17.09.2020

Kleine Reise ins Engadin

Der Tänzer auf der Bühne springt ins Leere. Die Musik ist nicht die ihm bekannte. Die Musik spielt nicht zu seinem Tanz.

Der Tänzer springt ins Leere noch und noch, ist desorientiert, taumelt, er scheint verloren, sucht die Schritte ... bis er seinen Tanz alleine wiederfindet.

Die Musik war zu laut geworden, und Misstöne liessen keinen Tanz mehr zu.

Jetzt ist diese Musik nur noch seine Erinnerung, und die wahre Musik ist er selbst. Der Tanz gelingt nun wieder, sichert sich mit jedem neuen Schritt und Sprung. Der Tänzer ist gerettet.

Im Welt-Geschehen geschieht momentan nichts, das zu unserem Lebenstanz eine Musik zum Dialog böte, der uns orientiert, dass keiner ins Leere springt.

Ein jeder Tänzer tut gut daran, seine eigene Musik in sich zu finden, um weiterzutanzen.

Das Innehalten und Zurücktreten von der Welt und sich selbst sollte ihm Übersicht bringen und das Ausruhen von Misstönen.

Viele Tänzer fielen, standen nicht mehr auf.

Viele Tänzer weinten, wie finde ich meine Balance wieder?

Andere riefen Musik! Musik! Wo ist meine Musik?

Wieder andere fluchten, was sind das für Idioten? Spielt weiter und laut, es muss rauschen, zum Erfolg!

Und dann waren die Misstöne nicht mehr zu überhören, der Tanz stockte vollends.

Neue Töne wurden hörbar. Geht nach Hause! Der Tanz ist zu wild geworden, die Musik zu laut und zu schrill.

Geht nach Hause, ihr kennt euer Zuhause. Ruht euch aus, und dann übt andere Tänze. Alleine und gemeinsam.

Wir wollten etwas zurücktreten, Abstand nehmen vom Alltäglichen. Das hatten wir schon eine Weile als Ferientage gebucht, noch vor dem Ausbruch der Pandemie. Zu der Zeit, als wir uns noch niemals hätten vorstellen können, in welchen Taumel die Welt gestürzt werden könnte.

Wir reisten ins Engadin, dorthin, wo ich jedes Jahr einige Sommerwochen verbracht hatte, in meiner ganzen Kindheit und Jugendzeit.

Niemand kann im Moment behaupten, die Wahrheit zu kennen, wie das jede Ideologie und Religionsführer tun. Niemand weiss, wie die lauten Misstöne in Millionen Lebenstänzen zu tilgen und zu heilen sind. Aber viele wissen, der Tanz muss ein anderer werden.

Unsere kleine Reise ins Engadin schien uns genau richtig, um für neues Erleben offen zu sein. Das wunderschöne Tal mit seinem grünen Licht lässt dann fast augenblicklich unsere pandemieschlummernde Lebensfreude aufleben.

Auch hier hören wir natürlich die lauten und leisen Missklänge, doch wir beschränken uns auf Gehen, Sehen, Staunen, Essen, Schlafen zwischen Berg und Tal.

So tanzen wir mal darüber nach, wie unsere persönliche Musik bei uns bleiben kann.

Ich erkenne Vertrautes wieder, ich sehe Neues aufgebaut im Stil der moderneren Touristenzeit. Es sind immerhin an die sechzig Jahre, die ich nicht mehr hier war.

Ich betrachte Gesichter von Erwachsenen, und es amüsiert mich, dass mir einfällt, sie eventuell beim letzten Treffen als Kinder gesehen zu haben.

Der Lauf der Zeit wird mir augenfällig und gibt mir Lust, mit den Einheimischen zu sprechen ... heute ... damals.

Ja, sagen sie, das Heilwasser fliesst immer noch in unserem Boden, trink!

Jeder Dorfbrunnen hat zwei Wasserrohre. Das eine bringt normales Wasser, das andere – geschmacklich spürbar – manganhaltiges und mit andern Bodenschätzen angereichertes Wasser, das man ab Rohr trinkt oder sich in Flaschen füllt. Jeder Schluck spült mich in meine Kindheit, es ist eine Wonne.

Nein, die Ziegen laufen nicht mehr jeden Morgen früh mit dem Hirten durch die Dorfgassen und auf die Alpweiden. Sie bleiben den Sommer über gleich auf den Alpen.

Kein Glöckeln mehr also, das einen für den Tag weckt.

Nein, wir haben nicht genug Kunden in der Bäckerei in unserem kleinen Dorf. Wir verschicken die Nusstorten zu Tausenden in die Welt.

Ja und nein, wir kennen den berühmten Engadiner Künstler Not Vital.

Es fällt mir ein, dass Not nebst vielen wundervollen andern Werken einmal ein grosses goldenes Kalb ausgestellt hatte.

Der Tanz um dieses goldene Kalb war damals, vor Jahren, voll im Gang und die Musik dazu auch. Bis heute.

Zwei unserer Kühe haben vor einigen Tagen je ein Kalb geboren, sagt die Besitzerin der Tiere. Wir lachen mit ihr, als sie verrät, das jüngere heisse Ovomaltine.

Kein goldenes, aber ein zu kräftigendes Kalb stand dann vor uns.

Auch Kälber haben ihren Tanz.

Ein kräftiges könnte uns eventuell dienlicher sein als das goldene ...

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig zu selbst gewählten Themen.

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Gastkolumne 03.09.2020

Wieso, weshalb, warum …?

Wir kennen all diese Fragen von kleinen Kindern, die sie nach jedem Erklärungsversuch wieder und wieder stellen und uns irgendwann zwangsläufig an den Rand unseres Wissens führen. Bei den derzeitigen Verlautbarungen von Verschwörungstheoretikern, die in der ganzen Welt offenbar auf dem Vormarsch sind, ist es mehr als angebracht, Dinge zu hinterfragen. Hier also eine Liste von Fragen, die teils amüsante Details aus dem Alltag beanstanden, teils aber konkret zum Nachdenken anregen sollen.

Wieso haben Damenblazer keine Innentaschen, während Herrensakkos reichlich Platz zum Verstauen von Brieftasche und Natel bieten? Weshalb ist ein hellblauer Herrenpullover in gleicher Stoffqualität billiger (obwohl grösser) als der analoge Damenpullover? Warum tragen Männer im Sommer keine Röcke oder Kleider in Zeiten, in denen modisch alles erlaubt scheint?

Warum lernt der Mensch nicht aus der Geschichte? Weshalb hat man stets den Eindruck, früher sei alles besser gewesen? Weshalb ruft man zu «Anti-Corona-Demonstrationen» auf und trägt dabei keine Maske, wenn doch das Corona-Virus naturgegeben ist (man veranstaltet ja auch keine «Anti-Regen-Demonstrationen» wenn es draussen regnet und geht ohne Schirm hinaus)?

Wieso gibt es Personen, die die Existenz des Virus entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis leugnen? Weshalb ist man nach Monaten der sozialen Isolation so froh, an einem Fest teilzunehmen, dass man alle Vorsicht vergisst, keine Maske trägt, laut zusammen singt und somit eine eventuelle Quarantäne von 100 Personen in Kauf nimmt – oder schlimmer, die Erkrankung von lieben Freunden und Verwandten oder gar deren Tod?

Warum wird einem Tweet mehr geglaubt als einem auf wissenschaftlichen Beobachtungen basierenden Aufsatz? Weshalb gibt es Leute, die denken, dass Hochschulbildung unrentabel ist? Wieso beunruhigt es mich, wenn ich den Eindruck habe, dass wir von einer Wissensgesellschaft in eine Unwissensgesellschaft abdriften? Warum trinken Leute Chlorbleiche, wenn es von einem offensichtlich ungebildeten Mann vorgeschlagen wird? Wieso können so viele Menschen nicht lesen – beispielsweise das Etikett von Chlorbleiche?

Weshalb passieren so viele Dinge, weil Menschen vorher nicht mit- oder nachdenken? Warum muss man so vielen, durch Nachdenken vermeidbaren «Mist» hinterher wieder «auslöffeln»? Weshalb bauen angeblich erfahrene Heizungsbauer ein Wasserventil, auf dem extra ein Pfeil angebracht ist, falsch herum ein, was eine Flutung des Kellers zur Folge hat? Wieso bringt der Klempner die falschen Wasseruhren, obwohl er vorher alles genau vermessen hat?

Warum verbringen wir so viel Zeit am Computerbildschirm und im Internet, anstatt mit unseren Kindern zu spielen? Weshalb geben wir freiwillig im Internet durch Online-Shoppen und die sozialen Medien so viel von uns preis und klagen gleichzeitig über «Überwachung»? Wieso wären wir alle ziemlich in der Bredouille, wenn ein langfristiger Stromausfall eintritt? Warum ist Recht nicht gleich Gerechtigkeit? Weshalb brauchen wir Kultur zum Menschsein? Warum gehen wir nicht immer respektvoll miteinander um, besonders, wenn wir anonym kommentieren? Wieso halten wir uns im Umgang miteinander nicht einfach an die sieben letzten der Zehn Gebote?

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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27.08.2020

Die Tulpe von der Kaiseregg

I

ch wurde schon öfters gefragt, welche Pflanze ich persönlich am schönsten finde oder welche im Sensebezirk heimische Pflanze mir am besten gefällt. Forscher schätzen diese Art von Fragen nicht sehr: In den Naturwissenschaften zählt nur die Objektivität und nicht die persönliche Meinung. Mit der Schönheit ist es so eine Sache – sie liegt nun mal im Auge des Betrachters. Ich scheue solche Fragen trotzdem nicht, muss aber zugeben, dass ich mich als Biologe nicht mit der reinen Ästhetik, den leuchtenden Farben oder beeindruckenden Strukturen begnüge. Zur Schönheit einer Pflanze gehören für mich unter anderem auch ihre aussergewöhnliche Lebensweise, Anpassungsfähigkeit, Evolutionsgeschichte oder auch ihre Vernetzung mit anderen Organismen. Dabei geht es – wie bei einem Topmodel oder einem Superstar – um das Gesamtpaket … und auch um den Eindruck beim allerersten Treffen.

Wenn mich also jemand fragt, welche Pflanze ich im Sensebezirk am schönsten finde, lautet meine Antwort: die Tulpe von der Kaiseregg. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich sie Anfang Juni 2006 bei einer Forschungsexpedition in den Freiburger Voralpen auf ungefähr 2000 Meter über Meer zu Gesicht bekommen. Mehrere Gruppen wuchsen dicht beieinander an den steilen, dem Wind ausgesetzten Abhängen und Gipfelkreten. Mit ihren weissen, zarten Blüten hat diese Pflanze mich von Beginn weg beeindruckt, und ich wunderte mich: Wie überlebt solch ein zierliches Wesen so hoch oben in den Bergen?

Einige in der Botanik bewanderte Leserinnen und Leser werden sich jetzt sicherlich fragen, was ich da eigentlich erzähle. Es gibt doch gar keine Tulpen auf der Kaiseregg! Ich gebe zu, mit dieser Bezeichnung wollte ich nur etwas Spannung aufbauen. Bei der pflanzlichen Schönheit, die ich vorstellen möchte, handelt es sich nämlich «nur» um eine Cousine der gewöhnlichen Gartentulpe. Sie heisst Faltenlilie (Gagea serotina, früher auch Lloydia serotina genannt) und kommt in Kanton Freiburg nur auf wenigen Gipfeln vom Maischüpfenspitz bis zur Kaiseregg vor. In den Zentralalpen wächst sie noch höher und kommt sogar auf 3100 Meter über Meer vor. Damit ist sie dasjenige Liliengewächs, das in den Alpen am höchsten steigt.

Neben ihrer Schönheit machen weitere besondere Eigenschaften das «Gesamtpaket» aus. Sie besitzt zum Beispiel einen Frostschutz: Ihre braunhäutigen Zwiebeln sind von den trockenhäutigen Resten der vorjährigen Blätter fast vollständig umschlossen und damit gut vor der Kälte geschützt. Dank diesen Zwiebeln kann sie sofort nach der Schneeschmelze mit dem Wachstum beginnen, was beim sehr kurzen Bergsommer von Vorteil ist. Die Faltlilien werden nicht von Bienen oder Schmetterlingen bestäubt – die in dieser Höhe und an den rauen und windexponierten Standorten selten sind – sondern von Ameisen oder kleinen Käfern. Ihre Verbreitung ist ebenfalls sehr rätselhaft: Sie ist inselartig nur in wenigen isolierten Bergketten der Welt von den Alpen bis nach Nordamerika verbreitet.

Damit ist die Faltenlilie für mich ein perfektes Beispiel einer dem breiten Publikum kaum bekannten Pflanze, die doch so viel zu bieten hat und unbedingt zu den schutzwürdigsten Gewächsen unserer Region gehört.

Gregor Kozlowski wohnt in Ueberstorf und ist Professor für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Freiburg. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die naturwissenschaftliche Themen bearbeitet. Im Rahmen einer Führung im Botanischen Garten Freiburg stellt Gregor Kozlowski am Mittwoch, 23. September (18.30–19.30 Uhr), die botanischen Schätze in Deutschfreiburg vor. Eintritt frei.

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20.08.2020

Gastkolumne von Franz Engel: Bedrohungen

Wozu dient unsere Armee? Wohl in erster Linie dazu, um uns alle, also dich und mich, zu beschützen. Zu beschützen, in Zeiten, in denen unser Leben, unsere Freiheit und unsere Unabhängigkeit bedroht sind. Traditionell steht hinter dieser Bedrohung ein «Böser Feind» (im Militärjargon «BöFei»), der es auf unsere zum Teil grossartigen Errungenschaften, inklusive Bankgeheimnis, Steuerflucht und Alpabzug, abgesehen hat. Falls notwendig auch mit Waffengewalt. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass unsere Armee, als Ausdruck der bewaffneten Neutralität, dazu beigetragen hat, uns vor den Gräueln des Krieges zu schützen und unsere Unabhängigkeit zu bewahren.

Vor rund 75 Jahren ging der 2. Weltkrieg zu Ende, und vor fast 30 Jahren fiel die Sowjetunion inklusive Warschauer Pakt, ideologisch zur «Mutter aller Bedrohungen» hochstilisiert, vollständig auseinander. Der «Kalte Krieg» ist Geschichte, die kalten Krieger aber scheinen immer noch zu frieren.

Wir schreiben das Jahr 2020, die ganze Welt steht im Krieg gegen ein kleines Wesen namens Corona (Sars-CoV-2). Menschen sterben, die Wirtschaft wurde stillgelegt und ist bis heute schwer angeschlagen. Grenzen wurden geschlossen, Freiheiten mussten eingeschränkt werden, grosse Teile der Bevölkerung sind verunsichert, tätigten aus Angst vor Engpässen Hamsterkäufe (wenn auch vor allem Toilettenpapier!), das Leben schien stillzustehen. Diesmal sind auch wir direkt betroffen: Die Armee wurde mobilisiert, Soldaten an die Grenze beordert, eingesetzt in Spitälern, Heimen usw. Und erneut sind wir dankbar, dass wir in der Schweiz eine Organisation zur Verfügung haben, die auf dem Höhepunkt der Bedrohung in so kurzer Zeit zu Verfügung stand und vielfältig und erfolgreich eingesetzt werden konnte.

Inzwischen sind die Soldaten wieder zurück in der Kaserne oder zu Hause. Und was mich am meisten beeindruckte: Dieser äusserst sinnvolle Einsatz war erfolgreich ohne Gewehre, Kanonen, Panzer und Kampfflugzeuge.

Und etwas wurde uns klar vor Augen geführt: Die realistischen Bedrohungen können nicht mit Armeen abgewehrt werden, Pandemien machen nicht vor Grenzen halt, ihre Bekämpfung braucht nicht Strategien, wie sie vielleicht noch am Morgarten sinnvoll waren. Und wie steht es mit unserer Unabhängigkeit? Wir, die wir «fremde Richter» als des Teufels bezeichnen und, zumindest in katholischen Gebieten, bei ihrer Erwähnung unverzüglich zum Weihwasser greifen. Wie stand es damit auf dem Höhepunkt der Krise?

Medikamente und Desinfektionsmittel fehlten, wo unsere Pharmaindustrie doch zu den Besten gehört. Masken und Schutzkleidung fehlten, wo unsere Textilindustrie doch zu den Besten gehört. Medizinische Geräte wurden Mangelware, wo unsere Maschinenindustrie doch zu den Besten gehört.

Grenzschliessungen gegenüber Hochrisiko-Regionen konnten nicht durchgeführt werden, weil kranke Menschen nicht mehr hätten gepflegt werden können, was zur absurden Situation führte, dass durch diese Öffnung das Risiko bestand, dass noch mehr Menschen erkrankten usw. Machen wir uns nichts vor, eine «Erst-August-Reden»-Unabhängigkeit gibt es nicht mehr und hat es so wohl auch nie gegeben. Vielleicht hat das auch sein Gutes. Abhängig sein heisst doch auch aufeinander angewiesen sein, und wenn wir uns dessen bewusst sind, könnte das doch ein Beitrag zum positiven Zusammenleben sein.

Deshalb sei die Frage erlaubt: Welchen Sinn macht es, Milliarden in eine Armee zu investieren, die ihre Berechtigung vor allem aus der Vergangenheit bezieht? Ist es nicht höchste Zeit, den realen, aktuellen und künftigen Bedrohungen entgegenzutreten? Dies sind in unserer globalisierten und vernetzten Welt nun mal die Infektionskrankheiten, und es wird höchste Zeit, aufzuwachen. Niemand kann es sich nach (?) der Corona-Pandemie leisten, diese Gefahr zu verdrängen, eine Gefahr, auf die schon seit Jahrzehnten ungehört hingewiesen wird. Erinnern wir uns doch an Ebola, Vogel- und Schweinegrippe, Sars usw.

Wäre es nicht viel sinnvoller, hier in Ausbildung, Ursachenforschung, Prävention und mögliche Therapien zu investieren? Denn diese Pandemie ist nicht vorbei, und eine nächste kommt bestimmt, und es könnte nicht schaden, besser darauf vorbereitet zu sein. Dazu gehört auch eine Zivilschutzorganisation, die in Sachen Ausbildung und Ausrüstung den aktuellen Bedürfnissen entspricht und nicht länger als «dienstuntauglich» definiert wird.

Vielleicht müsste in diesem Zusammenhang auch unsere Lebensweise hinterfragt werden, insbesondere die Produktion von «Lebensmitteln»: die rücksichtslose Massentierhaltung (gibt es hier nicht einen Zusammenhang?), die Bewirtschaftung des Bodens, wo der Landwirt gezwungen ist, gesundheitsgefährdende Pestizide und Herbizide einzusetzen, will er einigermassen rentabel produzieren – Gifte, die inzwischen sogar in unserem Trinkwasser die in der Regel sehr grosszügig definierten Grenzwerte überschreiten.

Es ist höchste Zeit, die ­Augen zu öffnen.

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gast­kolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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13.08.2020

Unverhofft kommt oft

Eigentlich wäre ich jetzt in der unmittelbaren Vorbereitung auf den Halbmarathon an den Europameisterschaften in Paris. Und eigentlich hatte ich für mich mit Wettkämpfen auf der Tartanbahn abgeschlossen. Doch die Corona-Pandemie hat mein Sportlerleben, wie wohl das Leben vieler Menschen, gehörig durcheinandergebracht.

Da für die meisten Organisatoren von Strassenläufen die Schutzmassnahmen des Bundes sowie der Kantone nicht – oder nur mit grossen Risiken und Verlusten verbunden – umzusetzen wären, sind fast alle Rennen in der Schweiz abgesagt. Auch im umliegenden Ausland ist in nächster Zeit nicht an grosse Laufevents zu denken­. Aus diesem Grund gibt es wieder vermehrt gut besetzte Läufe für Langstreckenläufer auf der 400-Meter-Bahn. In einem Stadion können die Abstandsregeln bei den Zuschauern und die Begrenzung von maximal 1000 Personen problemlos eingehalten und kontrolliert werden. Swiss Athletics hat sich deshalb bereits früh bemüht, den Elite-Läufern wieder eine Startgelegenheit zu ermöglichen. So fand am 26. Juni die 10 000-Meter-Schweizermeisterschaft in Uster statt. Ich erfuhr einen guten Monat zuvor davon, worauf ich mich aus der Lethargie des Grundlagentrainings befreite und wieder begann Intervalle abzuspulen. Das heisst, plötzlich standen wieder Belastungstrainings im Drei-Minuten-pro-Kilometer-Schnitt auf dem Programm. Denn wenn schon 10 000 Meter, dann musste das Ziel sein, unter 30 Minuten zu bleiben. Mit einem geschickt einge­teilten Rennen lief ich eine Zeit von 29:54 Minuten und belegte damit den sechsten Rang in der Wertung der Schweizermeisterschaft.

Nun kommt es noch besser; respektive kürzer und schneller. Ohne andere Wettkämpfe am Horizont bin ich nun in der Vorbereitung auf die Leichtathletik-Schweizermeisterschaften Anfang September. Die längste Laufdisziplin dort im Programm sind die 5000 Meter. Mein letztes Rennen über diese Distanz liegt drei Jahre zurück, als ich bei strömendem Regen im Zürcher Letzigrund-Stadion die Bronzemedaille an den Schweizermeisterschaften gewann. Anschliessend wechselte ich vermeintlich komplett auf die Strasse. Dank diesen verrückten Zeiten darf ich jetzt meine Nagelschuhe, sogenannte Spikes, wieder aus dem Keller holen. Denn die 10 000 Meter lief ich meiner Wadenmuskulatur zuliebe noch in Laufschuhen. Vielleicht komme ich ja so unverhofft nochmals zu einer Schweizermeisterschaftsmedaille auf der Bahn. Und wenn nicht, habe ich zumindest meine Spikes wieder einmal entstaubt und gehörigen Muskelkater in den Waden erlebt.

Der Heitenrieder Läufer und ausge­bildete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz.

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«Plötzlich standen wieder Belastungstrainings im Drei-­Minuten-pro-Kilo­meter-Schnitt auf dem Programm.»
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06.08.2020

Woher kommst du?

Meinen jetzigen Bühnenpartner habe ich anlässlich eines Castings zum ersten Mal gesehen. Ein attraktiver junger Mann, dunkler Teint, pechschwarze Haare. Die dunklen Augen strahlen. Nicht erst durch das holprige Deutsch wird klar, dass er nicht in der Schweiz aufgewachsen ist. Wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut, und auf der Bühne harmonisieren wir grossartig, sind schnell ein eingespieltes Team. Seine quirlige, aufgestellte Art ist wohltuend und bereichert das ganze Ensemble. Ich möchte ihn aber nicht nur als Schauspieler sehen, sondern aus seinem Leben erfahren und – neugierig, wie ich gewohnt bin, durchs Leben zu gehen – frage ich ihn in einer Probenpause, woher er ursprünglich kommt. Und habe mich damit gleich zur Rassistin gemacht.

Denn Rahel El-Maawi, Dozentin für Soziokultur, erklärt auf SRF in der «10 vor 10»-Ausgabe vom 18. Juni 2020, dass eine Frage dieser Art verletzend sei, politisch nicht korrekt. Der Person gegenüber gäbe man damit zu verstehen, dass sie nicht «zu uns» gehöre. – Echt jetzt?

Die Bilder vom qualvollen Tod von George Floyd sind kaum auszuhalten und haben zum Glück einen weltweiten Aufschrei ausgelöst. Die Gesellschaft tut gut daran, sich lautstark gegen solche Grausamkeiten aufzulehnen. Anzuklagen, zu hinterfragen. Dem Rassismus darf kein Platz gegeben werden, nirgendwo auf der Welt. Jeder Mensch hat das Recht, mit Achtung und Respekt behandelt zu werden. Egal, welcher Herkunft, egal, welcher Hautfarbe, egal, in welchem Kontext. All Lives Matter! Wenn Statistiken beweisen, dass Personen mit Mi­gra­tionshintergrund auch in der Schweiz noch immer diskriminiert werden, dass «Andersfarbige» (auf Neudeutsch: «People of colour») noch immer öfter von der Polizei kontrolliert und von der Umwelt schikaniert werden, dann muss auch hierzulande dagegen angekämpft werden. Auch im Kleinen. Und da nützen auch Diskussionen um Mohrenköpfe, die allein durch den Ausdruck rassistisch konnotiert sind. Sie schärfen unser Bewusstsein. Und das tut not. Auch wenn solche Debatten – meiner Meinung nach – zuweilen ad absurdum geführt werden.

Nachdem ich die Aussage von Frau El-Maawi gehört habe, frage ich mich aber immer wieder, wie ich denn in Erfahrung bringen kann, woher ein Mensch stammt. Und dabei politisch korrekt bleibe. Was hast du für einen Hintergrund? Wo bist du aufgewachsen? Wo sind deine Wurzeln? Woher kommen deine Eltern? Geht alles auch nicht, denn mit jeder dieser Fragen gebe ich doch ebenfalls gleich zu verstehen, dass ich davon ausgehe, dass mein Gegenüber nicht von hier ist. Demnach nicht zu uns gehört. Also was? Wie vermeide ich, dass ich zur Rassistin abgestempelt werde?

Ich halte mich situativ an den gesunden Menschenverstand, denn in der momentanen Begegnung, in meiner offenen Haltung wird mein Gegenüber spüren, dass wir sehr wohl eins sind und meine Frage – welcher Art auch immer – einem ehrlichen Interesse entstammt. Denn wie gesagt: Ich bin doch nur gwundrig und freue mich, von der neuen Bekanntschaft mehr zu erfahren.

PS: Mustafa hat sich übrigens sehr über mein Interesse gefreut und mir sein Land, seine Leute, die Traditionen und Kulinarik leidenschaftlich und feurig nähergebracht. Die der Türkei.

Gerti Haymoz ist verheiratet, lebt und arbeitet in Muntelier. Sie ist Mitinhaberin und CEO einer Firma im Broadcastbereich und im Vorstand des Kellertheaters Murten zuständig für die künstlerische Leitung.

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30.07.2020

Political Correctness … oder was?

Im Gerichtsfall Chisholm von Georgia im Jahre 1793 wird der Begriff Political Correctness erstmals aktenkundig erwähnt. Bis zum heutigen Tag geht es im Kern darum, Diskriminierungen entgegenzuwirken. Ein nobles Anliegen. Seit geraumer Zeit reduziert sich Political Correctness allerdings auf die Frage, was man meinen soll und sagen darf und wo Diskriminierung beginnt. Gescheite Antworten gibt es nicht. Aber eins ist klar: Das, was bisher als Umgangssprache durchging, ist jetzt tabu.

Mit Verve wird um Bezeichnungen gestritten. Gerade eben ist hierzulande ein Diskurs über Mohrenköpfe im Gang, der während Tagen Corona medial erblassen liess. Geniesser dieser alten Köstlichkeit werden in die Ecke von Rassisten gestellt. Was soll man dazu sagen?

Ausländer darf man wohl bald auch nicht mehr sagen. Sie sollen in «Mensch mit Zuwanderungsgeschichte» umbenannt werden. Wer über Flüchtlinge statt Geflüchtete redet, steht im Generalverdacht, fremdenfeindlich zu sein. Wer heute seinen Kindern noch von Astrid Lindgrens «Negerkönig» erzählt, wer Blondinen-Witze macht oder Zigeunerschnitzel bestellt, wer einen schwarzen Menschen fragt, woher er denn komme, – Gott bewahre.

Ein deutsches Gericht hat kürzlich entschieden, Vater und Mutter durch Eltern 1 und Eltern 2 zu ersetzen, worauf prompt der Streit entbrannte, wer denn nun Eltern 1 sein dürfe. Die Forderung, unsere Nationalhymne gendergerecht umzuschreiben, ist nur eine Frage der Zeit. Eine neue, geschlechtsneutrale Sprache soll entstehen. Aus dem Busfahrer wird die busführende Person, der Sachbearbeiter ist neu die einen Vorgang betreuende Person, der Alkoholiker wird zur alkoholabhängigen Person. Auch den Anfänger gibt es nicht mehr, der heisst jetzt unerfahrene Person, und der Freund wird zum Herzensmenschen. Bereits gibts das Wortkonstrukt Mann*in, was die Emanzipation der Frau massiv fördern soll. Um Anhänger anderer Religion nicht zu beleidigen, wurden und werden christliche Symbole haufenweise aus öffentlichen Räumen entfernt, christliche Festtage werden umbenannt oder sollen abgeschafft werden. T-Shirts mit Schweizer Kreuz und Cervelats zum Klassengrill sind in vielen Schulen verpönt. Das sei integrationsfördernd und ein Zeichen von Mulitkulti, wird argumentiert. Und ich dachte bisher immer, Toleranz sei eine gegenseitige Angelegenheit und keine Einbahnstrasse.

Das alles passt halt schon zum Zeitgeist, der von zunehmender Polarisierung geprägt ist. Dabei scheinen wir zu übersehen, dass das Bekämpfen vom «Schlechten» nicht automatisch «Gutes» hervorbringt. Denn das Gegenteil von «schlecht» ist eben nicht «gut». Das Gegenteil beispielsweise von Geiz ist Verschwendungssucht, in der Mitte ist Grosszügigkeit. Das Gegenteil von Feigheit ist Tollkühnheit, in der Mitte ist Mut. Das Gegenteil von Selbstverliebtheit ist Selbstverachtung, in der Mitte ist Selbstvertrauen. Wir werden vermehrt lernen müssen, die Mitte zu suchen und zu finden, wenn wir nicht total aus dem Häuschen geraten wollen.

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbands Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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23.07.2020

Das faszinierende Geheimnis im «Truckli»

Immer wenn ich in einem Trödelladen auf eine alte Blechdose stosse, werde ich schwach. Sie kennen sie sicher auch, diese kitschig-nostalgischen Uncle-Ben’s-, Kellogg’s- oder Kaffeebüchsen, die blechernen Chocolat-Villars-Schachteln, die ihr Verführungspotenzial weniger ihrem süssen Inhalt als viel mehr ihrer fantasieanregenden Verpackung verdanken. Der blosse Anblick dieser Gegenstände löst in mir ein Glückshormon, was sage ich, eine Sturzflut von Glückshormonen aus und entrückt mich nullkommaplötzlich in eine Welt märchenhafter Kindheitserinnerungen. Eine Welt, die es so zwar nie gegeben hat – auch in meiner Kindheit nicht –, die aber dadurch nur umso mehr an magischem Glanz gewinnt. Ich bin plötzlich wieder ganz Kind, kann es nicht lassen, die bunt verzierten Dosen und Schachteln in die Hände zu nehmen, sie von allen Seiten zu bewundern und schliesslich in sanfter Verzückung ihren Deckel zu öffnen, als wäre in ihrem Innern das tiefere Geheimnis dieser imaginären Wirklichkeit wie ein kostbarer Schatz verborgen. Dass die Schachteln und Dosen leer sind, ändert nichts an dieser Vorstellung, im Gegenteil: Sie müssen geradezu leer sein, damit sie mit den Eingebungen der entfesselten Fantasie gefüllt werden können. Der Schwerkraft der Erde enthoben, verlässt mich auch jedes Zeitgefühl und ich überlasse es jeweils meiner Frau, mich am Ärmel zupfend auf den Boden der Realität zurückzuholen.

Hugo Loetscher erzählt an einer Stelle, wie ein einfacher Hirt auf einem Gestell in seiner Alphütte ein «Truckli» aufbewahrt hatte. Den anderen Älplern, die die Nachbarsweiden besorgten und manchmal auf einen Schwatz zu ihm in die Hütte kamen, fiel dieses «Truckli» sofort auf. Sie hätten nur zu gerne gewusst, was darin verborgen war, aber keiner getraute sich, den Besitzer zu fragen. Der anfängliche «Gwunder» verwandelte sich mehr und mehr in Neid und schliesslich in versteckte Feindschaft. «Was», empörten sie sich hinter dem Rücken des Nachbarn, «was hat dieser komische Vogel bloss mit seinem blöden ‹Truckli› vor? Wenn er ein reines Gewissen hätte, müsste er nicht so geheimnisvoll tun. Wir lassen uns von ihm nicht länger an der Nase herumführen!» Und so machten sie mehr und mehr einen Bogen um ihn und liessen den komischen Vogel mit seinem «Truckli» allein.

Mich hat diese Geschichte in ihrer entlarvenden Menschlichkeit immer berührt. Ich glaube, jeder von uns hat irgendwo so ein, nennen wir es ruhig, «Truckli», und jeder ist hie und da ein Neider des «Truckli» eines anderen. Es ist nicht in erster Linie der Gegenstand an sich, der unseren Neid erzeugt, sondern der Zauber einer so eigentümlichen wie herzerwärmenden Beziehung zwischen dem «Truckli»-Besitzer und seinem «Truckli». Der Zauber einer Beziehung, die fast einer menschlichen Zuwendung gleichkommt. In einer Welt, in der die Gegenstände nicht mehr altern können, weil sie ständig weggeworfen und durch neue ersetzt werden, ist der Treuebeweis zu einem schlichten «Truckli» eine Provokation.

Vielleicht haben auch Sie sich gefragt, was der Alphirt denn nun eigentlich in seinem «Truckli» aufbewahrt hatte. Hugo Loetscher verrät es uns zum Glück nicht, denn es könnte niemals so schön sein wie das, was die anderen Alphirten in ihrer neidischen Fantasie in es hineinzuzaubern vermochten.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St.  Michael in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt Hubert Schaller regelmässig über selbst gewählte Themen.

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«Die Schachteln müssen geradezu leer sein, damit sie mit den Ein­gebungen der entfesselten Fantasie gefüllt werden können.»
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16.07.2020

Kampf den Fehlanreizen

Der Mensch wird durch Anreize in seinem Handeln beeinflusst und gesteuert. Diese Erkenntnis muss auch in der Politik berücksichtigt werden. Sonst geht es schief – so wie in der Altersvorsorge. Die Grundidee der beruflichen Altersvorsorge (2.  Säule) ist einfach und auf ein klares Ziel ausgerichtet: Jeder und jede spare vom 25. bis zum 64./65.  Lebensjahr sein eigenes Alterskapital an, das dann mittels Umwandlungssatz in eine lebenslängliche Rente umgewandelt wird. Tatsächlich aber bezahlen heute die jüngeren Aktiven für die älteren Berufstätigen und vor allem für die Rentner jährlich bereits 7  Milliarden Franken, die eigentlich ihnen zuständen. Die meisten Aktiven werden auf ihrem Vorsorgeausweis festgestellt haben, dass ihrem Alterskonto von der schönen Rendite im Jahr 2019 von über 10  Prozent relativ wenig (2 bis 3  Prozent) gutgeschrieben worden sind. Der Rest fliesst mehrheitlich in Rückstellungen für die zu hohen Renten der aktuellen Rentner. Die Politik hat nämlich nicht nur den Umwandlungssatz zu hoch gesetzt, sondern auf die höhere Lebenserwartung immer noch nicht reagiert. Daneben sind auch die hohen Beitragssätze für ältere Arbeitnehmer (55+) ein Problem. Aufgrund dieser politischen Fehlanreize werden die Menschen (Arbeitgeber und Arbeitnehmer) gezwungen, nach Lösungen zu suchen, die nichts mehr mit dem Grundgedanken der beruflichen Altersvorsorge gemein haben.

Die jungen Erwerbstätigen müssen zusätzlich zur obligatorischen noch eine freiwillige Altersvorsorge finanzieren. Entsprechend bleibt ihnen weniger Geld zur Verfügung in Zeiten, da durch Ausbildung und Familiengründung weitere Ausgabenlasten drohen. Das Vertrauen in die obligatorische Altersvorsorge schwindet entsprechend, obschon es 1985 gerade das Ziel der Politik war, dieses Vertrauen zu sichern. Für die Arbeitgeber wird die 2.  Säule ebenfalls zur Kostenfalle. Traditionell war eine ­gute Pensionskasse ein wichtiges Instrument zur Mitarbeiter­gewinnung. Heute aber belasten die höheren Kosten für die Altersvorsorge die Bilanzen (Rückstellungen) und Erfolgsrechnungen (zusätzlicher Vorsorgeaufwand) der Unternehmen. Zudem steigt die Gefahr, dass Vorsorgeeinrichtungen wegen der zu hohen Rentenverpflichtungen saniert werden müssen, wozu nach heutiger Rechtslage die aktiven Erwerbstätigen und die Arbeitgeber, nicht aber die Rentner, beitragen müssen. Angesichts der bereits sehr ­hohen Kostenbasis in der Schweiz und der internationalen Konkurrenz sind die Unternehmen damit gezwungen, ihre Kosten und Risiken im Zusammenhang mit der ­Altersvorsorge zu re­duzieren.

Dabei ist die Lage älterer Arbeitnehmer besonders ungemütlich. Sie verursachen nicht nur die höchsten Kosten in der beruflichen Vorsorge, sondern sind auch die nächsten Rentner, für welche die Pensionskasse bis an das Lebensende eine Rente auszahlen muss. Besonders bitter ist, dass Bundesrat und Parlament mit der sogenannten Überbrückungsrente für stellenlose ältere Arbeitnehmer diesen Fehlanreiz sogar noch verstärken: Verliert ein älterer Arbeitnehmer nämlich kurz vor der Pensionierung seine Stelle, muss er auch sein Vorsorgekapital mitnehmen, wodurch die Pensionskasse von der Rentenverpflichtung befreit wird. Als Paradebeispiel eines Fehl­anreizes gefährdet die Überbrückungsrente entgegen allen Behauptungen die Arbeitsmarktfähigkeit älterer Arbeitnehmenden, insbesondere im Tieflohnsektor. Sozial ist eine solche Gesetzgebung nicht.

Fehlanreize entstehen oftmals dann, wenn die Politik etwas mit zusätzlichen Regeln zu schützen beabsichtigt, statt sich auf die Ursprungsidee eines Instruments zu besinnen. Die Probleme in der 2.  Säule können nur gelöst werden, indem der Mindestumwandlungssatz und die Mindestverzinsung gesetzlich freigegeben sowie die Spar­beiträge für alle gleich hoch angesetzt werden. Damit kann die berufliche Vorsorge – eines der zentralen Instrumente der Schweizer Sozialpartnerschaft – wieder gemäss der ursprünglichen Bestimmung ihren Zweck erfüllen, frei von schädlichen Fehlanreizen.

Silvan Jampen, Kerzers.

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02.07.2020

Ihr habt es aber eng

Oh! Ihr habt es aber eng, murmelts mir. Man isst auch nicht Fisch aus der Dose, murmelts weiter – ich habe die kleine Sardinendose geöffnet, betrachte den Inhalt. Ihr habt es aber eng. Zumindest gibts da noch Öl, wenn nicht zur Verfeinerung des Fleischminimums, so doch auch, damit es ein klein wenig erträglicher ist mit den Reibungsflächen. Du bist nicht ganz hundert, murmelts weiter, keiner fühlt was, alles kennst du schon lange. Natürlich kenne ich diese zusammengepressten Grüppchen in engen Dosen schon lange und habe sie auch ab und zu gern gegessen, wenn auch stets etwas beschämt, da Vegetarierin.

Diesmal aber hatte das Sardinenbetrachten noch eine neue Komponente. Ein leicht beklemmendes Gefühl. Der Vergleich zum Leben momentan drängte sich mir auf. Momentan ist kein gewohntes Menschen-untereinander-Verhalten selbstverständlich. Ein tagesroutiniertes, auch oft schon unbewusstes, nahes sich Begegnen und Begrüssen ist schwer möglich. Wir sind im Abstand-halten-Versuch.

In dieser Pandemiezeit erscheint mir also Gepresstes, Geballtes, Engplatziertes, und seis noch so klein, in neuem Licht. Wo vieles ist, ist oft zu viel, braucht Raum, wo ist er denn? Momente des Wegrückens, Zwischenräume-Schaffens sind bekannt geworden. Was könnte als Öl für Menschen gelten? Keine Beklemmung bei der Vorstellung von Sardinenschwärmen im Wasser, aber der Anblick in der Dose bringt mich diesmal sozusagen auf Augenhöhe mit Fischen.

Eine ähnliche, nein, stärkere, Beklemmung befiel mich kürzlich auf einer Wanderung am Südufer des Neuenburgersees. Beim Aufstieg vom See zu den Fruchtplantagen wurde die Landschaft weit, das Klima fast mediterran. Kirschen-, Birnen-, Pfirsich-, Apfelbäume, reihenweise, geordnet angepflanzt. Starke, schöne Bäume ... bis der Blick hängen bleibt, überrascht, dann ungläubig haften bleibt. Ein Würgegefühl sass plötzlich in meinem Hals. Wurden da hochstämmige Apfelbäume mit grosser Gewalt – so erschien es mir jedenfalls – in niederstämmige Bäume umzuformen versucht? Was konnte da der Plan sein? Mit dicken Metallseilen und breiten Ledergurten waren schon kräftig gewachsene Baumkronen von oben nach unten gezwungen worden. Beindicke Stämme waren gebunden und in ein total anderes Wachstum gewürgt worden, so dass sich Äste und Stämme wie Wulste ineinander bogen. Als einzigen Grund für diese fürchterlich anzusehende Zuchtmethode konnte ich mir den Vorwand praktischen Lesens, leiterlosen Pflückens vorstellen, was mir aber total absurd erschien.

So ist es also, Würgegefühl bei Apfelbäumen, Engegefühl bei Sardinendosen lösen bei mir derzeit Vergleiche zu Menschenproblemen aus. Es könnte sein, dass wir einen neuen Sinn entwickeln in Bezug zu Menge, zu Zucht und den Umgang damit. Dass wir uns nun sich stark aufdrängenden Gedanken nähern und fühlen, was sie aussagen können für unsere Zukunftsgestaltung. Auch Abstand halten täuscht uns nicht darüber hinweg, dass wir viele, überviele sind.

Dann das sich verändernde Licht einer «hora de cobre» auf Häusern und Mauern betrachten und die vielen Fenster als nicht zu viele empfinden. Oder wieder die Mauersegler, die viele sind. Unbedrängtes Fliegen, kein geringstes sich Touchieren, geschweige denn Kollision im grossen Arbeitsspiel. Oder die Himbeere: gedrängte Körnchen, viele, den kleinen roten Kelch bildend, perfekt und nie zu viele. Die Universalität der Anhäufungen von Körnchen, Blättern … zigmillionen Dingen, die gedrängt sein müssen, um zu sein, was sie sind. Himbeere, Apfelbaum, Fischleben – es ergeben sich neue Gedanken beim Erfahren von gewöhnlichen, uns bekannten Dingen und Situationen. Neue Fragen beim Bemerken von Sinnbildern zu Freiheit und Zucht.

Auch wenn es eng ist, jetzt.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig zu selbst gewählten Themen.

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