Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das Auffangbecken Riedacker

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Der reguläre Schulbetrieb im Riedacker-Schulhaus ist schon lange eingestellt. Zu abgelegen ist das Schulhaus, um genügend Kinder unterrichten zu können. Genau diese Abgeschiedenheit schadet den jetzigen Bewohnern wohl nicht. Seit Herbst 2011 wohnen im alten Schulhaus schwer erziehbare Jugendliche, die in einem Massnahmenvollzug stecken. Will heissen: Wenn sie nicht im Riedacker wohnen würden, wären sie in einem Heim für Schwererziehbare oder in einer geschlossenen Anstalt untergebracht.

Der Lückenbüsser

Derzeit ist das ehemalige Schulhaus das Zuhause von drei Jugendlichen. Aufgenommen werden ausschliesslich junge Männer im Alter zwischen 15 und 22 Jahren. Heimerfahrungen bringen die meisten von ihnen mit. Viele seien von Heim zu Heim geschoben worden, die meisten sassen bereits in der Jugendstrafanstalt und haben es wegen Drogendelikten oder Diebstahl immer wieder mit der Polizei zu tun, erklärt Sandro Brunner. Er leitet das Haus unter dem Namen Permakosmos. Der gebürtige Berner Oberländer führte mit einem Kollegen ein ähnliches Haus in Innertkirchen, bevor er das Riedacker-Schulhaus gekauft und sein Zuhause dorthin verlagert hat. Permakosmos biete etwas zwischen einem Heim und einer Pflegefamilie, sagt er. «Wir sind quasi ein Lückenbüsser.» Die Jugendlichen werden Permakosmos von Heimen, von der Fürsorge, von Sozialdiensten oder von der Jugendanwaltschaft vermittelt. Pro Jugendlicher erhält er eine Tagespauschale.

Ungewohnte Arbeiten

Gelernt wird im alten Schulhaus immer noch. Beim Rundgang sitzen zwei Jugendliche in der ehemaligen Schulstube mit Sandro Brunners Schwester Bettina an einem grossen Tisch. Neben Bettina Brunner ist Lehrer Sandro Santschi für den Unterricht zuständig. Weil viele Jugendliche im Schulstoff hinterherhinken, steht individueller Unterricht auf dem Programm. Und weil sich die meisten Bewohner nicht konzentrieren können, ist Einzelunterricht angesagt. Neben dem Unterricht am Tisch wird deshalb oft draussen gearbeitet. «Zwei Stunden Rechnen und zwei Stunden Deutsch funktioniert nicht», erklärt Sandro Brunner. Der Umschwung des alten Schulhauses ist gross. Neben dem Gemüsegarten steht der Kaninchen- und Hühnerstall. Die Gehege für die Kaninchen haben die Jugendlichen gebaut. Rasen mähen und Gemüse ernten sei für sie ungewohnte, aber sinnvolle Arbeit, sagt Brunner. «Beim Jäten auf den Knien kommt mehr heraus als beim Einzelgespräch am Tisch.»

Fast nackte Frauen in der alten Lehrerwohnung

Fehlt den Jugendlichen das familiäre Umfeld, um am Wochenende nach Hause zu fahren, bleiben sie im Riedacker. Im grossen Haus hat jeder seinen Rückzugsort. Brunner hat seine eigene Wohnung. Die Jugendlichen haben sich in der ehemaligen Lehrerwohnung eingerichtet. Bei ihnen hängen an den Wänden Ronaldo-Poster und Bilder von spärlich bekleideten Frauen. Regeln gibt es wenige, aber die sind ganz klar: Drei Mal am Tag wird gemeinsam gegessen, die Ämtli werden eingehalten und die Jugendlichen müssen miteinander auskommen. Waschen und kochen müssen sie selber. Das Brot wird nicht gekauft, sondern selber gebacken. Die Aufgabe fällt demjenigen zu, der fürs Kochen verantwortlich ist. «Bäckt derjenige kein Brot, ist zum Zmorge auch kein Brot auf dem Tisch», sagt Brunner.

Lismifrauen und Pfarrer

Die neuen Bewohner des alten Schulhauses helfen auch mal bei den Bauern oder bei Nachbarn in der Region aus. Sie erledigen etwa Holzerarbeiten oder zäunen eine Weide ein. Den Lohn, den sie dafür erhalten, bessert ihr Sackgeld auf oder wandert in die Reisekasse. Im Winter treffen sich im alten Riedacker-Schulhaus Guggisberger Frauen zwei Mal pro Woche zum traditionellen Lismi-Treffen und bringen den Jugendlichen auch mal Schokolade mit. Und der Pfarrer führt im Haus den jährlichen Altersnachmittag durch.

Eine zweite Chance

Spätestens mit 22 Jahren sind die Jugendlichen zu alt für Permakosmos. Brunners Ziel ist es, ihnen bis dahin eine Lehrstelle oder einen Platz für eine Attestlehre zu vermitteln. Einfach ist diese Aufgabe nicht. Die Jugendlichen hätten einen schweren Rucksack zu tragen, erzählt er. Mit Alkohol, Drogen, Missbrauch oder anderen traumatischen Erfahrungen seien die meisten Jugendlichen in ihrer Vergangenheit konfrontiert worden. Mit der Zeit habe er gemerkt, dass «seine Buben», wie er sie manchmal nennt, einfach nur Aufmerksamkeit brauchen. «Und das versuche ich ihnen hier zu bieten.» Jeder habe im Leben eine Chance zu gut. «Und manchen musst du halt mehr als eine Chancen geben.»

Dass einer der Jugendlichen trotz der Aufmerksamkeit und Abgeschiedenheit ab und zu «die Kurve nimmt», wie Brunner sich ausdrückt, kann und will er nicht verhindern. «Wenn ich sie das erste Mal abhole, beschreibe ich ihnen sogar den schnellsten Weg zum Abhauen.» Mit seinem Ratschlag ist Brunner bis jetzt gut gefahren. Die meisten kehren früher oder später wieder ins Riedacker-Schulhaus zurück.

«Beim Jäten auf den Knien kommt mehr heraus als beim Einzelgespräch am Tisch.»

Sandro Brunner

Leiter des Hauses Permakosmos

«Manchen musst du halt mehr als eine Chancen geben.»

Sandro Brunner

Leiter des Hauses Permakosmos

Mehr zum Thema