14.03.2019

High Performance Lifestyle

Der Nationaltrainer Lauf bei Swiss Athletics, Louis Heyer, predigte uns Nachwuchsläufern bereits im Jugendalter in den Trainingslagern einen sogenannten High Performance Lifestyle. Das hatte weder mit einer bestimmten Moderichtung noch mit unseren schulischen Noten zu tun. Es ging darum, bei uns ein Bewusstsein zu schaffen, dass sportliches Talent allein nicht ausreicht, um an die Spitze zu gelangen. Nur mit einem Lebensstil, der 24 Stunden am Tag auf den Sport ausgerichtet ist, würden wir internationale Höchstleistungen in der Leichtathletik erbringen können.

Logischerweise gehört dazu das seriöse Einhalten des Trainingsplans, der bestenfalls von einem ausgebildeten und erfahrenen Coach vorgegeben wird. Genauso entscheidend ist allerdings, wie die restliche Zeit verbracht wird. Am besten viel und regelmässig schlafen, sich ausgewogen ernähren und einen möglichst stressfreien Alltag verbringen. Ganz im Sinne der Devise: Train, eat, sleep (and repeat). In den Trainingslagern gelang es meinen Laufkollegen und mir problemlos, dem disziplinierten Profisportlerleben mit viel Freude nachzugehen. Allerdings zu Hause mit Schule/Arbeit, Familie, Freunden und den sonstigen Verlockungen des süssen Lebens gingen wir bewusst oder unbewusst immer Kompromisse auf Kosten des Sports ein.

Einer der seit der Matura kompromisslos auf die Karte Laufsport setzt und den High Performance Lifestyle konsequent verfolgt, ist Julien Wanders. Der bald 23-jährige Genfer schrieb seine Maturaarbeit über die Dominanz der kenianischen Läufer. Spätestens da kam er zur Einsicht, dass er, wenn er einmal zu den besten Läufern der Welt gehören will, auch so leben muss wie sie. So entschied sich Wanders, nach nur einer Woche das Wirtschaftsstudium an der Universität Genf abzubrechen und seinen Lebensmittelpunkt nach Iten, der Läuferhochburg in Kenia, zu verlegen. Seither verbringt er etwa 8 Monate im Jahr dort und reiht Erfolg an Erfolg. Erst kürzlich schnappte er sich in 59:13 Minuten über die Halbmarathon-Distanz den Europarekord vom grossen Mo Farah. Auch den Europarekord über 10 Kilometer auf der Strasse (27:32 Minuten) ist seit letztem Herbst in seinem Besitz. Man darf gespannt sein, ob er diesen Sommer auch auf der Bahn über 5 000 und 10 000 Meter den Durchbruch in die Weltspitze schafft.

Und wie verbringt Wanders seinen Alltag? Er widmet seine Zeit wie die meisten kenianischen Läufer vor allem dem Trainieren, Essen und Schlafen. Und sowieso läuft in Ostafrika, abgesehen vom Lauftraining, alles «Polepole», was so viel bedeutet wie langsam, nur kein Stress. Die Menschen dort wissen zwar nicht, was mit High Performance Lifestyle gemeint ist, aber sie leben ihn.

Der Heitenrieder Läufer und ausgebildete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz. Bereits mehrmals verreiste er nach Kenia ins Trainingslager und absolvierte dabei die eine oder andere Laufeinheit mit dem Europarekordhalter über 10 km und im Halbmarathon, Julien Wanders.

Kolumne

Gastkolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Daniel Eckmann 07.03.2019

Goalie bleibt man ein Leben lang

Sie kennen das: Ein Klischee geht so lange um die Welt, bis es als wahr gilt. Da ist nichts einfältig genug: Frauen können nicht parkieren, Männer reden nicht über Gefühle, Engländer trinken andauernd Tee, Fussballer sind Mimosen und Torhüter haben einen Flick weg. Nun, ich kann Frauen am Steuer nicht gültig beurteilen. Ich weiss nicht, worüber Männer nicht reden oder was Engländer wirklich trinken. Ich habe keine Ahnung, wie die weltweit 265 Millionen Fussballer im Schnitt so sind. Aber ein Klischee kann ich einschätzen. Jenes über Goalies. Der Befund ist kompliziert. Aber fangen wir am Anfang an.

Was macht den Sport aus? Was unterscheidet ihn von der Oper, vom Film, von einem industriellen Produkt? Vieles natürlich, aber eines sticht heraus: Ein Match folgt keinem Drehbuch, das Resultat ist bis zuletzt offen, das Produkt «Sport» lässt sich nur bedingt planen. Sport entsteht live im Stadion, es kann so oder anders herauskommen. Sport ist in hohem Masse emotional geprägt, vieles kommt auf die Tagesform an, auf Glück oder Pech, auf das Publikum und den Schiedsrichter, manchmal sogar auf das Los. Sport ist die Welt der Duelle, zum Drama verdichtet beim Penalty. Da ist alles drin: Können, Zufall, Kaltblütigkeit, Nervenflattern. Man sagt, bei solchen Duellen könne der Goalie nur gewinnen und der Feldspieler nur verlieren. Weil das Tor das erwartete Ende sei und nicht die Abwehr. Weil beim Penalty die Verantwortung nicht beim Torhüter liege. Ist das so?

Von wegen Verantwortung: Die Welt des Goalies ist eine Welt voller umgekehrter Vorzeichen. Hinter ihm ist bloss noch die Linie, dann das Netz. Seine Fehler kann keiner mehr ausbügeln. Im Tor trägt man die letzte Verantwortung, oft im entscheidenden Moment, in dem ein Spiel ins Gute oder Schlechte kippt. Ganz hinten vor der Linie gibt es nichts zu delegieren – keine Querpässe, Rückgaben oder Tändeleien. Keine Fleissleistung, kein Alibispiel, kein zweiter Versuch. Der Ball steht nie kurz still, damit du überlegen kannst, was zu tun ist. Jede Aktion ist ein Ernstfall. Torhüter sind das, was an Hoffnung übrig bleibt, wenn der Ball in der Luft ist. Entweder du hältst, dann bist du der Held. Oder du hältst nicht und hast versagt. Vor aller Augen. Es gibt keinen schlechteren Ort, sich zu verstecken, als im Tor. Dort bist du allein. Umringt, aber allein.

Sind Goalies denn überhaupt Mannschaftssportler? Schon ihr Dress grenzt sie aus – er hat eine andere Farbe. Sie kämpfen letztlich gegen den Ball und nicht gegen einen Gegner. Torhüter sind eine Art Endstation. Und doch sind sie Teamplayer! Nicht nur, aber auch, weil Verteidigung und Goalie ein eingespieltes Ganzes bilden. Weil man zusammen trainiert, schwitzt, rennt, leidet, hofft, bangt, jubelt, weint. Weil man sich bis ins Innerste kennt. Weil man gemeinsam gewinnt oder gemeinsam verliert. Und doch ist der Posten zwischen den Pfosten speziell. Handball könnte man statt mit sechs auch mit fünf oder sieben Feldspielern spielen, Fussball mit neun oder zwölf, Eishockey mit vier oder sechs. Einen Feldspieler könnte man im Regelbuch weglassen oder einen weiteren dazugeben – aber ohne Goalie geht es nicht. Es braucht diesen hintersten Mann oder diese hinterste Frau, sonst ist das Spiel unspielbar. Es braucht diese Wächter vor dem Netz, die ihren Körper in die Schussbahn werfen. Dieses Vetorecht im Angriffswirbel.

Egal, ob im Hand- oder im Fussball: Ein Goalie-Dasein beginnt schon auf dem Pausenplatz, mit aufgeschundenen Knien und zerrissenen Hosen. Mit Schimpfis zu Hause und dem Klischee vom Flick weg, den man ihnen so gerne nachsagt. Goalies sind unverstanden. Wer über sie spricht und selber keiner ist, weiss nichts von der Unmöglichkeit, dass einem andere einen Fehler noch ausbügeln. Stand nie blamiert im Rampenlicht. Wurde nie eine Flasche genannt. War andersherum aber auch nie der siegrettende Held. Vielleicht gibt es deshalb unter Torhütern einen Kitt, den man unter Flügeln, Verteidigern oder Linkshändern nicht findet. Vielleicht ist es auch diese unteilbare Verantwortung für den letzten Zentimeter. Dieses «Entweder-oder». Dieser Zwang, im entscheidenden Moment alles oder nichts zu bringen, ohne Chance zum Nachbessern. Vaclav Havel hat das so gesagt: «Einen Abgrund kann man nicht in zwei Sprüngen überspringen.» Das prägt einen dann. Jede Karriere findet irgendeinmal ihr Ende, Goalie bleibt man hingegen sein Leben lang. Es ist eine Aufgabe und nicht bloss ein Job. Denn es gibt immer einen letzten, alles entscheidenden Zentimeter zu verantworten. Das hört nicht nach sechzig Minuten auf.

 

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann sowie Lehrbeauftragter für strategische Kommunikation an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor des Medienunternehmens SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat Kaspar Villiger. Eckmann war von 1969–1981 Goalie des BSV Bern und 95-facher Internationaler. 1975 lehnte er dem Studium zuliebe ein Profi-Angebot von Atletico Madrid ab.

 

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
3
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Beat Brülhart 28.02.2019

Immer schlimmer

Wenn es um die Zukunft geht, scheinen viele zwei Programme im Kopf zu haben: «Es ist schlimm» und «Es wird immer schlimmer». Was ist denn so schlimm und wird noch schlimmer? Der zerstörerische Zyklon, der Klimawandel, ekelhafte Kriege, Vierfachmörder, Kinder missbrauchende Geistliche, Überschwemmungen, Manager im Knast, endlich viel Schnee, Lawinenabgänge? 2019 ist bisher ein Jahr der Ungeheuerlichkeiten, wie jedes andere Vorjahr, wenn man es von den Nachrichten her betrachtet. Alles andere lief aber bis jetzt normal. Die Totalpräsenz von Nachrichten über das Abscheuliche gibt uns das Gefühl, das Schreckliche sei die Normalität und uns umgebe nichts als Gefahren. Dabei ist die schlimmste Gefahr, in unseren Städten von rücksichtslosen Radlern angerempelt zu werden, das einzig Abscheuliche ist die Ausdünstung der Mitfahrer in Zug und Tram, und das einzig Schreckliche ist die Steuerrechnung.

Die allermeisten Flugzeuge stürzen nicht ab, die meisten Menschen sind keine Mörder, viele Politiker sind nicht korrupt, in den meisten Ländern herrscht Friede, der CO2-Hype wird verschwinden, die Natur wird uns überleben, und der Weltuntergang ist vorläufig noch kein Thema.

Natürlich passieren Dinge, die nicht passieren dürften. Aber sie sind die Ausnahmen und nicht die Regel. Da die Medien nur über die Ausnahmen berichten, werden Ausnahmen in den Köpfen schnell zur Regel, die Geburt des Glaubens an eine schlimme Welt, die immer schlimmer wird. Und dieser Glaube bestimmt unsere Wahrnehmung. Es stimmt nämlich nicht, dass wir nur glauben, was wir sehen, wir sehen vielmehr nur, was wir glauben. Und so sehen wir vieles nicht, selbst wenn es vor unseren Augen liegt. Beispielsweise sehen viele die enormen Chancen und Möglichkeiten, die uns das Leben bietet, nicht mehr. Das ist traurig.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
4
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Hubert Schaller 21.02.2019

Eine Rote Liste für bedrohte Tugenden

Bedrohte Tiere und Pflanzen werden auf einer Roten Liste erfasst. Die Arten sterben schneller, als die Liste aktualisiert werden kann. Experten schätzen, dass pro Tag zwischen 50 und 150 Pflanzen- und Tierarten von der Erde verschwinden.

Obwohl viel darüber geschrieben wird, sind offensichtlich nur Tier- und Pflanzenfreunde besorgt. So viel zur ernüchternden Wirkungslosigkeit von Roten Listen im öffentlichen Raum.

Trotzdem bin ich dafür, dass wir auch eine Rote Liste für von dem Aussterben bedrohte zwischenmenschliche Pflänzchen einführen. Da kommen mir gleich drei solcher Pflänzchen in den Sinn, die es in unserer rüpelhaften Zeit immer schwerer haben, nämlich Dankbarkeit, Höflichkeit und Humor.

Kaum jemand setzt sich für deren Überleben mit der gleichen inneren Überzeugung ein, wie sich Tier- und Pflanzenfreunde für ihre Sache einsetzen. Deshalb reizt es mich, hier jetzt mal als Tugendritter aufzutreten und eine Lanze zu brechen für etwas, das ich als sozialen Kitt für ebenso wichtig halte wie Arbeit, Geld oder die Sozialwerke.

 

Nehmen wir mal nur die Dankbarkeit. Der Philosoph André Comte-Sponville bezeichnet sie als eine «mozartische» Tugend. «Und das nicht nur, weil Mozart sie in uns erweckt, sondern weil er sie singt, weil er sie verkörpert, weil in ihm diese Freude ist, diese überschwängliche Dankbarkeit für etwas, das sich nicht näher bezeichnen lässt.»

Nur, wenn Dankbarkeit so mozartisch schön ist, warum tun wir uns dann so schwer damit? Warum gehört sie dann auf die Rote Liste der bedrohten Tugenden? Aufrichtige Dankbarkeit ist ein Ausdruck von Freude über empfangene Freuden, «ein Glück mehr für ein Mehr an Glück», wie Comte-Sponville sagt. Das Reservoir an Menschen und Dingen, die unsere Dankbarkeit verdienen, ist unerschöpflich: Wir können dem Partner dankbar sein, dass er uns liebt, den Eltern, dass sie uns das Leben geschenkt haben. Wir können uns dankbaren Herzens vor der Sonne verneigen, dass sie uns bescheint, vor dem Schicksal, dass es uns vor Hunger und Krieg bewahrt. Monet verdient unseren Dank, weil er uns mit seinen Bildern bezaubert, Haydn, weil er uns mit seiner Musik erhebt usw.

 

Dankbarkeit bedeutet anzuerkennen, dass die Ursache der empfangenen Freude ausserhalb von uns selbst liegt. Ein Egoist bringt es darin nicht weit. Nicht, weil er ungern empfängt, sondern weil er sich nicht gerne eingesteht, dass er etwas von anderen geschenkt bekommen hat und dafür Dank schuldet. Weil er nicht gerne gibt. Weil er die Freude lieber für sich behält, als sie mit anderen zu teilen. Dadurch erhält seine Freude etwas Geringfügiges, Schäbiges. Auch der Habgierige wird nie zum Meister der Dankbarkeit heranreifen. Dafür steht ihm seine Anspruchshaltung im Weg. Er nimmt für selbstverständlich, was er besitzt. Er begnügt sich nicht mit dem Nötigen. Er hortet das Überflüssige. Überfluss aber ist der Dolchstoss in das Herz der Dankbarkeit.

 

Kein Wunder, dass uns die Ärmsten der Armen immer wieder eine Lektion erteilen in Sachen Dankbarkeit. Wer sich um eine einfache Mahlzeit sorgt, dem ist nichts selbstverständlich. Einfachheit ist der Humus, auf dem das Pflänzchen Dankbarkeit am besten gedeiht.

«Warum», frage ich meine Tochter, «fühlst du dich in Afrika so wohl?» – «Weil ich mich hier in einer Freude üben kann, die es bei uns kaum mehr gibt: die anspruchslose Freude, einfach da zu sein, hier und jetzt!»

 

Nostalgie klammert sich an die Vergangenheit. Hoffnung ist eingebildete Zukunft. Dankbarkeit hingegen ist reine, hellsichtige Gegenwart. Macht Zufriedenheit dankbar? Eher umgekehrt: Dankbarkeit macht zufrieden. Das wäre der Quantensprung von der Cartesianischen Seinsgewissheit in die postnarzisstische Glücksgewissheit, vom: «Ich denke, also bin ich» zum: Ich danke, also bin ich glücklich!

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
8
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Silvan Jampen 14.02.2019

Die Eigenmietwert-Debatte

Dem Hauseigentümerverband (HEV) und einigen Politikern missfällt die Besteuerung des Eigenmietwerts als ein fiktives beziehungsweise Naturaleinkommen auf selbst genutztem Wohneigentum. Entsprechend will der HEV schon seit Jahren den Eigenmietwert abschaffen. Das wäre nicht weiter problematisch, wäre der HEV konsequenterweise bereit, auch die Steuerabzüge für Zinszahlungen und Unterhaltskosten aufzugeben – das wäre ein echte Systemwechsel. Das wollte er aber bisher nicht.

 

Der Eigenmietwert ist zwar ein steuertechnisches Kuriosum, macht allerdings aus Sicht der Gleichbehandlung von Mietern und Wohneigentümern, aber auch aus Sicht der Gleichstellung zwischen (Natural-)Einkommen aus Wohneigentum und zu versteuerndem Einkommen auf sonstigen Vermögenswerten durchaus Sinn. Zudem ist er in Zeiten normaler Zinsen auch nicht gravierend, wiegen doch die Abzüge angesichts der traditionell hohen Hypothekarverschuldung in der Schweiz und des guten Unterhalts den Eigenmietwert auf. Gegen das aktuelle System wird aber ins Feld geführt, dass es nicht vorhandenes Einkommen besteuert, das Schuldenmachen fördert und ältere Eigenheimbesitzer bestraft, die ihre Hypothek abbezahlt haben.

 

Offenbar hat die seit mehr als zehn Jahren andauernde Tiefzinsphase den HEV nun zu einer Kehrtwende veranlasst: Er zeigt sich bereit, einem echten Systemwechsel zuzustimmen. Die zuständige Kommission des Ständerats wird nächstens einen diesbezüglichen Vorschlag in die Vernehmlassung geben.

Dabei geht zunächst einmal vergessen, dass eine Ausnahmesituation wie die aktuelle Niedrigzinsphase – und dauert sie noch so lange – nicht als Grundlage für langfristig orientierte Gesetzgebung taugen kann. Die Abschaffung der Eigenmietwert-Besteuerung würde nämlich unbeabsichtigte Nebeneffekte zeitigen. Das gut tönende Argument, das heutige System fördere das Schuldenmachen, ist billig, bedenkt man, wie sehr die Preise von Wohneigentum gerade durch die weitgehende Hypothekar­finanzierung gestützt werden. Das Hypothekargeschäft ist zudem für die Banken sehr bedeutsam und bietet Anlagemöglichkeiten und Diversifikation für Versicherungen und Pensionskassen. Schliesslich unterstützt die Abzugsfähigkeit der Unterhaltskosten werterhaltende Investitionen in den Wohnimmobilienpark. Dies wirkt sich positiv auf das Bauhaupt- und -nebengewerbe aus. Können Unterhaltskosten nicht mehr abgezogen werden, erhöht dies den Druck, solche Dienstleistungen günstiger – unter Umständen im Schwarzmarkt – zu erwerben, was zu weiteren Ausfällen bei Steuern und Sozialversicherungen führen kann.

Ein traditionelles Anliegen der Politik ist es auch, jungen Menschen und Familien den Erwerb von Wohneigentum zu erleichtern. Im Rahmen des Systemwechsels schlagen die Parlamentarier vor, Ersterwerbern den Zinsabzug weiterhin zu ermöglichen. Allerdings zeigt die vorgesehene Befristung auf zehn Jahre, dass die Politiker wenig von der Situation junger Familien verstehen: Eine substanzielle Amortisation von Hypothekarschulden braucht wohl eher 20  Jahre. Ein solcher Systemwechsel droht also den Einstieg ins üblicherweise fremdfinanzierte Wohneigentum zu erschweren.

Stutzig machen sodann weitere Forderungen, die schlecht zu einem echten Systemwechsel passen. So sollen etwa Zins- und Unterhaltsabzüge im Umfang des allenfalls vorhandenen sonstigen Vermögenseinkommens zugelassen werden. Mit anderen Worten sollen jene, die aus ihrem sonstigen Vermögen Einkommen generieren, belohnt werden, indem sie davon Zinsen und Unterhaltskosten abziehen können. Wer wie die überwiegende Mehrheit der Wohneigentümer kein solches Vermögenseinkommen erzielt, kann keine Immobilienabzüge tätigen.

Als am nachhaltigen Gesamtwohl interessierte Person stellt man sich unweigerlich die Frage: Ist das System der Eigenmietwert-Besteuerung derart kaputt, dass es repariert werden muss? Wozu dieser Polit-Aufwand, angestossen durch einen Verband, dem bislang eher der Fünfer (EMW-Abschaffung) und das Weggli (Beibehaltung der Abzüge) vorschwebte als ein echter Systemwechsel? Weshalb gesamtwirtschaftliche Risiken eingehen, wenn sich die Wohneigentümer mit dem aktuellen System grossenteils arrangieren können?

Die Eigenmietwert-Besteuerung ist ein Nicht-Problem, dem auf der Basis aussergewöhnlicher Umstände mit zweifelhaften Argumenten und unausgegorenen Vorschlägen eine Lösung aufgezwungen werden soll. Es gibt im Jahre 2019 eigentlich genügend Herausforderungen – Altersvorsorge, Energieversorgung, Umweltbelastung, wirtschaftliche Rahmenbedingungen –, denen sich die Politik ernsthaft und mit der gebotenen Langfristorientierung und -einsicht widmen kann. Die Wählerin und der Wähler wünschen reinen Wein eingeschenkt, statt Klientelpolitik, ob rechte oder linke, vorgesetzt zu bekommen.

Silvan Jampen ist als Unternehmensjurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
6
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Daniel Wegmann 07.02.2019

Gesundheit!

Jedes Jahr die gleiche Leier: Kaum habe auch ich Flachländer mich über ein paar wenige Schneetage freuen dürfen, beginnt das Keuchen, Husten und Niesen an allen Ecken und Enden. Heimtückisch rollt eine neue Grippewelle über die Region, und jede und jeder dieser fiebriger Keucher, Huster oder Nieser könnte das eine Virus ausdünsten, dass auch mich erwischen wird. Einmal niesen setzt im Schnitt rund 50 000 Tröpfchen frei, die gross genug sind, um meine Lunge zu erreichen. Ich traue mich schon kaum mehr aus dem Haus!

Geschweige denn in den Zug nach Freiburg. Wenig ist bekannt über die Ansteckungsrate in einem SBB-Intercity, aber für Flugzeuge ist die Datenlage klar: Je näher ich bei einer an Grippe erkrankten Person sitze, desto grösser ist die Ansteckungsgefahr. Und diese kann beträchtlich sein: über 60  Prozent aller Personen, die direkt vor, hinter oder neben einer infizierten Person sitzen, werden im Schnitt angesteckt. Sechzig Prozent! Ich fahre nur noch mit der deutlich weniger belegten S-Bahn.

Ich habe bereits letztes Jahr eine Grippe durchseuchen müssen. Aber auch das hilft nichts. Das Grippevirus verändert seine Oberfläche so schnell, dass mein Immunsystem es ein Jahr später nicht wieder erkennen kann. Ein «tolles Beispiel für Evolution», wurde mir während meines Studiums erklärt. Da nach einer Grippewelle viele von uns gegen den aktuellen Virus immun sind, setzt sich im kommenden Jahr derjenige durch, der das Immunsystem überlisten kann. Seit mein Sohn jeden erdenklichen Mist aus der Kita nach Hause bringt, erwärmen mich solche «tollen Beispiele» deutlich weniger.

Und auch in diesem Jahr ist mit den Viren nicht zu spassen. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit grassieren zurzeit mehrheitlich Viren der Stämme A, die zu den aggressiveren gehören. Der aktuell häufigste Subtyp, H1N1, ist ein Verwandter des Virus, das 1919 die «Spanische Grippe» verursacht hat, eine Grippewelle mit 50 bis 100 Millionen Toten, ein Mehrfaches der Opfer, die der Erste Weltkrieg gefordert hatte.

Davon sind wir natürlich meilenweit entfernt. Aber auf eine Woche im Bett kann ich dennoch ganz gut verzichten. Und zu den rund 200 000 Personen, die in der Schweiz im Schnitt pro Jahr wegen Grippe einen Arzt aufsuchen, muss ich auch nicht gehören. Jetzt mal ehrlich: Wer hat schon Zeit, krank zu sein? So einen bisschen simulieren und ein spannendes Buch lesen, wäre ja ganz okay. Aber mit Grippe reicht meine Konzen­tration nicht mal für eine Twitter-Nachricht.

Es gibt also nur eins: vorbeugen. Die vielversprechendste Massnahme ist, sich zu impfen. Oft sind die Grippeimpfungen aber bedingt effektiv und reduzieren die Wahrscheinlichkeit, an einer Grippe zu erkranken um nur 50 Prozent, im letzten Jahr für Erwachsene sogar um weniger als 20 Prozent. Und die Effektivität nimmt im Verlauf der Grippesaison kontinuierlich ab.

Viele Impfungen halten lebenslang. Dank Impfungen haben wir sowohl Pocken als auch die Rinderpest ausgerottet. Und wir sind kurz davor, diese Liste um Kinderlähmung und die tropischen Krankheiten Drakunkulose und Frambösie zu erweitern. Wieso schaffen wir das nicht auch bei Influenza?

Daran ist wieder die schnelle Evolution des Grippevirus schuld: Es setzen sich die Mutationen durch, die es dem Virus erlauben, auch geimpfte Personen anzustecken. Etliche Forschungsbemühungen sind im Gange, um für die Impfung nicht die schnell ändernde Oberfläche zu benutzen, sondern Strukturen, die nicht mutieren können, ohne dass das Virus seine Funktionalität einbüsst. Aber bis zu einem besseren Impfstoff dauert es wohl noch eine Weile.

Und die zweitbeste Vorbeugungsmassnahme? Den Kontakt mit kranken Personen vermeiden. Super! Also doch mit dem Velo?

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Sus Heiniger 31.01.2019

Manolo

Es liegen wieder diese leeren Nussschalen auf Strassen und Plätzen herum, und ich muss lachen, weiss, wer da am Werk ist. Eine Nuss aus richtiger Höhe auf die Strasse fallen lassen, damit sie aufspringt, um so an ihren Kern zu kommen, das beherrschen sie aus dem Effeff, die intelligenten Rabenvögel. Jene, die nicht nur versteckte Nüsse finden, sondern auch rückwärts fliegen können, die Orte und Gesichter wiedererkennen, sind eben auch Planer. Dazu denken die Menschen noch allerhand in sie hinein, machen sie zu Unglücksraben: Sie symbolisieren für viele das Dunkle, Tödliche, Böse und sind oft nur lästig. Den Raben, den Krähen ist solches egal. Sie bleiben sich seit Menschengedenken treu und sind schamlos frech und verspielt in ihrer Autonomie.

 

Es ist noch nicht lange her, da schoss man in Jagd-Schonzeiten auf Raben, um schussfit zu bleiben. Wenn mir im Winter diese herumliegenden Nussschalen auffallen, fallen mir auch viele Erinnerungen ein an einen Freund aus einer andern Spezies: an eine aufregende Freundschaft mit Manolo. Die Erinnerung an eine riesige Kartonschachtel, mit welcher ein Bekannter eines Tages vor unserer Tür stand. Die Schachtel war ein Geschenk für mich und war eigenartig bewegt. Es kratzte und klopfte aus ihrem Innern heraus, verlangte meinen ganzen Mut, um nur eine Kartonklappe zu heben. Ein mir riesig scheinender Rabe starrte mich ängstlich und wild zugleich aus schwarzen Rundaugen an, schlug etwas mit den Flügeln … Es war zum Schachtelschliessen. «Gerade noch erwischt!», sagte der Raben-Überbringer; erwischt, bevor er, der schon aus dem Nest steigen konnte, dann abgeflogen wäre, in die Krähenwelt.

Ich war beeindruckt und überfordert. Was sollte ich mit diesem Vogel tun? Schon lange hätte ich gern ein Luftwesen in meiner Nähe gehabt, mit einem solchen zu kommunizieren versucht. Dahingehend hatte ich mich wohl bei unserem Bekannten mal geäussert, was zu der lebendigen Riesenschachtel führte. Vielleicht kennen die Vögel die Daten des Universums? Vielleicht haben die Vögel einen gelassenen Überblick auf die Erde? Eine Vogelseele muss luftig und leicht sein. Lohnenswerte Überlebensweisen, die sich vielleicht etwas übertragen könnten auf mich, gaben mir den Mut das Luftwesen anzunehmen.

Das zukünftige Zähmen des Vogels verbot fortan jegliche Träumerei. Unser Zusammenleben begann und dauerte fast zwei Jahre. Nach drei Tagen in unserer Wohnung, wo ich oft Gartenhandschuhe trug, aus Furcht vor Schnabel und Füssen, Hörnli kochte, mit dem Raben sprach, mich immer wieder in seiner Nähe aufhielt, war unser Garten an der Ringmauer ein passenderes Zuhause. Ich machte mir Sorgen, ihn weder fliegen noch singen lehren zu können. Ich konnte ihm weder artspezifische Gesänge bieten, um seine Lautbildungsorgane zu trainieren, noch ihm den Flügelschwung vorzeigen, was seine Mutter sicher getan hätte. Mir schienen seine heiseren Schreikrächzer lange nicht rabengleich. Und ich suchte auch mal eine Tierärztin auf. Ich hatte befürchtet, vielleicht die tonbringenden Membrane beim Stopffüttern beschädigt zu haben, was dann aber blosse Angst meinerseits gewesen war. Es gibt Raben, die mittels ihrer Membrane sogar zweistimmige Gesänge erzeugen, Manolo tat das nie.

Er lernte selber fliegen und Rabenweisen singen, und wenn es mir gelang, seine lebendigen Augen mit meinem Blick festzuhalten, wenn er auf meinem Unterarm sass und ich mit ihm sprach, begann er zu gurgeln. Er würde sprechen lernen, dachte ich. Bald kannte er das ganze Städtchen, Orte und verschiedene Menschen. Er flog durch offene Fenster. Immer wieder besuchte er ein Arbeitsatelier der Firma Saia zur Belustigung aller Arbeitenden, immer wieder besuchte er den Französischunterricht im Schulhaus, wo er freudig willkommen war, denn der Raben-Überbringer selbst war der Französischlehrer. In unserem Garten lebte er täglich genüsslich mit uns und fast mit voraussehbarer Anflugzeit. Morgens klopfte er an mein Fenster, um sein Essen zu erhalten. Ich erhielt auch aufgebrachte Telefonanrufe, wenn Manolo im Gartenrestaurant den Gästen vor die Teller hüpfte, um Leckereien zu erwischen. Wenn er im Tea Room Leute zu Tode erschreckte, wenn er ihnen auf dem Schoss landete, wenn er Gipfeli stahl. Ich solle bitte meinen Vogel abholen, sagten die Leute, oder ich solle bitte Gestohlenes bezahlen kommen, ein paar neue Jeans kaufen für eine Frau, die ihren Kaffee verschüttete aus grossem Schreck vor so viel Rabenvogel-Nähe.

Das waren Momente, in denen ich mir bewusst war, dass ein wildes Tier zähmen auch falsch sein könnte, dass man nicht mit Menschenlogik und -vernunft eine Tierlogik verstehen wollen kann. Es ist mir sehr recht, wenn mir im Winter Nussschalen am Boden auffallen, ich gleite gerne ab und zu in die Erinnerung an eine Zeit, da mir ein Wesen aus einer anderen Spezies Vertrauen schenkte. Einfach so.

Manolo war eines Tages nicht mehr zurückgekehrt von seinen Streifzügen.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
4
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Katharna M. Fromm 17.01.2019

Ich e-maile, also bin ich – oder doch nicht?

Ich weiss, das heisst normalerweise, nach Descartes, «Cogito ergo sum» (wobei die erweiterte Version lautet: Ich zweifle, also denke und existiere ich), aber in modernen Zeiten sind gewisse Anpassungen notwendig.

 

Bewusst wurde mir dies, als ich neulich ein Ticket für die Oper online kaufen wollte. Wie jedes Jahr gehe ich im Dezember oder Januar gerne in DIE Freiburger Opernaufführung – diesmal die «Zauberflöte». Auf der Webseite suchte ich mir das Datum heraus, dann die Plätze für meinen Mann und mich, und dann wollte ich diese Karten buchen. Auf dem Online-Portal gab es zwei Möglichkeiten: Entweder konnte man sich direkt einloggen oder ein neues Konto generieren. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich schon ein Konto hatte, aber bei dem Rhythmus der Nutzung hatte ich keine Erinnerung an mein Passwort. Also klickte ich auf «Passwort vergessen». Daraufhin musste ich meine E-Mail-Adresse eingeben, damit man mir ein neues Passwort schicken würde. Ich tippte also die Adresse ein und drückte auf «Neues Passwort senden» – und bekomme sofort eine Fehlermeldung mit «Ihre E-Mail-Adresse ist bei uns unbekannt». Ok, dachte ich, dann habe ich vielleicht doch noch kein Konto, und kreiere ein neues Profil! Also tippte ich alles brav ein, was verlangt wurde und klickte weiter unten auf «Konto generieren» – und bekam sofort eine Fehlermeldung mit «Ihre E-Mail-Adresse ist schon bekannt». Na ja, dachte ich, dann probiere ich es nochmals weiter oben mit dem Senden eines neuen Passworts – ich kann Ihnen sagen, dass ich das ganze Spiel insgesamt drei Mal probiert habe, ohne Erfolg. Jedes Mal suchte ich den Fehler bei mir, habe geprüft, dass Name und Adresse stimmen, dass ich nicht zufällig die «Caps lock» angestellt hatte usw. Es nutzte alles nichts. Soweit zur klassischen Programmierung – keine Spur von «artificial intelligence». Schliesslich bin ich auf die «traditionelle» Art zur Kasse vor Ort ins Equilibre gegangen – und habe meine zwei gewünschten Plätze «live und in Farbe» kaufen können.

Nicht nur eine E-Mail-Adresse gehört heute zu einer Person, auch ein «intelligentes», SMS-fähiges Telefon ist unabdingbar, wenn man an bestimmten Aktivitäten, die unsere Gesellschaft anbietet, teilhaben will. So bekam ich neulich von einer Kollegin eine E-Mail, dass man doch bitte für ihre Start-up-Firma, die am Wettbewerb für die beste Freiburger Start-up des Jahres teilnahm, «voten» möge, indem man eine SMS da-und-da hinschicken sollte. Ohne Mobiltelefon hätte ich das Team nicht unterstützen können – und hurra, sie haben gewonnen. Auch wenn man bei der Innosuisse einen Antrag für ein anwendungsorientiertes Forschungsvorhaben einreichen möchte, ist das ohne Natel überhaupt nicht möglich, denn man bekommt, wie bei so mancher Bank, zum Einloggen einen Code per SMS zugesendet. Wohl dem, der ein Natel hat!

Zurück zu Descartes. Sicher kennt der eine oder die andere auch das Buch «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» von Richard David Precht, das sich übrigens leicht liest. Mich hat allein der Titel seines Buches dazu inspiriert, einmal nachzuforschen: Auf unserer Haut leben angeblich rund zehn Milliarden Bakterien, in unserem Verdauungssystem sind es 10 bis 100 Billionen. Das heisst, auf und in jedem von uns wohnen mehr Bakterien, als es Zellen in unserem Körper gibt und als es Menschen auf der Erde gibt. Jedenfalls gut, dass die nicht alle eine E-Mail-Adresse und ein Natel brauchen … Und übrigens: Die «Zauberflöte» war wieder mal zauberhaft!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
8
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Gustav 10.01.2019

Mit Quinoa ins neue Jahr

Heute hat mich meine Allerliebste beim Nachtessen mit einem Quinoasalätchen mit geräucherter Flussforelle an Meerrettichschaum überrascht. Dazu hat sie mit Ingwer beträufelte Passionsfruchtkerne unter den Salat gemischt und einen Zweig glattblätterige Petersilie darauf gebettet. Der Teller präsentierte sich wie eine Tabletop-Stilfotografie aus dem KrautKopf-Kochbuch von Schon & Probst. Ich liess mich kurz täuschen von diesem unerwartet erfrischenden und im Nachhinein zugegebenermassen etwas hipsterigen Food-Design auf unserem üblicherweise eher bürgerlich gedeckten Esstisch. Sekunden später fiel mir aber auf, dass neben dem Terracotta-Teller voller Sinnlichkeit kein Glas 75er-Riesling Clos Saint Hune aus dem Elsass, sondern ein Ikeabecher mit Hahnenwasser stand! Da ist was faul.

 

Anscheinend hatte die Köchin das Maulen und Murren der Kinder noch vor meiner Ankunft zum Verstummen gebracht. Sie sassen nämlich stillschweigend auf ihren Stühlen und glotzten, die Hände zu Fäusten geballt, mit hängenden Köpfen in ihren Teller kulinarischen Albtraums. Man konnte die verlorene Schlacht gegen die Mutter förmlich am Beben ihrer Körper sehen. Doch der Krieg war noch nicht vorbei: Fünf Löffel mussten von diesem widerlichen Zeugs runter, sonst gabs kein Gamen. Das wussten alle drei. Auch die Köchin und Herrscherin über Tablets, Handys und WLAN im Haus. Erziehen heisst Erpressen! Ob diese schwarze Pädagogik auch beim Gatten ansprechen würde, da war sie sich nicht ganz sicher.

Dieser arglistige Hintergedanke seiner Allerliebsten wurde dem zur Geistesgegenwart zurückgekehrten Ehemann und Kindsvater allmählich bewusst. Er hatte ultraplötzlich den Braten gerochen:

Ehemann: Was ist das?

Köchin: Quinoasalat mit geräucherter Flussforelle an Meerrettichschaum, dazu mit Ingwer beträuf…

Ehemann: Und wo sind die Pommes und der Burger?

(Die Kids kichern in sich hinein, Vater zwinkert ihnen zu, 1:0 – der zeig ichs!)

Kritikerin: Schau dich mal an!

Ehemann: ...?

Ärztin für Adipositas: Du bist dick!

Ehemann: Come on! Das waren die Festtage. Fressen da, Saufen hier, Weihnachten, Götti-Gotti-Fest, Silves…

Spötterin: Du hast zehn Kilo zugenommen! Und das nicht nur über die Festtage ...

Ehemann: Warum weisst du das? Hast du mir nachspioniert?

Spionin: Du kannst dir die Socken nur noch sitzend anziehen, du läufst wie ein Sack Kartoffeln durch die Stadt, in den Hemden siehst du aus wie eine Presswurst, und durch Fettablagerungen in deinem Rachen wird dein Atemschlauch eingeengt, was zur Folge hat, dass du schnarchst.

Ehemann: ICH schnarche? ICH??? Ha! Das wüsste ich also ... Pff ... Zzs!!! Fett im Atemschlauch ... Also nein ... Woher hast du denn diesen Quat...

Kid 1: Doch, du schnarchst, Papi!

Kid 2: Man hört es bis in unser Zimmer ...

Kid 3: Papi, nid gär das da …

Ehemann: ... (Fuck)

Gegnerische Mannschaft: ... (1:1)

Ehemann: Und jetzt sollen wir alle dieses trockene Zeugs hier runterwürgen? Ohne Sosse, Mayonnaise oder Ketchup? Ohne Bier? Soll das so was wie eine Strafe sein dafür, dass ich im letzten Jahr das Leben genossen habe? Willst du, dass sie in diesem Jahr bei «Jeder Rappen zählt» für unterernährte Familienväter sammeln müssen, oder was?

Folterin: Ja, und morgen gibt es bildschirmfreien Sahara-Wildreis mit rohem Bitterspinat – der Papi schläft auf der Couch. A Gueta mitenan.

Die Kids stochern eingeschüchtert im Teller herum und träumen von Chicken Nuggets und tagelangem Gamen, währenddessen der Ehemann eine Gabel voll Körner in den Mund schiebt und den Geschmack köstlich findet, aber das würde er nie zugeben, nie, nie, nieee!!!

 

Ehefrau: ... (2:1 – Erpressung, meine Lieblingswaffe!)

Liebe Leserinnen und Leser, viel Glück bei euren Vorsätzen fürs 2019.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

Gastkolumne

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
6
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Franz Engel 03.01.2019

Horoskop/ Horrorskop

Dank langem, intensivem und höchst anspruchsvollem Studium bekam ich Einsicht in geheimste, zum grössten Teil noch unentdeckte Schriften, Papyrusrollen und Tontafeln, von der sumerischen Keilschrift bis zu den Hieroglyphen der Pharaonen und den germanischen Runen. Dank einer glücklichen Fügung kam es zu einem Treffen mit Nostradamus («der junge Löwe wird den alten besiegen und ihm im Kampfe die Augen ausstechen»), der sich spontan als Übersetzer und Interpret zu Verfügung stellte. Mein Dank geht auch an den grossen Seher und Medicus Fra Angelico, der schon Kaiser Napoleon vor Waterloo beriet und Gerüchten zufolge auch die Strategen unserer aktuellen Gesundheitspolitik wesentlich beeinflusste.

So gelang es mir, das einzig wahre Horoskop für 2019 und alle noch folgenden Jahre zu sehen und Wort für Wort für Sie auf Papier zu bringen:

Falls du ein richtiger Steinbock bist, dann freue dich, wenn im Februar der Wassermann (im II. Haus des Uranus) kräftig Wasser lässt, sozusagen aus Kübeln giesst und den eisigen «Schnee von gestern» von den Bergen herunterspült. Denn nun fällt die mühsame Futtersuche unter gefrorener Schneedecke weg, und auch die nervigen Variantenskifahrer treten den Rückzug an. Aber auch die Fische in den Bächen freuen sich am hohen Wasserstand, nachdem sie im letzten Sommer fast so weit waren, sich künftig statt Schuppen Federn und statt Flossen Füsse wachsen zu lassen.

Solltest du aber ein gehörnter Widder sein, so lass dich ja nicht mit einem aszendierenden Stier ein: Wir erinnern uns an Göttervater Zeus (Jupiter), der als Stier verkleidet die Prinzessin Europa verführte und sehr ärgerlich auf jegliche Störungen reagieren würde. Blitze würde er schleudern, so mächtig, dass sie Erdbeben auslösen und unter Mithilfe Neptuns (Poseidon) grosse Überschwemmungen inszenieren. Was Hera, seine Gattin – so sie ihn ertappte – anstellen würde, mag ich mir erst gar nicht vorstellen. Hier ist also äusserste Vorsicht geboten.

Es sei denn, du verbündest dich mit den sprunghaften Zwillingen, die sich um diese Zeit gerne im VI. Haus der Venus verlustieren. In dieser bevorzugten Konstella­tion bestehen beste Aussichten – vor allem zu Wochenbeginn (Kriegsgott Mars ist auf Saturn bei Merkur zu Besuch und will unbedingt Geld für neue Flugzeuge) –, genügend viele Krebse zu fangen, um ein «Dinner for two» zu zelebrieren.

Bevor du aber Einladungen verschickst, arrangiere dich mit dem eifersüchtigen und recht eigenwilligen Löwen oder, noch besser, schick ihn gleich in die Wüste. Nun kannst du in aller Ruhe die Krebse zubereiten (inkl. einer Bisque d’écrevisse à la ciboulette). Ein guter Wein vom grossen Château, Dessert und Kerzenlicht dürfen auch nicht fehlen, wenn du nun die verführerische, aber leider auch misstrauische Jungfrau einlädst. Nur solltest du sie (die Jungfrau, so sie denn noch) am nächsten Tag, nach üppigem Mahl und sonstigen Vorkommnissen, nicht auf die unbestechliche und ehrliche Waage stellen. Die Gefahr besteht, dass das schlechte Gewissen sie quält wie der giftige Stachel des Skorpions und sie sich sodann in Luft auflöst beziehungsweise mit dem erstbesten Schützen frustriert das Weite sucht.

Somit schliessen sich die Kreise der Sterne. Die Abhandlung bleibt unvollständig, fehlt doch die Berücksichtigung des chinesischen Horoskops. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Einerseits arbeitet man in China mit uns doch sehr fremd anmutenden Tierbildern wie Hase, Ferkel oder Ratte, anderseits existiert bis dato nur eine französische Version, was mich unweigerlich an die hiesige Spitalpolitik denken lässt. Ich selber wäre übrigens in der chinesischen Auslegung ein Büffel (kraftvoll, aber oft sehr störrisch), und das Jahr 2019 wird das Jahr des Schweins.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und das kommt von Herzen, viele gute Wünsche zu schicken für ein richtig gutes neues Jahr.

Selber halte ich mich übrigens an die «Prophezeiungen» von Erich Kästner: «Wird’s besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.»

Der Düdinger Franz Engel ist pensio­nierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
9
Media Label: 
Kein Label

Seiten