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Sus Heiniger 17.10.2019

Füsse auf Erden

Tausende, Millionen Füsse … Es ist ein Fuss-Sprudeln, ein Bein-Flirren, ein bildbestimmendes Tun. Der Ort, an dem ich dies sah, ist zum Begehen geschaffen: Ich befand mich unter der Erde, in einer wichtigen Metrostation der Grossstadt.

Ankommer, Um- und Aussteiger, Einsteiger, Hinaufsteiger, jeder Einzelne schritt zu seinem Zweck und Ziel. Da umgebaut wird in dieser Station, ist der Bodenbelag so, dass Tausend, Millionen Füsse laut hörbar werden, stampfen. Füsse, Füsse, Füsse …

Niemand denkt an seine Füsse? Viele denken an ihr Gesicht. Oben zurechtgemacht, unten vergessen … Wer denkt schon an seine Füsse, ausser sie schmerzen? Obwohl sie mich durchs Leben tragen, meine Füsse. Als ich stehen blieb, um eine Weile dem Schreiten zuzusehen, wie es seinen scheinbar unablässigen Lauf nahm, war ich sofort Störung im Fluss. Ich stellte mich kurz an eine Wand, um das Gehen, Trippeln, Stöckeln als bewegtes Ganzes zu fühlen, das Eilen, alle im selben Fluss, fast im selben Rhythmus.

Unsere Füsse, unsere selbstverständliche Tragfläche von hier nach dort, menschlicher Automatismus eines intakten Körpers. Ich schaue in der Metro zu, sehe den Schwindel der Masse auf ihrem Lebensparcours. Da gibts keine Abstraktion des Schreitens, nur das Glück des Unbehindert-Seins.

Zwei meiner Enkelkinder besuchen begeistert Kletterkurse. Ein Blitzgedanke in dieser Metrostation: Könnte ein bewusstes Fuss- und Handplatzieren einen Weg nach oben, ein Entkommen aus dem Millionengetrampel der Welt bedeuten? Einen Platz der Übersicht?

Wir haben einen Freund, der geht übers Seil. Er kann das. Hoch über dem Boden, von hier nach dort, ein kurzer, langer Weg, ein Luftweg. Er ist auch schon übers Seil geschritten in unserer Stadt. Er schritt über der Hauptstrasse vom Waffenhaus zum Gemüsehaus, und unten standen die Leute mit den Köpfen im Nacken. Ich sah: Augenblicklich – als unser Freund das Seil betrat – schienen den Zuschauern Wurzeln zu wachsen, so reglos verankert standen sie, und so bewusst fühlten sie wohl, was Bodenhaftung, was Füsse bedeuten. Nur der Luftgeher schritt über den Köpfen, als würde sich sein Körper von der Umgebung lösen, bliebe nur noch Luft und Geste, die fast zum Tanz wird. Enthoben aller Fusswege, aller für Füsse vorgesehener Einrichtungen schritt er: Ein Bein hob er an, mit lockerem Knie, streckte den Unterschenkel, tippte mit den Zehenspitzen das Seil, um leicht schleifend nach vorn zu rutschen, um auf der Fusssohle zu stehen, dann dasselbe mit dem andern Bein. Der ganze Körper war ausschliessliches Schreiten, Gewicht Verschieben und Halten. Und man sah von unten die Fusssohlen, das so sehr bewusste Schreiten, man schaute in bewegungsloser Selbstverankerung, wohl ein Reflex auf das Luft-Schreiten.

Kein Luft-, aber ein Bergtänzer war ein anderer Berufsschreiter, der mir begegnete als Bergführer im Atlasgebirge von Marokko. Hussein trug hohe Bergschuhe aus Hartleder. Er trug sie stets nur wenig zugebunden, so dass sie immer etwas um seine dünnen Unterschenkel und um seine Füsse schlackerten. Als er gegen Ende unseres Trips vermehrt über Fussschmerz klagte, fragte ich nach der Art des Zubindens seiner Bergschuhe. Er sei immer so gelaufen, sagte er, kein Problem. Ich schaute auch seine Füsse an, bot gute Creme an, obwohl seine Füsse völlig intakt waren, seine Haut sehr in Ordnung wirkte. Hussein klagte weiter ab und zu über Fussschmerz, mit einem Blick auf meines Mannes Schuhe, wir waren ratlos, kümmerten uns aber fortan immer wieder etwas um seine Füsse. Am Schluss unserer Wanderung beschlossen wir, Hussein, unserem freundlichen und kompetenten Bergführer, die Schuhe meines Mannes zu schenken. Hussein freute sich sehr, die Schmerzen hörten auf. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, sahen wir die Schuhe kurze Zeit später im dörflichen Schuhladen zum Verkauf angeboten. Ich höre uns jetzt noch lachen.

Und obwohl ich nicht gern ungefragt Ratschläge gebe: Füsse pflegen! Sie tragen dich durchs Leben.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig zu selbst gewählten Themen.

 

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Patrick Buchs 10.10.2019

Mehr Transparenz bitte!

Mit lukrativen Mandaten bei Banken, Versicherungen und Krankenkassen nehmen Schweizer Parlamentsmitglieder jedes Jahr über 6 Millionen Franken ein und sitzen somit als Lobbyisten im Parlament. Der unabhängige Vergütungsexperte Urs Klingler sagt, dass die Bevölkerung alle Interessenbindungen kennen müsste, was heute aber nicht der Fall sei. Das Problem: Niemand kontrolliert, ob die Parlamentsmitglieder ihre Interessenbindungen im öffentlich zugänglichen Register vollständig angegeben haben. Sanktionen gibt es keine. Somit muss man nun wirklich kein Verschwörungstheoretiker sein, um zum Schluss zu kommen, dass gewisse Interessenverbindungen von lobbyierenden Parlamentariern Fragen aufwerfen könnten.

Transparenz ist auch im Sport ein grosses Thema. 1999 wurden mit der Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gewisse Spielregeln eingeführt. Dieses System funktioniert gut und regelt die sportliche Seite des Systems. Bevor die Wada gegründet und somit eine weltweite Transparenzrichtlinie eingeführt wurde, hatten sich wichtige Stakeholder jahrelang aus Angst vor Enthüllungen gegen deren Gründung gewehrt. Der Auslöser für den Sinneswandel war letztendlich der menschliche Übermut, der das Leistungsniveau in derart unmenschliche und gesundheitsgefährdende Dimensionen getrieben hatte, dass das ganze System seine Glaubwürdigkeit verlor. Schauen Sie sich doch bei Gelegenheit den autobiografischen Film «The Program» über den mehrmaligen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong an. Darin wird auf eindrückliche Weise aufgezeigt, wie sich die Persönlichkeit des US-Amerikaners durch Doping veränderte.

Wie wir alle wissen, gibt es aber auf der politischen Seite des Sportsystems noch Handlungsbedarf. Die intransparenten Entscheidungsprozesse bei der Vergabe von Olympischen Spielen oder Fussball-Weltmeisterschaften sorgen immer wieder für Kopfschütteln. Wie in der Politik die Parlamentarier, werden im Sport die Sportler und die Sportfunktionäre von den Mächtigen der Industrie umgarnt, damit sie sich im Sinne ihrer Interessen engagieren.

Aber kommen wir auf das Thema Transparenz im Bundeshaus zurück. Wenn ich mit Freunden und Bekannten diskutiere, spüre ich eine zunehmende Skepsis gegenüber den Politikern, weil sich diese immer mehr hinter Parteiprogrammen verstecken, anstatt sich für die Sache einzusetzen. So ist zum Beispiel für viele Aussenstehende unverständlich, warum die Kostenexplosion im Gesundheitswesen nicht reguliert werden kann. Es herrscht Verwunderung darüber, dass die Energiewende nicht mit mehr Konsequenz vorangetrieben wird. Es wird auch angeregt darüber diskutiert, wie die Milliarden für Armeematerial nachhaltiger eingesetzt werden könnten. Man muss nun wirklich kein Schelm sein, um zu denken, dass gewisse Parlamentarierinnen und Parlamentarier bei der Entscheidungsfindung nicht nur sachbezogene Interessen verfolgen.

Ich bin ein klarer Verfechter von totaler Transparenz – sowohl im Sport als auch in der Politik. In diesem Kontext bewundere ich jede und jeden, die sich dafür einsetzt! Besonders in der heutigen Welt sind Werte wie Glaubwürdigkeit und Vertrauen leider keine Selbstverständlichkeit mehr.

 

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Swiss-Olympic-­Trainer Spitzensport war zwischen 2003 und 2017 für verschiedene nationale Sportverbände tätig. Der ehemalige Düdinger Diskuswerfer war 2008 und 2012 als Trainer und Funktionär an den Olympischen Spielen tätig. Seit 2018 arbeitet er für Mercuri Urval im Bereich der Personal- und Organisations­entwicklung.

 

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Katharina M. Fromm 03.10.2019

Zugreisen und -gespräche

 

W

er häufig alleine mit dem Zug fährt, kommt bisweilen nicht umhin, die Gespräche der Mitreisenden mitzuhören. Dem guten Beobachter erschliessen sich zudem auch bestimmte Zugfahrertypen. Frühmorgens trifft man gemeinhin auf den Schläfer oder, besser gesagt, den «Sich-schlafend-Stellenden». Er hat den Nachbarsitz mit Jacke und Tasche belegt und liegt im Sitz, die Augen geschlossen, wohl innerlich hoffend, dass die Neueinsteiger bloss nicht auf die Idee kommen, zu fragen, ob der Sitz frei sei. Man will ja auch nicht stören und geht suchend weiter. Insgesamt ist es noch recht ruhig im Zug, sei es, weil manche noch zu müde zur Konversation sind oder aber schon hoch konzentriert in ihren Laptop hacken.

 

Am Nachmittag ist die Situation anders: Lärmende Kollegen-, Schüler- oder Touristengruppen strömen wahlweise laut diskutierend oder lachend durch die Gänge, mit mehr oder weniger Gepäck im Schlepptau. Das ist dann der Moment, in dem ich hoffe, sie mögen in den nächsten Waggon weiterziehen. Wenn nicht, so muss man es eben aushalten, wenn nebenan eine total aufgedrehte Truppe von beispielsweise Ingenieuren, die gerade von einem Experiment, einer Sitzung oder eine Baustelle zurückkommen, das Erlebte im Detail Revue passieren lässt und dabei womöglich noch stark riechende Leberwurstsemmeln mit Zwiebeln verspeist.

Aus diesem Grund habe ich die Ruheabteile für mich entdeckt. Das Hinweisschild wird aber besonders von allein reisenden Herren der Schöpfung ignoriert, die ein total wichtiges Telefonat führen müssen. Dabei geht es um zu (ver-)kaufende Aktien (hallo Börsenaufsicht!), gefährliche Geschäftskonkurrenten und die «zuckersüsse Mitarbeiterin» (Zitat!). Die gewählte Lautstärke ist dabei so, als ob sie die geografische Distanz zum Zuhörer allein stimmlich überbrücken müsste. Ein anderer Fall: Ein älteres Paar setzt sich in Zürich ins Ruheabteil. Er liest ihr laut und explizit den Aufkleber am Fenster vor: «Ruhezone». Ich hoffe inbrünstig, sie haben es kapiert, aber dann brummelt es eine Stunde lang leise zwischen den beiden hin und her. Unmöglich, dabei wissenschaftlich zu arbeiten!

Zuletzt habe ich mich aber auch köstlich in den Nicht-Ruheabteilen amüsiert. Im ersten Fall geht es um ein nicht mehr ganz junges Ehepaar, in Gala gekleidet, sie blond im Kostüm à la Chanel, er im rosa Hemd, Krawatte, Anzug. Er sucht auf dem Natel das Online-Menü einer Pizzeria und liest ihr vor, was sie alles an verschiedenen Pizzen anbieten, und entdeckt, dass man an seinem Geburtstag gratis essen kann, sofern man unter 20  Franken bleibt. Sie daddelt auf ihrem Telefon, hat aber die Begleitmusik nicht unter Kontrolle und stellt schliesslich entnervt das Spiel ab. Dann surft sie im Internet und fragt schliesslich ihren Mann: Du, wie viel sind 13,5  Zentimeter? Er: So (und zeigt zwei Hand breit). Sie: Dreizehn Komma fünf? Er: Dreissig? Sie: Dreizehn …! Er zuckt die Achseln, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie: Wie viel ist das denn jetzt, dreizehn Komma fünf? Er schüttelt den Kopf, wird rot, die anderen Fahrgäste feixen. Wer Böses denkt!

Ein anderer Tag, ein anderes Paar, sie redet wie ein Wasserfall. Er neigt den Kopf über ein Kreuzworträtsel, um ihrem Redeschwall zu entgehen. Es wird endlich ruhig, er knobelt still vor sich hin, während sie aus dem Fenster schaut. Dann er: Fluss durch Girona? Sie: Verona! Er: Da steht «Fluss durch Girona». Sie: Verona! Verona muss das heissen – das ist in Norditalien! Er (buchstabiert): G i r o n a. Sie: Das ist ein Druckfehler! Verona! Er: Fluss durch Girona, Spanien. Sie: Tsss. Und zuckt die Achseln. Loriot hätte seine Freude gehabt! Im Übrigen sind es unter anderen Ter und Onyar, die durch Girona fliessen … fürs nächste Kreuzworträtsel!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Gustav 26.09.2019

Das Ende der Patrouille Suisse

 

Ich habe etwas gewagt, was Männer sonst nie tun. Ein Rollenspiel. Kann sein, dass ihr vielleicht einen Nachbarn habt, der in seinem Keller so was tut, aber normalerweise macht ein Mann das nicht. Rollenspiele. Männer sind normalerweise so, wie sie sind. Aussen, wie innen. Etwas hohl, aber gutherzig. Direkt und ordinär. Item. Ich habe mich also für die Recherche dieser Kolumne in die Rolle einer Frau versetzt. Hier mein Bericht:

 

 

Zuerst musste ich tun, was ich normalerweise nur alle paar Wochen tue: mich waschen. Nachdem ich ein Kilogramm Körperbehaarung entfernt und mir mit dem Body Polish Duschpeeling von Yves Rocher gründlich den Körper poliert hatte, sah ich aus, wie ein verbrannter Grottenolm unter der Sonne Afghanistans. Mit gewickelten Locken und Lipgloss auf den Zähnen schiss ich Mann und Kinder zusammen: «Jetzt verdreckt mir doch nicht das ganze Lavabo!», «WC-Deckel zu!!!!», «Bin ich eigentlich euer Dienstmädchen, oder was?» Ich ging zu Fuss zur Arbeit. Ich gehe immer zu Fuss. Egal wohin. Zu Fuss, weil es gut für die Umwelt und gut für meine Figur ist. Und Figur ist alles. Umwelt auch. Aber Figur mehr. Ich arbeitete durch und gönnte mir lediglich am Mittag kurz einen Goji-Ingwer-Chia-Smoothie. Auch der gut für die Figur. Und die Umwelt, glaub … Sah auf jeden Fall so aus. Kurz vor vier Uhr musste ich alles liegen lassen, lief schnurstracks nach Hause und kam zwei Minuten früher an als die unterzuckerten Kinder, die mit lauten Stimmen ihre Schuhe, Jacken und Taschen auf den Boden schmissen und am Küchentisch auf das Futter warteten, das ich kurze Zeit später halbherzig auf den Tisch warf. Dann gab es Gstürm wegen den Hausaufgaben, Gstürm wegen dem Training, Gstürm wegen dem Französisch. Dazwischen hängte ich sieben Maschinen Wäsche auf und räumte drei Mal die Wohnung auf. Dann Gstürm wegen den Noten, wegen den Lehrern, Freunden, Geschwistern und Gstürm, weil alle Gstürm hatten. Vor lauter Gstürm kam wieder der Hunger – und der Mann. Der nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank, die Zeitung aus dem Ständer und setzte sich auf das Sofa. Innerlich braute ich mein eigenes Gift zusammen, schmiedete niederträchtige Absichten gegen das System und heckte im Dunkeln fiese Pläne aus.

 

Ein objektiver Blick auf das Verhalten einer Frau offenbart: Frauen sind keine herumbrüllenden Gorillas, die sich nur Gehör verschaffen, wenn sie laut, grob und ungehobelt die anderen Affen vom Baum zerren. Frauen klären Konflikte nicht mit Beissen, Schubsen, Stossen, Kneifen und Spucken. Nein, sie sind viel subtiler, gerissener und hinterlistiger als ihre Primatenmännchen. Als Frau reisse ich dem Zeitung lesenden Typ das Bier nicht aus der Hand, werfe es an die Wand und knalle ihm den Kopf auf das Wohnzimmertischchen, sondern ich strafe ihn einfach mit einem vegetarischen Staudensellerie-Amaranth-Salat mit faulen Mungosprossen ab. Wäre ich eine Frau, dann würde ich als Allererstes dem Typ, der diese acht Wochen Sommerferien für Schulkinder eingeführt hat, eine Kultur Parasiten ins Pur-Balance-Knusper-­Müsli schütten. 200 Milliliter Glycerin in den Bierkrug für alle, die soziale Aufgaben als Frauenarbeit abtun. Ein gemeiner Gallenröhrling auf die Pilzschnitte für jene, die gleiches Recht für alle für ein Thema feministischer Kurzhaar-­Zicken halten.

 

50 Prozent aller Menschen auf diesem Planeten sind Frauen, doch es waren in den letzten paar Tausend Jahren vor allem Männer, die die Gesellschaft, Wirtschaft und Politik geprägt haben. Ein Blick in die Geschichtsbücher und auf Twitter zeigt, dass die Jungs da ganz ordentlich mit Hammer und Fäusten ans Werk gehen oder gegangen sind. Die Karre wird problemlos alle paar Jahre an die Wand gefahren. So etwas schaffen nur die dämlichsten Hohlaffen, ohne etwas daraus zu lernen. Würde man mich als Frau fragen, welche Themen mich in den nächsten Dekaden beschäftigen würden, dann stünden «Geld, Krieg und Macht» sicher nicht auf meiner The-Most-Important-Things-To-Save-Our-Planet-Liste. Es stünden dort Themen, die aus Sicht der herumbrüllenden Gorillas und Affen nur Frauen, jugendliche Tagträumer, Weltverbesserer und minderjährige Aktivistinnen aus Schweden interessieren würden.

 

Aber ich bin ein Mann. Einer, der auf dem Affenbaum sitzt. Und ich kann mein Geschlecht nicht verraten. Deshalb, liebe Kompatrioten, Brüder und Leidensgenossen: Wählt ja keine Frauen oder Frauenversteher in die Politik, denn das Unheil kommt knallhart in Form von Vaterpflichten, Ökoscheiss, Gleichberechtigung, veganem Quinoasalat, Sozigfotz und einem Verbot für die Patrouille Suisse.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Franz Engel 19.09.2019

Klassentreffen

Im Jahr 1956 nahm ich, siebenjährig, den Weg zur ersten Klasse im Gänsebergschulhaus unter meine damals wohl noch kleinen Füsse (kleine Schritte für ein Kind, aber ein grosser Schritt für die Menschheit?). Ein Foto aus dieser Zeit zeigt einen strahlenden Knaben in kurzen Hosen, Kniesocken, Lederschuhen (gebürstet und gewichst) mit richtigen Schnürsenkeln (selbst gebunden). Die Haare, seitlich gescheitelt, mit dem unverkennbaren Glanz der Brillan­tine. Auf dem Rücken ein fellbesetzter Schulranzen, Inhalt: Schiefertafel, Kreidestift, Schwämmchen.

Die Lehrerin war eine junge Ordensfrau namens Sr. Angelica mit einer – trotz der burkaartigen Verschleierung – unglaublich liebevollen Ausstrahlung und Augen voller Schönheit. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Selbstverständlich waren Mädchen und Knaben streng getrennt: verschiedene Eingänge, getrennte Pausenplätze, unten spielte «Mann» Fussball und prügelte sich ab und zu, oben spielte «Frau» Völkerball und diskutierte ausgiebig über die minimale Länge der Zöpfe. Die Trennung galt selbstverständlich auch und ganz besonders in der Kirche: Knaben rechts, Mädchen links, und wehe der Lehrer erwischte uns beim «Schielen» nach links.

2019 Klassentreffen, nicht sieben, sondern siebzigjährig: sich begegnen, erkennen und wiedererkennen, kennenlernen. Für kurze Zeit zurück zu den Wurzeln, die gemeinsame Schulzeit, nachdem sich die Lebenswege in alle Himmelsrichtungen zerstreut hatten. Sei es des Berufes wegen, sei es der Lockruf der Liebe, die Abenteuerlust, das Ausbrechen aus der Enge des Dorfs. Einige sind geblieben, andere kamen zurück.

Die Herren mit meist ergrautem und ziemlich gelichtetem Kopfschmuck, die Frauen immer noch farbenfroh und selbstverständlich viel «jünger». «Weisst du noch? Bist du nicht? Du bist doch? Ja klar, erkennst du mich nicht? Doch, aber dein Name …? Was müsst ihr Frauen auch immer den Namen ändern?»

Dann kommen die Geschichten von guten und schlechten Lehrern, von liebevollen und frustrierten Nonnen. Bei den einen gingen wir gerne zur Schule und haben sogar etwas gelernt, bei andern hatten wir vor allem Angst. Es wurde geschlagen, an den Haaren gerissen, geohrfeigt, bis Blut aus den Ohren lief.

Weisst du noch, Lehrer X, er hat mich an der Treppe zusammengeschlagen, bis ich die Steinstufen hinunterflog und dort liegen blieb. Der Grund: Ich hatte am Sonntagnachmittag nach der Vesper die Kirche durch die Hinter- statt die Nebentür verlassen. Weisst du noch, wie er mich am Hosengurt packte und im dritten Stock an einer Hand zum Fenster hinaushielt? Weisst du noch, wenn einer nach Ansicht des Lehrers zu lange Haare hatte, wurde er kurzerhand vor der ganzen Klasse wie ein Schaf kahl geschoren? Weisst du noch, der Religionslehrer, der die Kinder an den Schläfenhaaren (Grännihaare) mit ausgestreckten Armen hochzog, um ihnen auf Augenhöhe die Liebe Gottes näherzubringen? Oder der «Musiklehrer»: War ein Kind nicht gerade begabt, wurde es am Nacken gepackt und mit Stössen der Stirn gegen die Wandtafel, auf der die Tonleiter stand, «musikalisiert»: do, ré, mi, ich höre den dumpfen Ton der Schläge heute noch.

Später, gegen Ende der Schulzeit, hatten wir zwar nicht viel gelernt, doch wir waren physisch stärker und gross geworden. So kam es, dass ich nach einer Ohrfeige aufsprang und dadurch den Lehrer so erschreckte, dass er den «Klassenchef» um Hilfe rief und mich vor die Tür setzte. Ich, nicht faul, lief nach Hause und ging drei Tage nicht zur Schule, bis der Lehrer zu uns nach Hause kam und mich, mir den Kopf streichelnd (!), bat, doch wieder in die Schule zu kommen. Oder da war Kamerad P., der sich weigerte, das Schulzimmer zu verlassen, und sich am Pult festklammerte, so dass er auf Befehl des Lehrers gleich samt dem Pult von vier kräftigen Mitschülern auf den Gang hinausgetragen wurde.

Andere Kinder wurden jeden Montagmorgen zuerst einmal geschlagen. Meist waren es Kinder aus kinderreichen, ärmeren Familien, nicht selten war der Vater alkoholkrank, und auch zu Hause waren Schläge an der Tagesordnung. Sie hatten nie eine Chance, an ihnen wurde brutal exerziert, dass «Dummheit lernbar ist».

Nein, es war nicht wirklich eine schöne Zeit, unsere Schulzeit. Und wenn es schöne Zeiten gab, so hat die Schule wenig dazu beigetragen. Die guten, die wirklich guten Lehrer und Lehrerinnen (damals ausnahmslos Nonnen) blieben die Ausnahme. Schlagen, bestrafen und blossstellen waren die wichtigsten pädagogischen Hilfsmittel, die Angst vor Strafen oft die einzige Motivation. Die verantwortliche Behörde? Die schaute in der Regel untätig zu. Wenn es ganz extrem wurde, wurde ein Lehrer ausnahmsweise «ausgewildert», also in eine andere Gegend versetzt.

Ob es uns geschadet hat? Ja, es hat vielen geschadet und keinem geholfen. Und wenn die meisten von uns «es geschafft» haben, so nicht deswegen, sondern trotzdem. Nicht wenige aber haben im Leben den Tritt nie mehr gefunden.

Trotzdem möchte ich mit einer positiven Geschichte enden: Trotz peinlichst überwachter Trennung in Schule, Kirche und auf dem Pausenplatz haben sich zwei aus unserer Klasse gefunden: Und weil sie nicht gestorben sind, so leben (lieben) sie noch heut, gemeinsam und glücklich.

PS I: Keine dieser Schilderungen ist erfunden.

PS II: Ich erzählte die Geschichten meist in der Ich-Form, damit bin aber nicht immer ich gemeint, manchmal aber schon.

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

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Andreas Kempf 12.09.2019

Ineos 1:59

Im Oktober dieses Jahres soll es so weit sein: Ein Mensch läuft den Marathon, 42.195 Kilometer, unter zwei Stunden. Genauer gesagt handelt es sich um den Kenianer Eliud Kipchoge, Olympiasieger und Weltrekordhalter (2:01:39) über diese Distanz, der mithilfe von Nike, seinem Ausrüster und Sponsor, und der britischen Chemiefirma Ineos diese magische Grenze knacken soll. Nach dem knapp gescheiterten Versuch am 6. Mai 2017 auf der Auto­rennstrecke von Monza, wo Kipchoge die inoffizielle Zeit von 2:00:25 lief, stieg Ineos als Investor in das Projekt ein, und der Name wurde von «Breaking2» auf «Ineos 1:59» geändert.

Ineos ist im Sportumfeld keine unbekannte Firma. Neben dem Radteam Ineos, das dieses Jahr mit dem Kolumbianer Egan Bernal die Tour de France gewann, gehören Sir Jim Ratcliffe, Gründer und Besitzer von Ineos, die Fussballclubs Nizza und Lausanne. Ratcliffe gilt als reichster Brite mit einem Vermögen von knapp 30 Milliarden Franken und will sich mit dem sporthistorischen Projekt eines Marathons unter zwei Stunden verewigen. Denn der Mensch verfällt einem in der Wissenschaft als «Round Number Bias» bekannten Phänomen. Sei es beim Einkaufen oder beim Sport, der Mensch bewertet Zahlen knapp unter einer runden Zahl über. Aus diesem Grund werden Preise häufig an dieser Stelle festgesetzt (zum Beispiel 9.95 oder 499 Franken). In der Leichtathletik sind die 10-Sekunden-Grenze über 100 Meter oder die erste Meile unter vier Minuten Beispiele für diese verzerrte Wahrnehmung. Die nächste Schallmauer, die fallen soll, ist nun also der 2-Stunden-Marathon. Es wird alles darangesetzt, dass das Projekt erfolgreich wird. Mit Wien wurde eine Stadt gefunden, die im Oktober ideale Temperaturen, Luftfeuchtigkeit und Windbedingungen aufweist und eine topfebene Rundstrecke von 9,6 Kilometern bietet, die dann knapp 4,4 Mal absolviert wird. Der genaue Startzeitpunkt wird kurzfristig je nach Wetter zwischen dem 12.  und dem 20. Oktober festgelegt. Nach den Erfahrungen vom ersten Versuch in Monza wurde nochmals viel Geld in die Entwicklung der Schuhe und der Kohlenhydrat­getränke gesteckt. Zudem hofft man in Wien auf reichlich Zuschauer im Gegensatz zum abgesperrten Gelände in Monza vor zweieinhalb Jahren. Allerdings werden wieder Betreuer vom Fahrrad aus die Verpflegung reichen und wechselnde Pacemaker eingesetzt (darunter der Schweizer Julien Wanders), weshalb die Endzeit wiederum nicht als offizieller Weltrekord gewertet wird.

Wird Eliud Kipchoge in einem Monat Sportgeschichte schreiben? Sofern er gesund bleibt und in einer ähnlichen Form wie vor einem Jahr bei seinem offiziellen Weltrekord am Berlin Marathon ist, traue ich ihm eine Zeit unter zwei Stunden zu. Dann werden alle wieder einmal dem «Round Number Bias» verfallen und sich der Faszination vom (Lauf-)Sport hingeben. Vielleicht reise ich als Zuschauer nach Wien.

 

Der Heitenrieder Läufer und ausgebildete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000  m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halb­marathon- sowie Marathondistanz.

 

 

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Daniel Eckmann 05.09.2019

Hoch zu Ross ins Bundeshaus

 

Bald sind Wahlen. Man merkt es schon. Fast viertausend Frauen und Männer wollen einen Sitz im National- oder im Ständerat. Wer vorne sein will, muss sich bemerkbar machen. Das Zauberwort heisst Medienpräsenz. Egal, ob Klima, Rahmenvertrag, AHV, Kampfjet oder Papizeit: Sobald ein Mikrofon in der Nähe ist, sind alle Experten für alles. Kaum macht etwas Schlagzeilen, geht die parteipolitische Dreifelderwirtschaft los: zuerst Empörung, dann Suche nach Sündenböcken, und sobald sich die Aufregung legt, wechselt man Thema und stürzt sich auf den nächsten Hype. Oder wie Nietzsche sagte: «Alles gackert, aber niemand will Eier legen.» Hauptsache ist, dass man vorwurfsvoll auf etwas Negatives zeigen kann. Wer dem so zuhört, wundert sich, dass die Schweiz überhaupt noch lebt. Zu den Lieblingsspielen von Politikern gehören Versprechen, die mit Geld bezahlt werden, das anderen gehört. Da ist nichts dreist genug. Nur etwas geht in Wahljahren gar nicht: unpopuläre Lösungen. Sogar wenn sie bitter nötig sind. Lieber hält man das Problem warm und hantiert mit Vorwürfen. Entsetzt zu sein, ist die halbe Miete. Die andere Hälfte besteht darin, den Topf am Kochen zu halten. Denn je länger man ein Malaise vorführen kann, desto mehr gibt es her.

Ganz besonders wichtig im Wahlkampf ist der Bürgerkontakt. Man muss «zu den Leuten» gehen. Und diese sind «an der Basis». Also anderswo. Das sagt schon alles. Denn wer so denkt, fühlt sich etwas Höherem zugehörig. Dieser Hang ist mit dem Lipizzaner-Effekt erklärbar. Lipizzaner, das sind die berühmten Edelpferde der spanischen Hofreitschule: schneeweiss und wie von einer anderen Welt. Ihre Kunst verzückt das Publikum. Es ist die ganz grosse Schau der Pirouet­ten und Piaffen, des Pas de deux und der Galoppwechsel, der Levaden und der Kapriolen.

Lipizzaner werden grauschwarz geboren. Zunächst ragt noch keiner heraus. Alle balgen sich mit den anderen Fohlen unter seinesgleichen auf ländlichen Wiesen. Einige bleiben dunkel, andere werden mit der Zeit heller oder sogar weiss. Einfach so, das liegt in der Natur der Lipizzaner. Und eines Tages werden ein paar von ihnen für die Hofburg ausgewählt. Wie Würfel halt so fallen. Und schon tollen sie nicht mehr mit ihresgleichen auf den Matten herum, sondern heben an zum Spanischen Tanz. Der Sattel ist jetzt aus weissem Leder, das Zaumzeug aus Gold. Man liegt ihnen zu Hufen und haucht ehrfürchtig «Ah!» und «Oh!». Bei Lichte betrachtet sind sie zwar immer noch Rösser. Aber das haben sie längst vergessen.

Politikern geht es gleich. Zunächst sind sie normale Menschen. Doch dann schlägt ihre Stunde, und sie werden an die Hofreitschule am Bundesplatz gewählt. Dort trimmt man sie auf Pirouetten und Piaffen. Sie tanzen Reigen und wissen bald nicht mehr, wie man aufrecht vorwärtsgeht. Wer erst einmal von der eigenen Erscheinung beeindruckt ist, tut sich schwer daran, die gewöhnliche Alltagswelt noch einzublenden. Das Drum und Dran lässt sie glauben, dass sie etwas Besonderes seien. Die Weiden sind jetzt weit weg. Die Auserwählten haben sich an das Zaumzeug aus Gold gewöhnt. Man hat sie gelehrt, dem Pu­blikum zu gefallen. Das können sie. Was sie hingegen verlernt haben, ist ein simpler Schritt zurück, um die Dinge aus etwas mehr Distanz zu sehen. Sie verlieren das Lächeln, versprechen das Blaue vom Himmel, verantworten wenig, verteilen viel, finden das toll und hängen so sehr am Amt, dass sie meinen, ohne es nichts mehr zu sein. Das Seltsamste daran ist, dass Tausende so werden wollen.

Bald sind Wahlen. Man wird uns von den Plakatwänden herab Piaffen und Galoppwechsel preisen. Wer kandidiert, sieht sich schon auf weissen Sätteln. Da ist rasch vergessen, auf was man im Parlament eigentlich wirklich sitzt: auf einem von zweihundertsechundvierzig Stühlen. Wie viel man sich auch darauf einbilden mag, ein Zweihundertsechsundvierzigstel ist nicht so viel. Und Pirouetten sind auch nicht das, was das Land im Innersten zusammenhält. Vielmehr sollte Politik Charaktersache sein, nicht Flunkerei. Es geht um die nächste Generation, nicht um die nächste Schlagzeile – um das Wohl, nicht um die Wahl. Lipizzaner in Ehren, aber in struben Zeiten sind mir Ackergäule lieber: Kaltblüter, die den Pflug auch dann durch Wind und Wetter ziehen, wenn gerade kein Kamerateam in Sicht ist.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler. Er wohnt und arbeitet in Murten.

 

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Beat Brülhart 29.08.2019

Die Halbgötter

Egal, worum es sich handelt, stets sind Experten zur Stelle. Kaum ein Bereich, wo Entscheide ohne Expertenanhörung gefällt werden. Von ihnen wird eisern angenommen, dass sie es wissen müssen, ihnen wird geglaubt, egal, was sie von sich geben. Man hat sie zu Halbgöttern gemacht.

Wie man Experte wird, ist mir schleierhaft. Vermutlich wird jemand Experte, weil er sich selbst oder ein Nichtexperte ihn als Experten bezeichnet. Hingegen ist ziemlich eindeutig, was Experten sind. Das sind Leute, die glauben, von etwas mehr zu wissen als andere. Viele wissen von immer weniger immer mehr, bis sie am Ende von nichts alles wissen. Nicht wenige glauben zu wissen, was in Zukunft sein wird. Leider wissen sie oft nicht, dass sie möglicherweise weniger wissen, als sie zu wissen glauben. Selbstverständlich gibt es Menschen, die über etwas mehr wissen als andere. So weiss ein Spezialist für Blinddarmoperationen nicht selten mehr über Blinddärme als ein Hufschmied. Trotz dieser Eindeutigkeit ist im Umgang mit Experten eine gewisse Vorsicht geboten. Um keine blauen Wunder zu erleben sollte man wissen, dass es zwei Arten von ihnen gibt.

Es gibt die WIE-Experten. Das sind Menschen, die wissen, wie etwas ist und wie es funktioniert. Dazu gehören Piloten, Chirurgen, Buchhalter, Fleischbeschauer, Mathematiker, Getreidekontrolleure, Bauleute, Astronomen, Metzger, Steuerbeamte, Besamungstechniker, hie und da auch Sportler. Meistens kann man sich auf sie verlassen, ihre Aussagen und Analysen sind des Öfteren korrekt und die Ergebnisse ihrer Handlungen entsprechen nicht selten den gestellten Erwartungen.

Problematisch bis brandgefährlich wird es mit den WAS-Experten. Das sind Menschen, die glauben zu wissen, was sein wird. Zu ihnen gehören Anlageberater, Wetterfrösche, Analysten aller Art, Kartenleger, Klimaforscher, Psychiater, Kaffeesatzleser, Futurologen und Parteistrategen.

Diese Menschen glauben aufgrund von dem, was war und ist, zu wissen, was sein wird, und verkaufen ihre Prognosen als unumstössliche Wahrheiten. Dabei handelt es sich im besten Fall um Annahmen und Hochrechnungen, die zufälligerweise gelegentlich auch zutreffen können. Man studiere nur ein paar fünfjährige Prognosen.

Ich selber erspare mir den Rat von WAS-Experten. Ich würfle lieber, das macht mehr Spass, ist billiger und kommt auf dasselbe hinaus. Ich erachte es auch als vernünftig, bei jeder Prognose davon auszugehen, dass das pure Gegenteil ebenso eintreffen kann. Warum wir nach Prognosen lechzen und uns der Illusion der Voraussagbarkeit der Zukunft hingeben, weiss ich nicht. Vielleicht ist uns das Vertrauen in das Leben abhandengekommen?

Da fällt mir Grossmutter ein: «Mach Dir um die Zukunft keine Sorgen. Niemand weiss, was kommen wird, aber es kommt alles, wie es kommen muss, und wenn es da ist, mach das Beste draus.» Als sie mir das damals sagte, gab es nur wenige, die sich Experten nannten.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbands Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Hubert Schaller 22.08.2019

Abgesang auf die Dorfbeiz

 

Zu den Problemen, mit denen ich mich bisher noch nicht ausreichend beschäftigt habe, gehört das Beizensterben. Ein Zeitphänomen wie viele andere auch, gewiss. Aber im Unterschied zu vielen anderen Zeitphänomen, die ich gelassen hinnehme, löst das Beizensterben in mir nostalgische Gefühle aus, weil sich hier eine Welt aus dörflicher (Schein-)Idylle und Bierseligkeit in Schutt und Asche aufzulösen beginnt.

 

Wenn ich abends an einem Dorfgasthaus vorbeispaziere und mir durch die erleuchteten Fenster eine gähnende Menschenleere entgegenstarrt, einsame Stühle, von keinem Hinterteil erwärmt, blankgewischte Tische, die wie sinnlos dastehen, dann wird mir manchmal wehmütig ums Herz.

Wohin, frage ich mich dann, verziehen sich die Leute nach Feierabend bloss? Was ist aus den Stammtischhockern geworden, die allabendlich ihr Urteil über den Zustand der Welt verkündeten, die ihren kochenden Ärger im Weisswein kühlten oder ihre Trübsal im Bierglas ertränkten? Wo sind all die philanthropischen Serviertöchter geblieben, die sich wie profane Beichtmütter alle Arten von Lebens- und Lügengeschichten anhörten und dafür ausnahmsweise mit einem saftigen Trinkgeld belohnt wurden? Was ist mit den Wirtinnen und Wirten, die ihre Gäste bei guter Laune hielten und pflichtschuldigst einsprangen, wo ein Jasser oder eine Jasserin fehlten? Wohin haben sie sich verflüchtigt, die warme Gemütlichkeit und die abgestandenen Sehnsüchte, die in diesen Beizen einmal ein Zuhause hatten?

Aber nicht nur in den Dörfern, auch in den Städten ist uns dieses Zuhause längst abhandengekommen. Wer erinnert sich noch an das Bahnhofbuffet zweiter Klasse, wo die Underdogs, die Clochards und Tagediebe, die Quer­denker und Bohemiens in Biergestank und Zigarettenqualm die Weltrevolution herbeifantasierten. Heute steht dort ein steriler Starbucks, wo sich geschniegelte Bankangestellte und gestylte Sekretärinnen für einen Café Macchiato brav an den Tresen stellen, um danach wieder untertänigst hinter ihren Laptops und/oder ihren Smartphones zu verschwinden.

Was ist nur aus unserer Welt geworden? Gegen was haben wir sie bloss eingetauscht?

Natürlich möchte ich mit der alten Beizenromantik nicht auch die alte Beizendramatik in die Gegenwart zurückholen: alkoholsüchtige Familienväter, die ihren Zahltag in der Beiz versoffen und Frau und Kinder ins Elend stiessen, Streithähne, um die man lieber einen Bogen machte, Schürzenjäger, vor denen sich jede Serviertochter in Acht nehmen musste, und was der unschönen Dinge mehr sind.

Und doch würden sich unsere Dörfer und Städte in geselligere und menschenfreundlichere Orte verwandeln, wenn es uns gelänge, die Wutbürger und Scharfmacher, die ihre Hasskommentare auf alle und alles im Schutz der Anonymität ins Netz hämmern, wenn es uns also gelänge, diese verirrten Menschen in die Beizen zu locken, also dorthin, wo früher einmal debattiert und gestritten, geflucht und beleidigt wurde, um pünktlich zur Polizeistunde das letzte Glas zu erheben und sich in rührseliger Eintracht doch wieder mit Gott, der Welt und allen Stammtischbrüdern zu versöhnen.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt Hubert Schaller regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Silvan Jampen 08.08.2019

Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit

 

Wir befinden uns zwar noch in der langen Sommerpause, trotzdem bereiten sich im ganzen Kanton Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Schulleitungen auf das kommende Schuljahr vor. Eine gute Gelegenheit also, um über den heutigen Schulbetrieb etwas nachzudenken. Oder sollte ich eher «über die Schule wie vor 50 Jahren» schreiben? Einer Schule, die davon ausgeht, dass der Unterricht jeden Tag zu einer anderen Zeit beginnen kann? Einer Schule mit einer Mittagspause, damit die Kinder nach Hause gehen können, wo ihnen die Mutter bereits das Mittagessen zubereitet hat? Einer Schule, die die Kinder wahlweise um 15  Uhr oder um 17.30  Uhr nach Hause zu den Hausaufgaben entlässt? Oder einer Schule, deren Ferienplan durch religiöse Feiertage diktiert wird?

 

In den letzten Jahren drehte sich die öffentliche Debatte vor allem um Lerninhalte, Stichwort Lehrplan  21. Zuvor hatte die Erziehungsdirektorenkonferenz versucht, mit Harmos eine gewisse Koordination der Lernziele und Struktur der obligatorischen Schulbildung zu erreichen. Diskutiert werden auch die Lehrmittel, die – obgleich sich der Lehrstoff inhaltlich kaum derart revolutionär verändert – alle paar Jahre ausgewechselt werden müssen. Über all diese Themen lässt sich in der Politik trefflich streiten. Jeder und jede haben hierzu eine Meinung, es gibt kein richtig oder falsch.

Nur: Das ständige Herumdoktern an Lerninhalten und überkantonalen Harmonisierungen bewirkt in der gelebten Praxis letztlich wenig. Was hingegen helfen würde, sind Schulunterricht nach pädagogischen Erkenntnissen, motivierte Lehrkräfte und eine kinderorientierte und familiengerechte Organisation der öffentlichen Schule.

Pädagogische Erkenntnisse sind zum Beispiel, dass Kinder und Jugendliche vor 9  Uhr morgens kaum aufnahmefähig sind. Oder, dass regelmässige Tagesrhythmen und gleichmässig verteilte Ferienzeiten – zum Beispiel ohne überlange Sommerferien – kindergerechter wären. Trotz aller Ankündigungen unter Harmos sieht man als Eltern davon nichts. Dass die Schule diesen Erkenntnissen nicht nachlebt, lässt sich nicht rechtfertigen.

Alle sagen, der Lehrberuf sei anspruchsvoller geworden. Nur scheint es, dass diesem Wandel in der Wirklichkeit kaum Rechnung getragen wird. Der Lehrer, die Lehrerin ist nicht mehr die gesellschaftlich institutionalisierte Respektsperson wie früher. Wie alle Fachleute muss sich die Lehrkraft ihre Autorität erarbeiten. Trotzdem werden moderne Instrumente der Mitarbeiterführung und -entwicklung gerade von den Lehrpersonen selbst abgelehnt. Damit aber werden sie in ihrem herausfordernden Beruf alleine gelassen, anstatt dass sie in ihrer persönlichen Entwicklung gefordert und gefördert würden. Hätte stete Weiterentwicklung der pädagogischen Kompetenz Einfluss auf Lohn und Karriere, so würden wertvolle Anreize zur Aufwertung des Lehrberufes gesetzt. Hierfür bräuchte es letztlich auch eine Stärkung von Kompetenz und Verantwortung der Schulleitungen.

Eine interessierende Unterrichtsgestaltung und eine kreative Wissensvermittlung kämen allen Schülerinnen und Schülern zugute, gerade auch den schwächeren. Allenfalls bedingte dies eine Abkehr vom System der Klassenlehrperson auf der Unterstufe hin zur Fachlehrkraft. Die banale Erkenntnis, dass die Schule den Kindern dient und Qualität vor Quantität steht, muss endlich umgesetzt werden. Europäische Pisa-Vergleiche sind leider wirkungslose Beruhigungsübungen, wenn man bedenkt, was noch getan werden könnte.

Die augenfälligste Unverträglichkeit mit der heutigen Lebenswirklichkeit findet sich in der fehlenden Tagesstruktur der Schule. Eine effektive und würdige Familienpolitik würde damit beginnen, dass die öffentliche Schule ihre Tore «von sieben bis sieben» offenhielte – mit ernst zu nehmender Betreuung auch bei Unterrichtsausfällen. Die Zeiten, in denen nur ein Elternteil arbeitet, sich der Arbeitsort am Wohnort befindet, die Grosseltern unter dem gemeinsamen Familiendach wohnen und die Schule im Dorf steht, sind längst vorbei.

Die öffentliche Schule gehört zu den edelsten Aufgaben der Gemeinschaft und soll Startchancen-Gleichheit sicherstellen. Die Ausgaben dafür sind eine Investition in die Zukunft; angesichts ihrer Höhe sind sie effizient einzusetzen. Die Schulhoheit liegt bei den Kantonen. Der Kanton Freiburg hat es somit in der Hand, die Schulstrukturen radikal an die heutige Zeit anzupassen. Er könnte ein Pionier einer zeitgemässen Schule sein – zum Wohle der Kinder hier und jetzt.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gast­kolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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