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«Die Magie funktioniert heute noch»

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Ob in Paris, in New York oder in Moskau: Jean Tinguely feierte auf der ganzen Welt Erfolge. Dabei blieb er aber seiner Geburtsstadt Freiburg stets verbunden und fand hier auch seine letzte Heimat. 1969 liess er sich in Neyruz nieder, wo er bis zu seinem Tod 1991 lebte. Zu seinem 25. Todestag feiern Stadt und Kanton Freiburg Jean Tinguely mit Veranstaltungen während des ganzen Jahres. Warum Tinguely diese grosse Beachtung verdient, ist auch Thema eines interdisziplinären Kolloquiums, das morgen und übermorgen am Museum für Kunst und Geschichte und an der Universität Freiburg stattfindet. Unter dem Titel «Jean Tinguely–Mythos und Nachleben» befassen sich Experten aus der Schweiz und aus dem Ausland sowie junge Forschende der Universität Freiburg mit den Wurzeln des Künstlers, mit seiner Wirkung, seiner Selbstinszenierung und seinem Werk.

Die Kunsthistorikerin Caroline Schuster Cordone, Vizedirektorin des Museums für Kunst und Geschichte und Mitorganisatorin des Kolloquiums, spricht im Interview über Tinguelys Bedeutung, seine Widersprüche–und darüber, warum er nicht der Macho war, als der er galt.

 

 Caroline Schuster, das Kolloquium vom 19. und 20. Mai trägt den Titel «Jean Tinguely–Mythos und Nachleben». Was macht den Mythos Tinguely nach Ihrer Meinung aus?

 Es gibt viele Elemente, die dazu beigetragen haben, und Tinguely selbst hat sein Image als Künstler durchaus bewusst gepflegt. Dazu gehörte etwa der blaue Arbeitsanzug, den er immer trug. Er zeigte sich damit als Arbeiter und Mann des Volkes, auch in Kontrast zu seiner Ehefrau, der stets eleganten Niki de Saint Phalle. Der Blaumann wurde so zum Markenzeichen–und zum Mittel der Provokation, wenn Tinguely ihn an offiziellen Anlässen trug. Die ständige Provokation ist ein weiterer Aspekt des Mythos: Tinguely provozierte gern und bewusst, etwa mit seinen autodestruktiven Werken, und er verstand sich sehr gut darauf, sich dabei die Medien zunutze zu machen. Ganz wichtig erscheint mir auch sein Ruf als Macho und Frauenheld, der ihm so eigentlich gar nicht gerecht wird.

 

 Inwiefern?

Tinguely hatte eine ausgeprägte feministische Seite, und die Stellung der Frau in der Gesellschaft beschäftigte ihn sehr. Er sagte zum Beispiel, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn die Frauen mehr Macht hätten und dass nur die Frauen die Welt retten könnten. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass er sah, wie sehr seine Mutter unter der traditionellen Rollenverteilung in ihrer Ehe litt. Tinguely selbst umgab sich immer mit freien und starken Frauen wie Eva Aeppli und Niki de Saint Phalle.

 

 Seine beiden Ehefrauen waren ebenfalls Künstlerinnen, und beide hatten ihre eigenen Karrieren …

Tinguely glaubte sehr an Künstlerinnen und an die weibliche Kreativität. Über Niki de Saint Phalle sagte er etwa, sie sei die grösste Bildhauerin der Welt. Seine Beziehungen mit Eva Aeppli und Niki de Saint Phalle waren aussergewöhnlich: Es ist selten, dass Künstlerpaare so unabhängig funktionieren und sich dennoch gegenseitig so sehr brauchen und unterstützen, um nicht zu sagen, sich gegenseitig retten.

 

 Gerade solche Widersprüche können auch zur Bildung eines Mythos beitragen.

Das stimmt, und bei Tinguely gab es viele Widersprüche! Das lag auch daran, dass er sich gerne öffentlich äusserte, auf Deutsch, Französisch oder Englisch, zu seinen Werken, aber auch zu anderen Themen. Man glaubte, ihn zu kennen, und dann sagte er wieder etwas, das so gar nicht ins Bild passte. Man wusste nie recht, wo die Wahrheit war.

 

 Wie viel Realität steckt denn im Mythos Tinguely–und wie viel Projektion?

Ich glaube, es ist schon viel Projektion dabei. Tinguely berührte viele Menschen, und wenn man mit Leuten spricht, die ihn kannten, entdeckt man viele unterschiedliche Seiten an ihm. Er war schon authentisch, aber er hatte viele Facetten. In Freiburg etwa ist vor allem der Tinguely der letzten Jahre in Erinnerung geblieben, während der junge Tinguely der grossen Happenings etwas in Vergessenheit geraten ist.

 

 Das dürfte auch damit zu tun haben, dass Tinguely in der Schweiz und speziell in Freiburg erst spät überhaupt wahrgenommen wurde.

Spätestens 1960 gelang Tinguely mit «Homage to New York» der internationale Durchbruch, 1964 schuf er für die Landesausstellung in Lausanne die Grossplastik «Heureka». In den USA, in Paris, aber auch in Deutschland war er damals schon sehr bekannt. In Freiburg nahm man ihn viel weniger wahr, wohl auch, weil er selber mit Ausnahme von gelegentlichen Besuchen bei seinen Eltern kaum hier war. Auch als er sich 1969 in Neyruz niederliess, kam er nicht, um zu bleiben, sondern um von da aus weiter um die Welt zu reisen. Es scheint, als wäre Freiburg damals einfach nicht bereit gewesen für einen Künstler wie Tinguely.

 

 Was brauchte es, um das zu ändern?

Tinguely stellte immer öfter in der Schweiz aus und arbeitete mit Schweizer Künstlern wie Bernhard Luginbühl und mit Schweizer Museumsleitern und Galeristen zusammen; das hat sicher dazu beigetragen. Für das breite Publikum war auch die Einweihung des Jo-Siffert-Brunnens 1984 ein wichtiger Moment. Nicht zu vergessen ist schliesslich die Ausstellung «Moskau–Freiburg–Moskau» im Museum für Kunst und Geschichte im Jahr 1991, einige Monate vor Tinguelys Tod: Mit 105 000 Besucherinnen und Besuchern war sie ein einmaliger Publikumserfolg.

Und wie reagiert das heutige Publikum im Museum und im Espace Tinguely auf Tinguelys Werke?

Die Magie Tinguelys funktioniert heute noch wie damals. Kinder sind von Tinguelys Maschinen immer fasziniert, einige haben Angst, doch die meisten freuen sich–spätestens, wenn die Maschinen sich in Bewegung setzen. Auch bei den Erwachsenen spüre ich viel Enthusiasmus. Das ist Tinguelys grosses Verdienst: dass er ein sehr breites Publikum berührt, auch Menschen, die sonst nicht viel mit Kunst zu tun haben. Gleichzeitig interessieren sich auch Kunstschaffende immer noch und immer mehr für ihn und lassen sich von ihm inspirieren, gerade die junge Generation.

 

 Welche Werke oder Werkgruppen haben Tinguely aus Ihrer Sicht zu dem Pionier gemacht, als der er heute gilt?

Da kommen mir mehrere in den Sinn, angefangen mit den «Méta-Matics», den Malmaschinen von 1959. So verspielt sie waren, lag diesen Kunst produzierenden Maschinen doch eine theoretische Reflexion über die zeitgenössische Kunst zugrunde. Mit den «Machines Célibataires», den Junggesellenmaschinen in der Tradition von Marcel Duchamp, hat Tinguely das alte Thema der Verbindung von Mensch und Maschine aufgenommen. Ein Pionier war er sicher im Umgang mit Altmetall und anderem rezyklierten Material, aber auch mit seinen Happenings und seinen selbstzerstörerischen Maschinen. Nicht zu vergessen schliesslich der «Cyclop», sein Lebenswerk, und die Altare, die aus Freiburger Sicht besonders interessant sind, weil sie Bezug nehmen auf Tinguelys katholische Wurzeln. Der «Altar der kleinen Tiere» im Museum für Kunst und Geschichte und der «Altar des westlichen Überflusses und des totalitären Merkantilismus» im Espace Jean Tinguely sind, zusammen mit dem Jo-Siffert-Brunnen, die wichtigsten Tinguely-Werke in Freiburg.

 

 Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Jean Tinguely?

Ich habe ihn nicht persönlich gekannt, aber als Kunsthistorikerin ist und bleibt er für mich interessant und faszinierend. Er hat viele künstlerische Seiten und berührt viele Themen der Kunstgeschichte. Ich möchte mich in Zukunft noch vermehrt mit seinem Spätwerk befassen, das meiner Meinung nach unterschätzt wird. Seine Auseinandersetzung mit Krankheit, Tod und Religion und seine Reflexion über sein eigenes Schaffen sind sehr reich. Tinguely bleibt als Studienobjekt unerschöpflich!

 

Kolloquium: Kunsthistoriker und Historiker

A m 19. und 20. Mai führen das Museum für Kunst und Geschichte und die Universität Freiburg das öffentliche Kolloquium «Jean Tinguely – Mythos und Nachleben» durch. Am Donnerstag geht es im Museum um Jean Tinguely als Künstler, am Freitag an der Universität Perolles um Nachwirkung und Nachleben Tinguelys. Insgesamt sind dreizehn Vorträge zu hören, drei davon in deutscher Sprache. Redner sind unter anderen Roland Wetzel und Andres Pardey, Direktor und Vizedirektor des Museums Tinguely in Basel, oder François Taillade, der Direktor des «Cyclop» in Milly-la-Forêt. Mitorganisatorin Caroline Schuster spricht über das Männliche und das Weibliche bei Jean Tinguely. Vonseiten der Universität sind die Professoren Julia Gelshorn (Kunstgeschichte), Claude Hauser und Alain Clavien (beide Zeitgeschichte) beteiligt, und auch Studierende leisten Beiträge. Ziel sei nicht zuletzt gewesen, Kunsthistoriker und Historiker zu vereinen und junge Forscherinnen und Forscher einzubeziehen, so Caroline Schuster. «So ist ein vielseitiges, interdisziplinäres Programm zusammengekommen.» cs

Vorträge auf Deutsch: Do., 19. Mai, um 9.15 Uhr (Oskar Bätschmann) und um 10 Uhr (Andres Pardey); Fr., 20. Mai, um 14.45 Uhr (Roland Wetzel).

Details zum Kolloquium und zum kompletten Programm von «Tinguely 2016» unter www.tinguely2016.ch.

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