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Die Heuchler im Kampf für und gegen den Mohrenkopf

Mich irritiert die Vehemenz, mit der in der Schweiz auf allen Kanälen darüber gestritten wird, ob wir ein Stück Schokolade heutzutage noch als «Mohrenkopf» bezeichnen dürfen, aber immer noch ein Gesetz für «invalide», also wertlose Menschen haben. Manche Leute verbinden hierzulande mit dem Begriff «Mohrenkopf» sämtliche Diskriminierungen von Menschen mit schwarzer Hautfarbe in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Andere finden es masslos übertrieben, wenn alle, die ein Stück Schokolade als «Mohrenkopf» bezeichnen als Rassisten beschimpft werden. Wie so oft, helfen uns diese Extrempositionen nicht, etwas gegen Rassismus und Diskriminierung im Alltag zu tun.

Die Diskussion ist wichtig, weil Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft nicht diskriminiert werden dürfen. Sprache beeinflusst das Denken und das Denken beeinflusst die Sprache. Insofern ist es richtig, kritisch über Begriffe und ihre vergangene und aktuelle Bedeutung zu diskutieren. Der Historiker und ehemalige Präsident der Eidgenössichen Kommission gegen Rassismus, Georg Kreis, meint im Blick vom 12. Juni, dass der sehr alte Begriff Mohr nicht mehr «neutral» verwendet werde und der Entscheid der Migros, die Mohrenköpfe aus dem Sortiment zu nehmen, als «kleine Rücksichtnahme mit grösserer symbolischer Wirkung» richtig sei. Kreis findet auch, dass Mohren auf Wappen nicht mehr zeitgemäss sind. In der NZZ am Sonntag vom 14. Juni wird der Rassismus in der Pflege thematisiert. „Hätte ich gewusst, dass hier ein Schwarzer arbeitet, hätte ich die Klinik gemieden“, beklagt sich ein Privatpatient in einer Klinik. „Die Negerin müssen Sie mir nicht mehr vorbeischicken,“ verlangt eine Patientin von der Spitex. Manche finden, die Medien würden bloss seltene Einzelfälle aufbauschen und verlangen Nachsicht mit den alten Leuten. Andere wie Reda El Arbi sehen diese Äusserungen und den «Mohrenkopf» als Beleg für den strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft. Er provoziert gerne und meint in seiner Kolumne auf nau.ch: «Glatze, böse Augen, fetter Wanst, «White Power»-T-Shirt und Nazi-Symbole tätowiert - so stellt sich der durchschnittliche Schweizer einen Rassisten vor. Aber diese Typen sind nicht die Wurzel des strukturellen Rassismus in der Schweiz. Das Problem sind nicht bekennende Rassisten, sondern Leute wie Sie und ich, die sich selbst nie als rassistisch betrachten würden.»

Weder die Behauptung, wir seien alle Rassisten, noch die faule Ausrede, bei Rassendiskriminierungen handle sich bloss um Einzelfälle, hilft uns weiter. Wer den Begriff «Mohr» nicht mehr zeitgemäss findet, soll seine «Mohrenköpfe», sein Restaurant, seine Apotheke oder seine Zunft umbenennen. Eine Sprachpolizei brauchen wir nicht. Schöngeister, die meinen, damit würden weniger Menschen diskriminiert, irren sich. Jeden Missstand als strukturelles Problem zu sehen, deshalb die gesamte Gesellschaft in Sippenhaft nehmen zu wollen und den Staat zu Hilfe zu rufen, ist doch bloss eine faule Ausrede, nicht mit Zivilcourage intervenieren zu müssen, wenn Menschen tatsächlich diskriminiert werden.

Der Kampf gegen Mohrenköpfe erinnert mich an die Debatte um Menschen mit Behinderungen. Man sucht stets nach neuen, neutralen Begriffen, die dann in der Alltagssprache ihre Neutralität verlieren und je nach Wertvorstellungen unterschiedliche Bedeutungen bekommen. Und von all den Diskriminierungsexperten stellt in der aktuellen Mohrenkopf-Debatte keiner fest, dass wir immer noch ein Invalidenversicherungsgesetz (IVG) haben, obwohl «invalid» wertlos bedeutet.

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