17.02.2020

Wieso machen Sie das, was Sie machen?

ZiG-Bloggerin Sophie Probst geht in ihrem Beitrag einer grundlegenden Frage des Lebens nach.

Haben Sie Ihr Leben auch schon einmal hinterfragt? Gibt es nicht Tage, an denen Sie einfach nur im Bett liegen bleiben möchten, aber eine unsichtbare Macht zwingt Sie dann doch, zur Arbeit oder in die Schule zu gehen? Und wieso machen Sie eigentlich das, was sie gerade machen? Es sind genau jene Fragen, die wir uns am meisten stellen, doch nie suchen wir eine Antwort darauf. Stattdessen lassen wir sie einfach im Raum stehen. Heute, liebe Leser, packen wir das Problem an und verfolgen den Gedankengang einer gewöhnlichen Gymnasiastin, die sich genau diesen alleingelassenen Fragen annimmt und versucht, eine Antwort darauf zu finden.

Aus einer Alltagssituation: Es ist einer dieser regnerischen Tage, an denen sogar das Wetter seine Unlust zum Ausdruck bringt. An solchen Tagen sollte man zuhause bleiben und fernsehen, doch stattdessen muss man sich den anstrengenden Weg zur Schule antun, nur um danach durchnässt und in depressiver Stimmung die Schadenfreude der Lehrerinnen und Lehrer über sich ergehen zu lassen, wenn sie mit einem Grinsen auf dem Gesicht sieben Prüfungen ansagen.

Doch es sind eben genau diese langweiligen Tage, die Raum für die besten Ideen liefern. Hinter meinem Pult sitzend, gut versteckt in der hintersten Ecke des Klassenzimmers und den Lehrer bestmöglich ignorierend, beginnen meine Hirnzellen zu grübeln. Anstatt Matheaufgaben zu lösen, die ich sowieso nie mehr in meinem Leben brauchen werde oder französische Grammatikregeln zu lernen, die nicht einmal die Franzosen selbst kennen, könnte ich jetzt auch durch den Dschungel von Costa Rica stampfen.

Aber wieso tue ich es nicht? Was hält mich jetzt in diesem Moment an diesen Stuhl gefesselt? Wieso bin ich in dieser Schule, obwohl ich es eigentlich gar nicht sein will? Zusammengefasst ist die essenzielle Frage, die nicht nur den Schulalltag, sondern auch das Leben zu dominieren scheint: Wieso mache ich eigentlich das, was ich mache?

Diese Frage mag trivial klingen, doch versuchen Sie einmal eine Antwort darauf zu geben. «Ich bin in der Schule, weil ich etwas lernen will und die Matura bestehen will, um danach studieren zu können» ist die Standardantwort eines jeden Schülers. Doch diese lahme Ausrede ist nicht nur eine Lüge, sondern beantwortet nicht im Geringsten meine Frage. Will ich wirklich das lernen, was uns die Schule lehrt? Will ich wirklich die Matura bestehen oder gibt es nicht tausend andere Dinge, die mir eine Million Mal mehr Spass machen würden als Bücher zu interpretieren und für Prüfungen zu lernen?

«Natürlich gibt es jene Dinge, doch man kann im Leben nicht nur das machen, was einem Freude bereitet. Um etwas im Leben zu erreichen, muss man sich auch anstrengen, denn es gilt: zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.» Das würde die strebsame Stimme in mir antworten. Anders gesagt ist Schule also nur ein notwendiges Übel oder auch einfach ein Mittel zum Zweck. Daraus ergibt sich meine erste Schlussfolgerung: Wenn ein Lehrer sagt, «Ableitungen sind sehr wichtig für Ihr späteres Leben», dann ist dies ein Irrglaube. Es sei denn man möchte Lehrer werden. Denn Ableitungen sind ja nur «Mittel zum Zweck». Ich muss sie also nur lernen, um die Schule zu bestehen, aber nicht damit ich sie später brauchen werde. Der Trick liegt nun darin, die Schule zu bestehen, ohne eine einzige Ableitung jemals im Kopf zu behalten.

Mit dieser Antwort kann ich mich vorerst zufrieden geben. Doch was heisst es, «im Leben etwas zu erreichen»? Und ist es wirklich das, was ich machen will oder ist es nicht doch die Gesellschaft, die mich in jene Situation hineingezwängt hat? Wenn man nun also durch diese Qual der Schule hindurch muss, um danach die Süsse des Arbeitslebens geniessen zu dürfen, dann würde dies doch bedeuten, dass die meisten Menschen mit ihrer Arbeit zufrieden sein müssen. Da hege ich allerdings einige Zweifel. Das Gejammer und die Qual werden immer weitergehen und fast jeder wird sich später auch über seinen Beruf beschweren und sich an den schönen Tisch hinten in der Ecke des Klassenzimmers zurückwünschen. Doch warum sitze ich dann genau hier in der Schule und bin nicht in Costa Rica?

Es muss also doch die Gesellschaft sein, die mich in das hineinzwingt, was ich mache. Viele, vor allem alle Lehrer, würden hier sicher argumentieren, wir seien doch alle freiwillig im Collège und es sei auch unsere Entscheidung, ob wir später studieren gehen oder nicht. Das mag ja in der Theorie so stimmen, doch was wären denn die Alternativen? Entweder man macht das Gymnasium oder eine Lehre. Andere Optionen standen uns nie zur Verfügung und wurden uns nie von jemandem vorgeschlagen. Verweigerungen werden nicht akzeptiert, denn dann wird man ein Aussenseiter der Gesellschaft. Da bleiben nicht mehr viele Überlebensmöglichkeiten übrig. Entweder man beginnt ein Leben auf der Strasse oder man reist in ein noch nicht von dieser Gesellschaft «verdorbenes» Land, wie in den Norden von Alaska und beginnt ein Leben als einsamer Alleinversorger. Wenn ich also jetzt sofort die Schule verlasse, erwische ich noch den nächsten Flieger und bin in 19 Stunden und 23 Minuten für läppische 1255 Franken in der Freiheit. Doch würde ich dann wirklich das tun, was ich machen will?

Wie Sie sehen ist es extrem schwierig, die Frage zu beantworten, wieso ich das mache, was ich mache – denn wir sind der Antwort noch keinen Schritt näher gekommen. Allerdings habe ich nun keine Zeit mehr für weitere Ausführungen, da die Klingel soeben ertönt ist, um mir mitzuteilen, dass ich nun aus der Schule in die Freiheit entlassen bin. Ich muss mich also entschuldigen, wünsche Ihnen aber noch viel Erfolg, mit der nächstlogischen Anschlussfrage den Gedankengang fortzuführen: Was ist die Gesellschaft überhaupt und wie kann sie mich kontrollieren? Und nur so nebenbei: Wieso lesen Sie genau jetzt diesen Text?

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird: www.freiburger-nachrichten.ch/zig-blog