0

Weihnachten – Das Fest der Gegensätze

Ein Essay zur Ambivalenz des Weihnachtsfestes von Anouk Vonlanthen

Mit «Ho! Ho! Ho!» kündigt Santa Weihnachten an. Steht die Adventszeit vor der Tür, so denke ich automatisch an die zehn Sorten Weihnachtsguetzli, an die vielen Geschenke, an die am grossen Tisch versammelte Familie, an den geschmückten Weihnachtsbaum, an das feine Essen, an die gut gelaunten Gesichter… Müsste ich jedoch Ende Dezember dieses Fest charakterisieren, käme mir bestimmt nicht diese kitschige Beschreibung über die Lippen und ich würde meine Worte von Anfang Dezember glatt als Utopie bezeichnen. Der Gürtel ist nun zu eng, die erhaltenen Geschenke stehen auf jeder denkbaren Abstellfläche in der Wohnung und beginnen mit dem Staubfangen, der Kühlschrank ist mit Essensresten überfüllt, der Weihnachtsbaum sät seine Nadeln im Wohnzimmer – als würden daraus neue Bäume wachsen. Nicht zu vergessen ist die abrupt beendete Vorfreude auf Weihnachten, welche uns doch immerhin 24 Tage die dunkle Jahreszeit versüsst hat. Alle, die sich überhaupt noch an das utopische Bild von Anfang Dezember erinnern können, stimmen mir bestimmt zu, dass Weihnachten zwei Gesichter hat.

Ein erster Punkt der Ambivalenz taucht bei der Liebe auf. Weihnachten gilt als das Fest der Liebe, aber die Gespräche hören sich teilweise anders an: «Schatz, kümmerst du dich dieses Jahr um die Gans?» und die Antwort lautet dann in etwa «Wieso sollte ich? Sie ist doch deine Mutter!» Dieses Missverständnis macht mir klar, dass es an Weihnachten zwar um Gefühle geht, aber nicht unbedingt um Liebe. Die verhasste Schwiegermutter, die meckernde Grossmutter, der verkrachte Schwager… Ich möchte nicht behaupten, dass diese Personen keine Gefühle füreinander haben, denn sonst würden sie sich gleichgültig begegnen. Aber ihre Gefühle müssen nicht zwingend positiv sein. Sowohl Hass wie auch Streitigkeiten zeugen von Gefühlen. Es zeigt sich also, dass die Gegensätze Liebe und Hass beide an Weihnachten mit dabei sind.

Weiter ist das Weihnachtsfest bezüglich Qualität und Quantität ambivalent. Sehr viel feines Essen verwöhnt unseren Gaumen und scheinbar unseren Magen. Essen ist ein wesentlicher Aspekt an Weihnachten und ich möchte es nicht missen. Dennoch stellt sich nach der Weihnachtsfeier die Frage, ob diese Menge an Bretzeln, Filet im Teig und Weihnachtsguetzli wirklich noch im Bereich des Positiven lag. Das Sprichwort «Qualität vor Quantität» wird an Weihnachten galant umgangen. Um weder die Qualität noch die Quantität zu kurz kommen zu lassen, esse ich viel und dennoch gutes Essen. Diese Kombination von Qualität und Quantität hört sich traumhaft an, ist jedoch ein Widerspruch. Denn subjektiv gesehen, nimmt die Qualität von Zimtsternen ab, wenn sie in grosser Quantität gegessen werden. Ich persönlich finde einen Zimtstern nach einem Skitag an der frischen Luft und bei Sonnenschein exzellent. Wenn ich jedoch am Weihnachtsessen bei zwei Gängen zu stark zugeschlagen habe und anschliessend zum Dessert einen Zimtstern esse, finde ich ihn nicht halb so brillant. Indem wir also an Weihnachten solche Mengen an Essen zubereiten und verschlingen, erreichen wir nicht «Qualität und Quantität», sondern «Qualität nach Quantität».

Sprüche wie «Nach Weihnachten muss ich nicht mehr bügeln, die Klamotten sitzen sowieso faltenfrei» zeigen die physischen Folgen der gerade eben thematisierten quantitativen Ernährung an Weihnachten. Wieso aber ziehe ich mich besonders schick für das Weihnachtsfest an? Denke ich, es ist bequemer, wenn ich mir in einem Etuikleid statt in einer bequemen und grossen Jeanshose den Bauch vollzuschlage? Denken wir mal kurz an die Models auf den Laufstegen: Bei ihnen ist die Ernährung auf «nur Qualität, keine Quantität» beschränkt. Es zeigt sich, dass schöne Kleidung und viel Essen keine praktische Kombination sind. Ich kann meine Frage zur Bekleidung an Weihnachten soweit also nicht beantworten. Vermuten lässt sich jedoch, dass schöne Kleidung den Anschein erweckt, dass mir dieses Fest viel bedeutet und ich mich dazu aussergewöhnlich kleiden möchte. Dies bestätigt einen weiteren Gegensatz beim Weihnachtsfest: Schöne Kleidung und viel Essen.

Es gibt aber nicht nur viel zu essen an Weihnachten, sondern auch viele Geschenke. In unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft kann ich mir das ganze Jahr hindurch jene Dinge kaufen, welche ich brauche oder welche mir Freude machen. Diejenigen Sachen, die ich mir nicht kaufe (und somit meist auch nicht brauche), kommen auf meinen an Santa geschickten Wunschzettel. Ich erhalte von meiner Verwandtschaft dann notwendigerweise Dinge, die ich nicht brauche und nicht möchte. Folglich wird es schwierig, meine Faszination für diese Geschenke hochzuhalten und sie werden häufig zu Staubsammlern. Wir schenken uns an Weihnachten also Geschenke, um die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung auszudrücken. Doch drücken wir diese Anerkennung mit Scheingeschenken aus. Denn ein Geschenk, welches von der beschenkten Person weder gebraucht noch gemocht wird, ist bloss ein Scheingeschenk. Es ist keine Bereicherung und trotzdem schenken wir uns jährlich wieder dieselben Pralinés, Duftkerzen und Seifen. Das ist ein Widerspruch.

Ein weiterer Gegensatz herrscht zwischen unserer heutigen Zelebration von Weihnachten und dem Ursprung des Festes. Weihnachten ist in der christlichen Kirche das Fest, an welchem die Geburt von Jesus gefeiert wird. Jesus wurde in eine arme Familie geboren. Wir wählen heute (dank unserem Wohlstand) bewusst Premium-Karotten fürs Weihnachtsmenu. Wir feiern in einem reich geschmückten Wohnzimmer mit einem grossen leuchtenden Tannenbaum, während Jesus an diesem Tag vor vielen Jahren in einem einfachen Stall neben Tieren das Licht der Welt erblickte. Auf unserem Tisch an Weihnachten liegt nicht selten ein gebratenes Tier, während Jesus damals im Einklang mit den lebenden Tieren im Stall lag. Ohne den Lebensstil der Fleischkonsumenten, den Tannenbaum oder den Wohlstand kritisieren zu wollen, sind diese Gegensätze zwischen dem Ursprung von Weihnachten und der heutigen Feier von Bedeutung für mich.

Schlussfolgernd kann ich sagen, dass sich unsere Tradition des gegensätzlichen Weihnachtsfestes wohl nicht ändern lässt. Aber ich werde mir vornehmen, ganz nach dem Motto «Nichts ändert sich, bis man sich selbst ändert – und plötzlich ändert sich alles» meine eigene Einstellung zu verändern : Ich werde mir für die kommenden Weihnachten schon zu Beginn der Adventszeit bewusst machen, dass die Vorfreude grösser ist als die anschliessende Freude am Weihnachtsfest. Dies wird meine Beschreibung von Weihnachten Ende Dezember nächsten Jahres hoffentlich etwas relativieren und die weihnachtliche Waage mit der Freude vor dem Advent einerseits und der Freude nach Weihnachten andererseits etwas ausbalancieren.

P.S. Bitteschön an alle, die nun durch mich doch noch den ersten Vorsatz fürs neue Jahr gefunden haben.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

Kommentare zu diesem Artikel