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Geschätzter Leser, geschätzte Leserin

Wie Sie sicherlich mitbekommen haben, ist die aktuelle gesundheitspolitische Situation alles andere als lustig. Durch die Massnahmen des Bundes wurde das öffentliche Leben stark verlangsamt, und die wirtschaftlichen Folgen werden sich uns erst später in vollem Ausmass offenbaren. Ich möchte Ihnen keine Predigt halten, das machen die Medien schon die ganze Zeit.

Für uns Schüler ist es eine ungewohnte Situation. Am Freitag, den 13.03.2020 (Freitag, der 13., klingt ja schon an sich gruselig, oder nicht?), wurde uns per Mail mitgeteilt, dass wir voraussichtlich bis Ende April Fernunterricht haben werden. Das bedeutet, wir aus den Abschlussklassen müssen uns den Maturastoff von zu Hause aus erarbeiten. Selbststudium quasi. Unsere Lehrer versuchen uns mit allen Mitteln zu unterstützen, aber es ist nicht dasselbe, wie wenn wir in einem Klassenzimmer sitzen würden. Ehrlich gesagt fühle ich mich ein wenig eingesperrt, mir wäre das Klassenzimmer mit den Kameraden momentan lieber als die heimischen vier Wände, aber andererseits kann ich den Entschluss der Behörden gut nachvollziehen.

Wenn es Ihnen recht ist, würde ich gerne über etwas anderes schreiben als das Coronavirus. Ich denke, eine kleine Atempause von all diesen Meldungen kann nicht schaden.

Wann haben Sie das letzte Mal bewusst etwas wahrgenommen? Wie lange ist es her, dass Sie bewusst etwas gerochen oder berührt haben? Unsere Wahrnehmung ist dermassen auf Effizienz getrimmt, dass sie nur noch oberflächlich funktioniert. Das meiste erkennen wir über unsere Augen, die anderen Sinne verlieren an Bedeutung. In unserem Alltag nehmen wir uns selten die Zeit, etwas willentlich wahrzunehmen. Ich möchte Sie bitten, kurz auf Ihren Balkon oder in Ihren Garten zu gehen. Schliessen Sie die Augen. Was spüren Sie auf Ihrer Haut? Wie fühlt sich der Wind oder Ihre Jacke an? Hören Sie die einzelnen Vogelgesänge und das Brummen der ersten Insekten? Was riechen Sie? Hat der Bauer schon die Gülle aufs Feld gebracht, oder riechen Sie die Blüten der Hamamelis? Spüren Sie die Wärme der ersten Sonnenstrahlen auf Ihrer Haut? Sie dürfen wieder in Ihre Wohnung zurück. Nehmen Sie sich etwas zu essen, das, worauf Sie gerade Lust haben. Schauen Sie die Nahrung an. Welche Texturen können Sie erkennen? Riechen Sie daran. Können Sie die einzelnen Inhalte herausriechen? Nehmen Sie ein Stück in den Mund. Wie fühlt es sich dort an? Und ganz wichtige Frage, wie schmeckt es für Sie? Ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesem kleinen Gedankenspaziergang aufgezeigt habe, was sich alles offenbart, wenn man seine Umgebung bewusst wahrnimmt. Oft bekommt man vieles nicht mit oder nur am Rande. Gehen Sie mit offenen Augen und Ohren durch die Welt!

Ich war vor einiger Zeit in einem Café und habe dort einen Milchkaffee bestellt. Kaffeetrinken ist für mich eine Art Ritual, ich nehme mir die Zeit zum Geniessen und um die Umgebung zu beobachten. Mein Kaffee kam, und ich durfte Folgendes wahrnehmen: Die Tasse war aus dicker Keramik und fühlte sich angenehm schwer an. Beim Trinken schmeckte ich die Milch und den Kaffee heraus, er hatte eine cremige Konsistenz. Es war ein schönes und heimeliges Gefühl. Dann fiel mir etwas auf, was mir bis zum heutigen Tag ein Lächeln ins Gesicht zaubert…

Eine Familie mit zwei kleinen Kindern war gerade fertig mit dem Znüni. Die Mama gab der kleinen Tochter (sie konnte gerade so laufen) einen Becher mit dem Geld und der Rechnung und schickte die Kleine in Richtung Tresen. Das Mädchen watschelte los, und die Kellnerin fing an zu strahlen, als sie die kleine Kurierin bemerkte. Sie kniete zum Mädchen nieder und wartete, bis die Kleine ihr das Geld Stück für Stück in die Hand gelegt hatte. Dann drehte sich das Mädchen um und watschelte stolz und mit einem Strahlen im Gesicht zurück zur Mama. Hätte ich in diesem Moment auf mein Handy gestarrt, wäre mir ein solch niedlicher Moment völlig entgangen. Ich hätte nie mitbekommen, wie stolz die Kleine auf sich war und welche Freude sie der Kellnerin gemacht hatte.

Oder falls Sie in der nächsten Zeit am Spazieren sind, achten Sie mal auf die Dinge neben dem Weg. Es kann gut sein, dass man am Morgen noch eine Herde Rehe auf der Wiese grasen sieht, oder ein Eichhörnchen flitzt den Baum hoch. Die ersten Schmetterlinge sind auch schon unterwegs. Bleiben Sie doch einen Moment stehen und schauen Sie dem lustigen Treiben zu.

Ich habe kürzlich ein Video gesehen, bei dem ein Vater die Kamera mit auf einen Spaziergang nahm und versuchte, die Welt aus der Perspektive seiner kleinen Tochter zu filmen. Für sie war das Ganze ein grosses Abenteuer. Was es da nicht alles zu entdecken gab! Für die Erwachsenen war es wohl nur eine halbe Stunde Fussmarsch, aber das Mädchen konnte sich gut über eine Stunde beschäftigten. Für die Erwachsenen waren es alltägliche Dinge, für die Kleine waren sie faszinierend. Sie konnte mit all ihren Sinnen die Welt um sie herum entdecken. Wieso können die Älteren das nicht mehr? Was würde da schon verloren gehen, wenn wir es mal versuchen würden? Ich denke nicht viel, und Zeit haben wir ja jetzt genug.

Daher, liebe Leser, versuchen Sie doch mal Ihre Umgebung aus einer neuen Perspektive zu sehen, nehmen Sie sie bewusst wahr und geniessen Sie das Gefühl. Es ist doch unglaublich, was wir mit unseren Sinnen alles können, oder nicht? Mit diesen Gedanken lasse ich Sie jetzt allein. Tragen Sie Sorge und bleiben Sie gesund!

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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