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Das ganze Jahr ist 1. Mai

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Das ganze Jahr ist 1. Mai

Autor: Regula Saner

Was treibt einen jungen Menschen dazu, sich in einer Gewerkschaft zu engagieren?

Bielmann: Nach der Lehre war ich ein Jahr lang arbeitslos. Dann arbeitete ich in einem Kleinbetrieb. In beiden Situationen war ich auch mit den Schattenseiten des Arbeitsmarktes konfrontiert. Sich für die Rechte der Arbeitnehmer, insbesondere auch der Migrantinnen und Migranten einzusetzen, ist mir wichtig.

Lutfey Kaya: Ich habe im Gastgewerbe und im Verkauf gearbeitet. Tiefe Löhne und prekäre Arbeitszeiten kenne ich. Ich bin Kurdin zweiter Generation. In meiner Familie ist gewerkschaftliches Engagement nichts Aussergewöhnliches.

Blanc: Ich wurde schon früh politisiert. Ich war in der Antikriegsbewegung aktiv (Afghanistan, Irak). Die Gewerkschaften sind direkt an der Basis tätig, das passt mir.

Die Gewerkschaften verzeichnen seit Jahren einen Mitgliederrückgang, auf was ist das zurückzuführen?

Bielmann: Das Individuum hat heute einen hohen Stellenwert. Den Leuten wird schon von klein auf eingeimpft: «Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.» Da ist es schwierig einzusehen, dass die eigene Situation auch von der des anderen abhängt. In diesem Sinne werden Gewerkschaften heute auch mehr «konsumiert». Sie werden nicht als Organisation wahrgenommen, sondern als Dienstleistung.

Warum soll denn ein junger Mensch bei einer Gewerkschaft mitmachen?

Blanc: Grundsätzlich glaube ich nicht, dass gewerkschaftliches Engagement eine Frage des Alters ist. Sich organisieren bedeutet mehr Macht, um seine Rechte einzufordern. Nur so können die jetzigen Kräfteverhältnisse in unserer Gesellschaft durchbrochen werden.

Und was ist von der These zu halten, den Schweizer Arbeitnehmern geht es noch zu gut, darum engagieren sie sich nicht?

Blanc: Nein, solange über ein Drittel der Löhne unter 4000 Franken liegt und 200 000 Personen unter der offiziellen Armutsgrenze leben (sog. Working Poor), kann man nicht sagen, dass es den Leuten zu gut geht.

Mit welchen Problemen sind Sie denn bei ihrer täglichen Gewerkschaftsarbeit konfrontiert?

Kaya: Mit einem ganzen Spektrum. Mit Arbeitgebern, die den Lohn, die Überstunden oder die Sozialversicherungsbeiträge nicht zahlen. Sehr oft werden zudem die Kündigungsfristen nicht eingehalten. Dann gibt es Unternehmen, die Konkurs anmelden und die Leute entlassen, um danach unter neuem Firmennamen weiterzumachen. Oft haben wir es auch mit Arbeitsverträgen zu tun, die für ein Jahr befristet sind und einen Kündigungsschutz von bloss 30 Tagen haben. Wenn der Arbeitnehmer krank wird, hat er Pech gehabt.

Blanc: Arbeit auf Abruf ohne garantierte Stundenzahl kommt auch häufig vor.

Bei der Übernahme von Carrefour in Villars-sur-Glâne durch Coop wurden 60 sogenannte Regaleinfüllerinnen entlassen. Die Gewerkschaften scheinen machtlos, warum?

Kaya: Das Problem ist, dass diese Angestellten für die Produktehersteller arbeiten und in der Regel mehrere Arbeitsverträge haben. Es ist nicht möglich, mit jedem einzelnen «Arbeitgeber» zu verhandeln.

Blanc: Die Gesetze bieten keinen genügenden Schutz, und wenn die Gewerkschaft vor der Entlassung nicht bereits auf dem Arbeitsort präsent war, so wird alles sehr kompliziert. Das Vertrauen in die Gewerkschaften und ihre Methoden fällt nicht vom Himmel.

Ist es auch eine Frage des Mandates?

Blanc: Nein, Gewerkschaften können und sollen sich überall für die Arbeitnehmenden einsetzen. Dadurch steigt unsere Glaubwürdigkeit.

Kaya: Vieles hängt davon ab, wie viele Mitarbeitende eines betreffenden Unternehmens Mitglied der Gewerkschaft sind. Oft bekommen wir erst ein Verhandlungsmandat, wenn das Problem schon da ist.

Bielmann: Darum können wir sehr oft nur reagieren und nicht agieren.

Blanc: Als es beim Freiburgischen Roten Kreuz zu Entlassungen kam, haben wir mit den wenigen Gewerkschaftsmitgliedern, die dort arbeiteten, Kontakt aufgenommen und gesagt, wenn ihr euch intern organisiert, dann steigen wir ein.

Bielmann: Je höher der gewerkschaftliche Organisationsgrad in einer Branche ist, d. h. viele Arbeitnehmende in einer Gewerkschaft sind, desto besser stehen die Chancen, etwas zu bewirken.

Der Streikführer bei SBB Cargo in Bellinzona hat in einem Interview gesagt, dass es «dank» der Arroganz der SBB zu einer Mobilisierung der Arbeitnehmer gekommen sei. Ist die Zuspitzung der Verhältnisse auf perverse Weise eine Chance für die Gewerkschaften?

Bielmann: Vielleicht. Aber nur, wenn die Gewerkschaften die Situation auffangen können.

Dazu braucht es Visionen, haben Sie die?

Blanc: Das ist vielleicht das Problem, dass die Gewerkschaften keine Perspektiven aufzeigen können. Zurzeit wird die politische Agenda von rechts diktiert. Die SP und die Gewerkschaften stecken in einer tiefen Krise.

Bielmann: Es kann auf jeden Fall nicht das Ziel sein, nur den Schaden zu begrenzen. Es braucht konkrete Massnahmen wie Mindestlöhne oder ein flexibles Rentenalter nach unten.

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