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Die andere Seite der Medaille

Willkommen in der Zeit des Chaos, wo wir anstehen müssen, um ins Migros gehen zu können und wo wir uns nur noch über die Distanz einer Strassenbreite hinweg unterhalten können. In dieser Zeit der Verwirrung, in der wir uns von einem unsichtbaren Feind verfolgt fühlen, müssen wir auch die Sonnenseiten sehen. Es gibt nicht nur negative Aspekte, die diese Situation in Zeiten des Coronavirus hervorbringt. Im Folgenden stelle ich, Sophie Probst, Gymnasiastin am Kollegium St. Michael, Ihnen vor, wie man das Leben in Quarantäne geniessen kann.

Kein Wecker der frühmorgens klingelt; diese späte Morgensonne, die durch Fenster ins Gesicht scheint. Bei einer Tasse Kaffee im Garten denke ich daran, wie mein Leben normalerweise aussehen würde: Mit meinem uralten, gemeingefährlich anmutenden Fahrrad rase ich am Morgen kriminell ohne Licht durch die knapp beleuchteten Strassen. Dabei entgehe ich jedes Mal nur um Haaresbreite einem Auto, dass ebenso gestresst unterwegs ist wie ich. Im überfüllten Zug nach Freiburg zu pendeln ist ebenso wenig ein motivierender Start in den Tag, wie der Anblick des Freiburger Bahnhofplatzes an einem kalten Morgen im März. Und egal wie kalt es schon in Murten war, die goldene Regel besagt: In Freiburg ist es immer 100 Grad Celsius kälter und es regnet oder ist neblig. Ich bin müde, alle wollen mich über die Hausaufgaben ausfragen und mir von ihrem ach so schönen Wochenende erzählen. Dabei ist alles was ich will Schlaf, Ruhe und einen Kaffee. Und es ist noch nicht einmal acht Uhr morgens.

Aber das alles gehört in der jetzigen Zeit der Vergangenheit an. Nun ist es 9 Uhr 30 und noch niemand ausser ein netter Spatz haben mir von ihren Sorgen erzählt. Herzlich Willkommen im Corona-Alltag einer Gymnasiastin.

Sehen wir uns doch die Vorteile dieser ganzen Sache an.

  1. Wir müssen uns nicht mehr mit Lehrpersonen persönlich herumschlagen: Hausaufgaben korrigieren, Mitarbeitsnoten erhalten und während dem Unterricht unvorbereitet aufgerufen werden –  all dies gehört nun der Vergangenheit an.
  2. Wir können das machen was wir wollen, wann wir wollen: Um acht Uhr morgens zwei Stunden Schwerpunktfach und gleich danach ins Englisch zu rennen, immer weiter bis einem schliesslich der Kopf raucht: All dies sind nur noch vage Erinnerungen. Jetzt kann ich einfach einen Stift nehmen und nach Belieben Französisch vom Stundenplan streichen und wem wird es auffallen? Niemand wird es jemals erfahren, ausser Sie liebe Leserin, lieber Leser – also behalten Sie dies bitte für sich. Wenn Sie jetzt denken: Ja, aber was ist mit Live-Meetings, da muss ich doch anwesend sein. Nein, nein, nein! Nicht wieder in die alten Bahnen verfallen. Einfach so tun, als hätte man den Link nicht, als hätte man die Mail nicht erhalten oder aber der gute alte Trick mit dem nicht funktionierenden Internet. Und auch wenn man dann an der Sitzung teilnimmt, dann reicht es, sein Gesicht zu zeigen. Daneben kann man natürlich tun und lassen was man will.
  3. Keine Prüfungsangst mehr: Alle Prüfungen sind vorläufig abgesagt oder verschoben. Natürlich: Irgendwann in ferner Zukunft werden wir eine Woche mit riesigem Stress und mindestens zwanzig Prüfungen aufs Mal haben. Aber das ist noch weit weit weg. Wir müssen im Moment leben und nicht an die düstere Zukunft denken.
  4. Man kann ausschlafen! Was gibt es Schöneres als an einem «Schultag» bis um elf Uhr in den Federn liegen zu bleiben. Und auch wenn man einem Live-Meeting beiwohnen muss – vor neun Uhr läuft nichts. Die Lehrerinnen und Lehrer haben doch selbst keine Lust, so früh aufzustehen.

Wie Sie nun sehen, hat die Corona-Krise nicht nur Nachteile. Die Schüler sind gezwungen, vermehrt eigenständig zu arbeiten und selbst Verantwortung für ihr schulisches Weiterkommen zu übernehmen. Das ist natürlich eine gute Vorbereitung auf die Universität. Da dann auch die meisten Maturanden eine Universität oder Fachhochschule besuchen, ist dies eine wertvolle Erfahrung für unsere zukünftigen Studenten.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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