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«Die Machtprozesse nicht ausblenden»

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Autor: Nicole Jegerlehner

Wie wird Zweisprachigkeit definiert?

Die zentrale Definition Anfang des letzten Jahrhunderts besagte, dass jemand dann zweisprachig ist, wenn er beide Sprachen perfekt beherrscht – also so gut wie zwei Einsprachler. Das war eine sehr maximalistische Definition, auch eine sehr normative.

Welche Definition gilt heute?

Heute geht es um die funktionelle Kompetenz. Wer sich in zwei Sprachen gut verständigen kann – wer also den Alltag in zwei Sprachen bewältigen kann – gilt als zweisprachig. Es geht nicht mehr um das perfekte Beherrschen der Sprache. Diese Sicht auf die Zweisprachigkeit ist in den 1980er-Jahren entstanden.

Hat sich damals die Sicht auf die Sprache verändert?

Die heute aktuelle Definition der Zweisprachigkeit geht von einer anderen Konzeption der Sprache aus: Sie ist ein Mittel der Kommunikation, des Verständnisses.

Nach der aktuellen Definition kann also auch ein Erwachsener noch zweisprachig werden?

Ja, durchaus. Auch Erwachsene können gut Sprachen lernen und darin hohe Kompetenzen entwickeln. Vielleicht bleibt ihnen ein leichter Akzent als Merkmal.

Die Gesellschaft ist anspruchsvoller als die Sprachwissenschaftler und geht immer noch davon aus, dass Zweisprachige beide Sprachen perfekt beherrschen müssen.

Ja, die Gesellschaft betrachtet die Zweisprachigkeit nach wie vor sehr normativ. Wer beispielsweise einen starken Akzent hat, wird oft nicht als zweisprachig betrachtet. Solche Fragen zeigten sich ja auch bei der Kandidatur von Urs Schwaller für den Bundesrat – als die Frage aufkam, ob er denn die Westschweiz vertreten könne, wo seine Muttersprache doch Deutsch sei.

Warum ist die Sprachenfrage so wichtig?

Menschen evaluieren ihr Gegenüber aufgrund ihres Sprachniveaus: Spricht jemand gut, wird er oft als intelligent betrachtet. Die Sprache ist Teil eines Legitimierungsprozesses. Mit der Sprache können wir Unterschiede kreieren. Das ist dann ein Problem, wenn wir diese Unterschiede hierarchisieren – also jemanden, der eine Sprache nicht perfekt spricht, ausschliessen.

Ist die Sprache so wichtig, weil sie Teil der Kultur ist?

Das Zusammenspiel zwischen Sprache und Kultur wird überbewertet.

Inwiefern?

Für mich ist klar: Sprache allein erklärt kulturelle Differenzen nicht. Auch innerhalb einer Sprachgruppe gibt es kulturelle Unterschiede. Hingegen sind beispielsweise in den Gruppen der Romands und der Deutschschweizer ähnlich Sozialisierte zu finden, also Leute mit einem gleichen kulturellen Hintergrund. Es gibt organisationelle Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen; diese haben aber mehr mit der Geschichte als mit der Sprache der Gruppen zu tun.

Was ist, wenn die Menschen trotzdem an einer starken Bindung zwischen Sprache und Kultur festhalten?

Eine starke Bindung von Sprache und Kultur kann problematisch sein. In diesem Fall werden die Unterschiede zwischen zwei Gruppen hervorgehoben. Der zweite Schritt ist dann die Hierarchisierung der Unterschiede. Wer Sprache und Kultur aneinander bindet, will die Homogenität einer Gruppe hervorheben. Doch sowohl die Deutschschweizer als auch die welsche Kultur sind sehr heterogen.

Was bringt die Zweisprachigkeit einer Gemeinde?

Zweisprachigkeit ist ein Faktum, sie ist einfach da. Daher müssen wir mit der Zweisprachigkeit umgehen und erkennen so Differenzen und Spannungen, die damit verbunden sind. Das heisst auch, dass wir in einem zweisprachigen Umfeld lernen, mit solchen Differenzen umzugehen und weniger ausgrenzend zu werden – auch in Bezug auf andere Unterschiede, die in unserer Gesellschaft noch stärker ausschliessend wirken. Das hoffe ich zumindest.

Spielt bei diesem Ausgrenzen auch Angst mit?

Ja. Wie in allen Prozessen mit zentralen Differenzen, die unsere Gesellschaft prägen. Das Anderssein macht Angst. In Freiburg können die Romands Angst vor den Deutschschweizern haben, die auf nationaler Ebene in der Mehrheit sind. Wir müssen in diesem Zusammenhang auch beachten, wo die wirtschaftliche Macht ist: in der Deutschschweiz. Gleichzeitig finden sich Deutschschweizer in einem Minderheitendiskurs wieder. Sie fürchten um ihre Rechte. In Freiburg gibt es keinen auf den ersten Blick sichtbaren Sprachenkampf. Aber wir dürfen die Machtprozesse nicht ausblenden, welche das Zusammenleben beeinflussen. Sonst erkennt man Probleme nicht und sucht keine Handlungsmöglichkeiten.

Was würde es bedeuten, wenn die Stadt Freiburg offiziell zweisprachig würde?

Dies wäre vor allem ein symbolischer und politischer Akt. Ein sehr wichtiger Akt. Aber alleine damit wären bestehende Probleme nicht vom Tisch.

Dossier Zweisprachigkeit: www. freiburger-nachrichten.ch

«Zweisprachigkeit ist ein Faktum, sie ist einfach da», sagt Alexandre Duchêne.Bild Corinne Aeberhard

Zur Person

Der zweisprachige Soziolinguist

Alexandre Duchêne ist in Basel aufgewachsen. Zuhause hat er Französisch gesprochen, in der Schule Deutsch. Heute wohnt der 38-Jährige in Freiburg und Genf. Der Direktor des Instituts für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg und der PH Freiburg hat Sprachwissenschaft und Soziologie studiert. njb

Zur Serie

Freiburg und die Zweisprachigkeit

Der Kanton Freiburg ist offiziell zweisprachig. Die nicht offiziell zweisprachigen Städte Freiburg und Murten klären gerade ab, ob sie in ihren Bahnhöfen zweisprachige Schilder anbringen sollen. Wir nehmen dies als Anlass, um in einer Serie Fragen rund um die Zweisprachigkeit nachzugehen. njb

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