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«Das ist kein individuelles Problem»

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Frauen leisten in der Schweiz rund zwei Drittel der Hausarbeit, Männer rund ein Drittel, das zeigen mehrere Studien. Die FN haben im Vorfeld des Frauenstreiks vom 14. Juni mit Sebastian Schief, Soziologe an der Universität Freiburg, darüber gesprochen. Er forscht zu diesem Thema.

Sebastian Schief, warum machen Frauen auch 2019 noch einen grossen Teil des Haushalts?

Es sind viele kleine Bausteine, die dazu führen, dass ­Frauen eher zu Hause bleiben und mehr im Haushalt machen als Männer. In der Regel arbeiten viel mehr Frauen Teilzeit als Männer, und sie übernehmen auch deutlich mehr unbezahlte Hausarbeit in Paarbeziehungen. Studien zeigen, dass nach dem ersten Kind die Erwerbstätigkeit von Frauen rapide abnimmt. Bei Männern bleibt sie in etwa gleich.

Und warum ist das so?

Das beginnt schon mit der Geburt des Kindes. Frauen gehen in den Mutterschaftsurlaub, ein Vaterschaftsurlaub ist in der Schweiz so gut wie nicht vorgesehen. Diese Tatsache ist ein Indiz dafür, welche Rolle Vätern in der Gesellschaft zugeschrieben wird. Es ist zumeist von Anfang an so, dass die Mutter zu Hause bleibt und der Vater arbeitet. Es gibt nur wenige staatliche Hilfen, die dem entgegenwirken würden.

Deshalb bleiben Frauen länger zu Hause?

Auch. Wird ein Kind geboren, stellt sich die Frage der Aufteilung von Haus- und Familienarbeit ganz neu. Die Eltern fragen sich, wie sie sich gleichzeitig um Familie und Haushalt kümmern und genügend Geld verdienen können. In der Schweiz führt das im Regelfall dazu, dass Männer weiter Vollzeit arbeiten, während Frauen tendenziell aus dem Beruf ausscheiden oder Teilzeit arbeiten, um sich um das Kind zu kümmern. Steigen sie einige Jahre aus, wird der Wiedereinstieg schwierig. Es kommt natürlich immer auf den Beruf und die Arbeitsstelle an, aber ein Modell, in dem Vater und Mutter beide auf zum Beispiel 70 Prozent reduzieren und weiter ihre berufliche Karriere verfolgen, ist sehr ungewöhnlich.

Warum ist das so schwierig?

Es gibt momentan nicht die Strukturen, um das umzusetzen. Damit meine ich beispielsweise Kinderkrippen oder die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit mit der Zusicherung, später auch wieder in Vollzeit zurückkehren zu können. In anderen europäischen Ländern wird das ermöglicht, aber die Anzahl der Männer, die Teilzeit arbeiten, ist generell sehr tief.

Wieso arbeiten so wenig Männer Teilzeit?

Das hat individuelle, strukturelle und kulturelle Gründe. Unsere Identität verbindet sich sehr stark mit unserer Erwerbsarbeit. In Unternehmen gilt heute oft immer noch das Credo, dass, wer nicht Vollzeit arbeitet, sich nicht genug für das Unternehmen und seine Karriere engagiert. Wer zum Beispiel darauf angewiesen ist, dass die Arbeitszeit planbar ist, weil das Kind von der Krippe abgeholt werden muss, dem könnte das als mangelnder Einsatz ausgelegt werden.

Und damit sinken die Karrierechancen.

Genau. Diese Bedingungen verstärken die Notwendigkeit einer Arbeitsteilung innerhalb einer Beziehung, und das führt häufig dazu, dass Väter ihren Schwerpunkt in der Erwerbsarbeit setzen, während Mütter den Schwerpunkt in der Familie setzen. Dass der Mann Karriere macht, ist aber kein Naturgesetz und auch kein ausschliesslich individuelles Problem, sondern ein strukturelles und ein gesellschaftliches.

Was ist denn so schlimm daran, wenn mehr Frauen Teilzeit arbeiten?

Schlimm ist daran nichts. Es kann aber zum Problem werden, wenn es um die finanzielle Absicherung geht: Wer Teilzeit arbeitet oder länger gar nicht erwerbstätig war, ist im Alter schlechter abgesichert. Die Haus- und Familienarbeit, die etwa Mütter, die zu Hause bleiben, leisten, wird ja nicht entlöhnt. Das kann zu Abhängigkeiten in Beziehungen ­führen.

Hat das auch Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Ja. Viele Frauen sind sehr gut ausgebildet, sie haben ein riesiges Potenzial. Das bleibt ungenutzt, wenn die Frauen aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden.

Manche Frauen und Männer bleiben freiwillig zu Hause, um sich um die Kinder zu kümmern.

Das ist wunderbar, verstehen Sie mich nicht falsch, es soll ja niemand zur Erwerbstätigkeit gezwungen werden. Aber wenn diese Entscheidung getroffen wird, weil die gesellschaftlichen Strukturen jemanden in diese Richtung drängen, ist das nicht gut. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich beruflich und innerhalb der Familie zu entfalten – Frauen und Männer.

Was muss getan werden, um allen diese Wahl zu geben?

Es braucht staatliche Hilfen wie eben den Vaterschaftsurlaub oder die Elternzeit, wie es sie in Deutschland oder Schweden gibt. Dort können sich Eltern eine gewisse Zeit teilen, in der sie zu Hause bleiben können. Bedingung für den Bezug der vollen Elternzeit ist, dass auch der Mann eine gewisse Anzahl Monate nicht arbeitet. Natürlich braucht es ausserdem genügend Kinderkrippen. Nötig ist aber auch ein generelles Umdenken in Bezug auf die Erwerbsarbeit.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen von der Idee wegkommen, dass sich nur jene im Beruf engagieren, die Vollzeit arbeiten. Die Erwerbstätigkeit hat einen sehr grossen Stellenwert bei uns. Das sollte man hinterfragen. Dieser Stellenwert ist aber so stark in unserer Gesellschaft verankert, dass es lange dauern dürfte, dies zu ändern. Im Moment laufen verschiedene Versuche, die Arbeitszeit generell zu verkürzen. Das sollten wir uns genauer ansehen.

Zur Person

Forschung zu Ungleichheiten

Sebastian Schief hat in München Soziologie, Ökonomie und Psychologie studiert und in Trier doktoriert. Seit 2008 ist er Lehr- und Forschungsrat an der Universität Freiburg im Bereich Soziologie, Sozialpolitik und Soziale Arbeit. Er hat unter anderem zu Themen der geschlechtsspezifischen Ungleichheit in der Arbeitswelt geforscht.

nas

 

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