11.11.2019

Wie es ist, ein Tattoo gestochen zu bekommen

Allison Jelk, Schülerin am Kollegium St. Michael, spricht im ZiG-Blog von einer persönlichen Tattoo-Erfahrung.

Es ist knapp zwei Uhr nachmittags, das Wetter ist neblig und ich befinde mich in Freiburg auf dem Weg in ein Tattoostudio. Sobald ich geläutet habe und durch die Eingangstür getreten bin, höre ich sogleich das mir allbekannte Geräusch der Tattoo-Maschinen aus dem Nebenzimmer. Für die, die noch nie eine solche Maschine in Aktion gehört haben: Es hört sich so an wie ein Bohrer beim Zahnarzt. Und es riecht angenehm sauber und frisch im Studio, überall hängen grosse und kleine Bilder. Ich werde gebeten, kurz im schön dekorierten Wartezimmer zu warten, und mir wird ein Kaffee angeboten.

Nach ein paar Minuten geht es auch schon los.

Mir werden von meinem Tätowierer ein paar Fragen gestellt, zum Beispiel wie viele Tattoos ich bereits habe und dass die Stelle wohl etwas schmerzhafter sein wird als die, die ich bereits bedeckt habe. Sobald wir im grossen Raum angekommen sind, wo das Tattoo gestochen wird, stellt der Tätowierer einen Sichtschutz vor dem Tisch auf, ehe wir die Stelle genauer besprechen, an der der kleine Blätterstrauss mitsamt Beeren platziert werden soll. Ich hatte mich für das Sternum, also die Stelle über dem Brustbein, entschieden.

Sobald es ums Ausziehen geht, denken bestimmt viele, dass es sich um einen peinlichen Moment handelt, dass man sich als Kunde eingeschüchtert und unwohl fühlt. Aber in einem Tattoostudio habe ich mich oben ohne noch jedes Mal wohler gefühlt als bei einem Arzt. Vielleicht liegt es daran, dass die Atmosphäre ganz anders ist, nicht so klinisch und strikt. Man wird meist geduzt, hört andere Menschen, die sich unterhalten, sieht wunderschöne Kunstwerke und kann es kaum erwarten, selbst eines davon gestochen zu bekommen.

Nun ziehe ich mich also oben ganz aus und behalte ein kleines Jäckchen an, um meinen Rücken warm zu halten. Mein Sternum wird kurz rasiert, ehe eine gelartige Flüssigkeit verwendet wird, um die Stelle zu befeuchten, damit das Design dann auch ja gut abgedruckt wird. Ja, bereits da trägt der Tätowierer Handschuhe. Diese wechselt er während dem Tätowieren mehrmals, um Sauberkeit und Hygiene zu garantieren. Die Station ist ebenfalls sauber, der Tisch neu mit Folie überzogen und alles ist ordentlich. Mit einem Marker bestimmt der Tätowierer die Mitte meines Sternums, ehe das Design vorsichtig aufgelegt wird, während ich ganz still dastehe. Ganz nach dem Klischee des Künstlers lehnt sich mein Tätowierer zurück und geht auf Nummer sicher, sodass das Design dort sitzt, wo es soll. Es ist etwas schräg, also wird es wieder weggewischt und ein zweites Mal aufgelegt. Diesmal sitzt alles perfekt symmetrisch und ich darf mich hinlegen. Natürlich bekomme ich auch noch ein sehr bequemes Kissen.

Während Gel und Design trocknen, bereitet der Tätowierer seine Maschinen vor, überprüft die Nadeln und ob er alles Material beisammenhat. Ich bekomme einen kurzen Crashkurs in einer Atemübung, die ich anwenden soll, während er mit seiner Maschine unter meine Haut sticht. Dies ist allgemein der Moment, während dem man einen kleinen Smalltalk hat, sich kennenlernt und auch ein paar Witze reisst. Eine Stehlampe wird ebenfalls etwas gerichtet und der Tätowierer setzt sich eine Stirnlampe auf, um gut sehen zu können. Falls die Schmerzen zu stark würden oder ich mich sonst unwohl fühlen würde, solle ich mich unbedingt melden, dann würden wir eine Pause einlegen. Ich atme also, wie empfohlen, tief durch die Nase ein und aus und benutze dabei meinen Bauch, damit mein Brustbereich stillbleibt.

Der erste Stich mit der Maschine schmerzt kaum, ich fühle ein leichtes Stechen und Brennen, hauptsächlich aber einfach die Vibration, die von dem Gerät ausgeht. Alles so weit so gut. Während den ersten Minuten fällt es mir leicht, einfach seitwärts auf die Wände zu schauen und die Kunstwerke zu bewundern. Wie lange hat der Tätowierer wohl gebraucht, um diese Designs zu machen? Wurden sie schon jemandem tätowiert? All diese Fragen lenken mich vom Schmerz ab, ich werde nur zwischendurch aus meiner kleinen Gedankenblase geholt, wenn ich gefragt werde, ob alles gut sei – was ich jedes Mal bestätige.

Nach rund fünfzehn Minuten fängt das Grimassenkonzert an: Ich verzerre die Lippen, beisse mir auf die Zunge und runzle die Stirn. Die Stelle ist unangenehmer als die, die ich bereits tätowiert habe. In dem Moment bin ich froh, dass dieses Design nur zirka dreissig bis vierzig Minuten in Anspruch nehmen wird. Jedes Mal, wenn vom kleinen Tisch neben mir neue Tinte geholt wird, wenn Nadel oder Handschuhe gewechselt werden, atme ich kurz auf, ehe das Stechen weitergeht und ich wieder die Zähne zusammenbeissen muss. Die Linien fühlen sich so an, als ob jemand mit einem Messer durch meine oberen Hautschichten fahren würde, die Schattierungen und Punkte lediglich wie das Kratzen eines Katzenbabys.

Man ist während dieser Zeit ganz bei sich selbst, hört die Musik des Studios im Hintergrund und ist komplett abgelenkt von jeglichen alltäglichen Problemen. Ich denke nicht an die anstehende Matheprüfung, daran, dass ich vergessen habe Milch zu kaufen oder dass ich noch keine Winterschuhe für die kommende Saison habe. Ich empfinde nur den physischen Schmerz auf meiner Brust und meinen ruhigen Atem – die Gedanken sind ausgeschaltet.

Trotzdem bin ich nach den und 35 Minuten froh, dass die Prozedur überstanden ist. Als ich an mir nach unten blicke, sehe ich die schwarzen Linien, die nun unter meiner Haut sind. Die Haut ist etwas rot und irritiert, es laufen zwei oder drei kleine Blutstropfen heraus, aber es fühlt sich nicht weiter schlimm an. Vergleichbar ist dieser “After-Tattoo-Schmerz“ mit dem Hinfallen auf einen harten Boden, bei dem eine Schürfung entsteht. Ich fühle mich so entspannt wie nach einer Massage, bei der meine Spannungspunkte auf sehr aggressive Weise gelöst wurden. Am liebsten würde ich nun ein Nickerchen machen.

Langsam aber sicher darf ich mich aufsetzen, um mich wieder an eine aufrechte Position zu gewöhnen. Etwas schwindelig ist einem durchaus. Aber man bekommt Zeit, durchzuatmen, um sicherzugehen, dass alles gut ist. Während das Tattoo fertig blutet, wird die Station langsam aufgeräumt und vor allem werden die verwendeten Nadeln fachgerecht und separat vom restlichen Abfall entsorgt. Sobald sich die Haut etwas beruhigt hat, wird alles nochmals gereinigt. Das Tuch mit der kalten Flüssigkeit fühlt sich nach jedem Tattoostechen wie pures Glück auf der Haut an.

Es wird noch ein schönes Foto vom sauberen Kunstwerk gemacht – natürlich nicht ohne zuerst um Erlaubnis zu fragen. Ich bekomme noch ein paar Informationen dazu, wie und mit welchen Produkten ich das Ganze für die nächsten Tage pflegen soll. Dieser Vorgang ist mir nach dem neunten Tattoo durchaus bekannt. Aber ich finde es gut, dass jeder Tätowierer sich dies zu Herzen nimmt und jeden Kunden, unabhängig von dessen Erfahrung, daran erinnert.

Zuletzt wird das Ganze noch mit einem durchsichtigen Pflaster (oder zwei… oder drei…) abgedeckt, damit das Tattoo nicht mit der Kleidung in Berührung kommt und nicht verschmutzt wird. Danach fühle ich mich schon wieder ganz normal, fast ein bisschen euphorisch, aber trotzdem müde, als ob ich gerade einen Marathon gerannt wäre und dabei den ersten Platz belegt hätte. Ich ziehe mich vorsichtig wieder an und nehme meine Tasche mit. Man nimmt sich noch kurz Zeit, um zu plaudern, ehe ich für die Arbeit, die an mir geleistet wurde, bezahle und der Alltag für alle Beteiligten normal weitergeht: Ich gehe noch die Milch kaufen, die ich vergessen hatte und er bereitet die Station für den nächsten Kunden vor.

All dies geschah im Zeitraum von knapp einer Stunde und gehört für mich zu einer der schönsten Erfahrungen, die ich erleben durfte. Es gibt kaum etwas Schöneres, als den eigenen Körper jemandem anzuvertrauen, damit dieser (hoffentlich) für immer etwas Schönes darauf hinterlässt.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird: www.freiburger-nachrichten.ch/zig-blog