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Lohnbashing – diesmal sind die Ärzte dran

Immer wieder werden Spitzenlöhne kritisiert. Meistens bleibt es beim Bashing. Was die kritisierten Spitzenverdiener leisten, welchen gesellschaftlichen Nutzen sie stiften und ob sie auch die Verantwortung übernehmen, wenn unter ihrer Verantwortung etwas schiefläuft, wird in der medialen Debatte kaum diskutiert. In Bundesbern wird dann jeweils recht oberflächlich über Regulierungen debattiert, denn man muss ja etwas tun, um den Ärger der Wähler zu besänftigen. Wenn die Kassen nur noch wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Medizin bezahlen, verdient zu Lasten der Grundversicherung kein Arzt mehr zu viel. Wenn das BAG endlich für transparente Qualität sorgt, wie es seit 1996 im Krankenversicherungsgesetz (KVG) verlangt wird, wüssten wir wenigstens, ob die besserverdienenden Ärzte auch die besseren Ärzte sind.

Im Januar hat Bundesrat Alain Berset an einer Tagung in Bern mit einem derart grossen Ärger die Ärztelöhne kritisiert, der ganz und gar nicht zu seinen sonst sehr staatsmännischen Auftritten passt. Dann hat sein Bundesamt für Gesundheit die Daten analysiert und nun medienwirksam skandalisiert. Der mittlere Jahreslohn selbstständiger Ärzte beträgt 260 000 Franken, Spezialärzte verdienen aber oft doppelt so viel. An der Spitze sind die Neurochirurgen mit einem AHV-pflichtigen Einkommen von durchschnittlich 696 555 Franken pro Jahr.

Santésuisse-Komminikationschef Matthias Müller meint: «Ein gutes Gesundheitswesen ist uns wichtig, der Preis dafür ist in der Schweiz aber viel zu hoch. Überraschend ist, wie weit verbreitet Spitzensaläre sind.» Müller verschweigt, dass die obersten Kaderleute bei Versicherungen und Banken so viel wie Ärzte verdienen. Das BAG hat auch herausgefunden, dass die Frauen 30 Prozent weniger verdienen. Die Grünen-Präsidentin greift auf Twitter die Bürgerlichen an, weil diese angeblich Lohngleichheit verhindern. Sie sagt aber nicht, ob nun die Ärztinnen 30 Prozent mehr oder die Ärzte 30 Prozent weniger verdienen. FMH-Präsident Jürg Schlub ist im 10vor10-Studio bei Arthur Honegger ziemlich ratlos und spielt der Politik den Ball zu. Im selben 10vor10-Beitrag beklagt sich auch die oberste Konsumentenschützerin, SP-Nationalrätin und SKS-Präsidentin Prisca Birrer-Heimo entnervt über die unverschämt hohen Löhne. Einzig BAG-Vizedirektor Stefan Spycher sieht das etwas differenzierter und findet, man müsse jetzt untersuchen, ob die hohen Ärztelöhne gerechtfertigt sind.

Nach diesem oberflächlichen Lohnbashing sollte nun nicht nur das BAG untersuchen, ob und welche Löhne nach welchen Massstäben gerechtfertigt sind, sondern endlich dafür sorgen, dass die Kassen zu Lasten der Grundversicherung nur noch wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche (WZW) Leistungen bezahlen. Personalkosten gehören ökonomisch betrachtet wie Infrastrukturkosten zu den Inputgrössen. Der Staat soll sich nicht um Inputgrössen kümmern, sondern die Anreize so setzen, dass im Wettbewerb die Anbieter mit dem besten Outcome und Impact für ihre Kunden einen Vorteil haben. WZW sind Outcomegrössen. Wenn die Kassen also nur noch WZW-konform vergüten, verdient kein Arzt mehr mit Leistungen zu Lasten der Grundversicherung «zu viel». Und da Zusatzversicherungen nicht obligatorisch sind, darf jede versicherte Person selber mit den Füssen entscheiden, ob jemand mit ihren Zusatzversicherungsprämien «zu viel» verdient.

Beim oberflächlichen Ärztelohnbashing ist es bisher auch niemandem in den Sinn gekommen, zu untersuchen, ob die besserverdienenden Ärzte auch die besseren Ärzte sind. Obwohl das KVG schon seit 1996 transparente Qualität verlangt, setzt das BAG die Qualitätstransparenz nicht durch. Und bloss weil es einfacher ist, die AHV-pflichtigen Einkommen der Ärzte als die Qualität ihrer Leistungen zu messen, sollte das BAG nicht einfach das tun, was einfacher ist, sondern das, was im Gesetzt steht.

Kommentare zu diesem Artikel

Andreas Spring

Um die Qualität eines Fachspezialisten bewerten und ernsthaft beurteilen zu können bedarf es im Minimum eine ähnlich gute Fachkompetenz des Bewerters. Subjektive Meinungen von Patienten wären lediglich auf dem Niveau Tripadvisor und wenig aussagefähig.
Zur Lohndiskussion: in der Statistik werden die Gehälter von Assistenten nicht berücksichtigt. Diese machen rund 70-80% der gesamten Ärzteschaft aus. Die Realität eines Assistenten sieht nämlich sehr düster aus. Das ein Facharzt und Spezialist einen ziemlich steinigen Weg hinter sich hat wird einfach ausgeblendet.

cyber71

Dass die Ärzte ihren Lohn verteidigen ist ja ganz klar, machen ja auch die Banker und Lehrer etc.. aber genau wie bei den Lehrern arbeiten die meisten Ärzte Teilzeit (Statistik FMH 2017) und es ist ja logisch, dass man trotz Teilzeit einen schönen Batzen im Portemonnaie haben möchte.

Haiko Reuter

Der Zeitfaktor und die Qualität des ärztlichen Handels hat wichtige Auswirkungen: Jeder Mediziner weiss, dass wenn nicht innerhalb der ersten zehn Minuten (z.B. Herzinfarkt), ersten 6 Stunden (z.B. Amputation) ersten 6 Wochen (z.B. Fraktur, Ruptur,Infektion...), ersten zwei Jahre nach Ereignis (Rente wegen Ende aller Heilungschancen) ein Millionenschaden durch falschen oder zu späten Handgriff an Schaden verursachen kann.

Haiko Reuter

Sagt doch mal Berset, dass es einen Zeitfaktor gibt von 10 Min, 6 Std, 6 Wo, 2 Jahren, wo unterlassene, richtige, hohe, qualitative Handgriffe einen Dauerschaden von Millionen Schweizer Franken erzeugen kann und das das Spital 16 mal teuerer bei ärztl. Handgriffen ist als die Praxis, weil auch mehr Rundum-Versorgung mit teuren Geräten, teuren Gebäuden, sodass es besser ist, den Grundversorger die Rosinen ins Spital schicken zu lassen. Und nicht alle ins Spital laufen zu lassen...