Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Die ganz normale Familie Armin

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

In dieser Familie spricht man nicht über Probleme. Falls man welche hat, lässt man sich von einer Psychoanalytikerin in stundenlangen Sitzungen helfen. Hans benötigt diese Hilfe, weil er seine Gefühle nicht unter Kontrolle hat. Wenn er (und somit auch seine Umwelt) von Wutanfällen überwältigt wird, was immer öfter vorkommt, muss er Schreibutensilien zerbrechen oder sich an irgendeinem Gegenstand sein überschüssiges Adrenalin «wegbeissen». Seine Ehe ist an einem Tiefpunkt angelangt. Das kann laut ihm nur «… an der Aneinanderreihung von Zahnbürsten, Zurechtweisungen, Vollkornprodukten, Blockflöten, kleinen Verletzungen, Autoreparaturen, Kinderhockeyturnieren, Süssigkeiten-Verboten, Unaufmerksamkeiten, allzu offensichtlich gespieltem Interesse und fatalen Uhrzeiten» liegen. Ellen jedoch meint, dass es an seiner Unfähigkeit liege, mit Stresssituationen umzugehen, und überredet ihn zur Psychoanalyse.

Masha, «das alte Mädchen»

Mashas Karriere ist alles andere als erfolgreich, doch das kann sie niemals zugeben. Ihr Leben ist ohne Ziel, gefüllt mit Tausenden Luftblasen voller verlorener Träume. Jetzt, mit 39, beschliesst sie, eine «Karriere» als Mutter anzustreben. Doch auch da scheitert sie, weil ihr urplötzlich bewusst wird, dass sie ihren langjährigen Freund wortwörtlich nicht mehr riechen kann. Nach der Trennung fällt sie in ein Loch, das sich auch auf ihre permanent danebengehenden Castings auswirkt. Ihr Pech auch, dass sie dauernd bei den falschen Leuten nach Trost lechzt und mit hysterischer Intensität nach einem potenziellen Vater für ihr Kind sucht. Sie versinkt in schwarzen Gedanken und bemitleidet sich als alterndes Mädchen.

Probleme, was ist das?

Die Eltern der Familie Armin, Alexander und Barbara, schwelgen in einer Welt voller Erinnerungen an eine heile, glückliche Welt mit ihren beiden Kindern, die sich bestens entwickelten und auf die sie heute ausserordentlich stolz sind. Wenn sich Risse zeigen in ihren Fantasiegebilden, werden diese mit Stillschweigen und Ignorieren zugekittet. Nach Alexanders Pensionierung führt die ungewohnte Nähe für die beiden ins Alter Gekommenen zu unüberbrückbaren Schwierigkeiten. Barbara fühlt sich von ihrem anhänglichen Mann verfolgt, sie flieht ins Dauerputzen, Dauerschlafen und schlussendlich aus der Wohnung, was Ungeahntes ins Rollen bringt.

Hinter die Fassade gucken

Der Autorin Sonja Heiss ist ein grossartiges Schauspiel eines vermasselten Familienlebens gelungen, das schlussendlich zum Trauerspiel verkommt. Voller Witz und beissender Ironie beschreibt sie abwechslungsweise Handlungen und Gedanken aus der Sicht der Betroffenen. Es gelingt ihr, mit Röntgenblick durch die von den Protagonisten errichtete Mauer zu dringen, geschickt versteckte Geheimnisse und die abstrusesten Situationen rücksichtslos aufzudecken. Akribisch genau erfasst sie das Befinden der Charaktere, ihre Gedanken und unterdrückten Träume – und alle bekommen sie ihr Fett weg. Ein bitterböser Roman mit hinterhältigem Humor und Seitenhieben gegen alle und alles, was in modernen Familien, in der Gesellschaft ganz allgemein, passiert. Heiss deckt Lebensformen auf, die heutzutage als «normal» akzeptiert werden, die jedoch oft genug und klar ersichtlich völlig daneben sind und dazu dienen, den Beteiligten ein glückliches Leben vorzugaukeln. Ein zeitgemässes Meisterstück an satirischer Gesellschaftskritik in Romanform, an manchen Stellen recht freizügig, jedoch immer mitreissend mit Schwung und Rasse geschrieben.

Sonja Heiss. Rimini. Roman. 397 S. Köln 2017, Kiepenheuer & Witsch.

Giovanna Riolo ist freie Rezensentin.

Mehr zum Thema