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Demonstrieren ist gut für die Psyche

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Patrick Haemmerle, weshalb ist die Klimabewegung von Jugendlichen initiiert und nicht von Erwachsenen?

Man wird im Alter «abgeschliffener», auch psychologisch gesehen. Es kann kulturgeschichtlich aufgezeigt werden, dass die Jungen offener sind und mehr Energie haben, auch mentale. Viel Neues und Wichtiges wurde und wird von jungen Menschen im zweiten oder dritten Lebensjahrzehnt formuliert, gezeichnet oder komponiert. Das ist ein entwicklungspsychologisches Phänomen. Erwachsene haben bereits gewisse Normierungsprozesse durchlaufen. Sie haben auch weniger Energie oder Lust, sich gewisse Dinge zu Gemüte zu führen. Ich möchte die Jugend nicht idealisieren, es ist ja auch ein herausforderndes Alter.

 

Haben Sie schon Kinder und Jugendliche behandelt, die wegen des Klimawandels Angst vor der Zukunft haben?

Ich kenne zwei Jugendliche, die ein ähnliches Profil wie Greta Thunberg haben. Bei ihnen wurde der Klimawandel zu einer sehr grossen Sorge. Das Thema taucht zudem oft bei sogenannten projektiven Tests auf. Es gibt einen ganz einfachen Test, bei dem die Kinder ihre Wünsche von Eins bis Zehn aufschreiben. Drei Wünsche hat man schnell aufgeschrieben, bei zehn kommt vermehrt das Unterbewusstsein ins Spiel. Bei älteren Kindern, ab etwa zehn Jahren, sowie in der Adoleszenz werden dann sehr häufig Hoffnungen betreffend Erde und Umwelt genannt. Das ist sogar fast die Regel in diesem Testver­fahren.

Die Jugendlichen haben Angst vor den Szenarien des Klimawandels. Ist ihre Angst gefährlich?

Nein, Angst gehört ja in das menschliche Erlebensrepertoire. Ich möchte gewiss keine Lobrede auf die Angst halten, aber Angst braucht es, um uns auf Gefahren aufmerksam zu machen. Kinder, bei denen die Angstwahrnehmung vermindert ist, sind in verschiedener Hinsicht gefährdet. Angst ist ja gebunden an ein Vorausdenken, an ein Sich-in-die-Zukunft-projizieren-Können.

Die Zukunftsangst setzt also eine realistische Vorstellungskraft voraus?

Da gehen die politischen Meinungen bekanntlich auseinander. Klimawandel-Leugner behaupten, die Jugendlichen hätten keine realen Ängste, diese würden ihnen von Erwachsenen eingeredet. In der Psychiatrie kämen solche irrealen Ängste psychotischen Ängsten nahe, also Ängsten von Menschen, die eine schwere psychische Störung haben. Dann haben die Ängste keinen Bezug zur Realität. Meiner Meinung nach haben die Ängste der Jugendlichen aber eine reale Grundlage. Die Bedrohungen sind da, und sie haben Auswirkungen auf das psychische Befinden von Kindern und Jugendlichen.

Sind gewisse Kinder oder Jugendliche anfälliger?

Wir sind nie ein unbeschriebenes Blatt, auch schon bei der Geburt nicht. Es hängt von der individuellen, genetischen Ausstattung sowie von den Lebensereignissen ab, ob jemand heftig reagiert. Es ist erwiesen, dass ein gleiches Psycho-Trauma sich bei jedem unterschiedlich auswirkt. Das ist auch bei Kindern so. Es ist traumatisch, wenn man davon ausgehen muss, dass die Welt vor die Hunde geht.

Greta Thunberg sagt, dass ihr das Asperger-Syndrom helfe, mit dem Wissen um den Klimawandel umzugehen.

Das könnte ich so nicht bestätigen. Menschen mit einem Asperger-Syndrom haben ein vielschichtiges und sehr unterschiedliches Profil. Asperger-Persönlichkeiten haben aber tatsächlich häufig die Fähigkeit, ganz stark auf bestimmte Themen zu fokussieren, darüber alles in Erfahrung zu bringen und dieses Wissen dann auch weiterzugeben. Das macht nicht fröhlicher, aber man hat einen Rahmen und kann sich eine Vorstellung davon machen. Dies ist tatsächlich eine Möglichkeit, Angst zu bewältigen, wenn man versucht, das Wissen zu bündeln und rational zu durchdringen.

Können «normale» Jugendliche die Szenarien weniger einordnen oder bündeln?

Die «normalen» Kinder verspüren nicht das Verlangen, alles bis in das letzte Detail zu wissen, und sind daher auch von allen Seiten stärker beeinflussbar. Insgesamt ist aber die Angstbereitschaft von Kindern und Jugendlichen grösser. Mit der Zeit lernen sie, was es verdient, als Angstsignal ernst genommen zu werden und was nicht.

Es wird der Klima-Jugend vorgeworfen, dass sie noch kein ausgereiftes Denken hätte. Weshalb wird ihr die Jugend zum Verhängnis?

Ja, es wird gesagt, dass sie noch nicht normal ticken. Aber der «Bauplatz Gehirn» ist nur ein Teil der Adoleszenz­entwicklung. Wenn Neuronen neu verkabelt werden, können auch Zusammenhänge gesehen werden, die es im normierten Gehirn eines Erwachsenen nicht mehr gibt. Das ist eine Chance. Aber schon in der griechischen Tragödie hat man den Überbringer der schlechten Nachricht bestraft. Dieses Phänomen spielt sich immer wieder ab. Wenn man nicht als wissenschaftlicher Analphabet durch die Welt läuft, liegen die Gründe für den Klimawandel auf der Hand.

Sollten Erwachsene das Thema ansprechen, bevor es die Kinder tun?

In den 1980er-Jahren wurde bei Forschungen festgestellt, dass Kinder und Jugendliche viel besser über den Zustand der Welt informiert waren, als die Erwachsenen glaubten oder glauben wollten. Es gehört zu unseren idealisierten Vorstellungen, dass die Kindheit eine Insel von Frieden und Glück ist und nicht viel damit zu tun hat, was rundherum passiert. Das ist ein legitimer elterlicher Wunsch, aber es ist ein Wunschdenken. Für uns Erwachsene ist es schwierig, nicht für die Sicherheit der Kinder garantieren zu können. Die Wissenschaftler sprachen damals davon, dass die ökologische und nukleare Bedrohung den Kindern die Zukunftssicherheit stiehlt.

Wie können Eltern Kindern helfen, mit den Fakten zum Klimawandel umzugehen?

Mit Transparenz und Ehrlichkeit. Kinder sagen mit dem etwas aus, was sie spielen, zeichnen und erzählen. Die Antwort «Das geschieht doch nicht bei uns» überzeugt nicht. Es fällt den Eltern keinen Zacken aus der Krone, wenn sie zugeben, dass auch sie nicht wissen, was passieren wird. Oder gar, dass sie zusammen mit den Kindern Angst davor haben. Das ist nicht destabilisierender oder verängstigender, als einfach zu sagen: «Schweig, Kind!» Kinder möchten grundsätzlich über das sprechen, was sie beschäftigt – speziell, wenn es sie verängstigt. Wenn sie aber bemerken, dass die Eltern nicht darüber sprechen wollen, behalten sie es für sich und versuchen, damit ihre Eltern zu schonen. Dadurch kann die Angst dann zu einem krankmachenden Element werden.

Also stärkt es die Jugendlichen, wenn sie auf die Strasse gehen?

Ja, das sind meiner Meinung nach die gesünderen Jugendlichen, die sich öffentlich äussern – ohne dass ich die anderen herabstufen möchte. Aber die Jugendlichen, die auf die Strasse gehen, haben eine gute Chance, dass sie nicht an den Umwelt-Ängsten zerbrechen.

Zur Person

Eine Referenz auf seinem Gebiet

Patrick Haemmerle ist Kin­der- und Jugendpsychiater mit einer Praxis in Freiburg. Er hat über 20 Jahre lang den Freiburger Dienst für Kinder- und Jugendpsy­chia­trie aufgebaut und trat 2012 von seinem Posten als medizinischer Direktor zurück. Aufgewachsen ist Patrick Haemmerle im St. Gallischen Rheintal und kam für sein Medizinstudium nach Freiburg. Bevor es ihn in die Psychiatrie zog, war er in der Orthopädie und Pädiatrie tätig. In Freiburg machte er sich dann auch einen Namen als Präsident des Ver­eins Suizidprävention. Er engagiert sich seit jeher stark für Klimafragen und ist Teil der Freiburger Klima-Grosseltern.

sf/Bild zvg

 

 

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