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Das Sabbatical für zwischendurch

Rund um Freiburg gibt es viele ‘Mikroabenteuer’ zu erleben: Im Bild der Blick von der Grandfey-Brücke in Richtung Schiffenensee.
Gymnasiastin Iman Zbinden macht sich im ZiG-Blog diese Woche Gedanken über eine spezielle Variante der Auszeit.

Gerade rund um die Weihnachtszeit ist der Alltagsstress irgendwie spürbarer als sonst. Die letzten Prüfungen vor den Ferien stehen an, noch längst sind nicht alle Geschenke gekauft und die Grippe ist einem, dank der  Kältephase, auf den Fersen. Kaum ist das Weihnachtsfest vorüber, steht Silvester vor der Türe und wir realisieren, dass in den lang ersehnten Ferien das Entspannen völlig untergegangen ist. Nach dem winterlichen Trubel wünscht man sich doch nichts sehnlicher, als dem eintönigen Alltag entfliehen zu können. Doch häufig haben wir dafür sofort scheinbar gerechtfertigte Ausreden parat: Die Ferien sind ja jetzt leider schon vorbei, wichtige Prüfungen stehen an und Geld ist auch keines da. So können wir uns garantiert keine Auszeit auf einer fernen, sonnigen Insel leisten!

Doch was, wenn wir nirgendwo hingehen müssen, um die Seele endlich baumeln lassen zu können? Alastair Humphreys erklärt, wie das zu schaffen ist. Der junge Engländer wurde 2012 von National Geographic zum Abenteurer des Jahres gekürt. Er holte sich den Preis jedoch nicht mit beneidenswerten Weltreisen und Fotos von atemberaubenden Aussichten in fernen Ländern. Er überzeugte mit seiner Idee der Mikroabenteuer. Doch auch er war anfangs geleitet von der Idee, Abenteuer müssten super verrückt sein und am anderen Ende der Welt vonstattengehen. Er erklärt: «Von meinem zwanzigsten Lebensjahr an war ich vier Jahre lang mit dem Fahrrad auf Weltreise und bin mit einer Yacht über den Atlantik gesegelt. Ich suchte extreme physische Herausforderungen und wollte neue Länder und Kulturen entdecken.» Doch dann erkannte er, dass sich die Magie des Abenteuers in den Alltag integrieren lässt. Er sagt: «Abenteuer erleben, das hat für mich heute mehr mit einer Denkweise zu tun. Für mich ist es wichtig, überrascht zu werden und Dinge zu tun, an die ich mich auch noch in einem Jahr noch erinnere. Am liebsten mache ich etwas, vor dem ich mich vorher ein wenig scheue.» Humphreys ist mittlerweile 43 Jahre alt und sucht den Adrenalin-Kick nicht mehr so, wie er das früher tat.

Doch was hat Humphreys denn nun genau erfunden? Was steckt hinter dem Begriff der Mikroabenteuer? Es ist eine Art, seinen Kopf lüften zu können und das befreiende Gefühl eines Urlaubs zu erleben, ohne zu verreisen. Es geht darum, aus dem Alltag auszubrechen und sich mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen. Humphreys’ Ansichten haben sich also verändert: «Als ich ein kleiner Junge war, liebte ich es, im Garten zu campen und unter den Sternen zu schlafen. Und warum sollte man das als Erwachsener nicht mehr machen? Nimm dein Bettzeug mit in den Garten, eine heisse Schokolade oder ein Glas Wein, geniesse die Nacht unter freiem Himmel und wache mit dem Sonnenaufgang auf.» Es sind also sehr einfach realisierbare Abenteuer, die gleichwohl erfrischend und aufregend sind. Man braucht dafür auch kein prall gefülltes Portemonnaie: Man geht barfuss im Wald spazieren oder fährt an einen See und übernachtet im Auto. Humphreys setzt der Fantasie keine Grenzen: «Mit dem Zug kannst du in einer halben Stunde an einem interessanten Ort sein, den du noch nicht kennst. (…) Das schöne ist: Ob du 24 Stunden oder 24 Monate unterwegs bist, ist für das Gefühl nicht wichtig.» Denn das was zählt, ist, dass man aus der blinden Gewohnheit ausbricht und bleibende Momente schafft. Die Mikroabenteuer haben den Vorteil, dass sie Zeit für einen selbst schaffen und ebenso als «Digital Detox» wirken können. Also worauf warten wir noch? Humphreys motiviert und meint: «Ängste, Herausforderungen und Unbequemlichkeiten gehören dazu. Gerade die Überwindung macht das Abenteuer zu einem denkwürdigen Erlebnis.» Ich denke, dass die Idee der Mikroabenteuer gerade für gestresste Schüler und überarbeitete Hektiker eine perfekte Gelegenheit ist, dem Geist eine Auszeit zu schenken. Humphreys hat mit seinem Konzept nicht ohne Grund einen Riesentrend ausgelöst. Er fordert uns auf, kreativer zu sein. Was kann man beispielsweise mit den Stunden zwischen 17 Uhr und 8 Uhr früh alles anfangen?

Ich finde seine Denkweise inspirierend und belebend. Es bringt nichts, sich fürs Glücklichsein Ausreden zu suchen! Dem ewigen «Wenn ich reich wäre, würde ich…», «wenn ich schlank wäre, hätte ich...» und «wenn ich Ferien hätte, wäre ich...» wird ein Ende gesetzt. Denn diese neue Anschauung zeigt auf, was man alles aus seiner Zeit machen kann – und dass man mit zu stark zukunftsorientiertem Denken leider oft erfolglos bleibt und dieses einen bloss mit Träumen aber wenigen Erinnerungen dastehen lässt.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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