Der Umzug der Murtner Solennität beginnt und endet am Berntor.
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«Die Soli ist keine starre Tradition – und das ist gut so»

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Trotz Regenwetters wurde am Samstag in Murten die Solennität gefeiert. Ein Historiker erklärt, wieso der militärische Aspekt dazugehört und wie sich die Tradition bis heute halten konnte.

Die Murtnerinnen und Murtner liessen sich am Samstag auch vom anhaltenden Nieselregen nicht davon abhalten, die Solennität zu feiern. Mit Regenschirmen und -jacken ausgestattet, säumten am Vormittag Hunderte von ihnen die Strasse durch das Stedtli. Und als dann die ersten Kinder und Jugendlichen in Kadettenuniformen durch das Berntor marschierten, war das schlechte Wetter schnell vergessen – auch im Regen leuchteten die bunten Blumengestecke und die weissen Kleider unter den durchsichtigen Pelerinen.

Hoher Stellenwert in Murten

Die «Soli» hat eine enorme Bedeutung für die Stadt Murten und alle, die hier in der Region aufgewachsen sind. «Das ist schwer zu vermitteln, welch einen hohen Stellenwert die Solennität hat», sagt auch Stefan Matter. Der Historiker und Mediävist der Universität Bern ist selbst in Murten aufgewachsen und steht heute in der Menge, um seinen Kindern, die beim Umzug mitlaufen, zuzuschauen. «Ich bin ein grosser Fan von diesem Fest. Es hat meine Kindheit und Jugend sehr stark geprägt», erklärt er gegenüber den FN. «Früher lief die Vorbereitung auf die Soli über viele Wochen hinweg, da hat sich die Vorfreude richtig aufgebaut.»

Der Historiker Stefan Matter an der Solennität 2024.
Bild: Carine Meier
Der Historiker Stefan Matter an der Solennität 2024.
Bild: Carine Meier

Auch als Erwachsener will er sich den Umzug nicht entgehen lassen. «Meine Frau, die nicht von hier ist, ist immer wieder darüber erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit dieser Tag für viele fix im Kalender eingetragen ist», so Matter. Für ihn ist klar: Unter keinen Umständen wird auf den Umzug am 22. Juni verzichtet. «Wir haben einige Jahre im Ausland gelebt und sind sogar da jeweils für die Soli zurückgeflogen», erzählt er.

Als Mediävist hat Matter inzwischen auch aus beruflicher Sicht ein grosses Interesse für die Geschichte der Solennität. «Es sind zwei Sachen: Die mittelalterliche Vorgeschichte des Festes, aber auch, wie sich dieses über die Jahrhunderte hinweg weiterentwickelt hat», betont er. Gerade diese Entwicklung ist in seinen Augen essenziell dafür, dass die Soli bis heute ihre grosse Bedeutung als Tradition behalten hat. «Es ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass das Fest nicht zu einer leeren Hülle wird», so Matter.

Lange Kontinuität trotz Unterbrüchen

Als Gedenkfeier an die Murtenschlacht vom 22. Juni 1476 existiert der Soli-Umzug in einer gewissen Form bereits seit 1477. «Das ist eine erstaunlich lange Kontinuität», meint Matter. Seit der ersten Prozession in Erinnerung an den Sieg der Eidgenossen gegen die Burgunder unter Karl dem Kühnen befand sich das Fest aber ständig im Wandel. Mit dem Bau des Beinhauses wurde damals in Murten ein Gedenkort geschaffen.

Neben dem Umzug und der Gedenkfeier kam dann im 16. Jahrhundert ein wichtiger Teil des Rahmenprogramms der Soli neu dazu: die Schiessübungen. «In Murten gab es eine patrizische Jugendorganisation, das sogenannte Äussere Regiment. Diese organisierte ab dem 16. Jahrhundert das Schlachtgedenken und stellte dazu auch die Schlacht nach – so kam das Schiessen dazu», erklärt Matter. Der Wettkampf im Armbrustschiessen ist heutzutage ein fester Teil der Solennität und darf auf dem Programm nicht mehr fehlen.

«1789 kam dann Napoleon, das Beinhaus wurde zerstört, das Äussere Regiment aufgelöst. Es gab einige Jahre lang keine Feier mehr, bis in die 1820er-Jahre», so der Historiker. 1822 sei ein «Schicksalsjahr» für die Soli gewesen. «Eigentlich sollte in dem Jahr der Obelisk als Schlachtdenkmal eingeweiht werden. Das wurde aber kurzfristig abgesagt.» Eine Gruppe von Gymnasiasten aus Biel war aber bereits nach Murten gereist und schloss sich kurzerhand den Feierlichkeiten zum Schulabschluss der Murtner Schülerinnen und Schüler an. «Das muss ein schöner Sommerabend gewesen sein, bei dem viele Freundschaften geschlossen wurden – denn die Bieler kamen anschliessend jedes Jahr wieder», erklärt der Historiker. «So ergab sich für die Lehrer, die das Fest organisierten, auch eine gewisse Kontinuität.» Obwohl die Soli nicht immer am selben Tag und auch immer wieder in neuem Rahmen gefeiert wurde – beispielsweise mal als Bezirksjugendfest – blieb die Tradition erhalten.

«Heute ist die Soli im Detail auch ganz anders, als ich sie in meiner Jugend erlebt habe», so Matter. «Es besteht eine gewisse Bereitschaft von allen Beteiligten, Sachen immer wieder anders zu machen. Das ist auch nötig dafür, dass die Soli weiterlebt.» 

Das grösste Problem der Solennität sei, dass gerade für Aussenstehende der militärische Anstrich der Feier nicht mehr zeitgemäss sei. «Leute, die neu nach Murten kommen und nicht diese Emotionen mit der Soli verbinden, sind schnell irritiert wegen des militärischen Aspekts. Die Kinder stören sich zwar meistens nicht daran – aber halt die Eltern», weiss Matter. Er selbst habe in seinem Umfeld auch schon solche Diskussionen miterlebt. Immer mal wieder wird infrage gestellt, ob Uniformen, Marschieren und Schiessen wirklich an ein Schulfest gehören.

Schlachtgedenken gehört zur Soli

Für Matter lässt sich das Schlachtgedenken aber nicht von der Soli abtrennen. «Ohne das müsste man gar kein Fest veranstalten», sagt der ehemalige Kadett. Es gehe aber heutzutage nicht mehr darum, zu feiern, dass man eine Schlacht gewonnen habe, und seine militärische Stärke zu demonstrieren. «Wir können feiern, verschont worden zu sein», erklärt er. «Die Murtner hatten grosses Glück, dass sie an diesem 22. Juni so gut davongekommen sind. Natürlich gab es in der Schlacht, wie man heute weiss, zwischen 10’000 und 12’000 Tote – aber die Stadt Murten wurde von Karl dem Kühnen nicht dem Erdboden gleich gemacht.»

Es gehe also vielmehr darum, dankbar zu sein. «Wir haben das Glück, dass wir seither nie mehr in einen Krieg verwickelt waren und in einem friedlichen Umfeld leben. Die Soli gibt auch einen Anlass, über das nachzudenken», meint Matter. Obwohl die Solennität heute von vielen eher als Schulfest gesehen werde, werde dennoch bei der Feier der Bericht von der Schlacht verlesen und der Schweizer Psalm gesungen. «Der Aspekt einer Schlachtgedenkfeier lässt sich nicht wegdiskutieren – das Fest funktioniert nur, wenn man vor dem nicht davonläuft», ist Matter überzeugt.

Seit Matter vor rund 40 Jahren bei der Soli selbst mittendrin war, ist dieser Aspekt aber schon schwächer geworden. «Früher haben die Kadetten noch Waffen mitgetragen beim Umzug, später nur noch die Kaderführer. Heute ist das gar nicht mehr der Fall.» Auch können Mädchen und Buben seit einigen Jahren entscheiden, ob sie in der Kadettenuniform oder in Weiss gekleidet an die Soli möchten. 2014 führte erstmals eine Kadettin die Primarschulzüge an. Beim heutigen Umzug sind sowohl die Kadettenzüge als auch die Schulklassen gut durchmischt.

Gegen Ende des Umzugs wünschte sich aber wohl der eine oder die andere unter den Kadetten, bei der anderen Gruppe dabeizusein. Statt leichtem Nieseln regnete es nun richtig, und die Uniformen, über die kein Regenschutz getragen werden kann, waren bei der Ankunft beim Berntorschulhaus schon ordentlich durchweicht. Trotzdem war auch die diesjährige Soli für viele Schulkinder wieder «der allerschönste Tag im Jahr» und für viele Erwachsene ein Anlass, an ihre Jugend zurückzudenken.

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