. Viel besser ist es, in der Erziehung den Wettbewerb in vernünftige Bahnen zu lenken. Dazu gehören klare Spielregeln ebenso wie klare Massstäbe. Die Schulnote ist ein klarer Massstab. Klare Spielregeln sind wichtig, weil wir soziale und zivilisierte Wesen sind, die nicht einfach nach dem Gesetz des Stärkeren funktionieren. Uns stetig zu verbessern, gibt uns ebenso ein gutes Gefühl, wie anderen zu helfen, sich ebenfalls stetig zu verbessern. Teamleistung ist ebenso wichtig wie die Einzelleistung. Anstatt die Noten abzuschaffen, sollten wir mehr benoten, neben Fachkompetenz auch Sozialkompetenz.

Das Argument, wir hätten zu viele und immer mehr Verlierer in unserer Leistungsgesellschaft, ist kein Argument gegen die Schulnoten, sondern ein Argument, Leistung umfassender zu definieren, die sozialen Komponenten zu stärken und zu benoten. Und in diesem Sinne sollten endlich die Schüler auch ihre Lehrer benoten dürfen.

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