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Franz Engel 12.07.2018

Nur eine Geschichte?

Gegenwart: 2018

Wir hören Nachrichten, schauen fern. 19.30 Uhr Tagesschau, ein tägliches Ritual vieler Schweizer, mich eingeschlossen. Und immer wieder Krieg, Zerstörung, Menschen auf der Flucht. Wir kennen die Bilder, junge Männer, Frauen mit Kindern in überfüllten Booten, manchmal ertrinken sie, manchmal werden sie gerettet. Auch ich habe gelernt, nicht mehr hinzuschauen, bis an jenem Abend, als ich glaubte ein Gesicht zu erkennen. Eine junge Frau mit einem Kind in den Armen, von der Kamera ganz nahe gezoomt. Plötzlich bin ich hellwach, lasse die Bilder zurückspulen, immer wieder, bis ich Gewissheit habe. Dann war ich mir sicher: Das ist Ausi Manaleli-Franziska, sie glich ihrer Mutter aufs Haar, und sie trug eine Narbe über der linken Augenbraue.

Rückblende: 1985

Wir waren nun schon seit über zwei Jahren in «unserem» Spital in Afrika. Mitten in der Nacht wurde ich gerufen: Eine schwangere Frau, kurz vor dem Termin, hatte mit beginnenden Wehen starke Blutungen. Anrufe der Hebamme bedeuteten immer höchste Alarmstufe. Das heisst, die kurze Strecke zum Spital rennen, informieren, rasche, sorgfältige Untersuchung, Infusion, Labor (Blutmenge, Blutgruppe). Die Situation war klar: Die Plazenta (Mutterkuchen) lag vollständig über dem Muttermund und bei beginnender Öffnung, unter dem Druck der Wehen, rissen ihre Blutgefässe. Der Blutverlust war bereits erheblich, eine absolute Notfallsituation, das heisst Kaiserschnitt. Die Verantwortung zerriss mich beinahe. Ausi Manaha, eine erfahrene Hebamme, spürte mein Zögern, meine Angst. Sie kam auf mich zu, umarmte mich und sagte bloss: «Ntate, we have to do it, so let’s do it. Wir haben keine Wahl, also tun wir's», und «wir schaffen das». Das Narkoseteam wurde organisiert und auch mögliche Blutspender – wir führten eine Liste mit der Blutgruppe aller Angestellten, die im Notfall als Spender zur Verfügung standen.

Nach kurzer Zeit: Schnitt! Alles ging gut. Ein gesundes Mädchen gab laut und deutlich zu verstehen: Ich bin da! Ein kleines Missgeschick war aber doch passiert: In der ganzen Aufregung war ein Schnitt zu tief geraten, und ich hatte dem kleinen Mädchen eine Wunde über der linken Augenbraue zugefügt.

Mutter und Vater waren überglücklich und aus Dankbarkeit nannten sie das Mädchen Manaleli (Tochter der Sterne) – Franziska. Bald konnten sie nach Hause (zu Pferd), alle Wunden waren verheilt, nur eine Narbe über der Augenbraue blieb.

Gegenwart: 2018

Ich war elektrisiert, war überzeugt, dass es Manaleli ist. Ich begann zu suchen. Wandte mich an Solidarmed, unsere Organisation, an Behörden, das Rote Kreuz, schrieb, telefonierte, mailte … Nach Monaten endlich eine Spur. Ja, sie war gerettet worden, sie war registriert und auf eine Insel in ein Lager gebracht. Die Suche ging weiter. Endlich Kontakt mit einer Mitarbeiterin vom Roten Kreuz, die mit behördlicher Bewilligung das Lager einmal im Monat besuchen durfte. Von ihr erfuhr ich das Ende der Geschichte:

Manaleli war mit ihrem letzten Bruder und ihrem dreijährigen Sohn Lerato, in der Hoffnung auf Leben, auf der Flucht vor Bürgerkrieg, Hunger, Elend und Hoffnungslosigkeit. Die Eltern waren schon vor Jahren verstorben, ihr Ehemann und vier weitere Brüder bei einem Minenunglück ums Leben gekommen. Schlepper brachten sie unter schwersten Bedingungen an die Küste in ein überfülltes Boot.

Bei der Überfahrt riss eine Welle mehrere Menschen über Bord, ihr Bruder, beim Versuch einem Freund zu helfen, stürzte selber ins Wasser und ertrank. Ein Schiff der Küstenwache rettete sie und so kam sie in ein Lager, wo die Behörde verschiedene Flüchtlingsgruppen «konzentrierte». Dort passierte es, dass sich Lerato beim Spielen am Stacheldrahtzaun, der das Lager meterhoch und doppelt «sicherte», verletzte. Der kleine Körper war zu schwach, um sich gegen die Infektion zu wehren, er starb wohl an einer «Blutvergiftung». Manaleli sprach mit niemandem mehr, zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Ihr grosser Traum in das Land der Berge zu reisen, von der ihre Mutter immer erzählte, wo Menschen mit offenen Herzen leben, wo Menschen auf der Flucht Aufnahme finden, wo niemand hungert und Kinder die Schule besuchen, war endgültig zerstört.

Eines Tages war sie verschwunden. Tage später fand man ihren Körper, von den Wellen an den Strand gespült, sie lag auf dem Rücken, die Augen weit geöffnet blickte sie zu den Sternen, dorthin, wo sie herkam, Manaleli-Franziska, Tochter der Sterne.

***

 

Diese Geschichte ist frei erfunden, auch wenn solche Geschichten Tag für Tag in unserer Nähe geschehen. Wer sein Herz bewahrt hat, möge einen kurzen Moment innehalten … und hinschauen …

Nachtrag: Es besteht kein Zweifel, dass Krieg die Hauptursache von Flucht und Elend ist. Vor einigen Wochen hat der zuständige Bundesrat beschlossen, Waffen auch in Kriegsgebiete zu verkaufen. Wenn wir Kriege schon nicht verhindern (wollen oder können), so wenigstens daran verdienen. «Pecunia non olet» (Geld stinkt nicht), hiess es bei den Römern. Was, um alles in der Welt, muss noch geschehen, dass wir den Gestank von solchem Geld endlich riechen?

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

 

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Andreas Kempf 05.07.2018

Citius, altius, fortius

 

V

or rund einem Monat lehnte das Walliser Stimmvolk mit 54  Prozent eine kantonale Beteiligung von 100 Millionen Franken am Projekt Sion 2026 ab. Somit ist der Traum von Olympia in der Schweiz bereits wieder geplatzt, bevor überhaupt eine Kandidatur beim Internationalen Olympischen Komitee (IOK) eingereicht werden konnte.

 

Persönlich bedauere ich diesen Entscheid sehr. Es ist eine verpasste Chance für alle jungen (Winter-)Sportler, für die Tourismusbranche und für sinnvolle Investitionen in die Infrastruktur. Denn wir hätten der Welt zeigen können, dass ein solcher Event nachhaltig, kostengünstig und ohne Gigantismus durchgeführt werden kann. Denn das olympische Motto «citius, altius, fortius», häufig mit «schneller, höher, weiter» übersetzt, gilt schliesslich für die sportlichen Leistungen und nicht für das Ausmass der Spiele.

Was eine sportliche Veranstaltung auslösen kann, habe ich vor knapp drei Wochen hautnah miterleben dürfen. In Bern wurde das erste internationale Leichtathletik-Meeting seit 1989 (!) ausgetragen. Organisiert von sechs jungen Berner Leichtathleten wurde das Meeting mit dem treffenden Namen «Citius» zum vollen Erfolg. 2800 Zuschauer füllten das Leichtathletik-Stadion Wankdorf und konnten tolle Leistungen, unter anderen von Mujinga Kambundji und Alex Wilson, bejubeln. Über 3000 Meter war auch ich am Start. Mit 8:31  ­Minuten blieb ich zwar 18  Sekunden über meiner persönlichen Bestleistung, was ohne spezifische Bahntrainings dennoch eine zufriedenstelle Zeit war.

Eine Woche später ging ich es für mich mit meinen Trainingskollegen «altius», nämlich auf den 2309 Meter über Meer gelegen Berninapass, von wo aus ich auch diese Kolumne schreibe. Hier im Höhentrainingslager versuche ich mich optimal auf die Europameisterschaften in Berlin vorzubereiten, wo ich am 12. August den Marathon laufen werde. Dies bedingt, dass ich momentan im Training «fortius» laufe, das heisst pro Woche 145 bis ­175  Kilo­meter. Das wunderschöne Engadin lädt nicht nur zum Trainieren, sondern auch zum Träumen ein: zum Beispiel vom Olympia-Marathon in Tokio 2020 oder in ferner Zukunft von Olympischen Winterspielen in der Schweiz.

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf studiert Betriebsökonomie im Master an der Universität Bern. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Daniel Eckmann 28.06.2018

Lächeln für Erfolg im finsteren Tann

Im Sommer kommt ein neues Dach aufs Haus. Da rücken Profis an, wahre Könner. Auch unter dem Dach wird gezimmert, allerdings um Welten weniger fachmännisch. Das kam so. Der Umbau im Grossen schärft das Auge für den Kleinbedarf. Es ist eine Art «Wenn-schon-denn-schon-Effekt». Wenn schon ein neuer Dachstuhl, warum dann nicht auch ein neues Gestell hier und ein praktisches Möbel dort? Preislich geht das im Rauschen unter. Vor allem, wenn man nicht an grosse Anschaffungen denkt, die man bequem bestellen kann und die gebrauchsfertig geliefert werden. Sondern an jene praktischen Kleinmöbel, die erwartungsvoll in einer Do-it-yourself-Abteilung auf uns warten. Sie kennen das: ordentliche Schachteln, aus denen es schon auf dem Weg zum Parkplatz fröhlich Schrauben regnet.

Diesmal ist es ein langes, schmales Paket voller Einzelteile, allesamt in Plastikhüllen vakuumverpackt. Also eine Art Wundertüte, in der sich alles zum Verwechseln gleicht. Das heisst natürlich keineswegs, dass alle Teile gleich wären. Eben gerade nicht! Aber sie sind doch gleich genug, um verwechselt zu werden. Zum Glück gibt es einen Bauplan mit fein säuberlich aufgezeichneten Bauetappen, die je einzeln beschrieben sind. Und zwar fünfsprachig: Finnisch, natürlich Schwedisch, Ungarisch, Japanisch und Isländisch. Leider fehlt just Deutsch. Halb so schlimm, denn im Internet gibt es eine hilfreiche Übersetzung: «Nippel A abbrech und Klammer verklappen zurück nach aufwärts», steht da. Und: «Lächeln für Erfolg.» Aha, immerhin etwas.

In der ersten Runde wird ausgepackt und (noch) gelächelt. Das führt zunächst zu einer groben Selektion in zerbrechliche und bereits zerbrochenen Teile. Inzwischen hat Jessie (unsere Terrier-Hündin) den Behälter mit den fein säuberlich sortierten Bolzen und Muffen ins Körbchen abgeschleppt und ausgekippt. Jessie ist der liebste Hund der Welt, aber diese Eroberung scheint sie bewachen zu müssen, als ob es ein Wurf Welpen wäre. Im häppchenweisen Tausch gegen Bratenstücke gelingt es uns schliesslich, Muffe um Muffe zurückzuerobern und alles wieder neu zu ordnen. Der Braten war eigentlich fürs Znacht gedacht. Aber die Pflicht geht vor.

Ab Phase zwei (Bau) gilt es ernst: Laut Zeichnung muss man die Stange Nummer 1 so in die Grundplatte drehen, dass sich beides verkeilt. Das würde ich wohl schon dann nicht schaffen, wenn die Stange 1 tatsächlich die Stange  1 wäre und nicht die frappant ähnliche Querstrebe  C. So kommt eines zum anderen, und es müssen nicht immer splitternde Geräusche sein, die zusätzliches Ungemach ankünden. Schon bald haben wir die Planskizze in erste Verletzungen umgesetzt. Das gehört zum Spiel und geht vom Hartplastikspickel im Auge bis zur Rissquetschwunde. Also ab in die Apotheke und zurück zum Bausatz. So weit, so gut. Aber wie weiter? Die Übersetzung im Internet weiss Rat: «Querbeisser in Uhrzeigergegenidee fugen für fertig», und zwar «bis Rastklick sagt, dass geling.» All das natürlich immer «genug weit weg von heiss». Wobei man achtgeben muss, dass die «Traversplatte aus finsterem Tann nicht gebiegt», denn «sonst zuckt das Holz». Ist das geglückt, gilt es, das Ganze «gemutlich zu rücklingen», also langsam umzudrehen. Nach und nach entwickeln wir sogar ein Gespür für rückübersetzte Gebrauchsanweisungen.

Die Stunden vergehen wie im Flug: Do it yourself gibt einem einen ganz neuen Gegenwartssinn, und auch der Blick in die Zukunft wird farbiger, fantasievoller, künstlerischer. Wer noch nie auf allen vieren in immer freierem Gestalten Holzregale hat wachsen lassen, kann dieses Gefühl nicht kennen. Dass es seitwärts wächst und nicht nach oben, versiegt zunächst im Rausch des Stolzes. Doch je mehr die Sache Form annimmt, desto stärker wird der Verdacht, dass unabhängig von der Übersetzung wohl auch der Plan falsch gezeichnet sei. Aber das macht nichts. Anstelle des systematischen Aufbaus ist sowieso längst die blosse Greifbarkeit des nächstbesten Elements gerückt. Schliesslich wirbt das Möbelhaus mit intuitivem Bauen. Da müssen die Details nicht allzu stur gepflegt werden. Ohne ästhetisch getriebene Improvisation hätte es Corbusier ja auch nie zu seiner Liege gebracht. Man darf die Dinge da nicht zu eng sehen. Und überhaupt: Wahrscheinlich stimmt der Plan schon. Nur haben sie einen falschen Gegenstand in die Schachtel gepackt: Gerüst statt Gestell. So gesehen sieht unser Werk durchaus prima aus. Im Keller wird es zum Trocknen von Kleinstwäsche nützliche Verwendung finden.

Zum Glück wird’s bald Herbst, das Dach ist gedeckt, die Tage werden kürzer, die Abende länger und wir können in aller Ruhe auf dem Sofa vor dem Kaminfeuer vom Lächeln für Erfolg träumen und uns dabei gemutlich rücklingen. Natürlich weit genug weg von heiss, aber voller Stolz, auch wenn bei der Bastelei im Sommer nicht immer alles ganz geling. Aber immerhin hat das Holz nicht gezuckt. Dem finsteren Tann sei Dank.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

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Beat Brülhart 21.06.2018

Eisenbahnwaggons und Lemminge

Potz Jobs und heiliger Zuckerberg. Sie haben versucht, mich fertigzumachen, als ich sagte, dass Digitalisierung auch Gefahren in sich berge und ein Hype – gleichbedeutend mit aufgebauschten Übertreibungen – sei. Ich wurde als ein romantischer Naivling in die Ecke gestellt. Typen wie ich seien ein Schweiz-feindliches Standortrisiko. Und wenn wir nicht mitmachen würden, seien wir für immer abgehängt, und man könne sich doch der Zukunft nicht verweigern, sie sei unauf­haltsam.

Mich hat das verwundert. Schliesslich wird doch gefordert, dass kritische Menschen keine Phrasen nachbeten sollen. Und die Prognosen, die uns das vollcomputerisierte Dasein ausmalen, habe ich auch nicht erfunden: das gläserne Individuum, die Abschaffung des Bargeldes, der ermordete Detailhandel, das zentrale Erfassen aller Lebensdaten, inklusive Gesundheit, die Verrohung der Kommunikation, das Verschwinden vieler Jobs. Natürlich muss das nicht passieren. Aber es kann. Und wenn es passiert, drohen soziale Verwerfungen, die jede bisherige Krise wie ein laues Lüftchen erscheinen lassen. Das so zu sehen, soll ein Standortrisiko sein?

Dass schliesslich alle anderen auch mitmachen, kann auch kein Argument sein – jedenfalls, wenn man dem Kindergartenalter entwachsen ist. Das letzte angeblich Unaufhaltsame war die Globalisierung. Die sei notwendig und nützlich für alle, wurde behauptet. Heute fragen sich mancherlei Leute, ob das so stimmt. Passende Ideen und der Wille vorausgesetzt, ist nichts unaufhaltsam. Die Verzifferung des Lebens ist kein Naturgesetz, und dem lieben Gott ist es egal. Es ist der Mensch, der sie betreibt. Er kann es auch sein lassen.

Nicht jede Zukunft ist eine gute. Wenn man nicht mehr nachsehen muss, ob es genug Milch im Kühlschrank hat, mag das toll sein. Wenn der Computer die fehlende Milch nur noch bei Amazon-eigenen Käsereien bestellt, ist’s schon weniger lustig. Gar nicht lustig wird’s, wenn mich das Algorithmus genannte Blechhirn für kreditunwürdig hält, nur weil ich in einem günstigen Quartier lebe. Richtig ernst wird es, wenn ich im Knast lande, weil ein anderes Blechhirn behauptet, Leute mit meinem Nachnamen würden zum Terrorismus neigen.

Die Digitalisierung fordert uns heraus. Wer ausschliesslich danach strebt, nicht abgehängt zu werden, gleicht einem Eisenbahnwaggon, dessen Tempo und Richtung der Zug bestimmt. Wer ausschliesslich tut, was andere tun, ist ein Lemming. Und wer nur noch Vollgas gibt, landet eines Tages im Abgrund. Ich denke, die Welt braucht Menschen, die selbst entscheiden, ob sie im Zug mitfahren oder nicht, und die auch den Mut haben, aus dem Zug zu auszusteigen oder das Lemmingsrudel zu verlassen.

Das ist alles andere als einfach, aber notwendig.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

 

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Hubert Schaller 07.06.2018

Ich bleibe

In letzter Zeit höre ich von Freunden und Bekannten immer öfter, dass sie aus der Kirche ausgetreten sind. Alles Leute, die nach den gleichen oder ähnlichen ethischen Grundüber­zeugungen leben wie ich. Kein Wunder, dass mich, den Standhaften, die erdrückende Liste ihrer Gründe immer wieder in Erklärungsnot bringt: die Kreuzzüge, die sexuellen Übergriffe, die katholische Zuchtrute, die sie in ihrer Kindheit zu spüren bekamen, die Frauenfeindlichkeit, der Zölibat, das Unfehlbarkeitsdogma, das fehlende bzw. verfehlte Problembewusstsein (sollen Geschiedene die Kommunion empfangen dürfen oder nicht?).

 

Wie kann man da als steuerzahlender Pfarreibürger standhaft bleiben? Kommt hinzu, dass der religiöse Zweifler in mir mindestens ebenso viel Raum beansprucht wie der aufrichtige Christ. Glaubenseiferer sind mir gleichermassen zuwider wie missionarische Atheisten. Mani Matters Bekenntnis «Mir hei e Verein, i ghöre derzue, ghöre glych nit derzue» trifft – wenn es um Glaubensfragen geht – meine Seelenstimmung ziemlich genau.

Ich verstehe alle, die das sinkende Kirchenschiff verlassen, schaue ihnen manchmal sogar neidisch hinterher. Es ist mir bewusst, dass eine Abkehr von der Kirche nicht automatisch auch eine Abkehr vom Christentum bedeutet. Nur, was wäre das für ein Christentum, das gänzlich ohne Kirche auskommen müsste? Brauchen nicht auch Religionen eine minimale Organisations- und Infrastruktur, und sei es bloss ein beheizter Gebetsraum und Leute, die sich darum kümmern?

Was eigentlich ist es genau, was mich immer noch an die Kirche bindet? Ist es Gewöhnung, Bequemlichkeit, Opportunismus? Sind es die Fesseln der Tradition? Die Angst, ein Band zu zerreissen, das mich mit meinen Ahnen verbindet? Die Sorge, meine Identität zu verlieren, die irgendwo im christlich-abendländischen Denken verwurzelt ist? Oder ist es ein Ausdruck von Solidarität mit all den Menschen guten Willens, die – allen innerkirchlichen Skandalen zum Trotz – Tag für Tag in christlicher Demut überall auf der Welt Hilfe leisten und Not lindern? Vielleicht auch eine Mischung von alledem. Jedenfalls bereitet mir die Flucht aus der Kirche Kopf­zerbrechen, obwohl ich mich nicht zu ihrer Stammkundschaft zähle. Auf dem Gebiet der religiösen Ernährung bin ich so etwas wie ein eingefleischter Flexitarier.

Früher hätte dieser Exodus bei mir vermutlich Schadenfreude ausgelöst: Jetzt bekommt Rom endlich die Quittung für seinen eng­stirnigen Dogmatismus, seine Weltfremdheit, für all die verpassten Reformen. Damals hoffte ich auf eine religiöse Basisrevolution, die den Staub der Jahrhunderte aus den Kirchen fegt, um sie endlich wieder auf das Kernanliegen des Evangeliums zu verpflichten. Heute ist das Christentum, das die Kirchen verkörpern, vielen Menschen so sehr verleidet, dass sie seinen Niedergang, wenn nicht herbeisehnen, so doch bewusst oder unbewusst in Kauf nehmen. An die Stelle von Aufbruch und Wandel sind Überdruss und Gleichgültigkeit getreten. Dieser Vorgang stimmt mich nachdenklich. Ist da eine ganze Gesellschaft im Begriff, sich ihrer religiösen und kulturellen Wurzeln zu entledigen? Was gewinnt und was verliert sie dabei? Fehlte etwas in der Welt, wenn es das Christentum als Gemeinschaft der Gläubigen nicht mehr gäbe? Und wenn ja, was genau wäre denn dieses Etwas?

Gegen Ende seines Buches «Das Reich Gottes» beschreibt Emmanuel Carrère das christlich geprägte Ritual der Fusswaschung, dem er selber als Teilnehmer beiwohnte, so: «Ich schaue diese Füsse an und weiss nicht, was ich denke. Es ist wirklich sehr seltsam, Unbekannten die Füsse zu waschen. Ein schöner Satz von Emmanuel Levinas fällt mir ein, über das menschliche Gesicht, das einem verbietet, es zu töten, sobald man es sieht. Aber auf Füsse trifft es noch mehr zu, Füsse sind noch bedürftiger, noch verletzlicher, tatsächlich sind sie das Verletzlichste, das Kind in jedem von uns. Und obwohl ich es etwas peinlich finde, finde ich es auch schön, dass Leute zu diesem Zweck zusammenkommen, um dem so nahe wie möglich zu sein, was das Bedürftigste und Verletzlichste in der Welt und in ihnen selbst ist. Das ist Christentum, sage ich mir.»

Nachdem ich diese Sätze gelesen hatte, wusste ich, dass genau das darin aufbewahrt ist, was mich am Christentum immer interessiert hat und was mich innerlich zögern lässt, es aufzugeben: dem Bedürftigsten und Verletzlichsten in der Welt und in mir selber so nahe wie möglich zu sein. Ich sage nicht, dass man dem nicht auch ausserhalb der Kirche nahe sein kann. Und ich sage schon gar nicht, dass die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen diesen Anspruch auch nur halbwegs eingelöst hat (siehe oben).

Aber ich halte aus Unbelehrbarkeit oder Trotz daran fest, dass es eines fernen Tages vielleicht möglich ist, dass es sich immer noch lohnt, darauf zu warten oder noch besser, darauf hinzuarbeiten. Mit anderen Worten: Ich bleibe!

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung 2017 unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig zu selbst gewählten Themen.

 

 

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Silvan Jampen 24.05.2018

Probleme lösen statt Symptome bekämpfen

Kürzlich las ich von einem Vorschlag der SP Lausanne, Eigentümer von leer stehenden Verkaufsflächen mit einer progressiven Steuer dafür zu bestrafen, dass ihre Ladenflächen nicht vermietet sind. Denn schuld an diesen sogenannten «Phantom-Schaufenstern» seien nicht etwa die schwierige Marktlage, der zunehmende Online-Handel, der rückläufige stationäre Verkauf oder die berechtigte Suche nach einem langfristigen und zahlungskräftigen Mieter. Nein, schuld sei einzig und allein der Vermieter, der die Verkaufsflächen nicht vermieten «will».

Nun, die auf intellektuelle Abkürzung ausgelegte Denkweise hinter diesem Strafsteuer-Vorschlag mag offensichtlich sein. Dennoch zeigt dieses Beispiel ein Ärgernis auf, das auch sonst in der schweizerischen Politik um sich greift: Es werden lieber Symptome bekämpft, statt die Ursachen eines Problems adressiert.

Ein Beispiel mit grossem Selbstbetrugspotenzial ist der Zustand der Altersvorsorge. Die Ausgangslage (längere Lebensdauer; tiefe, in jedem Fall aber unsichere Renditeerwartungen; ungünstige Alterspyramide) ist von beispielhaft nüchterner Offensichtlichkeit. Sie kontrastiert eindrücklich mit den Bemühungen des politischen Personals, diese Realität mit allerlei Nebelpetarden unsichtbar zu machen. Natürlich ist es unschön, von finanziellen Luftschlössern Abschied nehmen zu müssen, noch unschöner ist es aber auf lange Sicht, den Patienten «Altersvorsorge» mit Finanzspritzen auf der Intensivstation am Leben zu erhalten, statt die Ursache seiner massiven inneren Blutung (zu hohe Rentenbezüge) zu beheben.

Als weiteres Beispiel mag die unsägliche Migrationsdebatte dienen. Erstaunlich, wie sehr einige Politiker dieses Land wegen ein paar Tausend Flüchtlingen, Asylbewerbern und aus wirtschaftlichen Gründen Migrierenden in helle Aufregung versetzen wollen – und es leider oft auch schaffen. Die gelebte Realität zeigt eher das Gegenteil: Die Schweiz als eine einzige Erfolgsgeschichte für die jahrzehntelang erfolgte Integration von mittlerweile 25  Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Als das Land, das von seiner Weltoffenheit beispiellos profitiert hat. Als der Staat, der mit der Administration seines Asylwesens Massstäbe setzt. Relevant wäre wenn schon zum Beispiel die bis 2050 erwartete Verdoppelung der Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent. Wenn wir angeblich schon heute am Rande des Migrationskollapses stehen, was wollen wir denn tun, wenn es Afrika bis dahin nicht geschafft haben sollte, seine jungen Menschen zu behalten? Und wie völlig anders sähe eine Migrationspolitik aus, die sich dieser grundlegende Herausforderung stellte, statt sich an den vergleichsweise harmlosen Symptomen der aktuell eher bescheidenen Migration zu ereifern?

Prominent in unserem Kanton sind die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Spitalstandort Freiburg. Die multiplen Probleme, die sich seit einiger Zeit zeigen und von ebenso lauten wie hilflosen Protesten begleitet werden, sind lediglich die Symptome viel tiefergreifender Entwicklungen, die eher von nationaler denn bloss kantonaler Tragweite sind (Überversorgung, falsche finanzielle Anreize, Mehrfachrolle des Staates). Solange die massgeblichen Akteure nicht bereit sind, diese unterliegenden Entwicklungen zum Massstab ihrer Problemlösung zu nehmen, werden wir noch lange dem Trauerspiel um die kreativsten Vorschläge zur Symptombekämpfung zuschauen müssen.

Zwar steht die Schweiz in der Disziplin «Symptombekämpfung statt Problemlösung» vergleichsweise gut da, wenn man sie etwa mit der oftmals realitätsfernen Detailversessenheit der EU-Politiker, der Konzeptlosigkeit des britischen Brexit oder auch der wirtschaftspolitischen Ahnungslosigkeit von Trumps USA vergleicht. Es gibt aber auch bei uns zu viele Menschen, die Probleme erfinden, um sie politisch bewirtschaften zu können. Und es gibt solche, die verwechseln die Symptome mit den wahren Problemen und basieren ihre politischen Forderungen darauf. Beides ist fruchtlos und absorbiert in unserer Demokratie Kapazitäten, die besser zur seriösen Ursachenforschung verwendet würden. Die Ursachen der Symptome, die unterliegenden Herausforderungen, beinhalten schmerzliche Wahrheiten, die so lange bestehen bleiben und dabei immer dringlicher werden, als sie nicht in die Problemlösung einbezogen werden.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Daniel Wegmann 17.05.2018

Bsszzzzzzzzz … !

Haben Sie sich auch auf den Sommer gefreut? Auf die lauen Abende im Freien, aufs Schlafen bei offenem Fenster, auf das Vogelgezwitscher zu früh am nächsten Morgen? Ich auch – bis gestern.

Die Schönfärberei des Gehirns ist schon beeindruckend: Meine Erinnerungen an den letzten Sommer suggerieren dauerhaft schönes Wetter, gemütliche Abende und erholsamen Schlaf. Auch beim besten Willen kann ich mich nicht daran erinnern, jede Nacht von diesen heimtückischen Biestern heimgesucht worden zu sein. Aber seit gestern sind sie wieder da. Scheiss Mücken!

Okay, es war nur eine. Aber wo eine ist, gibt es bald Tausende, denn ein einziges Weibchen legt über hundert Eier nach einer einzigen wohlschmeckenden Blutmahlzeit. Und trotz vehementer Gegenwehr meinerseits zog das Mistvieh gestern mit vollem Magen davon. Zugegeben, die knauserigen 0,005  Milliliter werden meine Gesundheit nicht dramatisch beeinträchtigen. Immerhin müssten sich über eine Million Mücken zusammenraufen, um mich auszusaugen. Da ich jetzt aber nur einhändig tippen kann (man muss sich schliesslich kratzen), dauert es fast doppelt so lang, um diesen Text auf den Bildschirm zu kriegen.

In der Schweiz treten um die 100 Stechmückenarten auf. Nicht alle sind so lästig wie Cu­lex pipiens, welche auf Deutsch treffend als Gemeine Stechmücke bezeichnet wird. Meine Kol­legen aus der Syste- matik möch­ten mich jetzt sicher darauf hinweisen, dass sich die­- se Präzi­sierung auf das grosse geografische Vorkommen und die Häufigkeit dieser Art be­- zieht. Zum Glück lässt die deut-­ sche Sprache aber auch emotio­- nalere Interpretationen zu.

Der emotionale Gemütszustand von Carl von Linné, als er der Art im 18. Jahrhundert ihren lateinischen Namen gab, lässt sich nur erahnen. Übersetzt bedeutet dieser so viel wie die piepende oder zwitschernde Stechmücke. Als gebürtiger Schwede assoziierte Carl von Linné die lieblich zwitschernden Mückchen vielleicht so sehr mit Sommer, dass er sich ihrer an dunklen Wintertagen nur mit Schwermut erinnerte. Mir raubt ihr Piepen den Schlaf.

Es ist jede Nacht dasselbe. Kaum beginne ich in sanfte Träume zu entschwinden, höre ich ein hohes Bsszzzzzzzzz, das sich langsam meinem Ohr nähert. Mit ihren perfektionierten Sensoren sind weibliche Mücken magisch angezogen vom CO2, das ich ausatme, und dem Para-Kresol, das ich ausdünste. Überschreitet das Gepiepe eine angeborene Schallgrenze, bin ich in einem angeregten Wachzustand und schlage hysterisch um mich. Im Dunklen bin ich zu unbeholfen, um die Angreiferin nachhaltig von ihrem Fortpflanzungsdrang zu kurieren. Immerhin zwangen meine Luftwirbel die schlechte Fliegerin zu einer Notlandung, glücklicherweise ausser Reichweite meiner vom erhöhten Puls strapazierten Arterien. Dort rüstet sie sich für den nächsten, kaltblütigen Angriff. Sie weiss um das Risiko: Sie wäre definitiv nicht die Erste, deren Leben ich ausgeklatscht hätte. Also wartet sie ruhig, bis sich mein Atem abgeflacht und sich mein Bewusstsein Träumereien hingegeben hat. Dann bringt sie vorsichtig ihre Schwingkörperchen in Stimmung, breitet ihre Flügel aus … bsszzzzzzzzz … und alles beginnt wieder von vorn.

Wieso gibt es überhaupt Mücken? Und dann noch solche, die Krankheiten übertragen? Das ist natürlich eine überflüssige Frage, denn die Evolution schert sich einen Dreck um meinen Schlaf. Solange eine Art genügend erfolgreich ist, sich fortzupflanzen, kann sie existieren. Und erfolgreich ist die Strategie der Mücken zweifelsohne: Dank der unglaublichen Fertilität reicht es, wenn nur einige Weibchen mit ihrer Attacke erfolgreich sind. So flinke Hände, um das zu verhindern, hat die Menschheit nicht. Kein Wunder, hilft sie mit Pestiziden etwas nach.

Im Kanton Freiburg wird zum Beispiel regelmässig am Greyerzersee BTI gespritzt. BTI steht für ein natürlich vorkommendes Bodenbakterium. Dieser Nützling produziert einen Giftstoff, der gezielt Mückenlarven tötet, jedoch gemäss aktuellem Wissen für andere Tiere nicht oder kaum schädlich ist. Auch treten gegen die BTI-Giftstoffe (bisher) keine Resistenzen auf. Eins zu null für die Menschheit, ihr zwitschernden Zweiflügler!

Dummerweise dezimiert BTI aber auch Zuckmücken, welche an meinem Blut in keiner Weise interessiert sind; die meisten können nicht einmal stechen. Zuckmückenlarven sind die Hauptnahrung vieler heimischer Fische, und die kurzlebigen Adulten sind eine wichtige Beute von Vögeln für die Auf­- zucht ihrer Jungen. Ach, wieso ist immer alles so kompliziert! Vielleicht sollte ich einfach nach Island auswandern. Dort gibt es keine Stechmücken – natürlicherweise.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Uni Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er ist Mitglied einer FN-Autorengruppe, die hier natur­- wissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

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Sus Heiniger 03.05.2018

Du schaffst das

Kürzlich erschien, aus dem Dänischen übersetzt, das Buch «Zenobia», geschaffen von zwei dänischen Künstlern, dem Autor Morten Dürr und dem Illustrator Lars Horne­man. Vom Scheitel bis zu den Fingerspitzen wurde ich in dieses Buch hineingezogen, als ich es in einem Buchladen öffnete.

 

Wer ist Zenobia?

O, es geht um Syrien, es geht um eine Flucht. 10 Millionen Syrer sind auf der Flucht. Will ich das immer und immer wieder lesen und nichts tun? Was kann ich tun?

Kommt mir ein neues moralisches oder politisches Statement in diesem Buch entgegen, das mir einmal mehr den Horror aufzeigt, in Comic Style?

Meine Überlegungen waren in Kürze keine mehr, weil ich einfach schaute und las.

Amina, ein syrisches Mädchen flüchtet aus dem Krieg. Die ersten Buchseiten zeigen mir das Meer. Kein Text, nur Blau, viel Blau, blau wird Meer. Gezeichnet auf einer nächsten Seite, auf diesem Blau, eine Menschenmenge, über eine halbe Buchseitenhöhe in eine Spitze mündend. Die Form eines Schiffes ist so gegeben, ohne Wände oder Streben eines solchen, aber die Bildsprache ist klar: Viel zu viele Menschen in einem Nichts von Schiff.

Amina ist das Mädchen, dessen Fluchtgeschichte das Buch bebildert und beschreibt.

Nichts beschönigend, nichts Reisserisches, nichts Aufgemöbeltes. Mit erschreckender Distanz erzählen die beiden Künstler den Horror eines Fluchtversuchs über das Meer.Licht und Schatten, in monochromen Farbtönen gemalt, reden von Zerstörung und Krieg, selbst die Sonnen-, selbst die Lichtseiten in Aminas Stadt zeigen Zerstörung.

Einfache Bilder von Stadt in Rauch und Asche, kleine Formen, wie collagiert, meinen Kampf-Bomber nach oder vor dem Abwurf und Stille nach den Bomben.

Daraus möchte das Mädchen fliehen. Gestärkt durch die Erzählungen ihrer Mutter von Zenobia. Zenobia war einst Herrscherin von Palmyra in Syrien, immer wieder Identifikationsfigur für moderne Frauen.

«Du schaffst das, du bist so stark und mutig, wie Zenobia», sagte die Mutter.

Amina glaubt an Zenobia und steigt in ein Fluchtboot. Das Boot hält der Wucht des Meeres nicht stand, Amina wird mit allen andern Flüchtenden in grosse Wogen geschleudert.

Nichts mehr bleibt, alles ist Blau...der Text ist kurz: «Alles ist gewaltig und leer hier.»

Im Mädchengesicht ist keine Panik gezeichnet, es steht einfach der nächste Satz: «Niemand kann mich hier finden.»

Amina ertrinkt im Träumen an ihre Zeit zu Hause, in ihrer Familie.

Das Buch endet mit blauen Doppelseiten.

Kühl, weit, leer, einsam, weg.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Patrick Buchs 26.04.2018

Die Freiburger und die Mannschaftssportarten – eine Saisonbilanz

Der Monat Mai ist dazu prädestiniert, sportliche Bilanzen zu ziehen, weil viele Meisterschaften zu Ende gehen. Darum werde ich mich in meiner heutigen Kolumne mit meiner Aussensicht den Freiburger Mannschaftssportarten und ihrem Abschneiden in der Saison 2017/18 widmen.

 

Volleyball: Die Power Cats aus Düdingen haben eine hervorragende Saison abgeliefert. Von aussen erhält man den Eindruck, dass durch den Trainerwechsel die Mannschaft konstanter wurde. Der Verein hat es geschafft, sich nicht nur beim Publikum, sondern auch bei der Wirtschaft zu etablieren. Einziger Wermutstropfen für die Weiterentwicklung des Volleyballs im Kanton ist der Abstieg des VBC Freiburgs aus der NLB. Die Konstellation NLA (Düdingen) und NLB (Freiburg) war für die kantonalen Talente eine optimale Entwicklungsschiene. Ich hoffe, dass sich die 1. Liga-Vereine zu einem gemeinsamen NLB-Aufstiegsprojekt zusammenschliessen.

Basketball: Olympic und Elfic haben ihre Spitzenpositionen in der nationalen Elite weiter gefestigt und spielen beide hervorragende Saisons. Obwohl beide heisse Anwärter auf den Titel sind und hochstehenden Sport bieten, schaffen sie es nicht, das Publikum ausserhalb der Stadt zu begeistern. Das Problem ist struktureller Art: In einer idealen Welt baut sich ein nationaler Verband vom Schulsport zum Vereinssport, über Nachwuchsauswahlen, bis zum Spitzensport eine logische Förderpyramide auf. Im Basketball steht die Pyramide bildlich ausgedrückt auf dem Kopf. Oder anders gesagt – solange es das Basketball nicht schafft, sich geografisch zu diversifizieren, wird er auch weiterhin nur lokales Interesse generieren.

Eishockey: Gottéron konnte seine Zerfallserscheinungen der letzten Saison stoppen und hat sich durch eine gute Saison beim Publikum rehabilitiert. Dank einiger hochkarätigen Transfers und dem Umbau der «Patinoire» scheinen die Voraussetzungen für zukünftige Erfolge zu stimmen. Mit den Bulls aus Düdingen gibt es ausserdem eine optimale Ergänzung, um junge Talente zu entwickeln.

Unihockey: Für mich ist Floorball Fribourg der Gewinner der Saison! In ihrer ersten NLB-Saison haben sie sich gleich oben in der Tabelle etabliert und tolles Spektakel geboten. Das Publikum hat äusserst positiv reagiert und dem «alten Geist» der Ste- Croix-Halle wieder neues Leben eingehaucht. Je nachdem wie sich der Verein entwickelt und dabei vom nationalen Verband unterstützt wird, könnte der Unihockeysport mittelfristig einigen altgedienten Freiburger Hallensportarten den Rang ablaufen.

Fussball: Der Freiburger Fussball ist für mich der Verlierer der Saison. Als aussenstehender Beobachter wird man das Gefühl nicht los, dass sich die Exponenten aus Freiburg, Düdingen und Bulle nicht einmal die Butter auf dem Brot gönnen. Offenbar hat das gescheiterte Zusammenarbeitsprojekt im 2015 einen nachhaltigen Schaden hinterlassen.

Für einen relativ kleinen Kanton mit limitierter Wirtschaftskraft ist die Bilanz dennoch beachtlich. Man kann den verschiedenen Vereinen nur wünschen, dass sie von der öffentlichen Hand und der Wirtschaft zukünftig die gebührende Unterstützung erhalten werden, um sich strukturell weiter entwickeln zu können. Das begeisterungsfähige Publikum und die vielen motivierten Kinder werden es ihnen danken!

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

Gastkolumne

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19.04.2018

Erstens kommt es anders, und zweitens noch viel mehr

H

aben Sie auch das Gefühl, die ganze Welt kennt Ihren Kalender und verschwört sich gegen Sie? Da ist man mal zwei Tage an einer Klausursitzung oder fährt über Ostern weg, und schon wird aus dem normalen Alltagsstress eine regelrechte Lawine dringender Angelegenheiten.

Neulich so geschehen: Zwei Tage Klausursitzung extra muros mit vollem Programm von morgens 7 Uhr bis abends 22 Uhr. Kaum Zeit, über etwas anderes nachzudenken oder mal die E-Mails zu checken. Und wenn man es dann doch mal schafft, während einer Kaffeepause das Programm zu öffnen, kommt es einem so vor, als sei «da draussen» die Welt am Untergehen. Plötzlich will jeder schnell etwas von einem, dabei hat man vor der Sitzung noch alle dringenden Angelegenheiten abgearbeitet. Und nun: Drei Kollegen, die den Rest des Jahres kaum von sich hören lassen, müssen unbedingt dringend mit mir telefonieren, es sei sehr wichtig. In der Tat zeigt das Natel mehrere Anrufe, die ich aber nicht mitbekommen habe, denn ich hatte es während der Sitzung lautlos gestellt. Wohl gemerkt: Die drei Kollegen haben nichts miteinander zu tun, das passierte völlig unabhängig voneinander! (Die Statistiker bestätigen sicher, dass das wie ein Sechser im Lotto sein muss …) Eine Mitarbeiterin fände es in einer anderen Mail total normal und dringend, zu mir in die Klausursitzung zu reisen, um mit mir ihre Pläne für die Zukunft zu diskutieren, ich hätte doch sicher mal «kurz» Zeit. Es trudeln zudem zwei Einladungen ein, um Fachmanuskripte zu begutachten, davon eine doch bitte bis heute Abend. Dann die Rückfrage zu einem schon vor zwei Wochen abgegebenen Projektteil, «last minute», ob ich einverstanden sei mit den Änderungen, mit Bitte um Antwort vor 14 Uhr am gleichen Tag. Kurz nach dem Mittagessen, beim Espresso Nummer 3 des Tages, erreicht mich die Nachricht, dass man bei Reparaturarbeiten auf der Strasse aus Versehen die Hauptstromleitung zum Haus, in dem ich wohne, gekappt habe (als Alternativprogramm hierzu kommt gelegentlich auch Starkregen infrage, bei dem es irgendwo einen Wassereintritt in die Wohnung hat, und man den Handwerkern nun sofort Zugang zu gewähren hat). Mein Blutdruck steigt unter dieser Flut an «dringender Nachrichten» in ungeahnte Höhen. Da hilft nur «Oooohhhhmmmmmm». Wie war das eigentlich, als es weder Natel noch E-Mail gab? In der Klausursitzung, bei der ich kreativ mitarbeiten will – es geht schliesslich um neue Konzepte, Programme und Zukunftspläne – muss der Rest des Alltags ausnahmsweise einfach mal draussen bleiben und warten. Basta!

In der Woche vor Ostern kommt eine dringende Anfrage rein, mit der Bitte zur Bearbeitung bis zum Mittwoch nach Ostern. Typisch, ich bin bis einschliesslich Gründonnerstag auf einer Begutachtung in Frankreich und dann ausnahmsweise über die Feiertage bei Verwandten. Dennoch mache ich mich an die Arbeit: Lektüre der Dossiers Karfreitag bis Ostersonntag, Ostermontag dann die Redaktion der Texte, und ab in die E-Mail damit … und was bekomme ich als Antwort innerhalb von Sekunden? «Wir sind in der Woche nach Ostern in den Ferien und erst nach unserer Rückkehr wieder für Sie da. In dringenden Fällen bitten wir Sie, Ihre E-Mail dann noch einmal zu senden.» Na super …!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne

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