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«Der Kontrabass» von Patrick Süskind

Aussergewöhnlich aber genauso spannend kommt der heutige ZiG-Blog daher. Die schriftlichen Maturaprüfungen sind abgesagt, dennoch haben sich etliche Maturandinnen und Maturanden im Vorfeld an möglichen Prüfungsaufgaben geübt. Eine dieser Maturandinnen ist ZiG-Bloggerin Sophie Probst. Sie lässt die FN-Leserschaft an ihrer Lektüre-Analyse im Fach Deutsch teilhaben, in der sie das Werk eines berühmten deutschen Schriftstellers und Drehbuchautors behandelt.

«Ich habe einmal einen Onkel gehabt, der war ständig krank und hat sich ständig beklagt, dass keiner sich um ihn kümmert. So ist der Kontrabass. Wenn Sie Gäste haben, spielt er sich sofort in den Vordergrund. Alles spricht bloss noch über ihn. Wenn Sie mit einer Frau allein sein wollen, steht er dabei und überwacht das Ganze. Werden Sie intim-er schaut zu. Sie haben immer das Gefühl, er macht sich lustig, er macht den Akt lächerlich. Und dieses Gefühl überträgt sich natürlich auf die Partnerin, und dann- Sie wissen selbst, die körperliche Liebe und die Lächerlichkeit, wie eng liegt das zusammen und wie schlecht verträgt es sich! Wie miserabel! Es gehört sich einfach nicht. Entschuldigen Sie…» (S.34,35)

Geben Sie eine Analyse der Textstelle und stellen Sie diese in den Zusammenhang des gesamten Werkes.

Die Textstelle stammt aus dem Werk «der Kontrabass», verfasst von Patrick Süskind und veröffentlicht 1980. Es handelt sich dabei um den Monolog eines Kontrabassisten, der in seinem Musikzimmer zum Publikum einen Vortrag über die Schönheit und Vielseitigkeit von seinem Instrument erzählt. Allerdings wird schnell klar, dass seine Erzählung widersprüchlich ist und der Leser beginnt bald zu erkennen, wie sehr er sein Instrument hasst und mit seinem Leben unglücklich ist. Dies wird auch in der Textstelle zum Ausdruck gebracht.

Der Kontrabassist spricht darin über sein Instrument. Er vergleicht es mit einem kranken Onkel und hält es für ein Hindernis um mit einer Frau intim zu werden, denn es stellt ihn immer in den Schatten. Dabei wird der Erzähler immer aufbrausender, was auch an seinem steigenden Alkoholkonsum liegt.

Die Stelle ist wichtig für die Gesamthandlung, da hier fast alle Probleme des Protagonisten zusammengefasst werden. Er steht in einer Hass-Liebe zu seinem Instrument, kann sich aber dennoch nicht davon trennen, denn sonst würde er den letzten Sinn in seinem Leben verlieren. Zudem erkennt man hier, dass der Protagonist Sündenböcke für seine Misere sucht und versucht, sich immer wieder herauszureden. Genau diese Elemente dominieren auch die Gesamthandlung des Werkes.

«Der Kontrabass» ist ein Monodrama in dem die Einheit von Handlung, Raum und Zeit streng eingehalten wird. Das Stück spielt sich innerhalb von wenigen Stunden ab und beinhaltet einen einzigen Monolog ohne einen Ortswechsel. Deshalb ist das Stück auch ein Einakter, da es nicht in Szenen unterteilt ist. Dies wird unterstützt durch die vielen rhetorischen Figuren, welche verwendet werden, wie beispielsweise in der obigen Textstelle. Süskind setzt hier eine Personifikation ein. Der Kontrabass ist nicht mehr nur ein Objekt sondern für den Erzähler eine Art Persönlichkeit oder Konkurrenz («er schaut zu», S. 35). Auch ein Vergleich findet sich im Auszug, als der Kontrabass mit einem kranken Onkel verglichen wird. Süskind verwendet aber auch unzählige Metaphern (etwa «der eigentlich zeugende Pol, aus dessen Leben-bildlich-der musikalische Same quillt», S. 12).

Die einzige Figur in der Textstelle ist auch gleichzeitig die einzige Hauptfigur des Werkes und die einzige Figur, die spricht. Der Kontrabassist, dessen Name unbekannt bleibt, ist Mitte dreissig und spielt beruflich im Staatsorchester. Sein Leben könnte nicht ordinärer beschrieben werden; er hat eine feste Anstellung, einen geregelten Tagesablauf und keine anderen Probleme als sein Instrument. Er lebt zurückgezogen und abgeschottet von der Aussenwelt und lebt in einer Selbstillusion, macht jedoch während des Werkes eine Entwicklung durch (vom Schwärmen von seinem Instrument über Hass-Liebe zu Resignation). Seine einzigen herausstechenden Merkmale sind sein musikalisches Wissen und sein Wissen über Mythologie. Sein Charakter, der Angst vor Herausforderungen hat und nie aus seiner Komfortzone herauskommt, sich insgeheim jedoch immer beschwert («ich bin Realist und weiss mich zu fügen», S. 60), hindert ihn daran zu handeln und der jungen Sopranistin seine Liebe zu gestehen. Die Tatsache, dass Süskind ihm keinen Namen gegeben hat, verstärkt den Eindruck seiner Bedeutungslosigkeit in der Welt. So bleibt er für den Leser unantastbar und unerreichbar, einfach nur ein «Jemand», dessen Namen man sich nicht merken muss.

2.     Charakterisieren Sie die Entwicklung der Hauptfigur im Verlauf der Handlung auf.

Die Hauptfigur und gleichzeitig einzige vorkommende Person im Stück ist der fünfunddreissig jährige Kontrabassist, dessen Name unbekannt bleibt. Seine Entwicklung kann in drei Phasen unterteilt werden.

1.     Phase  (S.7-31): Anfangs ist der Protagonist begeistert von seinem Instrument und macht dem Publikum durch Lobreden klar, wie bedeutend der Kontrabass ist («…dass der Kontrabass das mit Abstand wichtigste Orchesterinstrument schlechthin ist.», S.9; «der bass ist also das Fundament, auf dem sich dieses ganze herrliche Gebäude erhebt», S.10). Er versucht auch, die Schönheit des Basses durch viele Metaphern und Vergleiche zum Ausdruck zu bringen («…ohne den Kontrabass…wie Kaiser ohne Kleider», S.11). Er ist auch stolz, dieses Instrument zu spielen, jedenfalls versucht er, dies dem Publikum klarzumachen («das bin ich! Ich meine der bass ist das», S.12). Ebenfalls in dieser Phase versucht der Protagonist, sich durch seine Kenntnisse über Musikgeschichte und Mythologie gegenüber dem Publikum zu beweisen. Seine Fassade beginnt allerdings nach und nach zu bröckeln, da all diese Versuche, seine Lage zu beschönigen, scheitern. Ab einem bestimmten Punkt kehrt seine Gemütslage.

2.     Phase (S.31-74): Hier findet sich der Protagonist in einer Hass-Liebe mit seinem Instrument wieder und beginnt, Sündenböcke für sein miserables Leben zu suchen. Er beginnt damit, alles am Instrument zu kritisieren («das scheusslichste, plumpeste, uneleganteste Instrument, das je erfunden wurde.», S.49; «das unschönste aus dem Gebiet der Geräusche!», S.51). Aber dennoch lässt sich erkennen, dass er sich um sein Instrument sorgt, wie um eine Person («…lehne ihn so hinein, den Bogen leg ich ihm daneben,…», S.48; «Wenn er eines nicht verträgt, dann ist es Regen», S.37) und obwohl er sein Instrument so sehr hasst, kann er sich doch nicht davon lösen. Auch seiner Familie gibt er die Schuld an seinem bedeutungslosen Dasein («mich liebte niemand», «Aus Hass auf dem Vater…», S.39). Er beginnt auch damit, berühmte Künstler zu beschuldigen, weil diese Ruhm und Ehre erlangt haben, was ihm nie gelingen wird («Und das mache ich ihm zum Vorwurf», «in der Zeit wäre ich ein weltbekannter Virtuose gewesen», S.68).

3.     Phase (S.74-96): Je betrunkener er wird, desto mehr steigert er sich in seinen Beschuldigungen hinein. Auch die junge Sopranistin, in die er so verliebt ist, hat nun Schuld, dass sie ihn nie beachtet. Er beginnt sich eine Zukunft mit ihr vorzustellen, allerdings nicht mehr wie anfangs in der Möglichkeitsform, sondern im Präsens. Er nimmt also schon an, dass sie zusammen sein werden («wenn wir und dann kennen», S.75). Wenn er dies auch tun würde, hätte er zum ersten Mal etwas aus eigenem Antrieb gemacht, was er nicht auf den Kontrabass schieben könnte. So könnte er seiner Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit entgehen und ein eigenständiger Mensch werden. Doch zum Schluss erkennt er doch seine Bedeutungslosigkeit und endet wieder mit gemässigtem Ton («Wenn ich mich trau.», S.96), so weiss das Publikum genau, dass er sich zuvor nur etwas eingeredet hat und eigentlich zu feige ist, wirklich nach seinen Träumen zu handeln.

3.     Nennen Sie intertextuelle Bezüge.

·       Es gibt unzählige Verweise im Buch auf musikalische Werke wie beispielsweise «die Walküre» (S.31), die zweite Sinfonie von Brahms oder die Vorstellung von Siegfried, sowie Verweise auf berühmte Komponisten wie Schubert, Haydn, Beethoven, Mozart und viele weitere.

·       Nebst den vielen musikalischen Verweisen lässt der Protagonist auch sein Wissen zu Mythologie aufblitzen. So vergleicht er die Kontrabassisten mit Zerberussen, den Höllenhunden aus der griechischen Mythologie. Ebenfalls erwähnt er in demselben Zusammenhang Sisyphos, der dazu verdammt wurde immer wieder einen Stein den Berg heraufzurollen, nur damit dieser wieder herunterrollt – und Prometheus, den Titanen, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Auch diese beiden stammen aus der griechischen Mythologie.

·       Auch erwähnt der Protagonist einige Male die Bibel. So sagt er  «…dann entsteht eine reinste babylonische Sprachverwirrung, Sodom, in dem niemand mehr weiss, warum er überhaupt Musik macht.» (S.10). Hier verweist er einerseits auf den Turmbau zu Babel, der Gott dazu veranlasst haben soll, den Menschen verschiedene Sprachen zu geben und auch auf die Erzählung aus dem Ersten Testament von den beiden Städten «Sodom und Gomorrha». Ebenfalls verwendet er die Redewendung «ein Kainsmal aufdrücken» (S.69) und verweist dabei auf das Zeichen der Schuld, welches Gott im Alten Testament dem Brudermörder Kain auferlegte.

·       Man könnte eine Parallele zwischen der Kindheit des Protagonisten und Kafka ziehen. Denn wie Kafka und viele Figuren seiner Werke hat auch der Kontrabassist einen Hass auf den Vater sowie das fehlende Gefühl geliebt zu werden und steht in einem Konflikt zwischen dem Dasein als Beamter und Künstler. Auch gibt der Protagonist dem Vater die Schuld für sein Versage, so wie Kafka seinem Vater die Schuld an seinen gescheiterten Beziehungen gibt.

·       Zusätzlich zu den expliziten Verweisen auf Goethe könnte man die Beziehung des Protagonisten mit der von «Faust» aus dem gleichnamigen Buch von Goethe vergleichen. Der Bassist sagt: «Ich brauche immer eine Frau, die ich nicht kriege. Aber so wenig wie ich sie kriege, brauche ich auch wieder keine.» (S.77). Genau die gleiche Beschreibung trifft auf Faust und Gretchen zu. Er braucht sie, denn sie gibt seinem Leben einen Sinn, doch so sehr er es auch versucht, er kann sie doch nie kriegen und muss sie am Ende zurücklassen. Auch der Bassist ist in eine Frau verliebt, die jedoch für ihn unerreichbar bleibt.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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