19.04.2018

Erstens kommt es anders, und zweitens noch viel mehr

H

aben Sie auch das Gefühl, die ganze Welt kennt Ihren Kalender und verschwört sich gegen Sie? Da ist man mal zwei Tage an einer Klausursitzung oder fährt über Ostern weg, und schon wird aus dem normalen Alltagsstress eine regelrechte Lawine dringender Angelegenheiten.

Neulich so geschehen: Zwei Tage Klausursitzung extra muros mit vollem Programm von morgens 7 Uhr bis abends 22 Uhr. Kaum Zeit, über etwas anderes nachzudenken oder mal die E-Mails zu checken. Und wenn man es dann doch mal schafft, während einer Kaffeepause das Programm zu öffnen, kommt es einem so vor, als sei «da draussen» die Welt am Untergehen. Plötzlich will jeder schnell etwas von einem, dabei hat man vor der Sitzung noch alle dringenden Angelegenheiten abgearbeitet. Und nun: Drei Kollegen, die den Rest des Jahres kaum von sich hören lassen, müssen unbedingt dringend mit mir telefonieren, es sei sehr wichtig. In der Tat zeigt das Natel mehrere Anrufe, die ich aber nicht mitbekommen habe, denn ich hatte es während der Sitzung lautlos gestellt. Wohl gemerkt: Die drei Kollegen haben nichts miteinander zu tun, das passierte völlig unabhängig voneinander! (Die Statistiker bestätigen sicher, dass das wie ein Sechser im Lotto sein muss …) Eine Mitarbeiterin fände es in einer anderen Mail total normal und dringend, zu mir in die Klausursitzung zu reisen, um mit mir ihre Pläne für die Zukunft zu diskutieren, ich hätte doch sicher mal «kurz» Zeit. Es trudeln zudem zwei Einladungen ein, um Fachmanuskripte zu begutachten, davon eine doch bitte bis heute Abend. Dann die Rückfrage zu einem schon vor zwei Wochen abgegebenen Projektteil, «last minute», ob ich einverstanden sei mit den Änderungen, mit Bitte um Antwort vor 14 Uhr am gleichen Tag. Kurz nach dem Mittagessen, beim Espresso Nummer 3 des Tages, erreicht mich die Nachricht, dass man bei Reparaturarbeiten auf der Strasse aus Versehen die Hauptstromleitung zum Haus, in dem ich wohne, gekappt habe (als Alternativprogramm hierzu kommt gelegentlich auch Starkregen infrage, bei dem es irgendwo einen Wassereintritt in die Wohnung hat, und man den Handwerkern nun sofort Zugang zu gewähren hat). Mein Blutdruck steigt unter dieser Flut an «dringender Nachrichten» in ungeahnte Höhen. Da hilft nur «Oooohhhhmmmmmm». Wie war das eigentlich, als es weder Natel noch E-Mail gab? In der Klausursitzung, bei der ich kreativ mitarbeiten will – es geht schliesslich um neue Konzepte, Programme und Zukunftspläne – muss der Rest des Alltags ausnahmsweise einfach mal draussen bleiben und warten. Basta!

In der Woche vor Ostern kommt eine dringende Anfrage rein, mit der Bitte zur Bearbeitung bis zum Mittwoch nach Ostern. Typisch, ich bin bis einschliesslich Gründonnerstag auf einer Begutachtung in Frankreich und dann ausnahmsweise über die Feiertage bei Verwandten. Dennoch mache ich mich an die Arbeit: Lektüre der Dossiers Karfreitag bis Ostersonntag, Ostermontag dann die Redaktion der Texte, und ab in die E-Mail damit … und was bekomme ich als Antwort innerhalb von Sekunden? «Wir sind in der Woche nach Ostern in den Ferien und erst nach unserer Rückkehr wieder für Sie da. In dringenden Fällen bitten wir Sie, Ihre E-Mail dann noch einmal zu senden.» Na super …!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Andreas Kempf 05.04.2018

Mission in Heitenried

Meine ersten acht Lebensjahre verbrachte ich im Kanton Bern. Im Sommer 1997 entschieden dann meine Eltern, ein Eigenheim in Heitenried zu kaufen. Wir Kinder, zu Beginn mässig begeistert von diesem Umzug, freundeten uns schnell mit dem neuen Wohnort an und begannen, uns diesen komischen «Seisler Dialekt» anzueignen. Einzig die Liebe zum SC Bern konnte ich, vielleicht als Kind zum Trotz, nicht ganz ablegen.

 

Die schulische Laufbahn führte mich von der majestätischen Primarschule im Schloss in Heitenried über die Orientierungsschule Tafers im Bezirkshauptort weiter ans Kollegium St. Michael und an die Universität in Freiburg. Heitenried blieb in dieser Zeit allerdings immer mein Zuhause. Dieses beschauliche Dorf, wo das oben erwähnte Schloss sogar die Kirche überragt. Diese Oase auf dem Hügel, die so häufig knapp ober der Nebel- und Schneefallgrenze liegt. Dieser Ort der Ruhe, in dem bei verschiedensten Vereinsanlässen manchmal doch die Post abgeht. Dieser schöne Fleck mit gepflegten Wiesen, den kleinen Weilern und dem bezaubernden Magdalenawald (auch Schlosswald genannt), wo ich am liebsten meine Laufrunden drehe. Diese unabhängige Gemeinde, die sich geografisch durch den Sensegraben, wie auch ein wenig soziologisch, vom grossen Nachbarn Bern abgrenzt. Dennoch sind bernische Zuzüger gern gesehen. Aus beruflichen und sportlichen Gründen schlug ich hingegen wieder den umgekehrten Weg ein.

Zuerst wurde ich Heitenried fünf Jahre lang als Wochenaufenthalter in der Läufer-WG im Liebefeld untreu. Nun wende ich mit dem Zusammenzug und der Heirat meiner wundervollen Verlobten in Wabern respektive Köniz meiner freiburgischen Heimat vorläufig den Rücken zu.

Am 7. April werde ich jedoch mit einer klaren Mission zurückkehren: den Streckenrekord am Heitenriederlauf knacken! 2013 schnappte mir der gebürtige Äthiopier Fikru Guta den Rekord vor der Nase weg; 2014 weilte ich an diesem Datum im Trainingslager in Kroatien, währenddem mit Nesero Kadi ein weiterer Äthiopier in 32:29,5 Minuten eine neue Bestzeit für die 10,2  Kilometer lange Strecke aufstellte; 2015 verpasste ich den Rekord hauchdünn (32:33,8); 2016 lief ich gleichentags in Berlin den Freiburger Rekord im Halbmarathon – und 2017 musste ich, mich eigentlich in toller Verfassung befindend, krankheitshalber auf einen Start verzichten.

In diesem Jahr soll es nun endlich klappen!

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf studiert Betriebsökonomie im Master an der Universität Bern. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
04.04.2018

Übernachten im Iglu oder das Lächeln von Veronica Ferres

H

aben Sie schon mal in einem Iglu übernachtet? Nein? Ich schon. Aber bevor Sie jetzt (zu Recht) meine Zurechnungsfähigkeit infrage stellen, lesen Sie diese Geschichte. Erst aber noch eine Frage: «Haben Sie Kinder?» Und wenn ja, sind diese brav, wohl erzogen und ehren Vater und Mutter (4. Gebot Moses)? Bei meinen Kindern («die Besten aller …») hat die Erziehung kaum Spuren hinterlassen (was auch ein Vorteil sein kann), sie sind mässig domestiziert und stehen aufrecht im Leben, das sie lieben. Und da solche Kinder in der Regel auch sehr kreativ sind, kam es zu einem ganz besonderen Weihnachtsgeschenk: «Übernachten im Iglu für zwei Personen inkl. Fondue». Als Dankeschön für all das Hüten (sieben Enkelkinder) und spontane Einspringen (kann nicht in die Kita, weil «Schpitzi Blatere»), das vergangene Jahr hindurch. Ob das einzig auf Dankbarkeit beruhte oder ob man aufgrund der Unverzichtbarkeit der grosselterlichen Dienste dachte, man wolle versuchen, mittels Kühlung das Haltbarkeitsdatum (der Grosseltern) zusätzlich zu verlängern, sei vorerst dahingestellt.

Nachdem wir (Grandmaman und Grandpapa) kurz leer schluckten, lehnten wir nicht dankend ab, sondern nahmen, wider alle Bedenken bzw. wider alle Vernunft, dankend an.

Und so fanden wir uns unversehens oberhalb Gstaad, auf einem der tief verschneiten Hügel wieder, zusammen mit andern unverwüstlichen Pärchen, die allesamt aber deutlich jünger waren. Freundlicher Empfang im Bergrestaurant durch eine junge Frau, die uns kurz eine Einführung in «Überleben im Iglu» gab. Danach stapfte die ganze Gruppe durch Nebel, eisigen Wind und Schneesturm zu einem riesigen, ausgehöhlten Schneehaufen, dessen kleiner, höhlenartiger Eingang erst sichtbar wurde, als wir kurz davor standen: das Iglu!

Willkommensdrink in der Eisbar (Eiswein), mit Eistheke, Eistischen, Eishocker, die Wände kunstvoll verziert mit Reliefs in Form von Eisblumen, Eisbären und Eisvögeln. Nicht verwunderlich herrschte eine eher kühle, wenn nicht gar eisige Atmosphäre. Zimmerzuteilung: ein langer Eistunnel, rechts und links Zimmertüren, dahinter das Bett, ein grosser Eisblock, bedeckt mit Fellen und Schlafsack (bei minus 30 Grad getestet), an den Wänden wieder Reliefs. Ganz hinten, weit hinten, eine Art ToiToi, wen wundert’s, aus Eis. Ausserhalb des Iglus eine kleine Sauna und ein heisser, unter dem Schnee vergrabener Whirlpool.

Fondue-Essen: Wir sitzen auf einem Eisblock am Eistisch, freuen uns auf die warme Mahlzeit. Es schmeckte; das Problem war nur, dass man rasch essen musste, weil der Käse auf dem Weg vom Caquelon zum Mund zu gefrieren drohte. Kam dazu, dass bei längerem Sitzen, die Kälte unaufhaltsam, trotz viellagiger Thermowäsche, unter die Haut kroch. Unser Guide empfahl, vor dem Schlafen sich im Pool aufzuwärmen und in der Sauna zu trocknen, um mit warmem Körper in den Schlafsack zu kriechen. Tatsächlich, geschlafen haben wir, mit Wollmütze, Handschuhen, Socken, Thermowäsche ganz ordentlich. Über den nächtlichen Gang zur Eistoilette breite ich grosszügig den Mantel des Schweigens.

Am Morgen wurden wir mit einem warmen Tee geweckt, rasches Anziehen, hinauf zum Restaurant, an der Wärme ein richtig schönes Zmorge. Geschafft, und wir waren sogar ein bisschen stolz. Abschied und später noch ein Bummel durch Gstaad. Wir liessen es uns nicht nehmen, obwohl immer noch in nicht wirklich eleganter, dafür unübersehbar arktischer Kleidung, einem sehr, sehr berühmten Hotel einen Besuch abzustatten. Da sassen wir nun an einem Tischchen in der grossen, exquisiten Lounge und wurden von einem staunenden Kellner trotzdem freundlich bedient.

Plötzlich stupfte mich Grandmaman: Schatz, schau mal, aber guck ja nicht hin, dort, bei der Gesellschaft, steht Veronica Ferres. Wie bitte, DIE Ferres, die Filmschauspielerin? Genau die, aber bitte, ja nicht hinschauen. Ich war mächtig stolz auf Grandmaman, die aufgrund einschlägiger Literaturstudien einen unfehlbaren Blick für eben solche Berühmtheiten hatte.

Kurze Zeit später, die Gesellschaft dislozierte und defilierte an unserem Tisch vorbei. Da kam sie, die Ferres. Auf der Höhe unseres Tisches drehte sie den Kopf, verlangsamte ihr Schweben, schaute mir direkt ins Gesicht, ich erwiderte ihren Blick, sie nickte mir zu und schenkte mir ein Lächeln: Morgenrot, Abendrot und Sternenhimmel in einem. Irgendwann, auf der Rückfahrt, zwischen Jaun und Freiburg, löste ich mich langsam aus meiner Erstarrung. Der Lohn für die Nacht in Eis, der Stoff, aus dem die Träume sind.

Liebe FN-Redaktion, falls Veronica Ferres, bekannt als treue FN-Leserin, diese Kolumne liest und so begeistert davon ist, dass sie mit mir Kontakt aufnehmen möchte, ich autorisiere Dich, ihr sämtlichen Angaben inkl. Handynummer, Adresse, E-Mail, sowie Grösse und Gewicht umgehend zu übermitteln.

Nun aber zurück zur Kolumne und ihrer obligaten pädagogisch-moralischen Aussage :

1. Misstraue den Kindern, auch wenn sie Geschenke machen (Timeo Danaos et dona Ferrentes, pardon, ferentes: Vergil, 70–19 vor Christus).

2. Ein Lächeln kann Berge versetzen.

3. Falls jemand wissen möchte, wie sich die Eskimo fortpflanzen, ich weiss es auch nicht bzw. ich kann es mir, nach dieser Nacht im Iglu, schlicht und einfach nicht vorstellen …

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

Gastkolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
7
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Daniel Eckmann 22.03.2018

Der schönste Ort der Welt

Karin liest leidenschaftlich. Sandra, Marianne und Renate lesen genauso begeistert. Und sie lesen nicht nur. Sie lesen auch vor. Für Kinder. Erwachsene können sich abends sogar bei ihnen einschliessen lassen, um in den Regalen zu schmökern. Und zu essen gibt es dann auch etwas. Dazu einen Schluck Wein. Aber hauptsächlich gibt es Bücher. Eine ganze Buchhandlung voll. Und um diese geht es in dieser Kolumne: Um die Buchhandlung in der Altstadt von Murten, wenn man vom Berntor her kommt rechts. Etwa auf halber Höhe der Hauptgasse. Schon von draussen sieht man rein: Bücher, Holz und Menschen. Drinnen kennen sich alle beim Namen, entweder schon lange oder dann bald. Es ist der schönste Ort in einer schönen Stadt.

Die Altstadtbuchhandlung ist schmal, klein und heimelig. Tagsüber herrscht Betrieb. Tische, Gestelle und Stühle voller Bücher stehen nahe beieinander, es ist eng. Aber das macht nichts. Was lesenswert ist, ist auch lebenswert. Und so wird geblättert und gestöbert, nachgeschlagen und gekauft. Aber niemand wühlt, keiner drängt und nirgends steht, berühren sei verboten. Im Gegenteil, es ist erwünscht. Erstaunlich ist, dass jedes Buch zu haben ist. Egal was – sogar Vergriffenes. Spätestens morgen ist es da. Und manchmal will man ja einfach nur ein neues Buch kaufen, weiss aber nicht, was für eines. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kämpft man sich durch die Bestseller-Türme der Buchtempel in den Metropolen. Oder man fragt Karin, Sandra, Marianne oder Renate. Die kennen einen, wissen was man so liest und sehen einem an, was man braucht. Da werden einem keine Bücher angedreht, die dann auf ewig wie angebissene Äpfel ungelesen herumliegen. Hier zählen Kunden, so wie sie sind. So geht Buchhandel, den es trotz Amazon auch morgen noch braucht.

 

Lesen ist Jogging für den Kopf. Und so habe ich mir kürzlich Churchills «Der Zweite Weltkrieg» besorgt. Manchmal ist es gut, sich vor all den Serien und Filmen ins Original zu flüchten. Das erste Kapitel heisst «Die Torheiten der Sieger». Es beginnt 1919 beim Friedensvertrag von Versailles. Churchill beschreibt, wie gesinnungsreich die Absicht der geschundenen Mächte war – aber auch fatal das Resultat: Auf die Unterjochung der Deutschen folgte deren Zorn, auf den Zorn die Propaganda, auf die Propaganda die Diktatur und auf die Diktatur der Krieg. Immer noch ausgeblutet vom Ersten Weltkrieg sahen England und Frankreich zu, wie Hitler vor aller Augen sein Reich ausdehnte und zur Vernichtung ausholte, und zwar lange bevor Nazi-Deutschland seine ungeheuerliche Kriegsmaschinerie fertig hochgezogen hatte. Die für die Aufrüstung nötigen Angriffspausen wurden von den Alliierten zunächst nicht als wachsende Gefahr, sondern als Zeichen der Entspannung taxiert. Interessen in Abessinien (Italien), Indien (England) und Japan (Amerika) lenkten ab. Die in und unter sich uneinigen Grossmächte klammerten sich an das Prinzip Hoffnung und sahen bis tief in die dreissiger Jahre den Frieden im Zenit. Doch das Grauen war nicht etwa abgewendet, es stand bevor. Einsame Rufer gingen unter. Hitler brach Vertrag um Vertrag, aber nichts geschah. Bis es zu spät war, um «mit einem kleinen Krieg einen grossen Krieg zu verhindern». Die Einsicht kam zu spät. Deshalb spricht Churchill vom «unnötigen Krieg».

 

Was hat das alles mit «meiner» Altstadtbuchhandlung zu tun? Viel, denn dort ist ein Gespräch überhaupt erst auf Churchill gekommen. Und auf Bücher, die zeitlos sind. Wie dieses eben. Natürlich kann man nie telquel Parallelen von früher zu heute ziehen. Geschichtsbände sind keine Rezeptsammlungen. Aber wenn es wieder Anzeichen für mehr Diktaturen gibt, für mehr innere Gewalt, Konflikte und Kriege, dann kann man durchaus aus der Geschichte lernen. Churchill hat mich jedenfalls mehr und tiefer über das Erkennen und Verkennen grosser Bewegungen nachdenken lassen, als wenn ich im Neonlicht einer grossen Buchkette einfach den neuesten Thriller von Dan Brown oder Stephen King vom Stapel genommen hätte. Beide mögen es mir verzeihen. Und beide sollen ihren Platz auf den Bestseller-Listen behalten. Und es muss ja auch nicht immer Churchill, Kehlmann oder Marquez sein. Lesen soll auch Vergnügen bereiten, spannend sein oder die Welt vergessen lassen. So hat mir Karin (oder war es Renate?) «Der schönste Ort der Welt» empfohlen. Ein kleines Büchlein voller Kurzgeschichten, eines zum Zurücklehnen. Es handelt von Menschen in Buchhandlungen und hat der heutigen Kolumne ihren Titel gegeben. So ist das. Und wenn Sie einmal nach Murten kommen, dann halten Sie ein auf halber Höhe der Hauptgasse, rechterhand vom Berntor aus. Denn dort ist er, der schönste Ort dieser schönen Stadt. Wenn nicht gar der Welt.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

Kolumne

«Was lesenswert ist, ist auch lebenswert.»
«So geht Buchhandel, den es trotz Amazon auch morgen noch braucht.»
Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
4
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Hubert Schaller 01.03.2018

«No Sports!»

Wenn Sport – wie gerne behauptet wird – die wichtigste Nebensache der Welt ist, dann gehört das, was rund um den Sport herum geschieht, von allen Nebensächlichkeiten der Welt zu den überflüssigsten und deprimierendsten. Beginnen wir beim Harmlosesten, dem Sportinterview. Dieses läuft in aller Regel nach folgendem Muster ab: Sportjournalist: «Sie liegen in der Halbzeit mit zwei Toren im Rückstand. Werden Sie in der zweiten Halbzeit entschlossener angreifen?» Spitzenfussballer: «Ja, wir werden alles daran setzen, das Spiel noch zu drehen.» Erstaunlich, erstaunlich! Wenn es noch irgendetwas gibt, das den Denkhorizont von Hooligans erweitern könnte, Sportinterviews gehören definitiv nicht dazu.

 

Ernster wird die Sache, wenn sich Sportreporter in philosophische Höhen versteigen. Das ergibt dann Schlagzeilen von der Art: «Freiburg-Gottéron zeigt Moral!» – Hallo! Nur weil die Gottéron-Spieler das machen, wofür sie fürstlich bezahlt werden, nämlich um den Sieg zu kämpfen, zeigen sie Moral! Für einen solchen Tritt ins stilistisch-moralische Feingefühl des Lesers müsste es mindestens eine Gelbe Karte geben. Gemäss Wikipedia ist Moral ein «aus kultureller und religiöser Erfahrung gebildetes Wertesystem, das in einer Gesellschaft als Verhaltensmassstab betrachtet wird.» Was sich heutzutage im Sport als Verhaltensmassstab durchgesetzt hat, liest sich eher wie eine Bestandesaufnahme menschlicher Abgründe: Gewalt gegen Menschen und Sachen, Korruption, Geldgier, Dopingskandale, Rassismus, Transferexzesse Pfeifkonzerte gegen die eigenen Spieler, Steuersparspielchen ... (Aufzählung unvollständig). Das hat mit Moral etwa so viel zu tun wie Papst Franziskus mit dem Schwarzen Block des FCZ.

Warum öden uns solche Dinge nur vorübergehend an? Wo bleibt die Revolution? Warum haben wir es zugelassen, dass uns der Sport, diese im Grunde fantastische Erfindung, mehr und mehr weggenommen wurde? Vermutlich weil wir unverbesserliche Genussmenschen sind. Weil wir, um in den Genuss eines Fussball- oder Eishockeyspiels zu kommen, bereit sind, alles zu verdrängen, was uns den Appetit darauf verderben könnte. Dieses Stummschalten gilt übrigens nicht nur für das moralische, sondern auch für das ästhetische Empfinden. Man denke nur an all die Sportgrössen, die herumlaufen, als wären sie versehentlich in eine Tapetendruckmaschine geraten.

Der Sport kann nun einmal nicht besser sein als die Welt, in der er stattfindet, höre ich meine Kritiker raunen. In seinen Ursprüngen begnügte sich der Sport aber keineswegs damit, einfach nur die beklagenswerte Realität abzubilden. Während die olympische Fackel brannte, mussten im alten Griechenland alle Waffen schweigen. Heute braucht es an den Eingängen von Sportstadien Leibesvisitationen, damit keine Waffen hineingeschmuggelt werden, schliesslich betritt man eine Hochrisikozone.

Als Winston Churchill gefragt wurde, wie er trotz ausgiebigen Zigarren- und Whisky-Konsums so alt werden konnte, soll er mit den legendären zwei Worten «No sports!» geantwortet haben. Dabei hat er wohl nur an den Aktivsport gedacht. Heute würde er diese zwei Wörter vermutlich in einem umfassenderen Sinne meinen.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung 2017 unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

Gastkolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Silvan Jampen 22.02.2018

Was die Stärke der Schweiz auch in Zukunft ausmacht

Die Schweiz von heute in ihrer hervorragenden Verfassung in gesellschaftlicher, demokratischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht ist das Resultat eines jahrhundertelangen Entwicklungsprozesses. Dieser Prozess verlief eingebettet in die umgebende Wirklichkeit. Die Geografie im zentralen Alpenraum, die Verankerung inmitten dynamischer Machtverhältnisse, die Vernetzung mit Europa und der ganzen Welt – dies alles hat die Entwicklung unseres Landes und seiner Bewohner letztlich zu einem Erfolg werden lassen. Der (Wage-)Mut der Helvetier, die Spuren des Römischen Reichs, das Söldnerwesen, die nach Europa ausstrahlende Macht der Stadtstaaten, die Reformation, der Einfluss der Staatsrechtsphilosophen, die liberale Verfassung, die Industrialisierung, die Unversehrtheit in den Weltkriegen – Stichworte prägender Interaktion der Schweiz mit ihrer Umwelt. Viele Generationen von Menschen in diesem Land wussten sich seit jeher zu behaupten. Dieser Flecken Erde zog deshalb auch immer Menschen aus anderen Ländern an und hat sie erfolgreich in seinen Weg integriert.

Nicht in Isolation, sondern im aktiven Austausch, im intelligenten Ausspielen seiner Nischen-Fähigkeiten und Stärken sowie im liberalen Bewusstsein seiner Verantwortung für sich und sein Handeln hat sich unser Land Respekt und Freiheiten verschafft. Wir haben stets akzeptiert (und akzeptieren müssen), dass andere Mächte stärker sind als wir. Die Regeln auf dem europäischen und globalen Spielfeld haben (mit Ausnahmen) nicht wir erlassen. Unsere Stärke als eines der erfolgreichsten und stabilsten Länder der Welt haben wir durchwegs im Spiel erlangt, dessen Regeln die anderen, die stärkeren Mächte aufgestellt haben. Dabei war die Schweiz seit jeher existenziell darauf angewiesen, im Spiel der anderen geachtet zu werden. Als ein Vorbild, dessen souveränes Handeln nachahmenswert erschien, und dessen vorausschauendes Verhalten wenig Angriffsmöglichkeiten provozierte.

Die gewaltigen Veränderungen, die sich ganz besonders in den westlichen Ländern seit dem Fall der Berliner Mauer ergeben haben, haben die Schweiz überrascht. Wohl auch deshalb hat sie die Entwicklungen der vergangenen dreissig Jahre statt als Zeichen von Veränderung als Angriffe auf sich selber und sein doch so erfolgreiches Nachkriegsmodell missverstanden. Das unablässige Voranschreiten der europäischen Integration, die Globalisierung der Regulierungen oder der sinkende Stern des steuerlichen Bankgeheimnisses: Statt zu antizipieren, hat sich die Schweiz – eingelullt in die vergangene Unversehrtheit – auf eine gefährliche Fährte des Selbstbetrugs begeben, der Dämonisierung von Offen- und Vernetztheit nämlich, die für den heutigen Erfolg unseres Landes so ursächlich wie zentral sind. Die Schweiz hat sich wie aus dem Nichts von einem Land, das seine Rolle in der Welt beneidenswert selbstbewusst zu spielen weiss, zu einem bemitleidenswerten Angsthasen entwickelt, der vor lauter Verlustängsten zu erstarren scheint.

Paradoxerweise wird diese Angsthasen-Politik in Richtung Abschottung auch noch mit Wiedererlangen von Souveränität und Selbstbestimmung begründet. Dabei war die Schweiz nie souveräner und selbstbestimmter als in Zeiten, da sie sich geschickt im Spiel der (Gross-)Mächte einbrachte. Diesen erfolgreichen Weg können wir nur weitergehen, wenn wir unsere Vernetztheit mit der Welt auch in Zukunft vorausschauend und aktiv nutzen. Unsere Erfolg bringenden Stärken können wir nur ausspielen, wenn wir ein verlässlicher und vertrauenswürdiger Mitspieler in der Weltgemeinschaft bleiben.

Die Zeiten ändern sich eben tatsächlich. Noch scheint in der Politik das Spiel auf der Angsthasen-Klaviatur den Ton anzugeben. Es ist halt einfacher, das Vergangene zu glorifizieren und die Gefahren des Neuen zu dramatisieren, statt den Wandel zu akzeptieren und antizipieren. Aber Angsthasen sind der erfolgreichen Tradition der Schweiz nicht würdig. Gerade in unsicheren Zeiten angesichts komplexer Herausforderungen lohnt sich ein Rückbesinnen auf die Umstände, die uns stark gemacht haben und es auch in Zukunft tun werden: Offenheit und Vernetztheit. Nach dieser Maxime lässt sich auch mit der EU ernsthaft, selbstbewusst und letztlich souverän über die künftigen Beziehungen verhandeln.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
5
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Gastkolumne 15.02.2018

Der Neandertaler in mir

Diese Woche unterrichte ich an einem Kurs in Weggis. Der Weg dorthin führt mich von Luzern mit dem Schiff quer über den Vierwaldstättersee, dem in dieser Jahreszeit kalten und oft stürmischen Herzen der Schweiz. Dank moderner Technik erreiche ich mein Ziel jedoch deutlich weniger abenteuerlich, als dies ein lokal verehrter Wilhelm in der Vergangenheit angeblich zu tun pflegte.

Während ich nun also an Bord der geheizten MS Waldstätter am verbauten Ufer des Vierwaldstättersees entlanggleite, erinnere ich mich spontan an eine skurrile Begegnung vom letzten November. Damals reiste ich mit meinem malaysischen Studenten im Zug von Zürich zurück nach Freiburg. Wir waren gerade in ein Gespräch über seine aktuelle Forschung vertieft, als sich im Niemandsland kurz nach Düdingen ein Mittvierziger im Vorbeigehen laut darüber beschwerte, dass wir uns in Englisch unterhielten. «Scheiss-Ausländer, könnt ihr euch nicht an lokale Gepflogenheiten anpassen und Deutsch reden?», grollte er.

Ich hätte ihn gerne in meinem breitesten Berndeutsch darauf hingewiesen, dass unser Zug eben gerade den Röschtigraben überquerte und wir vielleicht französisch sprechen sollten? Dazu war ich jedoch zu verdutzt: nicht nur war die Hautfarbe des Unruhestifters eine Spur dunkler als die meines malaysischen Begleiters, auch sein grammatikalisch perfektes Deutsch wurde von einer unverkennbaren südländischen Wärme beseelt. Das schien seiner artikuliert nationalistischen Gesinnung aber nichts anzuhaben. Jetzt, da mein Blick über das starre Heer von Fahnenstangen huscht, frage ich mich, wie er sich wohl mit den Flagge bekennenden Zentralschweizer Seesichtbesitzern verstehen würde.

Auch im Zeitalter der globaltätigen Digitalnomaden verbinden viele eine nationale Zugehörigkeit mit angestammter Herkunft. Aber Herkunft ist eine schwammige Angelegenheit. Wie die meisten Menschen habe ich zwei Eltern, vier Grosseltern, acht Urgrosseltern und bereits 16  Ur-Urgrosseltern. Bei einer durchschnittlichen Generationszeit von rund dreissig Jahren würden also fast 17 Millionen Zeitgenossen des oben erwähnten Wilhelms zu meinen direkten Vorfahren gehören. Das ist vielleicht etwas übertrieben, da ja auch etliche meiner Vorfahren untereinander verwandt waren. Hätte meine Grossmutter zum Beispiel ihren Bruder geheiratet, so hätte ich nur sechs Urgrosseltern. Dennoch war die Zahl meiner direkten Vorfahren in jeder vergangenen Zeit enorm gross. Wie viele davon lebten wohl im Territorium der heutigen Schweiz?

Jede Stelle in meinem Genom (Erbgut) hat seine eigene Geschichte. Die Hälfte des Genoms habe ich von meiner Mutter geerbt, davon wieder rund die Hälfte von ihrem Vater. Die Abstammungslinie von rund einem Achtel verläuft über meinen Urgrossvater aus Deutschland und ein Siebzehnmillionstel durch jeden meiner Vorfahren um 1291. Eine Herkunftsangabe ergibt also nur einen Sinn, wenn wir uns auf eine bestimmte Zeit beziehen. Beide meiner Eltern wuchsen im Kanton Bern auf, und ich kann daher mit Stolz auf mein 100  Prozent bernisches Genom verweisen.

Um mich meinen guten Freund aus Berlin anzubiedern, beziehe ich mich dann einfach auf die Zeit meiner Urgrosseltern, denn damit bin ich zu 12,5 Prozent deutsch (oder wohl korrekterweise preussisch).

Richtig spannend wird es, wenn wir deutlich weiter in die Vergangenheit zurückblicken. Mit Hilfe aus Fossilien gewonnener DNA lässt sich berechnen, welcher Anteil unseres Genoms auf verschiedene ehemalige Gruppen zurückgeht. So wissen wir heute zum Beispiel, dass rund 1 Prozent des Genoms der Europäer von grimmigen Neandertalern abstammt. Damit lassen sich alle meine negativen Charakterzüge aufs Vornehmlichste erklären.

Meine Forschungsgruppe arbeitet aktuell an Fossilen aus der Zeit der wohl grössten kulturellen Revolution Europas, der Ausbreitung der Landwirtschaft, die vor rund 8000 Jahren das Gebiet der heutigen Schweiz erreichte. Diese neue, sesshafte Lebensweise wurde von Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa gebracht und verbreitet. Eine zweite Masseneinwanderung aus der östlichen Steppe vor rund 4500 Jahren brachte wahrscheinlich den Vorläufer der germanischen Sprachen nach Europa. Nur noch rund 20 Prozent des Genoms heutiger Europäer gehen auf die ursprünglichen Jäger und Sammler zurück. Oder anders gesagt: 80 Prozent meiner direkten Vorfahren aus dieser Zeit waren Einwanderer aus dem Nahen Osten oder der Steppe.

Interessant dabei ist auch, dass die helle Hautfarbe erst von eben diesen Einwanderern nach Europa gebracht wurde. Die Hautfarbe meiner ureuropäischen, Mammute erlegenden Vorfahren war derjenigen des zugfahrenden Patrioten erstaunlich ähnlich. Wer weiss, wie viel Ureuropäer in ihm steckt?

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und in den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

Kolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
4
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Sus Heiniger 08.02.2018

Wiheissischdu

Die Zeit blieb stehen, der Schulhausplatz war totenstill, in einer Ecke des Turnplatzes stand unbeweglich eine Reihe grüngewandeter Soldaten. Stramm. Alle Gesichter ausgerichtet auf den Kommandanten, der vor ihnen stand.

Und wenn es losging, klatschten Namen an die Schulhausmauer und kamen in kleinen Echos zurück. Ein Name nach dem andern in die Gesichter der Soldaten. Das Kommandantenbrüllen der Soldatennamen. «Hier!», brüllte es dann zurück, aus der jeweiligen Richtung des Namenträgers. «Hier!» und «Hier!», in Abwechslung mit dem Namenbrüllen ein «Hier!» Jeder Soldat erwartete unbeweglich seinen Namensaufruf. Unmöglich, diese Namen in die Gesichter zu denken, alles ging rasend schnell. «Appell» nannte man das, und ich schaute zu, Kind, aus dem Estrichfenster meines Elternhauses, schaute auf diese starre Männermauer, die aus vielen Einzelnamen bestand, aber eine homogene Gruppe bildete. Das Brüllen der Namen war Frage und Befehl zugleich. «Anwesend?» – «Anwesend!»

Und keiner stürzte, keiner flog, keiner lief weg, ein jeder schrie zurück, ein jeder war gemeint, keiner entkam. Ein Nicht-Anwesend-Sein, als Zeichen eine Lücke in der Menschenmauer, dürfte um einiges mehr Bedeutung haben als ein Anwesend-Sein, dachte ich mir dann jeweils, und wäre gerne mal dabei gewesen, wenn einer weggerannt und, meiner Meinung nach, entkommen wäre. Doch keiner stürzte, keiner flog, und keiner rannte weg, keiner entkam dem Ruf seines Namens. Keiner wollte darauf sein «Hier!» nicht brüllen.

Wer Namen hat, ist gemeint. Wir Namenträger sind gemeint, wenn unser Wort gerufen wird. Die Vorstellung, dass Leute, die keinen Namen hätten, gar nicht richtig ernst genommen würden. Es könnte sein. Unsere Pässe bescheinigen unsere privilegierte Anwesenheit. Jene, die uns erlaubt, uns jederzeit dorthin zu bewegen, wo wir hin möchten. Unvorstellbar, dass es nicht so wäre.

Wer schreit, wer ruft, wer flüstert, wer schimpft unseren Namen? Wir fühlen uns gemeint, haben die Möglichkeit zu antworten, wenn unser Name ertönt. Wenn wir dies wollen. Wenn wir gehört werden.

Die Lust zukünftiger Eltern, ihren Nachkommen klingende, bedeutende Namen zu geben, lässt viele lange danach suchen, es müsste ein Name sein, der sobald als möglich erlaubt, auf Siegesspur zu gehen. Familiengesichert, klassisch-zeitlos, starerprobt, heiligenverehrend, historisch-erfolgreich … und was alles noch zur Verfügung stünde. Wenige Namen sind heute bei uns auf der Unerlaubtenliste.

Kind, mit T-Shirt, auf dessen Rücken Ronaldo steht, oder Messi oder andere, welche Kraft es ausstrahlt, wenn es mir seine Rückseite zeigt, wo grosslettrig der bekannte Name steht! Identifikation ist das halbe Leben, darum, liebes Kind, such dir deine Umgebung!

Die spanische Lehrerin im Sprachkurs, den ich vor Jahren belegt hatte, trug den Namen Incognito. «Unbekannt»? (Doch anwesend!) «Kein-Name»? Das Wort änderte sich auch in einer Übersetzung nicht. Wenn ich «Kein-Name» heisse, wie fühlt sich das an? Warum hiess die Frau so? Sie gab unbeschwert Antwort auf meine Frage: Es war ihre Urgrossmutter, die als Baby gefunden worden war, ein Findelkind, das keinen Namen hatte. Niemand wusste woher, von welchen Eltern es stammte, und niemand konnte es jemals herausfinden. Incognito war die Antwort auf die Frage: «Wer ist das?». Der Name wurde damals einem Findelkind gegeben, in solch unlösbarer Situation, die Nachkommen trugen ihn weiter.

Es kommt vor, dass ich jemand gerne fragen würde: «Wiheissischdu?» Einfach aus Interesse, weil mir jemand gefällt, mir jemand immer wieder begegnet, weil jemand eine lustige, komische, schlechte Idee hat, oder sonstiges. Wie ein Kind das kann, sich vor einen hinstellen und fragen: «Wiheissischdu?» Eine Anonymität durchbrechen, einen Menschen begrüssen, eine Möglichkeit des Austauschens schaffen damit. Es interessiert mich als erstes meist der Vorname, weil das etwas vom persönlichsten Öffentlichen ist, womit man lebt. Es gelingt mir aber auch, nicht zu fragen, weil die Namenlosen das Recht haben, inkognito zu gehen, und ich selber manchmal auch in einer gewissen Namenlosigkeit bloss existieren will.

Der andere Appell: mit meiner inneren Bevölkerung. Jener, der bekannte, geliebte, verehrte Namen abrufen kann, der es schafft, zum entsprechenden Namen das Gesicht und das Wesen aufscheinen zu lassen. Bloss ein Wort … Namen tragen Fracht mit der Zeit, angenehme, unangenehme. Schwer zu vermeiden, gewisse Namen lieber vergessen zu wollen und sie nicht abzurufen ob der Hässlichkeit der Bilder, die sie von der Welt hervorbringen.

Ich bleibe ich. Mit meinem Namen. Ich stelle mich am liebsten gut mit ihm. Manchmal fällts mir ja auch nicht leicht.

Und: Wiheissischdu?

 

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

«Ein Nicht- Anwesend-Sein, als Zeichen eine Lücke in der Menschenmauer, dürfte um einiges mehr Bedeutung haben als ein Anwesend-Sein.»

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
5
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Patrick Buchs 01.02.2018

Wann findet der Sport den Weg in den Staatsrat?

Am 4. März dürfen alle Wahlberechtigte des Kantons Freiburg an einem postolympischen Wettkampf teilnehmen – nämlich an den Ersatzwahlen in den Staatsrat. Ich freue mich auf diese Wahl und habe mir überlegt, die sieben Kandidaten bezüglich ihrer Affinität zum Sport zu durchleuchten. Also eigentlich habe ich nur die vier aussichtsreichsten Kandidaten analysiert, weil die lokalen Medien die Möglichkeit einer Wahl der Kandidaten der BDP, der Bürgerenergie und der KP ausschliessen.

Um mir also ein Bild von den vier Kandidaten zu machen, habe ich mir einerseits ihre Wahlprogramme angeschaut und andererseits über ihre politischen Interventionen zum Thema Sport recherchiert. Meine Analyse war ernüchternd. Als (Trotz-)Reaktion auf diese sportpolitische Blutleere habe ich mich für ein metaphorisches Kurzfazit entschieden:

Die Kandidatin der Grünen hat nicht nur das kleinste (Wähler-)Potenzial, sondern sie hat zu allem Unglück auch noch vergessen, sich für den Wettkampf fit zu machen (sie hat als einzige Kandidatin keine offizielle Homepage). Die Kandidatin der SP darf schon regelmässig im Leistungszentrum in Bern trainieren und hat von allen Kandidaten die wohl besten Trainer, aber machen sie ihre gesundheitspolitischen Spielzüge zu einer kompletten Sportlerin? Der Kandidat der FDP hat sich äusserst seriös auf den Wettkampf vorbereitet und scheint fit zu sein, aber warum findet man in seinem Trainingsplan keine sportlichen Ziele? Der Kandidat der SVP müsste wegen seiner vielen Kränze eigentlich der Publikumsliebling sein, aber worauf wartet er noch, um sein Publikum abzuholen?

Ich finde es schade, dass keiner der vier Kandidaten dem Sport in seinem Wahlprogramm eine klare Rolle zuordnet. Wann ändert das? Wäre ich Politiker, würden mich die fast 70 000 (!) aktiven Mitglieder von Sportvereinen im Kanton Freiburg hochgradig interessieren! Um für Politiker interessant zu werden, müsste sich der organisierte Sport im Kanton allerdings zuerst zusammenraufen, sich über eine langfristige politische Agenda einigen und diese ähnlich wie andere Lobbyistengruppen kompromisslos vorantreiben. Wenn dem eines Tages mal so ist, dann könnte der Sport zu einer einflussreichen (politischen) Masse werden.

Aber nichtsdestotrotz, sollten wir uns bei aller Liebe zum Sport und allen Diskussionen über die Frauenquote oder das politische Gleichgewicht nicht fragen, wer eigentlich der fähigste Kandidat ist und wer unseren Kanton mit seinen Kompetenzen und Erfahrungen am ehesten weiterbringt?

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

Kolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
0
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Katharina M. Fromm 25.01.2018

Der beste Freund des Hundes ist der Mensch!

 

Z

ugegeben – ich habe eine Schwäche für fellige Vierbeiner. Ist Ihnen aufgefallen, dass viele Haus- und Hoftiere ganz weiche, puschelige Ohren haben? Und dass das Streicheln dieser plüschigen Ohren irgendwie entspannend wirkt? Sehr zu empfehlen für gestresste Menschen und zum Beispiel als Therapie für Alzheimerpatienten im Einsatz.

 

Neulich durfte ich bei einer Freundin die Bekanntschaft zweier Hunde machen. Nach anfänglichem Argwohn der beiden mir gegenüber wurde ich bald durch Schweifwedeln begrüsst. Einer der beiden Hunde, mit Namen Pünktchen, hat mich sehr schnell zu einem Lieblingsmenschen erkoren und kommt nun, sobald ich irgendwo kaum sitze, im Hundegalopp auf mich zu, um mit Schwung und etwa zwölf Kilogramm Lebendgewicht auf meinem Schoss zu landen. Dort thront und wacht die Hundedame über alles, insbesondere über den Tisch – es könnte ja etwas Fressbares geben. Nachdem ihre Neugier in dieser Hinsicht gestillt ist, dreht sie sich zu mir um und schaut mir tief in die Augen. Sie glauben ja nicht, wie schmachtend ein Hund gucken kann. Ehrlich! Man kann nicht anders, als den Hund zu streicheln. Nach einer ausgiebigen Krauleinheit wird noch einmal rundum geschnuppert, bevor sich die Hundedame etwas umständlich auf meinen Knien einrollt, den Kopf unter meinen Unterarm steckt und mit einem tiefen Seufzer in Schlafposition geht. Am Zucken der Muskeln merkt man schnell, wie tiefenentspannt der Hund ist, dessen Atmen bald in zartes Schnarchen übergeht. Tja, und da sitzt man nun und wagt sich kaum zu rühren, man möchte ja nicht die süssen Träume stören, die gerade vor den Augen des Hundes ablaufen. Das einzige, was den Hund nun wecken kann, sind die Zaubersprüche «Fressen» und «Leckerchen». Beim Fressen ist es jedoch so, dass Pünktchen Manieren hat und ihr Futter langsam kaut, was ihrem Bruder Anton in die Karten spielt. Der vertilgt seine Portion doppelt so schnell wie seine Schwester, und damit der Platz auf meinem Schoss nicht kalt wird, was es unbedingt zu vermeiden gilt, kommt alsbald schon Hund Nummer zwei mit fliegenden Ohren auf mich zu.

Während Pünktchen meine Knie zum Schlafen nutzt, besetzt Anton den Platz auf meinen Knien aus Prinzip. In der Tat schaut er zunächst in Pünktchens Richtung, bis diese mit Fressen fertig ist, zurückkommt und sieht, dass ihr Platz besetzt ist. Sie schaut dann recht konsterniert – ja, auch das können Hunde – und trollt sich auf den Hundesessel. Dann erst springt Anton runter und geht in seine Lieblingsecke. Ein weiterer Trick seinerseits, wie er Pünktchen zu seinem Vorteil von mir weglocken kann: Liegt sie seiner Meinung nach schon zu lange auf meinem Schoss, rennt Anton zur Tür und bellt. Schon springt Pünktchen von meinen Knien, rennt ebenfalls zur Tür und bellt mit. Sobald sie an der Tür ankommt, hört Anton mit dem Theater auf, flitzt zu mir, und schon ist der Platz wieder besetzt. Ein Hund ist eben auch nur ein Mensch!

Und wer jetzt keinen Hund zum Kraulen hat, der möge mal wieder Erich Kästner lesen! Zum Beispiel «Ein Hund hält Reden». Und ich schliesse mit Louis Armstrong: «Mit einem kurzen Schweifwedeln kann ein Hund mehr Gefühl ausdrücken, als mancher Mensch mit stundenlangem Gerede.» Und Loriot: «Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.»

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
9
Media Label: 
Kein Label

Seiten