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Patrick Buchs 26.03.2020

Wie das Coronavirus den Sport lahmlegt

Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch der Sport steckt wegen des Corona-Virus in einem noch nie da gewesenen Existenzkampf. Breitensportvereine können ihre Trainings nicht mehr anbieten und verlieren dadurch ihre Jugend+Sport-Subventionen. Sie können auch ihre diversen Vereinsanlässe nicht mehr durchführen, die eine überlebenswichtige Einnahmequelle darstellen. Die Organisationen im professionellen Sport trifft es noch härter, weil sie wegen der Einnahmeausfälle die Lohnfortzahlungen ihrer Angestellten nicht sicherstellen können. Im selben Boot sitzen kommerzielle Sportanbieter wie Fitnesscenter, Schwimmbäder, Eishallen, Kletterparks oder Tenniscenter. Ohne staatliche Hilfe und Überbrückungskredite würden viele vor dem Aus stehen.

Der Umstand, dass alle Sportinfrastrukturen geschlossen wurden, ist insbesondere für Spitzensportler aktuell die Herausforderung Nummer eins. Ihnen wurde quasi über Nacht ihr Arbeitsplatz weggenommen … Viele bereiten sich seit Jahren auf ein grosses Ziel wie die Europa- und Weltmeisterschaften oder gar Olympische Spiele vor. Die meisten haben grosse Entbehrungen in Kauf genommen und kostspielige Investitionen getätigt, um sich die bestmöglichen Erfolgsvoraussetzungen zu schaffen. Und nun, kurz vor dem Ziel, laufen sie Gefahr, am Tag X nicht konkurrenzfähig zu sein. Das ist echt frustrierend!

Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Spitzensportlern über die Situation gesprochen. Erstaunlicherweise argumentieren die meisten ziemlich nüchtern und rational, indem sie sagen, dass ihre persönlichen Interessen zurzeit wohl oder übel hintenanstehen müssen. Ihnen wäre es aber wichtig, wenn die internationalen Verbände möglichst schnell den Spekulationen über die Durchführung der Grossanlässe ein Ende setzen würden. Im Speziellen geht es den Athleten um die Verschiebung aller internationalen Grossanlässe – so auch der Olympischen Spiele, die am 24. Juli in Tokio hätten beginnen sollen.

Seit diesem Dienstag wurde dem Wunsch der Athleten nun endlich entsprochen. Die Olympischen Spiele wurden auf einen noch zu definierenden Zeitpunkt im 2021 verschoben. Nachdem Kanada, Australien, Norwegen und die USA mit Boykott der Olympischen Spiele gedroht hatten, wurde der Druck auf das IOC zu gross. Wie man lesen kann, hat das IOC aber nur nach einer unmissverständlichen Intervention des Austragungslandes Japan eingelenkt. Für dieses so stolze Volk war die Angst, gegenüber der internationalen Gemeinschaft das Gesicht zu verlieren, grösser als die enormen logistischen und finanziellen Herausforderungen, die sie nun zu stemmen haben. Das verdient meiner Meinung nach Respekt!

In der Öffentlichkeitswahrnehmung gibt es trotz weitreichenden Konsequenzen nur einen Verlierer – das IOC. Die Mutterorganisation aller Sportler hat wegen seiner nur schwer nachvollziehbaren Hinhaltetaktik einen (weiteren) Image-Schaden erlitten. Das hätte nicht sein müssen.

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Swiss-Olympic-­Trainer Spitzensport war zwischen 2003 und 2017 für verschiedene nationale Sportverbände tätig. Der ehemalige Düdinger Diskuswerfer war 2008 und 2012 als Trainer und Funktionär an den Olympischen Spielen dabei. Seit 2018 arbeitet er für Mercuri Urval im Bereich der Personal- und Organisations­entwicklung.

 

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Katharina M. Fromm 19.03.2020

An die Daheimgebliebenen

Eigentlich hatte ich schon eine Kolumne fertig, bei der es um moderne Hotelzimmer gehen sollte – speziell um «transparente» Badezimmer oder gar Hotelsuiten, in denen das Bett in einer Badelandschaft steht und in denen es knapp dreissig Kippschalter gibt, mit denen sich zig Beleuchtungsmöglichkeiten und Rollos einstellen lassen. Mehr dazu vielleicht ein anderes Mal.

Nun aber eher etwas zur aktuellen Situation – wie gehe ich mit mir selbst um, wenn ich plötzlich für eine recht lange Zeit zu Hause bleiben muss? Man kann es ja zuerst einmal auf die leichte Schulter nehmen und sich ein wenig im Herumlungern üben. Es sind ja aber eben keine Ferien, sondern man soll, so weit es geht, Telearbeit verrichten. Das bedeutet bei mir zum Beispiel, «Fernvorlesungen» zu halten. Die erste Herausforderung besteht darin, dass man hierzu irgendwo zu Hause einen Ort finden muss, an dem man für zwei Stunden die Vorlesung störungsfrei aufzeichnen kann. Das ist gar nicht so einfach, denn je nach Familienkonstellation kommt bei Minute 34 oder 76 das eine oder andere Kind ins Zimmer gestürmt und brüllt dazwischen, dass es Hunger hat, spielen will oder gerade mit dem anderen um ein Auto streitet (Tür abschliessen hilft nicht, das gibt ein heftiges Klopfen). Oder der Partner schaltet mitten in der Aufzeichnung die Stereoanlage auf «volles Volumen», um sich ein Trompetensolo von Louis Armstrong (echt empfehlenswerte Aufnahmen aus den 1920er-Jahren!) oder erstklassigen Jazz von e.s.t. live in Hamburg anzuhören. Hat man es dann schliesslich doch geschafft und die Vorlesung erfolgreich gespeichert, stellt man fest, dass es sich um eine Riesendatei von zwei Gigabyte handelt. Da kann man mal sehen, wie viel Wissen in einer Doppelstunde vermittelt wird! Doch wie kommt das Ding nun zu den Studierenden? Die Anleitung empfiehlt die Nutzung von Switchdrive. Nach einigen Tests ist die Datei hochgeladen, und es folgen drei Versuche, bis die Studentinnen und Studenten tatsächlich Zugang haben. Uff. Auch das Schreiben von Publikationen und Forschungsprojekten oder andere systematische Arbeiten, die Konzentration über einen längeren Zeitraum voraussetzen, sind vor familiären Unterbrechungen nicht gefeit. Arbeiten zu Hause ist also nicht ganz einfach.

Dazu kommt, dass man das Gefühl hat, man könne endlich mal in Ruhe aufräumen oder Bücher lesen. Tatsächlich ergibt sich ein neuer Tagesrhythmus, und ich ersetze die Mittagspause durch eine Lesepause. In Coronavirus-Zeiten empfiehlt sich natürlich «Die Pest» von Camus – idealerweise auf Französisch. Nach dieser eher dunklen Atmosphäre sollte man zur Abwechslung das Zwerchfell trainieren, indem man zu Thomas Meyers «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin» greift, einer herrlichen Satire zur heutigen Gesellschaft. Wem zu Hause die Nervenkitzel des stressigen Alltags fehlen (nachdem der Kalender von allen «unnötigen» Meetings befreit ist), der sollte sich bei Fitzek (zum Beispiel «Das Paket», «Der Augensammler») oder Schätzing (zum Beispiel «Der Schwarm») gruseln, mit Irvin D. Yalom «Das Spinoza-Problem» lösen oder auf Claude Cuenis «Pacific Avenue» fahren. Sibylle Berg fragt eher pessimistisch: «Wie halte ich das nur alles aus?», wohingegen man mit P.  G.  Wodehouse nicht nur sein Englisch, sondern auch seinen Humor gepflegt auf Vordermann bringen kann. Enden will ich heute mit der Empfehlung Karl Valentins: «Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.» Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Buchhändler. In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund und machen Sie das Beste draus!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Gregor Kozlowski 12.03.2020

Pflanzen sind auch Lebewesen

Als meine Tochter noch ganz klein war, fragte sie mich einmal, ob Pflanzen – und insbesondere Bäume – ebenfalls Lebewesen seien. Ein Kind, das eine solche Frage stellt, wirkt auf uns sehr niedlich. Es zeigt die Neugierde eines sehr jungen Menschen, wie dieser zu verstehen versucht, wie unsere Umgebung aufgebaut ist und wie die Natur funktioniert. Ich habe meiner Tochter in aller Ruhe das Wesen und die Bedeutung von Pflanzen erklärt. Bei Erwachsenen – das gebe ich zu – gelingt mir dies weniger, und oft verliere ich schlicht und einfach rasch die Geduld. Ich weiss, dass dies bei einem Wissenschaftler nicht sehr professionell wirkt. Es gibt aber eine gewichtige Entschuldigung für meine Ungeduld: In Zeiten der dramatischen Biodiversitätskrise stösst eine stiefmütterliche Behandlung von Pflanzen auf Unverständnis.

Es ist ganz klar: Pflanzen zeigen alle Eigenschaften eines Lebewesens. Sie können sich auch bewegen. Sie können natürlich nicht laufen, aber man kann an ihnen andere Formen der Bewegung beobachten (so wenden sie zum Beispiel ihre Blätter nach dem Licht aus). Die Samen vieler Pflanzenarten können zudem weite Strecken zurücklegen und sogar entfernte Inseln erreichen und besiedeln. Dies geschieht meistens sehr langsam und ist für uns Menschen kaum wahrnehmbar. Überdies essen Pflanzen, wachsen, streiten um Lebensraum, reagieren auf Reize, vermehren sich … Sie leben.

In letzter Zeit schlagen viele Journalisten und sogar Politiker (was ich natürlich begrüsse) Alarm: «Insektensterben!», «Bienensterben!». Man empört sich und ist traurig darüber, dass der Feldhase von unseren Feldern, das Auerhuhn aus unseren Wäldern und der Schmetterling von unseren Wiesen verschwindet. Pflanzen sind da schon weniger ein Gesprächsthema. Für viele rücken die Pflanzen ein wenig in den Hintergrund – als ob sie schon immer da gewesen wären, wie der Sauerstoff in der Atmosphäre oder Berggipfel auf einer Postkarte.

Diese Zweitrangigkeit der Pflanzen in der Debatte um das Artensterben überrascht mich, sind doch die Pflanzen die Grundlage tierischen Lebens. Als fotosynthetische Organismen gehören sie zu den sogenannten Produzenten, von denen praktisch alle anderen Lebewesen, und damit auch wir Menschen, gänzlich (direkt oder indirekt) abhängig sind. Sie dienen nicht nur als Nahrung, sondern auch als Lebensräume, Klimaanlagen und Landschaftsarchitekten unseres Planeten.

Die Pflanzen verdienen also mehr Aufmerksamkeit, und die Schutzbestrebungen müssen intensiviert werden. Im Kanton Freiburg leben – oder vielmehr lebten – circa 2000 Pflanzenarten. Mehr als 150 von ihnen sind bereits im letzten Jahrhundert ausgestorben. Weitere 150 Arten wurden in den letzten 30  Jahren nicht mehr gesichtet, und Hunderte stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen (sozusagen im «Wartezimmer des Aussterbens»). Die Freiburger Natur wird monotoner und ist dadurch schlecht gegen globale und klimatische Veränderungen gewappnet. Das ist auch eine schlechte Nachricht für meine Tochter: Sie wird keinen Alpenmohn in den Freiburger Bergen und keinen Igelschlauch im Neuen­bur­ger­see mehr bewundern können, wenn sie einmal erwachsen ist.

Gregor Kozlowski wohnt in Ueberstorf und ist Professor für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Freiburg. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

 

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Franz Engel 05.03.2020

Kleine Weltenrettung

Ja, es stimmt, ich zog einst aus, um die Welt, die ganze Welt zu retten. Und ja, ich hatte eine klare Vorstellung, wie das gelingen hätte können. Heute, in die Jahre gekommen, und trotz Alter kaum klüger, stelle ich fest, dass dieses hehre Vorhaben nicht einmal mir ganz gelungen beziehungsweise völlig gescheitert ist. Aber aufgeben? Nie! Ich fang ganz einfach – auch wenn die Zeit langsam knapp wird – wieder von vorne an und beginne mit der Rettung von Fröschen und ihren Verwandten. Hier, bei uns, vor meiner Haustüre.

Es war an einem Karfreitag, die Sonne zog sich hinter die Berggipfel zurück, langsam wurde es dunkel, ein schon warmer Frühlingsregen liess den letzten Schnee schmelzen. Ich stand auf dem Balkon und schaute auf den See. Entlang der Strasse leuchteten bereits die Laternen. Plötzlich, wie aus dem Nichts, begann die Strasse zu leben: hüpfende Frösche, träge Erdkröten, flinke Bergsalamander. Im Schutze der aufziehenden Dunkelheit waren sie vom Berg herabgestiegen, um im See, so wie die Natur es für sie vorgesehen hat, an ihrem Geburtsort zu laichen und so den Kreislauf ihres Lebens zu schliessen. Fast hätten sie es geschafft, wenn nicht die Strasse, auf der Strasse die Autos, immer wieder, immer wieder … Du gehst runter auf die Strasse, willst diesen kleinen, harmlosen Lebewesen helfen. Viele sind schon tot, die Eingeweide aus den zerfetzten Körpern herausgerissen, andere kleben mit zerquetschten Hinterbeinen hilflos auf dem ­Asphalt, krabbeln mit den Vorderbeinen, können sich nicht mehr lösen. Dutzende, Hunderte Kadaver Abend für Abend, Nacht für Nacht, Jahr für Jahr.

Gesetz vom 16. Januar 1991: «Alle Amphibienarten sind geschützt. Es ist verboten, sie zu töten, zu verletzen, zu fangen …» (Art. 20 der Verordnung über den Natur- und Heimatschutz). Und angefügt: «Sind Eingriffe nicht zu vermeiden, so müssen bestmögliche Schutzmassnahmen getroffen werden.» Die Gesetze sind klar, doch was geschieht? Wenig, oft überhaupt nichts. Amphibien, diese faszinierenden Lebewesen, vom Gesetz geschützt, vom Aussterben bedroht, haben keine Lobby, kein Stimmrecht. Sie tun niemandem etwas zuleide, sie schreien nicht, nehmen niemandem etwas weg, reissen keine Schafe, jagen keine ­Rehe, stehlen keine Hühner und – hochaktuell – übertragen auch keine Krankheiten. Ihr einziges Ziel: lebend über die Strasse zu kommen, ihre Bestimmung im grossen Plan von Mutter Natur zu erfüllen.

Im Klartext: Jahr für Jahr werden geschützte und vom Aussterben bedrohte Lebewesen rücksichtlos auf grausame Art und Weise massakriert. Und kaum jemand schaut hin. Der Autofahrer ärgert sich über die verschmutzten Kotflügel, die Behörde, für die Einhaltung der Gesetze zuständig, schaut weg. Politiker reisen um die halbe Welt, um an Konferenzen über Massnahmen zum Schutz von Nashörnern, Elefanten und Walen zu schwadronieren. Warum erledigen wir nicht erst unsere Hausaufgaben, bevor wir schulmeisterlich dem Rest der Welt erklären, wie die Welt zu retten sei. Es würde nicht viel kosten, hinschauen, Achtsamkeit, verbunden mit einfachen Schutzmassnahmen.

Wann bist du zum letzten Mal einem dieser Tierchen begegnet, hast es vielleicht sogar in die Hand genommen, ihm in die Augen geschaut? Wann hast du das letzte Mal die wunderschönen Märchen von Prinz Kröte oder dem Froschkönig (vor) gelesen? Er, der Froschkönig, der durch den Kuss der Prinzessin selbst zum Prinzen wurde. Wäre das nicht eine Alternative für viele Prinzessinnen, statt beim «Bachelor» vor dem Fernseher zu schmachten? Doch Vorsicht, ist es doch relativ einfach, den Prinzen im Frosch, durch einen Kuss zu erwecken, scheint es andererseits fast unvermeidlich, dass sich die Prinzen, sitzen sie erst mal im Schloss, mit den Jahren wieder in Frösche verwandeln, und selbst die Küsse scheinen ihre Zauberkraft zu verlieren. Dass sich, vielleicht etwas zeitverschoben, auch die Prinzessinnen mit der Zeit in Kröten verwandeln, ist nicht belegt, wird aber in mündlichen Überlieferungen immer wieder behauptet.

Ich bin abgeschweift. Sollten die Frösche, und mit ihnen die anderen Amphibienarten, dereinst verschwunden sein, würde das den meisten von uns gar nicht auffallen. Und doch sind auch diese Lebewesen ein unersetzlicher Teil des grossen Puzzles, das wir Natur oder gar Schöpfung nennen. Und die fehlenden Puzzleteile nehmen zu, oft genug unwiderruflich. Wird der Mensch nicht als «Krone der Schöpfung» bezeichnet? Liegt aber in dieser Bezeichnung nicht auch eine grosse Verantwortung für die uns anvertraute Schöpfung? Diese Verantwortung darf sich doch nicht in Plünderung, rücksichtsloser Ausbeutung und Zerstörung erschöpfen!

Letztlich sind doch auch wir ein Teil diese Puzzles, und die zunehmende Zerstörung trifft am Schluss unvermeidlich auch uns. Auch darum ist es wichtig, dass wir uns dort einsetzen, wo wir Einfluss nehmen können, um zu korrigieren und zu verhindern. Mögen die einzelnen Schritte noch so klein scheinen, sie sind ein Teil des grossen Ganzen. Ob wir damit die Welt retten? Ich weiss es nicht – aber irgendwo müssen wir doch anfangen oder zumindest das weiterführen, was andere vor uns begonnen haben.

Ich wünsche uns allen einen Frühling voller Licht und Wärme! Draussen, in der Natur, und drinnen in unseren Herzen.

PS: Ein grosses Dankeschön an alle, die die Botschaft mittragen, den Mut hatten hinzuschauen und sich für die gute Sache einsetzen. Ein Lied zum Mut machen: Konstantin ­Wecker: «Uns hat die liebe Erde doch so viel mitgegeben.»

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

«Wird der Mensch nicht als ‹Krone der Schöpfung› bezeichnet? Liegt aber in dieser Bezeichnung nicht auch eine grosse Verantwortung?»

 

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Andreas Kempf 27.02.2020

Die Krux mit den Schuhen

 

Meine Kolumne im vergangenen Herbst widmete ich dem Projekt «Ineos 1:59», wo der Kenianer Eliud Kipchoge in Wien mit wechselnden Pacemakern als erster Mensch einen Marathon unter zwei Stunden lief. Aufgrund der Aktualität möchte ich auf ein womöglich wichtiges Puzzleteil dieses Erfolgs näher eingehen, den Laufschuh.

Das Material spielte bis anhin im Laufsport im Vergleich zu anderen Ausdauersportarten wie Radfahren, Langlauf oder Schwimmen (man erinnere sich zum Beispiel an den Aufruhr über die Hightech-Ganzkörperschwimmanzüge und deren Verbot im 2010) eine untergeordnete Rolle. Lange Zeit waren Laufschuhe für den Wettkampf vorzugsweise leicht, filigran und wenig gedämpft, damit der Läufer einen möglichst direkten Bodenkontakt und optimale Kraftübertragung hat. Dann kam die Sportartikelfirma Nike im Zuge des Projekts «Breaking2», dem Vorgänger von «Ineos 1:59», mit einem neuen Ansatz und entwickelte den Vaporfly 4%. Dieser Schuh hat ausser dem leichten Gewicht nicht mehr viel gemeinsam mit den bisher bekannten Wettkampfschuhen. Er wirkt mit einer Sohlendicke von über 30 Millimetern ziemlich klobig und hat im stark federnden Dämpfungsmaterial eine dünne Karbonplatte verbaut, die den Läufer mit einer hohen Energierückgewinnung nach vorne katapultiert. Zudem soll durch die spezielle Dämpfung die Muskulatur bei längeren Strassenläufen wie Halbmarathon und Marathon weniger schnell ermüden. Anfänglich wurde die von Nike behauptete Verbesserung der Laufökonomie um 4% belächelt und als Marketinggag abgetan. Allerdings explodierte plötzlich die Anzahl schneller Zeiten auf den Langstrecken. Bei den Männern und den Frauen wurde im Nachfolger, dem Nike Vaporfly Next%, neue Halb- und Marathonweltrekorde aufgestellt. Letztes Jahr attestierten auch die seriöse «New York Times» und weitere unabhängige Studien den beiden Vaporfly-Modellen, signifikant schnellere Laufzeiten um 2–3% zuzulassen im Vergleich zu Wettkampfschuhen anderer Hersteller. Das sind im Laufsport Welten!

Es verwundert deshalb nicht, dass es bereits mehrere Fälle von Läufern gab, die trotz Sponsorenvertrag mit einer anderen Firma in der Verzweiflung einen Nike-Schuh an den Füssen hatten und diesen entsprechend umgestalteten. Mittlerweile ist der Zugzwang so gross, dass praktisch alle bedeutenden Laufschuhhersteller für 2020 ähnliche Modelle mit einer Karbonplatte im Zwischensohlenmaterial angekündigt haben. Nike nutzte derweil den First Mover Advantage geschickt aus. Während der Vaporfly 4% noch in kleiner Stückzahl produziert wurde und schnell vergriffen war (und dadurch einen riesigen Hype auslöste), wurde der Vaporfly Next% in genügender Menge hergestellt und scheint trotz des horrenden Preises von 350 Schweizer Franken oder 275 Euro pro Paar ein absoluter Verkaufsschlager zu sein. Das macht gut einen Euro pro Kilometer, denn nach 200 bis 300 Laufkilometern lässt das reaktive Zwischensohlenmaterial spürbar nach.

Auch die Regelhüter von World Athletics, dem internationalen Leichtathletikverband, schauen dem bunten Treiben nicht mehr länger zu. Vor knapp einem Monat wurde beschlossen, dass die Sohlendicke eines Laufschuhs maximal 40 Millimeter betragen darf und nur eine Platte jeglichen Materials beinhalten darf. Zudem darf ein Laufschuh ab dem 30. April 2020 nur wettkampfmässig getragen werden, wenn er bereits für vier Monate im Handel erhältlich ist. Somit werden Prototypen für Spitzenläufer verboten. Eliud Kipchoge trug übrigens letzten Herbst in Wien bereits einen Prototyp des Alpha­fly, dem nächsten Modell von Nike, mit einer Sohlendicke von – wen wundert’s – genau 40  Millimetern.

Der Heitenrieder Läufer und ausgebildete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halb­marathon- sowie Marathondistanz.

 

 

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Gerti Haymoz 20.02.2020

Wer wagt, gewinnt … oder?

Auf dem Handydisplay ein unbeantworteter Anruf von den «Freiburger Nachrichten.» Ich hab’s zu spät gesehen, muss gleich zur Physiotherapie und habe keine Zeit, zurückzurufen. Dann vergesse ich es. Am späten Nachmittag dann noch mal ein Anruf von der gleichen Nummer, und mir geht in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf, dass die bestimmt etwas vom Theater wissen wollen. Etwas spät, denke ich, denn die Premiere ist doch schon vorbei. Aber mental bin ich darauf vorbereitet, auf Theaterfragen. Hätte zu allen die passende Antwort.

Aber dann bin ich sprachlos: Die nette Dame am Telefon fragt mich ganz freundlich, ob ich Interesse hätte, von Zeit zu Zeit in den «Freiburger Nachrichten» eine Gastkolumne zu schreiben. Ich? Warum ausgerechnet ich? Meine Gedanken rasen. Ich fühle mich sehr geehrt; dem gebe ich auch Ausdruck. Moniere aber, dass es viele gibt, die mehr zu sagen hätten als ich. «Alle haben etwas zu erzählen», ermuntert sie mich. Okay. – Dass ich aber bestimmt zu kulturlastig sei. «Nein, ein guter Ausgleich», meint sie. Schon wieder verloren. Aber … doch doch, grammatikalisch bin ich stilsicher, aber ich weiss nicht, ob ich spannend genug erzählen kann. Ich bin keine Frau der langen Worte (der vermeintlich grossen manchmal), halte mich gern kurz und bündig, auf das Wesentliche konzentriert. Mag ausufernde Redner nicht. Aber das sage ich ihr nicht. Dann die alles entscheidende Frage: Warum denn ausgerechnet ich? «Ehm, ich weiss gar nicht … ein Arbeitskollege hat Ihren Namen genannt.» Aha. «Und Sie sind eine Frau und würden die zurzeit männerlastigen Kolumnen etwas ausgleichen.» Ach so, das ist es also: Ich bin die Quotenfrau. Natürlich bin ich absolut dafür, dass Mann und Frau paritätisch vertreten sind, aber …

Ich bekomme Zeit, darüber nachzudenken. Die Möglichkeit, etwas zu wagen, und die Angst, zu versagen, wechseln sich ständig ab. Einem kleinen Teufelchen gleich: Versuch’s doch – nein, du schaffst das nicht – doch, versuch’s – nein … Beim Abendessen bei Freunden frage ich ganz beiläufig, ob sie in den FN eine Kolumne von mir lesen würden. Fragende Blicke. Ich muss erklären. «Ja, natürlich würden wir!» Uff, immerhin schon drei Leserinnen und Leser …

Am Abend im Bett, mir und meinen (noch immer rasenden) Gedanken allein überlassen, trifft mich die Erkenntnis einem Stromschlag gleich, fällt es wie Schuppen von den Augen: Ich bin eine Frau. Darum zweifle ich. Ich fasse es nicht. Ich, die ich ein Unternehmen führe, ich, die ich mich auf der Bühne produziere, ich, die Macherin, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Und im Sog der noch immer leisen Zweifel meine ich zu spüren, dass das Teufelchen ganz langsam von meiner Schulter hinunterrutscht. Leise in den Hintergrund verschwindet und einem scheuen Entschluss Platz macht: Ja, ich mach’s! (Oder doch nicht?) Doch!

Der Entschluss ist gefasst, aber der Auslöser zum Entscheid beschäftigt weiterhin. Erst recht. Auch am nächsten Morgen noch. Die Diskussion am Frühstückstisch ist angeregt, liefert nur ansatzweise Erklärungen, warum sich Frauen immer noch so viel zurücknehmen, sich nie etwas zutrauen, ohne die Angst im Nacken, zu scheitern. Ist es die Erziehung? Sind’s äussere Zwänge, die soziokulturelle Evolution? Die Küchentischpsychologie bringt keine Erklärung, aber in der Diskussion stärkt sich die finale Entscheidung immer mehr. Und ich bin fest entschlossen, die nette Dame anzurufen. Wer wagt, gewinnt. – Oder?

Gerti Haymoz ist verheiratet und lebt und arbeitet in Muntelier. Sie ist Mitinhaberin und CEO einer Firma im Broadcastbereich und ist im Vorstand des Kellertheaters Murten zuständig für die künstlerische Leitung.

 

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Beat Brülhart 13.02.2020

Mehr Spinner braucht die Welt

Egal, wohin man blickt, an jeder Ecke lauern ungelöste Probleme. Manche ziehen sich schon über viele Jahre hin. Und wenn mal ein Problem gelöst wird, schafft die Lösung oft gleich ein paar neue dazu. Dabei halten wir uns für die intelligentesten Wesen, die dieser Planet je gesehen hat. Warum sind wir dann nicht in der Lage, endlich unsere Probleme vernünftig zu lösen? Hatte Albert Einstein recht, als er meinte, dass man unmöglich ein Problem mit Gedanken und mit Leuten lösen könne, durch die es ja erst geschaffen wurde?

 

Ich jedenfalls denke, dass es an der Zeit ist, gewisse Zeitgenossen zu ignorieren. Skeptiker, die den Nuller anzeigen, bevor der Schuss losgegangen ist, ewig Gestrige, die glauben, dass früher alles besser war und die jede neue Idee mit «Ja, aber» killen, Realisten, die nur für möglich halten, was sie kennen, und ihre Sichtweisen mit der Wirklichkeit verwechseln, Leute für die jeder Winter zu kalt, jeder Frühling zu nass, jeder Sommer zu heiss und jeder Herbst zu trüb ist, auf all diese Normalen dürfen wir nicht länger hören. Wir dürfen uns von all den Empörten und Alarmisten, den Weltuntergangspropheten, den Angst- und Panikmachern nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wir sollten uns distanzieren von Leuten, die mit erhobenem Finger durchs Leben rennen, andere anklagen und verurteilen, die glauben zu wissen, was für andere gut ist und was diese zu tun und zu lassen haben; von all diesen Leuten gibt es so viele wie Sand am Meer, und ein Fensterplatz in den Medien ist ihnen erst noch sicher. Nur: Lösungen sind von ihnen keine zu erwarten.

Dabei brauchen wir dringend gute Lösungen. Dafür braucht es «Spinner». Wir brauchen Menschen, die wissen, dass wir noch lange nicht alles wissen, die erkennen, dass wir erst am Anfang und nicht am Ende sind, denen bewusst ist, dass alles im Fluss und nichts von Dauer ist. Menschen, die glauben dass mehr möglich ist, als das, was wir gerade für möglich halten. Wir brauchen Menschen, die trotz aller Widerwärtigkeiten an das Gute glauben, die glauben, dass Mensch und Natur in Einklang leben können, die eine friedliche Welt für realistisch halten, Menschen, die es wagen, das bisher Ungedachte zu denken und das noch nie Versuchte zu versuchen. Wir brauchen Menschen, die ohne ideologische Brille das Ganze sehen und ökologische, ökonomische und soziale Aspekte unter einen Hut bringen. Wir brauchen Menschen, die den kühlen Kopf bewahren, wenn alle um sie herum den Kopf verlieren. Wir brauchen Mutige und Beherzte, die gegen den Strom schwimmen. «Spinner» eben. Und wer weiss: Vielleicht liest gerade jetzt, hier in diesem Augenblick, ein solcher Spinner, eine solche Spinnerin diese Kolumne. Das wäre grossartig.

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbands Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Hubert Schaller 06.02.2020

«Gott, der Herr, hat sie gezählet, ­ dass ihm auch nicht eines fehlet …»

Gemäss Schätzungen sollen die Buschbrände in Australien mehr als einer Milliarde Tieren das Leben gekostet haben. Das kann nur jenen gleichgültig sein, die das Leiden von Tieren für bedeutungslos halten. Der australische Tierethiker Peter Singer hat für diese Menschen den Ausdruck «Speziesisten» geprägt. Speziesisten sind Menschen, die die Interessen der eigenen Spezies höher gewichten als die Interessen jeder anderen Spezies. So wie Rassisten das Wohlergehen der eigenen Rasse über das Wohlergehen aller anderen Rassen stellen, ohne dafür moralisch triftige Gründe zu haben, so halten Speziesisten das Leiden von Menschen grundsätzlich für schlimmer als das Leiden von Tieren. Sie berufen sich dabei in der Regel auf die Vernunft, die dem Menschen eine Sonderstellung innerhalb der Schöpfung gewähre. Singer lässt dieses Argument nicht gelten, denn ob und wie stark ein Lebewesen leidet, hängt nicht von der Frage ab, ob es vernünftig ist, sondern ob es schmerzempfindlich ist. Wenn es um die Zumutbarkeit von Leiden und Schmerzen geht, sind Leidensfähigkeit und Schmerzempfindlichkeit die einzig relevanten Kriterien, die nach Singer in ethischer Hinsicht zu berücksichtigen sind.

Der Historiker Xaver Holtzmann hält in seiner Eröffnungsbilanz für das 21. Jahrhundert fest, dass es mehr Tiere auf Erden gibt als Sterne in der Milchstrasse. Bei einer Fehlerquote von 0,3  Prozent sollen es 200 Milliarden Sterne sein, während die Erde von einer Trillion Tieren (das ist eine Eins mit 18  Nullen) bevölkert wird. Auf einen Menschen entfallen demnach 130 Millionen Tiere. In Bezug auf einzelne Tier­arten liefert Holtzmann folgende Zahlen: 10 Billiarden Ameisen, 300 Milliarden Vögel, 3 Billionen Bienen, 13 Milliarden Hühner, 1,3 Milliarden Rinder, 1 Milliarde Schafe, 935 Millionen Schweine, 699 Millionen Ziegen, 60,9  Millionen Pferde, 19 Millionen Kamele usw.

Im Jahr 2003 gab es von der Gattung der Spixara – einer Papageienart – nur noch ein einziges Exemplar, heute ist diese Vogelart ausgestorben. Sie teilt dieses Schicksal mit 58 000 anderen Tierarten, die jährlich von der Erde verschwinden. «Pro Natura» schätzt, dass innerhalb der letzten drei Jahrzehnte die Insektenpopulation in gewissen Gegenden um bis zu 75 Prozent dezimiert wurde.

Das Leben auf der Erde wiegt 1850 Milliarden Tonnen. 99 Prozent davon sind pflanzlicher Natur. Die Biomasse der Menschheit ist mit 0,1 Milliarden Tonnen vergleichsweise bescheiden.

Rund 60 Milliarden Nutztiere werden weltweit jährlich geschlachtet. Das entspricht mehr als dem Siebenfachen der menschlichen Erdbevölkerung. Pro Sekunde verenden 1900 Tiere in Schlachthöfen überall auf der Welt. Tendenz steigend.

Speziesisten mögen dieses Datenmaterial achselzuckend hinnehmen. Pedanten mögen einwenden, dass es unmöglich ist, Ameisen oder Bienen zu zählen. Für den Fall einer Sammelklage – so der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge – könnten diese Zahlen (selbst bei einer Fehlerquote von 30 Prozent) durchaus erheblich sein.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St.  Michael in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt Hubert Schaller regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

 

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Silvan Jampen 30.01.2020

Taten statt Worte

Die Madrider Weltklimakonferenz im Dezember 2019 endete nach allgemeiner Einschätzung ergebnislos – die Regierungsvertreter konnten sich nicht auf gemeinsame und verbindliche Massnahmen gegen die negativen Auswirkungen der Klima- und Umweltveränderungen einigen. Nicht nur auf globaler Ebene hat die Politik Mühe, konkrete und wirksame Vorschläge durchzubringen, auch in unserem Kanton mahlen die politischen Mühlen extrem langsam, wenn man den zehnjährigen Leidensweg eines halbwegs griffigen Energiegesetzes betrachtet. Das verwundert wenig, denn selbst in unserer konsensbasierten Demokratie wollen Politikerinnen und Politiker wiedergewählt werden, und Bürgerinnen und Konsumenten finden, dass zuerst die anderen handeln sollen. Und zur Not kann man sich hinter der Komplexität des Themas verstecken. Selbst wenn die Wählerinnen und Wähler im vergangenen Herbst massiv die grünen Parteien unterstützt haben, bleibt die Hoffnung vage, der gordische Regulierungs-Knoten könne endlich durchhauen werden. Gefordert sind Taten statt Worte.

Intuitiv ahnen wir es alle: Es wird unangenehm werden. Und zwar so oder so: Die aktuelle Umweltbelastungen erfordern unangenehme Verhaltensänderungen, sonst werden wir von unangenehmen Folgen überrascht werden. Nach Jahren relativ wenig wirksamer Subventionierungen vieler gut gemeinten Ideen und Regulierung in homöopathischen Dosen wird der Druck auf den Energie- und Ressourcenverbrauch gerade im Privatbereich (Mobilität, Wohngebäude) zunehmen. In unserer Demo­kratie wird dies zum ultimativen Test.

Taten statt Worte liefert seit 2001 die praktisch ausschliesslich von Unternehmen finanzierte Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW). Sie berät und begleitet Unternehmen, selbst gesetzte Klimaziele oder Verpflichtungen aus den Reduktionsvereinbarungen mit dem Bund zu erreichen. Dabei wird jeweils die unternehmensspezifische Ausgangslage analysiert und dann die auf den Betrieb angepasste Massnahmen ergriffen. Aufgrund des erfreulich wirtschaftsfreundlichen ersten CO2-Gesetzes des Bundes wurde mit der EnAW ein überaus erfolgreicher Prozess angestossen. In diesem haben bisher mehr als 4000 Unternehmen eine über den Erwartungen liegende Reduktion der CO2-Intensität der Wirtschaft erreicht. Dank der bisher ergriffenen Massnahmen stösst die Schweizer Wirtschaft Jahr für Jahr weniger CO2 aus. Dadurch haben die hiesigen Unternehmen massgeblich dazu beigetragen, dass die Schweiz die Ziele des Kyoto-Protokolls bisher überhaupt erfüllen konnte.

Aber nicht nur das. Die EnAW hat auch eine sich selbst verstärkende Motivations­spirale ausgelöst. Unternehmen, die erfolgreich Projekte zur Ressourcenreduktion umgesetzt haben, wollen mehr machen. Zudem weitet die EnAW ihre Dienste auf KMU aus, die oftmals noch zögern, scheinbar unrentable Erstinvestitionen zu tätigen. Insgesamt entwickelt sich damit ein Multiplikator-Effekt, welcher der öffentlichen Hand und uns Einzelnen als Inspiration dienen kann.

Statt öffentliche Gelder in Subventionen zu stecken, die in alle Himmelsrichtungen zu verpuffen drohen, sollten Kantone damit ihre Vorbildfunktion finanzieren (z.B. Sanierung ihres Immobilien- oder Fahrzeugparks, Umstellung auf erneuerbare Energiequellen). Unser Kanton könnte hierbei proaktiv die «vier Säulen der Freiburger Wirtschaft» (FKB, Groupe E, KGV und TPF) miteinbeziehen. Auch Gemeinden haben ein grosses und weitgehend ungenütztes Potenzial, zum Beispiel beim Werkstoff-Recycling, wo die Schweiz gerade im Bereich Plastik international schlecht dasteht. Die Gemeinden sollten dabei verstärkt untereinander und mit privaten Dienstleistern zusammenarbeiten. Zu viel Naheliegendes liegt schon zu lange ungenutzt brach, selbst wenn die Politik ein rosigeres Bild malt.

Taten statt Worte – die Wirtschaft macht es vor. Jetzt sind die öffentliche Hand und wir Bürgerinnen und Bürger an der Reihe. Lassen wir uns inspirieren, werden wir kreativ und fangen mit jenen Massnahmen an, die rasch, unkompliziert und kostengünstig umgesetzt werden können! Denn wir alle wissen: Es gibt nichts Gutes – ausser man tut es.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Daniel Wegmann 23.01.2020

Lügner!

Zusammen mit einem guten Freund bestieg ich im September 2010 den Mount Langley und genoss die traumhafte Aussicht über die Sierra Nevada. Die Nacht davor hatten wir unser Zelt an einem einsamen Bergsee aufgeschlagen und versucht, uns an der Milchstrasse sattzusehen. Auf dem Gipfel schweiften unser Blicke von der Wüste im Death Valley bis zu den Coastal Mountains, und mit reichlich Fantasie glaubten wir dahinter auch noch den Pazifik zu erkennen.

Während sich meine Zunge noch mit den hartnäckigsten Nougatstücken der Gipfeltoblerone abmühte, betrachtete ich mit meinen Feldstecher den knapp acht Kilometer entfernen Mount Whitney, dem mit 4421 Metern höchsten Gipfel der USA ausserhalb Alaskas. Dort oben drängte sich ein Haufen greller Outdoorjacken, darin eingepackt die glücklichen Gewinnerinnen und Gewinner der begehrten Be­steigungsbewilligungen für diesen Tag.

Warum wollen alle nur immer genau an denselben Ort? Die Welt bietet fast unendlich viele traumhafte Plätze, aber manchmal scheint es mir, im Internet hätte es nur Platz für einige wenige. Kein Wunder: Es glaubt mir ja auch niemand, ich sei in Paris gewesen, ohne Selfie vor dem Eiffelturm. Und sowieso: Nur Aussteiger geben sich mit dem siebthöchsten Gipfel zufrieden, wenn man doch auf den höchsten kann!

Das haben sich bestimmt auch die 5780 Personen gedacht, die bis jetzt den Mount Everest erklommen haben. Die Suche nach Einsamkeit kann es nicht sein, denn an guten Tag muss man auf 8800 Metern bis zu eineinhalb Stunden anstehen, um auf den Gipfel zu kommen. Das kann gefährlich sein: Die Mehrheit der bis jetzt 305 Verunglückten starben auf dem Rückweg.

Deutlich einsamer ist es am tiefsten Punkt der Erde. Vor genau 60 Jahren, am 23.  Ja­nuar  1960, haben Jacques Piccard und Don Walsh als erste die als Challengertiefe bekannte Stelle im Marianengraben aufgesucht. Nur zwei weitere Menschen waren seither in einer solche Tiefe, und damit nur ein Drittel so viele wie auf dem Mond. Zugegeben, ein Selfie aus der dunklen Tiefsee ist halt schon nicht so spektakulär.

Nicht, dass ein Selfie immer genügen würde. Gemäss einer kürzlichen Umfrage in den USA glauben rund sechs Prozent, dass die Mondlandung nie stattgefunden hat. In Russland sollen es sogar mehr als 25  Prozent sein. Und das, obwohl seither verschiedene Satelliten die Landeplätze fotografiert haben.

Was bringt Menschen dazu, vehement an sich widerlegbare Unwahrheiten zu verbreiten? Klar, nicht alles im Leben ist überprüfbar. Manche mögen sogar einwerfen, dass es Wahrheit an sich nicht gibt. Das mag für philosophische Ohren nach reinster Poesie klingen, ist aber wenig alltagstauglich. Und so bekennen sich die Naturwissenschaften dazu, überprüfbare Wahrheiten unserer Welt zu ergründen.

Das heisst aber noch lange nicht, dass sich jede Wahrheit unseren Messungen und Beobachtungen erschliesst. Wo genau die tiefste Stelle im ­Marianengraben liegt, ist zum Beispiel immer noch umstritten, denn eine genau Messung bleibt technisch anspruchsvoll. Entscheidend ist aber nicht, wie gross die Messfehler an sich sind, sondern wie sie im Verhältnis zur Messgrösse stehen. Und so ist die Challengertiefe ganz bestimmt über 10 900 Meter tief, und ein darin versenkter Mount Everest würde mit Sicherheit nicht aus dem Meer ragen. Wer es bezweifelt, möge sich einen grossen Bagger leihen.

Menschen, die sich wissentlich um überprüfbare Fakten scheren, bezeichnen wir gemeinhin als Lügner. Und Lügner, denken wir, hätten in unserer Gesellschaft keinen Platz. Und dennoch sind sie oft unheimlich erfolgreich, gerade in der gegenwärtigen Politik. Woran mag das liegen?

Vielleicht, weil wir alle Mühe damit haben, unser Weltverständnis zu hinterfragen. Das lässt sich experimentell zeigen: Kürzlich wurden in den USA Probanden zuerst über ihre Einstellung zu Waffen befragt. Danach wurde ihnen eine Studie gezeigt, die angeblich einen positiven oder negativen Effekt eines neu erlassenen Waffenverbots in einem anderen Staat der USA beschrieb. Beide Studien waren exakt identisch, sie zeigen einfach vertauschte Zahlen. Dennoch beurteilten die Personen die vorgelegte Studie immer dann als robust und gut gemacht, wenn sie ihrer Meinung entsprach, und als zweifelhaft und nicht aussagekräftig, wenn sie ihrer Meinung widersprach.

Geschickte Lügner nutzen das gezielt aus: Sie bezweifeln nicht nur die Fakten an sich, sie bemühen sich vor allem auch darum, die Quelle der Fakten in Zweifel zu ziehen. Professionelle Lügner erkennt man darum am besten daran, dass sie weniger gerne über Zahlen reden, als anderen Böswilligkeit zu unterstellen. Gehen Sie ihnen nicht auf den Leim!

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse auf Grund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

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