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Die Frage nach einem zweiten Leben

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Der Krimi «Im Tal der Gebeine» ist beste Unterhaltung – und noch mehr. Autor Alfred Bodenheimer, Professor für Jüdische Literatur- und Reli­gionsgeschichte an der Universität Basel, lässt seinen Rabbi Klein nicht nur einen Mordfall klären, sondern gibt zudem einen faszinierenden Einblick in die Denkweise und den Alltag des Rabbis.

Rabbi Klein steckt mitten in den aufwendigen Vorbereitungen für Pessach: «Sie befanden sich alle im Ausnahmezustand.» In diesem Trubel oder «Höllenschlund» taucht Kommissarin Karin Bänziger auf mit der Nachricht, Rabbi Kleins Tante Himmelfarb sei ermordet worden – vergiftet.

Rabbi Klein ist Bianca Himmelfarbs einziger Verwandter in Zürich; er hatte die alte Dame, «nächste Woche wäre sie neunundachtzig geworden», noch am Vortag besucht, nur Stunden bevor sie ermordet wurde. Vor diesem Hintergrund kann es Rabbi Klein nicht lassen, selbst Ermittlungen anzustellen, um herauszufinden, wer Tante Himmelfarb umgebracht hat.

Reise in die Vergangenheit

Durch seine Ermittlungen nimmt er die Leserin, den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit sowie ins Innere jüdischer Gemeinschaften. Dem Leser zeigt sich jüdischer Alltag und darüber hinaus eine für viele Juden charakteristische Denkweise. «Die geistige Welt von Rabbi Klein soll durchscheinen», erklärt Alfred Bodenheimer seine Erzähl­haltung.

Das Buch «Im Tal der Gebeine» beginnt nicht mit den Pessach-Vorbereitungen des Rabbis. Die ersten Seiten erzählen von der neunjährigen Jüdin Bianca, die sich im Sommer 1939 in Deutschland von ihren Eltern verabschieden muss; mithilfe der Verwandtschaft in der Schweiz wird sie nach England geschickt, wohin ihre Schwester Ruth schon einige Monate vorher geflüchtet ist. Ihre Eltern wird sie nie wiedersehen.

Von Rabbi Klein erfährt der Leser, dass Bianca später durch eine Zweckheirat zu ungeahntem Reichtum gekommen ist, sich zur unabhängigen Frau, zur «begnadeten Unternehmerin» und Kunstmäzenin entwickelt hat, die mit ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr viel am Hut hat.

Die Wiedererweckung

Zutiefst berührt von dem Mord an ihr, nicht zuletzt, weil er Bianca hoch schätzte, entscheidet sich Rabbi Klein am dritten Tag des Pessach-Fests, am Schabbat über das 37. Kapitel des Propheten Ezekiel zu predigen. Dieses Gleichnis gibt dem Krimi seinen Titel: «In einem Tal sieht der Prophet ausgetrocknete Gebeine liegen, und Gott lässt ihnen wieder Fleisch und Sehnen wachsen, überzieht die Knochen mit Haut und haucht ihnen Leben ein», heisst es «Im Tal der Gebeine».

Der Rabbi fragt seine Gemeinde: «Und was bedeutet es, wiedererweckt zu werden, nach dem Tod noch ein Leben führen zu können, vielleicht ein ewiges?» Er gibt auch gleich eine Antwort – seine Antwort; und stellt dabei die Liebe zu den Mitmenschen und die Liebe zu Gott ins Zentrum. «Diese beiden Perspektiven sind nicht voneinander zu trennen und elementar für das Judentum», erklärt Bodenheimer.

Doch die Recherchen des Rabbis fördern zutage, dass Bianca sich ihre Eigenständigkeit kaltblütig und rücksichtslos erkämpft hat, auf Kosten ihrer Schwester und ihres unehelichen Sohnes. «Es ist nun einmal die Realität: Juden sind nicht die besseren Menschen», sagt der Autor Bodenheimer über seine zweischneidige ­Figur.

Das Buch im Buch

Bianca gegenübergestellt ist eine Figur, die im «Tal der Gebeine» nicht auftritt: Jochanan Schatz kommt als Buch im Buch vor. Doch dieses Buch, eine Autobiografie, ist letztlich der Auslöser für den Mord. Schatz erzählt, wie er «mit sechzehn Jahren von seinem streng orthodoxen Zuhause in Lemberg abgehauen», als Soldat in die Mühlen des Krieges und später der stalinistischen Gewaltherrschaft geraten und schliesslich in Israel gelandet ist, wo er «die Religion entdeckte, eine Familie gründete und als Lehrer seine Bestimmung fand».

Zwei Lebensläufe

Angesichts der Frage nach der Auferstehung der Toten, die das prophetische Gleichnis thematisiert, stellt «Im Tal der Gebeine» also die Lebensläufe von Bianca und Schatz einander gegenüber – «beide zutiefst beschädigt durch den Holocaust und das Tal bei Ezekiel nichts anderes als der Ausdruck für diese Katastrophe», so Bodenheimer.

Schatz, dessen Buch übrigens «Another Life» heisst, hat sich gerade wegen des Ezekiel-Gleichnisses vom Judentum abgewendet. Und: «Es dauerte mehr als ein Vierteljahrhundert, bis ich begriff, dass genau diese Vision sich an mir selbst bewahrheitete, mehr als an jedem anderen Menschen, den ich kenne.» Oder wie es Bodenheimer im Gespräch ausdrückt: «Er ist im Judentum beheimatet und hat das Leben zurückgewonnen.»

Im Gegensatz dazu Bianca: «Noch ein Leben wie dieses, und ihr könnt mich begraben.» Damit sagt sie nachgerade selbst, dass für sie die Aussicht auf eine Auferstehung nicht in Frage kommt.

Ein sachlicher Mord

Für ihren Tod hat sich Al­fred Bodenheimer zudem eine bittere Pointe ausgedacht: Das Gift, an dem sie stirbt, ist ausgerechnet Zyankali – eine Blausäureverbindung wie Zy­klon B, das die National­sozialisten in den Gaskammern eingesetzt haben. Und mit Zyankali haben sich Nazigrössen wie etwa Hermann Göring dem Todesurteil der Alliierten in den Nürnberger Prozessen entzogen. Bodenheimer sagt dazu, gerade Bianca stehe für das Prinzip, nach dem man sich nichts schenkt. «Deshalb habe ich ihr einen völlig sachlichen Mord verordnet, bei dem nur die Frage zählt: Wie bringt man jemanden am radikalsten um?»

sda

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