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Die ersten sozialen Unruhen der Neuzeit

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Die ersten sozialen Unruhen der Neuzeit
Der «Kartoffelkrieg» 1856 in Freiburg
Im November 1856 führten die hohen Preise für Kartoffeln und andere Lebensmittel in Freiburg zu sozialen Unruhen: Anarchisten im Kampf gegen den Kapitalismus? Konservativ-politische Umtriebe vor den Grossratswahlen? Proteste ausgebeuteter Arbeiter? Archivdokumente geben Auskunft über das, was wirklich geschah.
Von HUBERT FOERSTER
Auch schon in früheren Zeiten hat die Presse auf Missstände hingewiesen. So wurde im September 1856 im «Ami du Peuple» der Aufkauf von Kartoffeln zu überhöhten Preisen im Hinblick auf eine künstliche Verknappung dieses Lebensmittels – seit 1854 hatte es Missernten gegeben – und Preistreiberei vermeldet. Man sprach von hohen Preisen von Fr. 2.- bis 2.30 das Schweizerviertel (= Hohlmass mit 15 Liter Fassungsvermögen) direkt ab Feld und ohne Umweg über den Markt! Redaktor Boniface Galley wurde – es herrschte ja eine radikale Pressefreiheit! – zwar vom Vorwurf der Verleumdung vom Gericht freigesprochen, doch musste er, die kleinliche Rache des Staatsanwalts, seinen eigenen Freispruch auf eigene Kosten in der Presse publizieren. Die Bevölkerung war jedoch gewarnt. Die Stadt- und die Kantonsregierung konnten Massnahmen ergreifen – «gouverner c’est prévoir» – und nahmen am 31. Oktober von Aufkäufen durch die Genfer Firma Westermann immerhin Kenntnis. Die Oberamtmänner sollten dann noch die Verhältnisse und Kartoffelvorräte abklären.
Die ersten Unruhen
Am 4. November, einem Dienstag, gegen 13 Uhr, kam es zu ersten Unruhen. Bis zu 150 Arbeiter behändigten die Ladungen von je zwei Fuhrzeugen im Pérolles und beim Restaurant Grand-Pont und leerten die Säcke in der Grenette aus. Der Gemeinderat und städtische Polizeidirektor Moehr konnte nur erreichen, dass die Kartoffeln nach Herkunft getrennt eingelagert wurden. Das Gerücht, dass am Abend das «quarteron» (= Schweizerviertel) Kartoffeln zu 50 Rappen, also weniger als die Hälfte des Marktpreises, verkauft würde, löste einen zweiten Auflauf aus. Moehr und «viele» Landjäger vom Hauptposten – er war mit rund 40 Mann (ein Drittel des Bestandes) besetzt – verhinderten jedoch den Verkauf. Am Samstag, dem 8. November, nötigte die Menge einen Milchhändler, den Liter Milch zu 15 Rappen zu verkaufen, deutlich unter dem üblichen Tagespreis. Die Leute waren erregt. Es roch nach Unruhen, der Tag verlief aber ruhig.
Schlägerei auf dem Liebfrauenplatz
Am Sonntag, dem 9. November, gegen 11.30 Uhr, stoppte dann aber die Menge einen Fuhrmann auf dem Liebfrauenplatz, der in Fässern «versteckte» Kartoffeln geladen hatte. Ein Teil davon kam in die Grenette zum bestehenden Zwangslager, ein Teil, etwa 25 Mäss, war verschwunden, wanderte also direkt in die Kochtöpfe. Oberamtmann Thorin sicherte mit Polizei den Rest der Ladung und ermöglichte die Weiterfahrt. Als ein Zuschauer die Kartoffelfreunde als Diebe titulierte, entstand auf dem Liebfrauenplatz eine allgemeine Schlägerei. Die Landjäger verhafteten drei Schläger und sperrten sie im Hauptposten neben dem Rathaus ein. Die Menge war erzürnt und forderte die Freilassung. Rufe «aux armes» erschollen und erinnerten unangenehm und lebhaft an die Anfänge der grossen Revolutionen 1789 und 1830. Man eilte nach Hause, um sich zu bewaffnen. Diesen Aufschub benützte der Oberamtmann und entliess die Gefangenen. Er erhoffte sich damit die Beruhigung der Lage, was auch eintrat.
Ein Schuss, ein Toter
Verdächtige Transporte wurden weiterhin angepöbelt. Sie konnten jedoch unter Polizeischutz durch die Stadt fahren. Die Stimmung blieb angeheizt. Zu den Arbeitern gesellten sich am Abend noch besonders städtische Angestellte. Sie demonstrierten für eine nötige Lohnerhöhung. Sie sollte die Lebensmittelteuerung tragbarer machen. Eine Deputation erhielt von Staatsrat Julien Schaller, radikaler Parteichef und Vorsteher des Erziehungswesens, das Versprechen einer Lohnerhöhung, nachdem der Stadtrat früher kein Verständnis (und kein Geld) dafür gehabt hatte. Am Unglückssonntag, gegen 19 Uhr, erblickte der Landjäger-Unterleutnant Majeux einen ihm bekannten Krakeeler in der «Rue des Oies» (heute St.-Peters-Gasse). Mit drei Polizisten wollte er ihn verhaften. Es entstand ein Gerangel zwischen dem Verdächtigten und Landjäger Ribotel. Der Erstere wollte dem Polizisten den Karabiner wegreissen. Da löste sich ein Schuss. Er traf einen unbeteiligten Zuschauer, den Schuhmachergesellen Peter Manzomelle aus Chur, 25-jährig, tödlich am Kopf. Die weiterfliegende Kugel verletzte Schuhmacher Benedikt Aeby schwer an der Schulter. Die Menge antwortete mit Steinwürfen. Landjäger Gross wurde am Kopf verletzt und bedurfte der ärztlichen Hilfe im nahen Bürgerspital. Die Leute wollten das vergossene Arbeiterblut rächen und liefen nach ihren Waffen. Unterleutnant Majeux und die in der Zwischenzeit herbeibefohlenen 20 Landjäger flüchteten in die Hauptwache. In der Neustadt wurde Alarm geschlagen. Arbeiter und Bürgerwehrsoldaten versammelten sich. Da die Offiziere fehlten – die Empörten waren damit führerlos und kamen zu keinem Entschluss – gelang es besonnenen Bürgern und vernünftigen Frauen die Männer zu entwaffnen und zur Heimkehr zu bewegen.
Die Unruhen in der Presse
Héliodor de Raemy, Besitzer und Redaktor des konservativen «Chroniqueur» hatte die Vorgänge direkt vom Büro aus mitverfolgen können. Als Augenzeuge und konservativer Parteigänger schilderte er seinen Lesern die Vorgänge genau. Sein Vorteil war das Erscheinungsdatum seiner Zeitung. Bereits einen Tag nach den Vorfällen, also am 5. November (38 Zeilen), und dann wieder am 10. November (89 Zeilen) konnte er die letzten Neuigkeiten brühwarm verbreiten. Das radikale Blatt «Le Confédéré» konnte erst zwei Tage nach den Unruhen informieren, am 6. November immerhin mit 47 Zeilen, am 11. mit nur noch 30. Dafür widmete es sich der Lebensmittelteuerung und der Lohnfrage, natürlich alles mit heftigen Angriffen auf die Konservativen als die übelsten Drahtzieher der Affäre. Es war bitter für die Redaktion des «Confédéré», dass offiziell die Unschuld der Konservativen an den Unruhen durch das wohlverstanden mit radikalen Richtern besetzte Gericht festgestellt werden musste. Aber der Wahlkampf zu den Grossratswahlen am 7. Dezember wollte, wenn auch mit Unwahrheiten, belebt sein …
Die Petition
Das Gericht wollte jedoch gegen die Unruhestifter vorgehen. Ein heikles Unterfangen: So kurz vor den Wahlen wollte man die Arbeiter und Angestellten, potenzielle Parteigänger der Radikalen, nicht erbosen. Da kam die Petition wie gerufen. 595 Stimmberechtigte der Stadt – die Stadt zählte 1850 nach der Volkszählung 9065 Einwohner (4804 weiblichen Geschlechts) – forderten die Begnadigung der Angeschuldigten. Es waren hauptsächlich Stadtbewohner, Arbeiter und Angestellte, die 25- und die über 50-Jährigen: junge Leute, die sich noch etwas vom Leben und von der Partei erhofften, und die enttäuschten, bald mittellosen «Alten». Die meisten kamen aus der Au und der Neustadt und gehörten dem unteren, höchstens dem mittleren Kader an. Der Landjägerkommandant und 34 Angehörige des Hauptpostens hatten unterzeichnet, keine Staatsräte, keine Grossräte, kein Oberamtmann, kein Stadtrat mit Ausnahme des Polizeidirektors Moehr, keine Geistlichen, natürlich keine Frauen, keine Ausländer, fast keine Ausserkantonale oder Landbewohner. Die Petition war ein deutlicher Hilferuf der städtischen Arbeiter und Angestellten!
Die Spekulationskäufe

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