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Daniel Eckmann 20.09.2018

Fairness und Fairplay in Wirtschaft und Sport

Eigentlich scheint alles bestens. Die Sportler springen immer höher, werfen immer weiter, laufen immer schneller. Und auch der Wirtschaft geht es hierzulande gut, die Konjunkturprognosen zeigen nach oben, das BIP wächst. Der Sport (als Nebensache) und die Wirtschaft (als Hauptsache) sind gar nicht so grundverschieden, wie man auf Anhieb denken könnte. Sie funktionieren sogar erstaunlich ähnlich. Tel quel vergleichbar sind sie freilich nicht. Denn der Sport funktioniert nicht wie ein herkömmlicher Markt. Sein Produkt lässt sich nur bedingt planen, es ist in ungewöhnlichem Mass emotional beeinflussbar, und die Erfolgsfaktoren sind oft irrational. Vom Wetter über die Tagesform oder einen Pfostenschuss bis zum Losglück spielen Zufälligkeiten mit, welchen die Wirtschaft nicht in diesem Masse ausgesetzt ist. Und doch gibt es verblüffende Parallelen. Auch in der Frage, ob es ein zu hoch, zu weit, zu schnell gibt.

 

Adam Smith, der Vater der freien Marktwirtschaft, stellte schon 1776 fest, dass sich der nach Gewinn strebende Mensch für die Gemeinschaft einsetzen müsse. Nicht aus schierer Güte, sondern auch im eigenen Interesse. Smith sagte weiter, dass der freie Markt auf vier Voraussetzungen angewiesen sei: auf ein funktionierendes Rechtssystem, auf Vertrauen unter Wettbewerbern, auf Gewinnchancen und auf eine stete Produktivitätssteigerung. Den Rechtsschutz braucht es als Garantie, dass die Regeln auch gelten. Vertrauen ist nötig, damit der Handel Zug um Zug abgewickelt werden kann. Gewinnchancen sind Triebfedern der Innovation. Und die Produktivitätssteigerung ermöglicht bessere Leistungen ohne Preisanstieg. Er nannte das «die unsichtbare Hand des Marktes». Das alles gilt auch im Sport. Er ist an vier sinngemäss gleiche Voraussetzungen geknüpft, nämlich an Spielregeln, an Fairplay, an Titelchancen und an Training. Die Spielregeln sind das Rechtssystem. Das Fairplay entspricht dem Vertrauen eines Flügelstürmers, dass er nicht von hinten umgemäht wird. Die Aussicht auf Pokale spornt zu Höchstleistungen an. Und das Training ist das Pendant zur Produktivitätssteigerung. Talent allein reicht im Sport ebenso wenig, wie einer Volkswirtschaft Bodenschätze reichen. Man muss intelligente Methoden entwickeln, um etwas daraus zu machen. Nur dann werden der Einzelne, die Mannschaft, das Unternehmen besser.

 

Wichtige Gesetze sind also identisch. Auch dieses: Anerkennung holen sich Athleten und Unternehmer nicht nur mit Resultaten. Es zählt auch etwas weniger klar Fassbares, etwas Feineres, etwas Zerbrechlicheres: die Haltung hinter den Zahlen und Toren, der Umgang mit Menschen, der Stil. Vergisst man das, wird es gefährlich. Im Goldgräberrausch geht nicht nur das Gefühl für Risiken leicht verloren, sondern auch der Anstand. Menschen neigen dazu, Systeme zu überdehnen. Und plötzlich läuft es schief, die Blase platzt und im Ausverkauf der Werte geht das Vertrauen verloren. Gegen Infarkte dieser Art hilft ein Zauberwort, hinter dem mehr steckt, als man meint: Fairness. Fairness kommt aus dem britischen Pferde-Geländesport und verlangt vom Parcoursbauer, dass er den Parcours so anlegt, dass die Gesundheit der Pferde geschützt wird. Die Fairness will also vom Veranstalter, dass er zwar schwierige, aber lösbare Aufgaben stellt. Faire Rahmenbedingungen sind die primäre Voraussetzung für einen gesunden Wettbewerb. Sie entsprechen just den Marktregeln von Adam Smith Erst dann kommt das Fairplay ins Spiel, also das sportliche Verhalten auf dem Terrain. Beides bedingt sich: Fehlanreize bei der Fairness führen notgedrungen zu Fehlverhalten im Fairplay. Nehmen wir die Tour de France, denn ihre Skandale sind derart legendär, dass das Beispiel unverdächtig ist. Was sie fordert, ist unleistbar: Wochenlange Qualen, im Schnee über den Tourmalet und dann in heroischer Schinderei bei 40 Grad auf den Mont Ventoux. Kein Wunder, dass da für Geld, Spitzenplätze und Weltruhm gedopt, betrogen und bestochen wird. Auch in der Wirtschaft münden analoge Fehlanreize im Zerfall: Finanzkrise, Kartelle, Heuschrecken. Wie gesagt, ohne Fairness kein Fairplay. Die gröbsten Fouls passieren hier wie dort nicht vor aller Augen im Stadion, sondern versteckt hinter den Kulissen, wo Rahmenbedingungen auf Spektakel getrimmt werden, statt auf Fairness. Adam Smith hätte keine Freude daran. Denn seine unsichtbare Hand war eben gerade nicht zur Faust geballt.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

 

«Fehlanreize bei der Fairness führen notgedrungen zu Fehlverhalten im Fairplay.»

«Im Goldgräberrausch geht nicht nur das Gefühl für Risiken leicht verloren, sondern auch der Anstand.
«Auch in der Wirtschaft münden Fehlanreize im Zerfall.»

 

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Beat Brülhart 13.09.2018

Das Salz in der Suppe

Statt sich ins volle Leben zu stürzen, sind wir in einer Vollkaskogesellschaft gelandet, pathologisch sicherheitsbesessen, skeptisch bis zum Gehtnichtmehr und negativ gepolt dazu. «Das Leben ist ein Geschenk», sagte ich neulich. «Aber scheisse verpackt» murmelte das Gegenüber.

Was ist nur aus uns geworden? Wo ist die Lebensfreude geblieben, die Zuversicht, das Vertrauen ins Leben? Statt sich flexibel und offen auf die Herausforderungen einzulassen, anzupacken und das Risiko einzugehen, auch scheitern zu können, machen wir Risikoanalysen noch und noch und Analysen dieser Analysen, wägen endlos Für und Wider ab und erstellen irgendeinmal den ultimativ grossen, allumfassenden, risikominimierten Plan. Alles auf Nummer sicher. Und wir glauben allen Ernstes, so das Leben zu meistern und die Zukunft zu gestalten. Und wenn es dann nicht funktioniert, liegt es nicht etwa an uns, sondern an der blöden Realität, die sich aus unerfindlichen Gründen nicht an unsere Pläne hält.

Für jedes noch so kleine Projekt sitzen haufenweise Experten zusammen und prüfen jede mögliche Gefahr und jedes klitzekleine Restrisiko. Und wenn die Resultate dann nach unendlich langen Analysen und Abklärungen vorliegen, hat sich die Realität längst verändert. So wären die Amerikaner nie auf den Mond gekommen. So kommt man nicht einmal von Belpmoos nach irgendwo.

Vollkasko weit und breit. Schon vor der Geburt. Die äusserst sinnvolle pränatale Diagnostik wird durch nichtmedizinische Sicherheitsmanien weit überstiegen. Kein Rohmilchkäse für Schwangere, nur abgekochtes Wasser, kein rotes Fleisch, kein Lärm über 90 Dezibel, keine Spiegeleier, keine Maler im Haus. Dafür die tägliche Berieslung des Ungeborenen mit Mozart, damit sich die Synapsen von Klein-Noa und -Emma schon vor der Geburt richtig vernetzen.

Kinderspielplätze sind gesichert wie Fort Knox. Die rundum gepolsterte Kletterstange ist so niedrig dass man selbst mit der festen Absicht, sich eine Beule zu holen, kläglich scheitert. Mamas Daueraufsicht sorgt pingelig dafür, dass keiner der kleinen «Darlinge» mit Dreck (auch Erde genannt) in Berührung kommt. «Pass auf», «Achtung», «Nein, nicht», «Sei vorsichtig», hallen durch das ganze Quartier und halten die Spielfreude der Kinder im engen Sicherheitskorsett.

Und diese Rundumsicherung geht im Erwachsenenleben weiter. Sicherer Arbeitsplatz (gibt es nicht), null Tote auf der Strasse (geht nur, wenn keiner mehr fährt), keine Verluste (funktioniert nur, wenn man nicht investiert). Der absolute Renner ist das Streben nach Gesundheit, und das nimmt mittlerweile bizarre Züge an. Wir geben Unsummen für Gesundheit und Prävention aus, während wir uns mit ungesundem, aber billigem Industriezeug krank essen. Und die Diagnosetechniken sind mittlerweile so ausgefeilt, dass es fast keine Gesunde mehr gibt. Vorsorgeuntersuchungen sind ein Bombengeschäft und wiegen uns oft in falscher Sicherheit. Dabei werden wir nicht etwa kränker, sondern nur älter und damit halt auch anfälliger. Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein.

Offenbar sind wir nicht in der Lage, zwischen tatsächlichen, minimalen und aufgebauschten Risiken zu unterscheiden. Wer überall nur Risiken sieht und Bedenken vor sich herträgt, hilft, eine Gesellschaft von Angsthasen und Weicheiern zu züchten. Dabei sind wir die gesündesten, reichsten und am längsten lebenden Menschen der ganzen Geschichte. Ich weiss nicht, wie es so weit kommen konnte. Aber eines weiss ich: Wer ein Leben mit null Risiken leben will, beraubt sich dessen, was das Leben erst ausmacht, es lebhaft, spannend und interessant macht. Es fehlt ihm das Salz in der Suppe.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Hubert Schaller 30.08.2018

Frühling der Fanatiker

Bekanntlich werden die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts als Blütezeit der Fanatiker in die Geschichtsbücher eingehen. Aber was macht einen Menschen eigentlich zum Fanatiker? Ein kleiner Annäherungsversuch.

Der Fanatiker liebt die Vereinfachung. Je komplizierter die Frage, desto einfacher seine Antwort. Der Fanatiker sucht nicht nach Lösungen, sondern nach der Erlösung.

Das Lieblingswort des Fanatikers ist «alles», sein Lieblingssatzzeichen das Ausrufezeichen: «Alles wegen den Flüchtlingen!» «Alles wegen der Globalisierung!» «Alles wegen der EU!» «Alles wegen den Ungläubigen!» und so weiter. Der innere Motor des Fanatikers läuft immer auf Hochtouren. Der Treibstoff öffentlicher Ärgernisse ist unerschöpflich und gratis. Zapfsäulen stehen an jeder beliebigen Ecke bereit und sind 24 Stunden täglich in Betrieb.

Der Fanatismus ist allgegenwärtig. Mit beklemmender Aufdringlichkeit in ideologischen Phrasen, die jemand in ein Mikrofon brüllt, oder im gewaltbereiten Mob in der Fankurve. Etwas versteckter in der überhitzten Rede eines Politikers, im Getuschel beim Kaffeekränzchen, im Wutkommentar auf Facebook, oder am Stammtisch, in hasserfüllten Bürgerinitiativen.

Der Fanatiker fürchtet die individuelle Freiheit. Er zieht ihr die Uniformität des Kollektivs vor. Das Kollektiv ist sein Mutterleib, der sein infantiles Ego wärmend umschliesst.

Der Fanatiker versteckt seinen Fanatismus hin und wieder unter der Tarnkappe der Biederkeit. Etwa wenn er einen rassistischen Witz erzählt oder wenn er sich selber einen moralischen Freibrief ausstellt, bevor er umso hemmungsloser vom Leder zieht: «Ich bin kein Rassist, aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen ...!»

Der Fanatiker hat keine Begabung zur Freundschaft. Er wählt den gleichgesinnten Fanatiker nicht aus, weil er sein Freund ist, sondern weil er auf ihn angewiesen ist, weil er ihn in seinem Fanatismus antreibt und bestätigt.

Der Fanatiker ist gegen Argumente immun. Sein «heiliger» Zorn rechtfertigt sich aus sich selbst.

Der Fanatiker hat keinen Humor. (Haben Sie Erdogan, Trump, Putin oder Blocher jemals lachen sehen? Grinsen ja, aber lachen?)

Der Fanatiker ist unfähig zur Ironie, geschweige denn zur Selbstironie. Für den Fanatiker muss alles eindeutig sein: schwarz oder weiss, links oder rechts, gut oder schlecht. Alles Zweideutige beraubt ihn seiner zweifelsfreien Gewissheiten.

Der Fanatiker ist selbstblind. Fanatisch sind immer nur die anderen, die Uneinsichtigen, die Andersdenkenden. Seinen eigenen Fanatismus hält er für eine klare, rechtschaffene Meinung. (Bin ich gerade im Begriff, eine fanatische Kolumne über Fanatiker zu schreiben?)

Gesellschaftlich anerkannte Werte zu vertreten, bedeutet nicht, vor Fanatismus geschützt zu sein. Es gibt fanatische Nichtraucher, die alle Raucher vom Erdball verbannen möchten, fanatische Vegetarier, die alle Fleischesser am liebsten auffressen würden, oder fanatische Umweltschützer, die Autofahren für eine Geisteskrankheit halten.

Der Fanatiker ist sich der brutalen Konsequenzen seines Fanatismus selten im Klaren. Er hasst und beschimpft auf Vorrat. Dazu und überhaupt zur Innenansicht eines Fanatikers hat der israelische Schriftsteller Amos Oz ein anschauliches Beispiel geliefert. Sami Michael, ein Freund von Oz, bekommt auf einer längeren Autofahrt von einem fanatischen Taxichauffeur zu hören, man müsse unbedingt alle Araber umbringen, um das Leben der Israelis wirksam zu schützen. Michael hört sich die fanatische Hasstirade wortlos an. Am Ende der Fahrt schaut er dem Chauffeur tief in die Augen und fragt ihn, wie er sich denn die vollständige Auslöschung der Araber ganz konkret vorstelle. «Man muss diese Aufgabe gerecht unter uns aufteilen. Jeder jüdische Mann muss ein paar Araber umbringen.» Michael lässt nicht locker: «Angenommen, Sie bekommen ein Gebäude in Haifa zugeteilt. Sie gehen von Tür zu Tür, klingeln und fragen die Mieter höflich: ‹Entschuldigen Sie, sind Sie zufällig Araber?› Und wenn die Frage bejaht wird, erschiessen Sie den Mann oder die Frau. Wenn Sie alle Araber in Ihrem Gebäude umgebracht haben, wollen Sie nach Hause gehen. Noch bevor Sie sich auf den Weg gemacht haben, hören Sie plötzlich aus dem obersten Stockwerk das Weinen eines Babys. Was werden Sie tun? Zurückgehen? Werden Sie hinaufgehen und das Baby erschiessen? Ja oder nein?»

Es bleibt eine Weile still, der Chauffeur denkt nach. Schliesslich sagt er zu seinem Fahrgast: «Hören Sie, Sie sind wirklich ein grausamer Mensch!»

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

 

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Silvan Jampen 23.08.2018

Zuversichtliche Erneuerer statt ängstliche Bewahrer

Nächstes Jahr ist Wahljahr. Die Parteien sind daran, ihre Kan­didatin­nen und Kandidaten zu rekrutieren. Ein guter Moment, darüber nachzudenken, welches Politpersonal ab 2019 gesucht ist.

Paul Rechsteiner, alternder SP-Langzeitpolitiker und Gewerkschaftslobbyist in Personalunion, hat es mit seiner Dialogverweigerung beispielhaft gezeigt: Die politische Schweiz wird zurzeit aufgehalten von Strukturbewahrern und Reformunwilligen. Von der immer noch Blocher-dominierten SVP ist man sich das Abseitsstehen und inhalts­leere Verhindern gewohnt. Die sich bei jeder Gelegenheit als fortschrittlich bezeichnende SP ist jedoch genauso zur konservativen Partei mutiert. So hat sie es namentlich in den vergangenen fünfzehn Jahren geschickt orchestriert, den einstmals sehr liberalen Schweizer Arbeitsmarkt mit strukturerhaltenden flankierenden Massnahmen reformunfähig zu zementieren – unter gütiger Mithilfe einer unter Wählerdruck geratenen Mitte. Wie wichtig der SP die Blockadepolitik ist, beweist sie nun mit der Opferung ihrer bisherigen EU-Euphorie im Vorfeld der Wahlen 2019 – frei nach dem Motto: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern (EU-Beitritt), wenn kurzfristig der Wahlerfolg bedroht ist, koste es, was es wolle (Folgen der Gesprächsverweigerung gegenüber der EU)?

Unser Land ist leider daran, selbst verschuldet den Zug der Veränderung zu verpassen. Dies gilt für die meisten aktuellen Dossiers: Blockade ist Trumpf im Bereich der Steuern, Altersvorsorge, Landwirtschaft, Migration und so weiter. Die Verwirrung scheint angesichts der komplexen Herausforderungen derart gross zu sein, dass vielen politischen Akteuren nur noch der Stillstand einfällt, was sie dann gar als «Bewahren unserer Vorteile und Vorrechte» zu verkaufen suchen. Das ist natürlich Unsinn, denn die Welt bewegt sich selbst in Zeiten der globalen Abschottungsrhetorik. Stillstand bedeutet auch im 21. Jahrhundert und gerade für unser Land Rückschritt. Aber bis dieser Unsinn auffliegt, sind die ihn verbreitenden Politiker schon lange in Rente.

Dass die Strukturerhalter lieber das Vergehende und Verblassende bewahren, statt sich der Gegenwart und Zukunft zuzuwenden, fiel ihnen angesichts des Alters der Mehrheit der Wählenden und Stimmenden bedenklicherweise sehr leicht. Viele der gesellschaftspolitischen Herausforderungen brauchen Mut zur Veränderung. Die Bereitschaft zum ständigen Wandel jedoch nimmt mit zunehmenden Alter bekanntlich ab. Konsequenterweise steht deshalb die Wahlbevölkerung selbst in der Pflicht, die Reformfähigkeit unseres Landes wiederherzustellen.

Auch in einer scheinbar unübersichtlicher werdenden Welt voller noch ungelöster Herausforderungen darf, muss, soll der jüngeren Hälfte der Bevölkerung das Recht zugestanden werden, an die Zukunft zu glauben. Wer nur noch Gefahren sieht und von Verlustängsten geplagt wird, glaubt nicht mehr daran, dass die Welt morgen ein besserer Ort sein wird als heute. Wer nur noch versucht, das Bestehende zu bewahren und erhalten, verzögert zulasten künftiger Generationen den unaufhaltsamen Wandel. Auf dass die dadurch grösser werdenden Probleme erst dann auf die Gesellschaft hereinbrechen werden, wenn die heutigen Strukturverwalter nicht mehr unter uns weilen. Verteilkämpfe unter den zufällig anwesenden Glücklichen (lies: aufgrund der Vergangenheit Verwöhnte), statt Entwicklungschancen für die aktuellen Habenichtse (Junge und Ungeborene).

Erforderlich ist eine massive Verjüngung im nationalen Parlament. Jüngere Generationen, die heute und morgen die wichtigsten Phasen ihres Ausbildungs-, Berufs-, Familien- und Gesellschaftslebens durchlaufen, sind eher an der Benennung und möglichst langfristig orientierten Lösung von Problemen interessiert. Sie haben «skin in the game», werden die Konsequenzen der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung am eigenen Leib erfahren. Ihre Zukunft besteht aus Aufbau, Wahrnehmung von Chancen, Ausbau von Optionen, aus Freiräumen zum Gestalten und Voranbringen.

Für den Generationenwechsel reicht es dabei nicht, Appelle an die jungen Stimmbürgerinnen und -bürger zu richten, es braucht in erster Linie den Mut der älteren Generationen. Geben wir der jüngeren Hälfte unter den Politkandidierenden 100% unserer Stimmen und unserer geliebten Heimat 100% Chance! Damit sie sich wieder dynamischer und freier bewegen kann.

Silvan Jampen ist als Unternehmensjurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Daniel Wegmann 16.08.2018

Persepolis und seine Nachwehen

Ich betrat Persepolis durch das Tor aller Länder, und der Schweiss tropfte mir von der Stirn. Das lag weniger an der imposanten Architektur als an den rund 42 Grad, die auch im Schatten der überdimensionierten Sphinx mit Adlerflügeln herrschten. Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie das zehn Meter hohe Tor, eingerahmt von prachtvollen Palästen, wohl ausgesehen hat, als es der junge Alexander aus Rache niederbrannte. Für diese und andere Gräueltaten wird man Alexander später «den Grossen» nennen.

Die Dramatik jener Tage steht in starkem Kontrast zu der ansteckenden Müdigkeit, die an diesem heissen Sommertag rund 2350 Jahre später alles auf dem Ruinenfeld erfasste. Sogar die Virtual-Reality-Brille «made in USA», die uns Touristen die Dekadenz der achämenidischen Herrscher vorgaukeln sollte, streikte wegen Überhitzung. «Besser als explodieren», sagte mein Begleiter, und ich musste spontan an den fleissig trillernden Cheftrumpeter der amerikanischen Regierung denken, dem das iranische Klima scheinbar auch arg zugesetzt hat.

Mein Besuch im Iran stand allerdings ganz im Zeichen der Völkerverständigung. Bereits zum 29. Mal begleitete ich begeisterte Gymnasiasten an die Internationale Biologie-Olympiade. Und wie immer standen nicht die Wettkämpfe, sondern der kulturelle Austausch unter den blitzgescheiten Jugendlichen im Vordergrund. Und trotz der politischen Spannung kamen Teams aus über siebzig Ländern nach Teheran. Darunter alle teilnehmenden Länder der letzten Jahre – mit Ausnahme der USA.

Die gefährlichste Angst ist die Angst vor dem Unbekannten. Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen, so bin ich überzeugt, ist eines der besten Mittel, um zukünftige Konflikte zu vermeiden. Das sehen bestimmt auch meine Kollegen der Amerikanischen Biologie-Olympiade so. Um so enttäuschter war ich, dass sie ihren Studenten gerade den diesjährigen Austausch vorenthalten haben.

Der aktuelle politische Schlagabtausch hatte aber auch ganz alltägliche Konsequenzen, selbst für uns Touristen. Geld wechseln zum Beispiel liess den Spion der Siebzigerjahre in mir aufleben, denn der offizielle Kurs der Regierung wich vom Kurs der Strasse um rund vierzig Prozent ab. Wir wechselten unser Geld daher ganz diskret in einer Seitengasse oder im Taxi.

Der tiefe Kurs animierte auch zum Kauf, und so erstand ich dank fachkundiger Begleitung einen grossen, handgeknüpften Gabbeh-Teppich. Der Künstler hat ein ganzes Jahr lang daran geknüpft, und genau so bezaubernd sieht der Teppich auch aus. Dumm nur, dass etliche Speditionsfirmen seit dem Ausstieg der Amerikaner aus dem Atomabkommen ihre Tätigkeit im Iran auf Eis gelegt haben. Und so liegt der Teppich bis auf Weiteres säuberlich zusammengerollt im Keller eines Bekannten in Teheran.

Als im Iran Gewesener reise ich für die kommenden fünf Jahre zudem nur noch mit Visum in die USA. Das Visum bekam ich allerdings anstandslos, und so brach ich gleich im Anschluss an meine Iranreise nach Kalifornien auf, wohin ich zum Unterrichten eingeladen worden war. Der Anflug auf Los Angeles ist für mich immer ein Nach-Hause-Kommen, auch wenn ich nun schon seit sechs Jahren nicht mehr dort wohne. Wenig hat sich aber verändert, so scheint mir, und bestimmt nicht der kolossale Stau auf der Autobahn, die mich an die Uni bringt. Nur schreien die vielen Kleber an den Stossstangen vor mir nicht mehr „Obama 2012“, sondern politisch weniger korrekte Sprüche über den aktuellen Präsidenten.

Der Sommerkurs ist dann genau so toll wie im Jahr davor. Ich profitiere von den aufschlussreichen Vorträgen, vertiefe mich in spannende Diskussionen mit den Studenten und geniesse den angeregten Austausch unter Fachidioten. Und dann passiert es: Im Anschluss an eine Exkursion in Venice Beach landen wir in einer Bar mit Livemusik, nur einen Steinwurf von meiner alten Wohnung entfernt – ein Amerikaner aus Baltimore, ein Iraner aus San Diego, ein Israeli aus Minneapolis, ich und einige Studenten aus Guatemala, Italien, Israel, Iran und den USA. Wir diskutieren über das Forscherleben, erzählen uns aus unserer Heimat und scherzen über die Lage der Welt. Na also, das klappt doch wunderbar mit der Völkerverständigung! Nur schade, dass weder Trump noch Rohani diese Bar frequentieren.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und in den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

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Sus Heiniger 09.08.2018

Das Loch im Sommer

Plötzlich sind sie da, fast magisch, vielleicht sogar über Nacht eingeflogen, aus Tausenden Metern Höhe.

Wenn die Mauersegler ihre Nistkästen an einem Ringmauerturm auf dem kleinen Stadtplatz bezogen haben, wissen wir, es ist Sommer! Wir Anwohner kennen ihre lauten Rufe, ihr grandioses, akrobatisches Fliegen, beides ist ein tägliches Sommerereignis für uns.

Oft trifft man sich zufällig beim Zusehen, mit dem Kopf im Nacken, Hand über der Stirn, auf dem Stadtplatz. Der Sommer der Mauersegler ist kurz bei uns. Bereits Ende Juli fliegen die Akrobaten wieder weg mit ihren nun flügge gewordenen Jungen. Ihre «sriiihh»-Rufe und ihre jetähnlichen Flüge fehlen noch lange über den Gärten.

Und plötzlich sind auch sie da, die Sommer-Angebote.

Das sogenannte Sommerloch – das entstehe, weil zu viele Kommunikationsverantwortliche zu wenig Infos absondern – scheint jedes Jahr grösser zu werden. Gemessen an den Ideen, wie man so ein Loch füllen könnte, scheint es, da hat der Sommer wirklich ein Leck!

Mit Zeitungsgeschichten und -meldungen versuchen die Kulturorte, das Publikum anzulocken und zu sammeln. Die Listen von Sehenswürdigkeiten werden lang und länger, ein neuer Hit heisst Multi­erlebnis. Eine Sehnsucht ergreift viele in der warmen Sommerzeit. Es ist so schön hier in diesen freien Tagen, sagen wir und reisen doch weg, das Erlebnis zu suchen.

Das Wissen um diese Erlebnis-Sehnsucht wird genutzt, das Feilschen um immer mehr Publikum hat Saison. Ich lese: Yoga im asiatischen Museum, Nackt-Yoga im Park, Ausstellungsbesuch als Nudist, Schminken im «Style London» im Garten eines Museums vor dem Besuch der Gemälde-Ausstellung, Tanz oder Bilder zu Konzerten, Picknick im Kino und vieles mehr.

In ihrer unmittelbaren Neuigkeit erstaunen und überraschen solche Angebote. Von der Öffentlichkeit, weniger von den Kunstfachleuten, werden sie gar bejubelt. Schrecken sie aber ab, war die Werbung schlecht.

Die Versuche, Kunst in den Alltag der Menschen zu bringen, die ansonsten offenbar kein Auge, Ohr und Sinn dafür hätten, erleben momentan einen Höhenflug.

Doch das, was mir die Höhenflüge der Mauersegler bieten, bringen mir die Höhenflüge der neuen Ideen (noch?) nicht. Ob ich eine Malerei füdliblutt betrachten darf, ob ich Yoga im Skulpturenraum praktizieren will, ob ich mich im Museumsgarten erst um-schminken lassen möchte, um dann besser zu verstehen, ob ich eine japanische Installation besser verstehen kann, nachdem mir ein Meister eine japanische Technik der Automassage verraten hat, könnte sein, doch mir graut vor Erlebnis-­Rezepten.

Wer leitet wen zu einer und welcher Erkenntnis? Gibt es den einen Weg zum «richtigen Erleben»?

Mir graut davor, Menschen mit Event-Mätzchen verführen zu wollen, mit dem absoluten Anspruch, es gebe nur ein Richtig-Sein, nur ein richtiges Empfinden. Jetzt, da wir durch die Aufklärung die Freiheit des Denkens und Handelns errungen haben. Blosse Ideen ohne Sinn erhellen keinen Geist. Und schon gar nicht, wenn sie kübelweise über freizeitfreudige Menschen ausgeschüttet werden.

Aber da sinnvolles Sein eine ewige Sehnsucht des Menschen ist, sind auch der Deutungen viele, und viele Institutionen bemühen sich redlich um gute Erlebnisangebote. Ich frage mich nur, warum mir bei gewissen Kulturangeboten immer häufiger der Gedanke einfällt: Kassenfüller, Menschenverachterei, Unsinn, Blödheit, Frechheit.

Das Bild in einer französischen Zeitung mit dem füdliblutten Ausstellungsbesucher vor einer Malerei im Museum hat mich zum Lachen gebracht. Sieht echt neu aus! Sieht echt blöd aus!

Wir leben in einer spannenden Zeit. Vieles wird neu überdacht, neu organisiert. Wer weiss, vielleicht geben wir mit unseren Taschen bald auch sämtliche Kleider ab an der Garderobe.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Patrick Buchs 02.08.2018

Weg mit Neymar!

 

Die Fussball-WM in Russland ist zu Ende. Meine Frau jubiliert, dass der Fernseher abends wieder zugänglich ist, und meine Kinder sind dem totalen Fussballfieber verfallen! Jeden Tag spielen sie im Garten irgendwelche WM-Szenen nach und verwandeln sich je nach Situation in einen anderen Fussballspieler. Mal pariert Sommer einen Penalty, ein anderes Mal gelingt Mbappé nach einem spektakulären Sololauf das Siegestor, oder dann schiesst Ronaldo – nachdem er sich ausschweifend seine Shorts raufgezogen hat – ein wunderschönes Freistosstor. Aber am meisten imitieren meine Kinder mit schmerzverzerrten Gesichtern Neymar, der nach einem angeblich höchst brutalen Foul am Boden um sein Leben ringt.

Diese häuslichen Alltagsszenen sind äusserst amüsant anzuschauen – besonders wenn mein vierjähriger Sohn das «neymarsche Sterbe­ballett» mimt. Wenn aber dieses höchst unfaire Verhalten Neymars für meine Kids die prägendste WM-Erinnerung ist, dann finde ich das bedenklich. Ich frage mich, was im Kopf dieses begnadeten Fussballers vorgeht, dass er zu derart unfairen Mitteln greifen muss. Meinem Verständnis nach müsste ein Sportler, der 222 Millionen Euro gekostet hat und für ein Grundgehalt von 30 Millionen Euro kickt, sich seiner Vorbildfunktion bewusst sein. Oder war die Option «vorbildliches Verhalten» nicht im Preis inbegriffen?

Meiner Meinung nach ist ein derartiges Verhalten juristisch gesprochen ein «vorsätzliches Vorspielen falscher Tatsachen» und muss bestraft werden. Ich hoffe auf ein schnelles Handeln der Fifa, um einen ähnlichen Imageschaden, wie ihn die Tour de France 1998 durch den Festina-Dopingskandal erlitten hat, abzuwenden. Studien haben gezeigt, dass der Radsport durch diesen Dopingskandal nachhaltig geschädigt wurde: weniger Einschaltquoten, weniger Sponsoren, weniger Teams, weniger Lizenzierte etc. Trotz jahrelanger und teurer Anti-Doping-Kampagnen hat es der Radsport nicht geschafft, den wichtigsten Wert wiederherzustellen: Vertrauen! Das ist fatal, denn Vertrauen ist der Nährboden für die Begeisterungsfähigkeit, die wiederum den Sport so einmalig macht.

Mit meinem Vater waren wir begeisterte Tour-de-France-Zuschauer. Er hat sogar seine Sommerferien nach der Tour ausgerichtet, und wir haben jahrelang jeweils vor dem Fernseher mitgefiebert. Nach dem Dopingskandal haben wir das Interesse verloren. Wir konnten und wollten uns nicht länger für Betrüger begeistern. Dasselbe Phänomen beobachte ich nun bei mir und mehreren Freunden im Zusammenhang mit der Fussball-WM. Aktionen wie diejenigen von Neymar trüben unsere Begeisterung für den Fussball, weil sie sich nicht mit unseren Wertvorstellungen vereinbaren lassen.

Um abschliessend nun wieder den Bogen zu meinen Kindern zu spannen, dann würde ich es traurig finden, wenn sie nicht mehr an die positiven Werte des Sports glauben könnten. Darum sage ich «Weg mit Neymar», und es leben hoch die Junioren-F-Turniere!

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

 

 

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Katharina M. Fromm 26.07.2018

Homo Sapiens, Normen und Digitalisierung

 

H

eute schreibe ich als Hobby-Biologin über mein Lieblingslebewesen: Homo sapiens, der weise Mensch, dem die Attribute klug, vernünftig und gescheit zugeschrieben werden, ist die derzeit einzige Art der Gattung Homo. Nun einige Beobachtungen des intelligenten Wesens – und augenzwinkernde Interpretationen.

 

Ein seltsames Verhalten wird aus Familienverbänden des Homo sapiens berichtet, in denen männliche Spezies zum Beispiel neues Silberbesteck mit einem kratzigen Schwamm abschrubben, ihr Kind im Winter mit einer Sommerjacke einkleiden oder die Giesskanne nicht finden und deshalb die Blumen nicht giessen können. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um hochkomplexe Signalhandlungen dem Weibchen gegenüber, das entweder mit erhöhtem Blutdruck oder resigniertem Schulterzucken reagiert.

Ausserhalb der Familie ist der Supermarkt ein beliebtes Revier des erwachsenen Homo sapiens. Scheinbar wahllos geht er dort seiner Sammelleidenschaft für Essbares nach. Während die Weibchen dabei meist einer Einkaufsliste folgen, scheinen die Männchen durch ans Ohr gehaltene elektronische Geräte ferngesteuert. Man beobachtet auch Individuen, die die Himbeeren und den Joghurt zuerst, und dann 2,5 kg Kartoffeln obendrauf in ihren Einkaufskorb packen, was wahrscheinlich eine effiziente Vorstufe für selbst gemachten Himbeerjoghurt ist. An der Kasse kommt es dann regelmässig zu Warteschlangen – ein bei Homo sapiens offenbar beliebtes Phänomen, das vor Toiletten wie auch auf Strassen zu beobachten ist und dort «Stau» genannt wird. Dieser wird an Werktagen zweimal täglich und auch zur Ferienzeit zelebriert.

Obwohl Homo sapiens in vielen Grössen und Formen vorkommt, werden in öffentlichen Habitaten wie Universitäten und Theatern normierte Sitze unter dem Prädikat «ergonomisch» angeboten. Dies erscheint genauso unlogisch wie die Standardgrösse von Toiletten, die so klein sind, dass mit der Kleidung (Mantel, Rock) beim Eintritt in die enge Kabine erst einmal die Klobrille geputzt wird. Wahrscheinlich dient dies zum Austausch von Keimen, was die Resistenz der Art erhöhen soll. Dass es an Flughäfen dem Homo sapiens nicht möglich ist, sein Gepäck in die winzige WC-Kabine mitzunehmen, soll wohl auch dem freien Austausch von Waren zuträglich sein – wohl auch globale Marktwirtschaft genannt und derzeit weltweit in der Diskussion.

Homo sapiens ist äusserst sozial und neigt zur Staatenbildung, was wiederum Anforderungen an das Zusammenleben stellt. Im Namen des Steuergeldes und unter dem Feigenblatt der Transparenz wird daher ständig reformiert, normiert und reguliert. Die Digitalisierung, eine neuere Errungenschaft der Hominiden, treibt dabei so manche seltsame Blüte. Wollte früher ein Mensch ein Arbeitszeugnis für MitarbeiterInnen erstellen, verfasste er während einer halben Stunde ein entsprechendes Schreiben, unterschrieb es und händigte es dem Mitarbeiter aus. Heute füllt Mensch 1 am Computer während 30 Minuten mehrere Arbeitsfenster aus. Das «System» generiert daraufhin einen Entwurf (Gender-neutral für männlichen Mitarbeiter genormt), der von einem weiteren Individuum, Mensch  2 in der Personalabteilung, geprüft und per Email an Mensch 1 weitergeleitet wird. Im nächsten Schritt muss Mensch 1 das Dokument editieren, unterschreiben, einscannen und an Mensch  2 zurückschicken, wo es dann elektronisch im Dossier der begutachteten Person abgelegt wird. Diese augenscheinliche Verkomplizierung des Prozesses unterstreicht, zu welch komplexen und intellektuellen Handlungen Homo sapiens Dank seiner höheren Intelligenz fähig ist. Welch ein Potenzial! Quo vadis, homo sapiens?

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Franz Engel 12.07.2018

Nur eine Geschichte?

Gegenwart: 2018

Wir hören Nachrichten, schauen fern. 19.30 Uhr Tagesschau, ein tägliches Ritual vieler Schweizer, mich eingeschlossen. Und immer wieder Krieg, Zerstörung, Menschen auf der Flucht. Wir kennen die Bilder, junge Männer, Frauen mit Kindern in überfüllten Booten, manchmal ertrinken sie, manchmal werden sie gerettet. Auch ich habe gelernt, nicht mehr hinzuschauen, bis an jenem Abend, als ich glaubte ein Gesicht zu erkennen. Eine junge Frau mit einem Kind in den Armen, von der Kamera ganz nahe gezoomt. Plötzlich bin ich hellwach, lasse die Bilder zurückspulen, immer wieder, bis ich Gewissheit habe. Dann war ich mir sicher: Das ist Ausi Manaleli-Franziska, sie glich ihrer Mutter aufs Haar, und sie trug eine Narbe über der linken Augenbraue.

Rückblende: 1985

Wir waren nun schon seit über zwei Jahren in «unserem» Spital in Afrika. Mitten in der Nacht wurde ich gerufen: Eine schwangere Frau, kurz vor dem Termin, hatte mit beginnenden Wehen starke Blutungen. Anrufe der Hebamme bedeuteten immer höchste Alarmstufe. Das heisst, die kurze Strecke zum Spital rennen, informieren, rasche, sorgfältige Untersuchung, Infusion, Labor (Blutmenge, Blutgruppe). Die Situation war klar: Die Plazenta (Mutterkuchen) lag vollständig über dem Muttermund und bei beginnender Öffnung, unter dem Druck der Wehen, rissen ihre Blutgefässe. Der Blutverlust war bereits erheblich, eine absolute Notfallsituation, das heisst Kaiserschnitt. Die Verantwortung zerriss mich beinahe. Ausi Manaha, eine erfahrene Hebamme, spürte mein Zögern, meine Angst. Sie kam auf mich zu, umarmte mich und sagte bloss: «Ntate, we have to do it, so let’s do it. Wir haben keine Wahl, also tun wir's», und «wir schaffen das». Das Narkoseteam wurde organisiert und auch mögliche Blutspender – wir führten eine Liste mit der Blutgruppe aller Angestellten, die im Notfall als Spender zur Verfügung standen.

Nach kurzer Zeit: Schnitt! Alles ging gut. Ein gesundes Mädchen gab laut und deutlich zu verstehen: Ich bin da! Ein kleines Missgeschick war aber doch passiert: In der ganzen Aufregung war ein Schnitt zu tief geraten, und ich hatte dem kleinen Mädchen eine Wunde über der linken Augenbraue zugefügt.

Mutter und Vater waren überglücklich und aus Dankbarkeit nannten sie das Mädchen Manaleli (Tochter der Sterne) – Franziska. Bald konnten sie nach Hause (zu Pferd), alle Wunden waren verheilt, nur eine Narbe über der Augenbraue blieb.

Gegenwart: 2018

Ich war elektrisiert, war überzeugt, dass es Manaleli ist. Ich begann zu suchen. Wandte mich an Solidarmed, unsere Organisation, an Behörden, das Rote Kreuz, schrieb, telefonierte, mailte … Nach Monaten endlich eine Spur. Ja, sie war gerettet worden, sie war registriert und auf eine Insel in ein Lager gebracht. Die Suche ging weiter. Endlich Kontakt mit einer Mitarbeiterin vom Roten Kreuz, die mit behördlicher Bewilligung das Lager einmal im Monat besuchen durfte. Von ihr erfuhr ich das Ende der Geschichte:

Manaleli war mit ihrem letzten Bruder und ihrem dreijährigen Sohn Lerato, in der Hoffnung auf Leben, auf der Flucht vor Bürgerkrieg, Hunger, Elend und Hoffnungslosigkeit. Die Eltern waren schon vor Jahren verstorben, ihr Ehemann und vier weitere Brüder bei einem Minenunglück ums Leben gekommen. Schlepper brachten sie unter schwersten Bedingungen an die Küste in ein überfülltes Boot.

Bei der Überfahrt riss eine Welle mehrere Menschen über Bord, ihr Bruder, beim Versuch einem Freund zu helfen, stürzte selber ins Wasser und ertrank. Ein Schiff der Küstenwache rettete sie und so kam sie in ein Lager, wo die Behörde verschiedene Flüchtlingsgruppen «konzentrierte». Dort passierte es, dass sich Lerato beim Spielen am Stacheldrahtzaun, der das Lager meterhoch und doppelt «sicherte», verletzte. Der kleine Körper war zu schwach, um sich gegen die Infektion zu wehren, er starb wohl an einer «Blutvergiftung». Manaleli sprach mit niemandem mehr, zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Ihr grosser Traum in das Land der Berge zu reisen, von der ihre Mutter immer erzählte, wo Menschen mit offenen Herzen leben, wo Menschen auf der Flucht Aufnahme finden, wo niemand hungert und Kinder die Schule besuchen, war endgültig zerstört.

Eines Tages war sie verschwunden. Tage später fand man ihren Körper, von den Wellen an den Strand gespült, sie lag auf dem Rücken, die Augen weit geöffnet blickte sie zu den Sternen, dorthin, wo sie herkam, Manaleli-Franziska, Tochter der Sterne.

***

 

Diese Geschichte ist frei erfunden, auch wenn solche Geschichten Tag für Tag in unserer Nähe geschehen. Wer sein Herz bewahrt hat, möge einen kurzen Moment innehalten … und hinschauen …

Nachtrag: Es besteht kein Zweifel, dass Krieg die Hauptursache von Flucht und Elend ist. Vor einigen Wochen hat der zuständige Bundesrat beschlossen, Waffen auch in Kriegsgebiete zu verkaufen. Wenn wir Kriege schon nicht verhindern (wollen oder können), so wenigstens daran verdienen. «Pecunia non olet» (Geld stinkt nicht), hiess es bei den Römern. Was, um alles in der Welt, muss noch geschehen, dass wir den Gestank von solchem Geld endlich riechen?

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

 

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Andreas Kempf 05.07.2018

Citius, altius, fortius

 

V

or rund einem Monat lehnte das Walliser Stimmvolk mit 54  Prozent eine kantonale Beteiligung von 100 Millionen Franken am Projekt Sion 2026 ab. Somit ist der Traum von Olympia in der Schweiz bereits wieder geplatzt, bevor überhaupt eine Kandidatur beim Internationalen Olympischen Komitee (IOK) eingereicht werden konnte.

 

Persönlich bedauere ich diesen Entscheid sehr. Es ist eine verpasste Chance für alle jungen (Winter-)Sportler, für die Tourismusbranche und für sinnvolle Investitionen in die Infrastruktur. Denn wir hätten der Welt zeigen können, dass ein solcher Event nachhaltig, kostengünstig und ohne Gigantismus durchgeführt werden kann. Denn das olympische Motto «citius, altius, fortius», häufig mit «schneller, höher, weiter» übersetzt, gilt schliesslich für die sportlichen Leistungen und nicht für das Ausmass der Spiele.

Was eine sportliche Veranstaltung auslösen kann, habe ich vor knapp drei Wochen hautnah miterleben dürfen. In Bern wurde das erste internationale Leichtathletik-Meeting seit 1989 (!) ausgetragen. Organisiert von sechs jungen Berner Leichtathleten wurde das Meeting mit dem treffenden Namen «Citius» zum vollen Erfolg. 2800 Zuschauer füllten das Leichtathletik-Stadion Wankdorf und konnten tolle Leistungen, unter anderen von Mujinga Kambundji und Alex Wilson, bejubeln. Über 3000 Meter war auch ich am Start. Mit 8:31  ­Minuten blieb ich zwar 18  Sekunden über meiner persönlichen Bestleistung, was ohne spezifische Bahntrainings dennoch eine zufriedenstelle Zeit war.

Eine Woche später ging ich es für mich mit meinen Trainingskollegen «altius», nämlich auf den 2309 Meter über Meer gelegen Berninapass, von wo aus ich auch diese Kolumne schreibe. Hier im Höhentrainingslager versuche ich mich optimal auf die Europameisterschaften in Berlin vorzubereiten, wo ich am 12. August den Marathon laufen werde. Dies bedingt, dass ich momentan im Training «fortius» laufe, das heisst pro Woche 145 bis ­175  Kilo­meter. Das wunderschöne Engadin lädt nicht nur zum Trainieren, sondern auch zum Träumen ein: zum Beispiel vom Olympia-Marathon in Tokio 2020 oder in ferner Zukunft von Olympischen Winterspielen in der Schweiz.

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf studiert Betriebsökonomie im Master an der Universität Bern. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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