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Wir spielen blinde Kuh

Weinachten steht vor der Tür und die Zeit des grenzenlosen Schlemmens steht uns wieder bevor. Doch im Jahr der Klimabewegung hat die Geniesserei einen besonders bitteren Beigeschmack, wie ZiG-Bloggerin Iman Danielle Zbinden schreibt.

Vegane Milchshakes, vegane Schokoriegel, vegane Bratwurst, veganer Raclette-Käse. Weggucken geht nicht mehr. Für die Einen mag es die langerwartete Revolution sein, andere brummeln leise vor sich hin, wenn sie sehen, dass ihre Lieblingssalami durch eine vegane Streichkäse-Alternative ersetzt wurde. Die Supermärkte kriechen der Klimabewegung hinterher.

Milch, Eier und Fleisch zu konsumieren, ist katastrophal für die Umwelt, und dabei bleibt es nicht! Uns wurde eingetrichtert, dass es normal und sogar gesund sei, solche Produkte täglich zu geniessen. Doch neuste Studien vergleichen den regelmässigen Konsum von verarbeitetem Fleisch mit dem Kettenrauchen im Bezug auf die Erhöhung des Krebsrisikos.

Die Produktion tierischer Produkte ist meiner Meinung nach unvertretbar und unglaublich skrupellos. Die Tiere in Massentierhaltung werden wie Maschinen behandelt. Man braucht nicht lange zu suchen, um Beweise dafür zu finden.

Männliche Schweinchen und Rinder werden ohne Betäubung kastriert. Ein grosser Anteil der Tiere, die gegessen werden, werden nach einer traumatisierenden Fahrt zum Schlachthof kopfüber aufgehängt – dies nicht selten noch bei vollem Bewusstsein – und enthauptet. Ehemalige Schlachter berichten davon, wie sie sich betrinken mussten, bevor sie die Tiere umbringen konnten. Sie erklärten, wie ihre Kühe geweint haben (ja, das können die!) bevor sie geschlachtet wurden, weil sie sahen was mit ihren Artgenossen geschehen war. In der Schweiz werden pro Monat zirka fünf Millionen Tiere geschlachtet. Das sind 7 000 Tiere pro Stunde. Und das alles obwohl der menschliche Körper (vor allem der privilegierte Schweizer) kein Stückchen Fleisch und keinen Schluck Milch braucht, um überleben zu können.

Es ist ein Teufelskreis: Denn würden wir keine Massentierhaltung mehr betreiben, so würden wir zwangsläufig viel weniger Mastfutter benötigen und somit auch die Abholzung des Regenwaldes reduzieren können. Weltweit werden siebzig Prozent aller Äcker und Weiden für Tierfutter verwendet. Der brasilianische Amazonas zum Beispiel wird mehrheitlich für die Anlegung von Kraftfutter abgeholzt. Doch die Leute wollen nicht hinschauen! Sowas wollen sich der bequeme Normalverbraucher nicht ansehen, denn er könnte nie auf seinen Landjäger verzichten. Man drückt lieber beide Augen zu.

Am schlimmsten finde ich ja tatsächlich, dass den Leuten, die versuchen aufzuzeigen, wie es um Tierhaltung und Ausbeutung dieser Lebewesen steht, oft Beleidigungen an den Kopf geworfen werden. Die Klimawandel-Bewegung ist definitiv auf Freiburg übergeschwappt. Die Demonstrationen sind in aller Munde, auch wenn mir als Schülerin des Gymnasiums die «absence injustifiée» auf dem «Absenzenkärtli» grösserer Streitpunkt zu sein scheint, als das «traitement injustifié» unserer animalischen Mitbewohner.

Ausserdem wird das Thema der Ernährung gerne aussen vor gelassen! Viele nehmen nun den Zug statt das Flugzeug, kaufen Secondhand-Kleidung und achten auf die Reduktion ihres Plastikmülls, was sicher nicht kleinzureden ist. Doch ein wesentlicher Aspekt der Thematik wird ausgelassen. Denn drei Prozent aller Treibhausgase werden von der Milchindustrie verursacht, was sogar den prozentualen Anteil des gesamten Flugverkehrs, der 2.69 Prozent entspricht, übertrifft. Der Ökologe Joseph Poore, der an der britischen Universität Oxford tätig ist, erklärt: «Eine vegane Ernährung ist der wahrscheinlich grösste Hebel, um den eigenen ökologischen Fussabdruck zu verringern.»

Warum also springen nicht mehr Leute auch auf diesen Zug und stellen auf eine vegetarische oder vegane Ernährung um? Ich wage zu behaupten, dass die oftmals konservative Einstellung so mancher Familienoberhäupter hier einen grossen Einfluss hat. Wie soll man denn bitte seinem Grossvater erklären, dass man von nun an kein Fondue-Chinoise mehr essen will an Weihnachten? Oder noch schlimmer: die Oma fragen, ob in den «Mailänderli» Margarine oder Butter enthalten ist und danach eine Moralpredigt über Viehtierhaltung und die Ausbeutung der Kälber halten? Und dazu gehören Veganer oder Vegetarier immer noch einer Minderheit in der Gesellschaft an. Ist man beim Grillen, so kann man meist seine Hand dafür ins Feuer legen, dass man sich einen «Omnivor-Witz» nach dem anderen anhören muss.

Damals, als das Rauchen in Restaurants und öffentlichen Einrichtungen verboten wurde, schien dies ein Ding der Unmöglichkeit zu sein und heute sind wir doch alle froh, ist es so gekommen, wie es gekommen ist und selbst viele Raucher sehen das mittlerweile ein. Und lässt sich ein damals so einschneidendes Vorhaben wie das Rauchverbot in die Gesellschaft einbringen, dann lässt sich dies auch mit einer Ernährungsumstellung tun. Und genau so wie wir uns mitten im Klimawandel befinden, sind wir auch mitten im Wandel der Normen und Sitten unserer Gesellschaft. Und ich denke, dass immer mehr Leute sensibilisiert werden und sich beim nächsten Einkauf zweimal überlegen, welches Regal sie ansteuern und sich vielleicht einmal trauen, ein veganes Gericht auszuprobieren. Es geht nicht darum, perfekt vegan oder perfekt «Zero Waste» zu sein. Es geht darum, ein Bewusstsein für solche Güter zu entwickeln und die Augenbinde ein für alle Mal abzulegen.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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