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Gastbeitrag 29.11.2018

Von der SBB auf die Strasse gestellt

Das Bundesverwaltungsgericht hat die Beschwerde von Inclusion Handicap gegen die Einführung der neuen SBB-Doppelstockzüge nur teilweise gutgeheissen. Ursula Schwaller sieht darin die Autonomie von Menschen mit Behinderung eingeschränkt.

Nun fahren sie also, die neuen Doppelstockzüge (FV-Dosto) der SBB. Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden, dass sie jeweils über mindestens eine Einsteigerampe verfügen müssen, deren Neigung nicht mehr als 15 Prozent betragen darf. Zum Vergleich: der Jaunpass hat 14 Prozent maximale Neigung, die Rampe im Bahnhof Freiburg 12 Prozent. Mit meinem Rollstuhl komme ich in den Zug hinein, da brauche ich die Arme nicht für den Vortrieb und kann mich abstützen. Aber raus? Ich würde auf den Hinterkopf fallen, da ich wegen der Querschnittlähmung keine Rumpf­stabilität besitze. Die Bedienungshinweise des Rollstuhls sind klar: Die Stabilität ist bis 10,5 Prozent Neigung gewährt.

Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil zur Beschwerde der Organisation Inclusion Handicap eine EU-Verordnung (TSI PRM) vor das Schweizer Behindertengleich­stellungsgesetz (BehiG) gestellt und ignoriert, dass selbst die TSI-PRM die maximale Neigung, bei der sich ein Rollstuhl stabil bewegen lässt, bei 10,5 Prozent festlegt. Gemäss BehiG müssen Behinderte, die in der Lage sind, den öffentlichen Raum autonom zu benützen, auch Dienstleistungen des öffentlichen Verkehrs autonom beanspruchen können. Mit dem neuen Urteil werden nun in den Schweizer Zügen Rampen möglich, die nicht sicher und selbstständig befahren werden können. In der EU ist die Autonomie nicht gefordert, weshalb – mithilfe Dritter – 15-Prozent-Rampen erlaubt sind. Wie unsicher und herabwürdigend solche Hilfe von aussen sein kann, erfuhr ich, als ich von der SBB im Zug vergessen wurde und mir dann vorgeworfen wurde, ich hätte mich am Ausgangsbahnhof vom SBB-Mitarbeiter in den falschen Wagen «einladen» lassen.

Das neue Urteil des Bundesverwaltungsgerichts widerspricht neben dem BehiG auch den Anforderungen des Bundesamtes für Verkehr (BAV). Es hält eine netzweite autonome ÖV-Benützung nur möglich für mobilitätseingeschränkte Personen, die Rampen mit einer Neigung von zwölf Prozent überwinden können. Ich bin autonom. Wie genau soll ich nun im neuen Zug selbstständig die zusätzlichen drei Prozentpunkte Neigung schaffen? In meinem Berufsalltag als Architektin wird übrigens noch strenger gemessen: Sechs Prozent fordern die Schweizer Baunormen. Ausnahmen bis maximal zwölf Prozent Neigung sind nur in begründeten Einzelfällen möglich.

Es ist durchaus möglich, ohne Zusatzkosten hindernisfreie und kundenfreundliche Züge zu bauen. Die Schweizer Firma Stadler kann das. Ironischerweise fahren solche, auch in der Schweiz zertifizierten Züge, nur im EU-Raum.

Die SBB-Besteller haben übrigens beim Kaufentscheid der Züge nicht nur meine Autonomie der euro­päischen Verordnung TSI PRM geopfert. Auch andere Unzulänglichkeiten des FV-Dosto, beispielsweise das abweichende Raumprofil, das zu den schmalen Treppen und den dürftigen Gepäckablagen führte, sind der EU-Norm geschuldet. Viele Reisende werden dies in den Pendlerzeiten noch zu spüren bekommen. Grund dieses Raumprofils: Unser grösster Zug, konzipiert für die am meisten frequentierten Linien der Schweiz, soll nach den Vorstellungen der SBB wie eine eierlegende Wollmilchsau auch im Ausland eingesetzt werden. Es gibt jedoch weder konkrete Projekte noch einen Auftrag des Bundes in dieser Richtung. Und die erst kürzlich erteilte Bewilligung des BAV für die FV-Dosto-Züge lässt im Gegensatz zum Stadler-Dosto ausschliesslich einen Einsatz in der Schweiz zu.

Wie schwellenfrei die SBB aus eigener Perspektive ist, hat CEO Andreas Meyer erst kürzlich erklärt. In einem Interview wird Meyer zitiert, er nutze mit seinem geh­behinderten Vater das Auto, weil dies unkomplizierter sei.

Die SBB wirbt mit dem Slogan «Unterwegs zuhause». Ob sich Meyers Vater, ein ehemaliger Bähnler, wohl auch so fühlt, als wäre er auf die Strasse gestellt worden?

«Kernaussage Spezial. Wenn KA direkt unter Lead platziert wird, Spalte mit Weissraum füllen.»

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Ursula Schwaller

Architektin

Ursula Schwaller ist siebenfache Paracycling-Weltmeisterin, Architektin und Vizepräsidentin der Stiftung «Denk an mich». Sie ist 42 Jahre alt und wohnt in Düdingen.

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29.11.2018

Von Sternen und Menschen

Vor einiger Zeit übernachtete ich in einer hoch über Engelberg gelegenen Berghütte. Nach dem Nachtessen zog es mich auf die Terrasse. Eine Frau mittleren Alters stand ebenfalls dort, eine warme Decke um die Schultern gehüllt.

«Hat es Sie auch auf eine Zigarettenlänge nach draussen verschlagen?», meinte sie in unverkennbarem Basler Dialekt. «Nein, ich möchte bloss den Himmel betrachten. So wie hier in einer Höhe von 2000 Metern in sternenklarer Nacht präsentiert er sich unten im Tal nie.» – «Aha!» – «Zu grosse Lichtverschmutzung.» – «Lichtverschmutzung? Nie gehört!» – «Na ja, so nennt man das halt, wenn die Lichter der Zivilisation den Blick in den Sternenhimmel verstellen.» – «Ach so! Dann sehen also die in Basel zurzeit nicht das Gleiche, wenn sie in den Nachthimmel blicken, wie wir zwei hier oben?» – «Machen Sie doch selber den Vergleich, wenn Sie morgen wieder zu Hause sind.» – «Vielleicht. Mal sehen. Wenn ich nach der Arbeit nicht zu müde bin. Ich habe es halt nicht so mit den Sternen ...!»

Die Frau zieht noch einmal kräftig an ihrer Zigarette, lässt ein letztes Rauchwölklein in den sternenübersäten Himmel steigen und verschwindet wieder in der Hütte. So tönt das also, wenn Altherrenromantik mit Realitätssinn einer überarbeiteten Städterin, die es halt nicht so mit den Sternen hat, zusammenstösst.

Bei nächtlichen Expeditionen habe ich meistens Lorenz Martis «Eine Hand voll Sternenstaub» im Gepäck, eine Art Kosmologie für Dummies, also genau das Richtige für mich. Martis Betrachtungen helfen mir jeweils aus dem blossen Staunen heraus, indem sie das Unfassbare mit Zahlen, Erklärungen und Vergleichen um einige Millimeter in die Gegend des Fassbaren rücken. So konnte ich mich noch in der gleichen Nacht vergewissern, dass wir den Sternen nichts Geringeres verdanken als unser Dasein. Ein Grossteil der Atome und Moleküle unseres Körpers soll aus dem Innern verloschener Sterne stammen. Sie liefern uns die lebensnotwendigen Elemente: Eisen für unser Blut, Sauerstoff für unsere Lungen, Kohlenstoff für unser Gewebe und Kalzium für unsere Knochen. Daraus folgert Marti: «Wir sind wortwörtlich Sternenstaub. Die Sterne sind uns näher als unsere Halsschlagader.»

Am folgenden Morgen beim Abstieg vom Berg holt mich die Frau vom Vorabend ein. Als wir ungefähr auf gleicher Höhe sind, verlangsamt sie ihre Schritte und meint mit einem leicht herablassenden Lächeln im Gesicht: «Na, haben Sie gestern Nacht mit den Sternen Freundschaft geschlossen?» – «Ich weiss nicht, ob die Sterne auf meine Freundschaft Wert legen. Im Allgemeinen haben sie eher ein distanziertes Verhältnis zu uns Menschen, es sei denn, wir befühlen hie und da unsere Halsschlagader ...» Die Frau glotzt mich wie ein lebendiges Fragezeichen an und drückt sich kopfschüttelnd an mir vorbei.

Ich schaue ihr hinterher, und hätte die gestrige Bettlektüre nicht auch meinen Respekt für das Naturwunder Mensch beflügelt, so hätte mich diese erneute Begegnung mit meiner astrophoben Wandergenossin wohl in einer etwas gereizten Stimmung zurückgelassen. Doch die Vorstellung, dass es im Kopf des Homo sapiens mehr neuronale Verknüpfungen geben soll als Sterne in der ganzen Milchstrasse, versetzt mich in eine so weltumspannende Menschenliebe, dass auch eine urbane Raucherin, die es halt nicht so mit den Sternen hat, problemlos darin Platz findet.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Silvan Jampen 22.11.2018

Wer ist hier die Konsumgesellschaft?

Black Friday steht an – die Konsumwelt steht Kopf. Die moderne Gesellschaft ist stark konsumorientiert. In vielem fällt uns auf, dass wir mit diesem Lebensstil beispielsweise unseren Planeten zu überfordern drohen. Wir wissen, das ist nicht nachhaltig.

 

In anderen Belangen unseres Privatlebens sind wir demgegenüber durchaus in der Lage, langfristig zu denken und zu handeln. Wir investieren in eine gute Aus- und Weiterbildung unserer selbst und unserer Kinder. Wir sparen und sorgen vor für den Fall der Fälle. Wir analysieren unsere Risiken und wählen bewusst gewisse Versicherungsdeckungen.

Unternehmen tun dasselbe, nur noch ausgeprägter. Die Unwägbarkeiten in ihrem Tätigkeitsfeld – von den Marktverhältnissen, über die Lieferkette hin zur eigenen Organisation – machen es für sie unabdingbar, langfristig zu denken, haushälterisch umzugehen und in die künftige Entwicklung zu investieren.

Und wie hält es eigentlich der Staat mit dem Konsum? Betrachtet man den Finanzhaushalt der Schweiz auf allen drei Staatsebenen, so muss man feststellen, dass auch bei den staatlichen Ausgaben der Konsumanteil überdurchschnittlich wächst. Konsumausgaben werden hier verstanden als solche, bei denen die öffentliche Hand blosser Umverteiler zwischen Anspruchsgruppen ist, also Steuereinnahmen hier, sofortige Ausgaben an den Unterhalt bestimmter Empfänger dort. Im Gegensatz dazu steht der Einsatz der Staatseinnahmen für längerfristig wirkende Ziele.

Zum Beispiel nahm zwischen 1995 und 2016 der Anteil für soziale Sicherung (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter, Invalidität usw.) an den gesamten staatlichen Ausgaben von 36 auf 40% zu (Quelle: BfS). In absoluten Zahlen ausgedrückt steigerte er sich von 50 Milliarden Franken 1995 auf 90 Milliarden Franken 2016. Dies entspricht einer jährlichen Steigerung von 3,8% bei einem Wachstum der gesamten Ausgaben der öffentlichen Hand von 2,9%. Ein weiteres Phänomen der Ausgaben zur sozialen Sicherung ist der intransparente, ursprünglich nicht gewollte und vor allem nicht nachhaltige Einsatz der Mittel. In der Altersvorsorge beispielsweise findet eine systemwidrige Umverteilung von Jung zu Alt statt (falsche Umrechnung der Einnahmen/Sparkapi­talien in Renten).

Neben der sozialen Sicherung, die zweifelsohne zu den Kernaufgaben eines modernen Staatswesens gehört, können als konsumorientierte Staatsausgaben auch die Subventionierung von strukturschwachen Wirtschaftsbereichen, des überdotierten Gesundheitswesens oder von staatlichen und staatsnahen Unternehmen ohne Konkurrenzdruck bezeichnet werden. Sie dienen heutigen Geldempfängern als Entgelt für gegenwärtige Leistungen, die in ihrem aktuellen Umfang langfristig nicht gerechtfertigt sind. Auch werden manchmal Konsumausgaben als Investitionen verbrämt wie zum Beispiel die flächendeckenden Präventionskampagnen für alles Mögliche mit nicht nachweisbarer Wirkung.

Schliesslich ist zum Staatskonsum auch der Anteil zu zählen, der den Bürgerinnen und Bürgern und den Unternehmen zwangsweise auferlegt wird, wie z. B. Beiträge an umverteilende Sozialversicherungen (AHV, IV, ALV) oder Prämien für die Krankenkassen-Grundversicherung.

Wird mehr für Konsum ausgegeben, verschieben sich die Gewichte im Gefüge der Staatsausgaben. Die relativen Anteile von langfristig wirkenden Ausgaben nimmt ab. So ist der Anteil für Bildung zwar im Beobachtungszeitraum 1995 bis 2016 auch gewachsen, allerdings weniger stark als zum Beispiel die Wohnbevölkerung (1,9% gegenüber 19,2%). Ferner verdrängen Konsumausgaben den Spielraum, der für die jährlichen Kosten von staatlich getätigten Investitionen benötigt wird (Verzinsung, Amortisation, Unterhalt). So besteht schweizweit ein Rückstand in der Infrastruktur (Bahn, Strasse, Abwasserbeseitigung, digitale Infrastruktur usw.). Dieser kommt nicht von ungefähr, wenn der Staat zunehmend das tägliche Umverteilen gegenüber dem langfristig orientierten Investieren bevorzugt.

Die gute Nachricht ist: Wir sind dem aus dem Gleichgewicht geratenen Konsumismus nicht schutzlos ausgeliefert. Wer wirklich etwas verändern will am Konsumverhalten, kann dies tun. Allerdings muss man hierfür angestammte Denkmuster und ausgetrampelte Pfade verlassen. Das gilt bezüglich des privaten wie des staatlichen Konsumverhaltens.

Silvan Jampen ist als Unternehmensjurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Daniel Wegmann 15.11.2018

Alle Stimmbürger sind gleich, aber manche sind gleicher als andere

 

L

etzte Woche wurde in Amerika gewählt. Haben Sie das auch mitbekommen?

 

Mich erinnern amerikanische Wahlen irgendwie an grosse Finale im Fussball: die roten Elefanten gegen die ­blauen Esel! Zwei historisch starke Teams mit treuen Fans, die sich gegenseitig zutiefst verachten. Und genau wie bei der Fussballweltmeisterschaft fiebert die halbe Welt zu nachtschlafender Zeit vor dem Fernseher mit. Auch ist das Regelwerk noch komplexer und sind die taktischen Möglichkeiten noch vielfältiger als im Fussball. Um so lebhafter lässt es sich zwischen den Werbepausen über Vorresultate streiten.

Im Vergleich dazu ist die Spannung bei unseren Wahlen höchstens auf dem Niveau des Guetnachtgschichtlis. Aber wieso eigentlich? Unser parlamentarisches System ist dem amerikanischen nämlich sehr ähnlich: Genau wie in den USA besteht unser Parlament aus zwei Kammern, eine mit Vertretern der Bevölkerung, eine mit Vertretern der Staaten respektive der Kantone. Diese Gemeinsamkeit ist alles andere als zufällig, denn die amerikanische Lösung diente als direktes Vorbild, als der Schweizer Bundesstaat gegründet wurde.

Ebenfalls kopiert wurde damals das Majorz-Wahl­system: In jedem Wahlkreis wurde jeweils der Kandidat mit den meisten Stimmen gewählt. Das führte zu einer ungleichen Machtverteilung, wie wir sie heute aus den USA kennen. Bei den letzten Wahlen haben sich in North Carolina zum Beispiel nur 50,5  Prozent der Wählenden für eine Kandidatin oder einen Kandidaten der Republikaner entschieden. Dennoch haben die Republikaner 10 der 13  Sitze North Carolinas im House of Representatives gewonnen. Mitgeholfen hat dabei auch aggressives Gerrymandering, womit die Praxis bezeichnet wird, die Grenzen von Wahlkreisen zum Vorteil einer Partei zu ziehen.

Auch ohne aktivem Gerrymandering stellten die Radikalen (Vorläufer der heutigen FDP) dank des Majorzsystems von der Gründung der Schweizer Bundesstaates 1848 bis 1917 die absolute Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments. In den Wahlen von 1917 zum Beispiel errangen die Radikalen mit 103 eine komfortable Mehrheit der damals 183 Nationalratssitze – mit nicht ganz 41 Prozent der Stimmen.

Genau wie heute in den USA regte sich seinerzeit in der Schweiz zunehmend Widerstand gegen das als ungerecht empfundene Wahlsystem. Und genau wie heute in den USA waren die Mächtigen in der Schweiz auch seinerzeit nicht bereit, freiwillig auf ihre Vorteile zu verzichten. Doch mittels Volksinitiativen konnte vor hundert Jahren im dritten Anlauf das Proporz­system eingeführt werden. Seit damals werden die Nationalratssitze relativ zu den Wählerstimmen verteilt. Mit dramatischen Auswirkungen: Die Radikalen verloren in den Wahlen von 1919 insgesamt 43  Sitze und müssen seither die Macht mit anderen Parteien teilen.

Eine Änderung des Wahl­systems ist zur Zeit in den USA unvorstellbar. Aber immerhin haben mehrere Staaten Gesetze erlassen, die Gerrymandering einschränken sollen. Der Weg zu einer fairen Wahl, bei der jede Stimme gleichwertig ist, bleibt aber steinig.

Und dennoch: Die USA sind eine funktionierende Demokratie mit vielen Checks and Balances, die keiner Partei uneingeschränkte Macht ermöglicht. Ganz anders sieht es in Ungarn aus: Dort stellt die Partei von Viktor Orban dank Gerrymandering und Majorzsystem eine Zweidrittelmehrheit im Parlament – mit weniger als 45 Prozent der Stimmen. Langweiliger sind nur noch Wahlen wie in Nordkorea, wo in jedem Wahlkreis genau eine einzige Person zur Wahl steht.

Eine funktionierende Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und bedingt, dass die Parteien an der Macht diese nicht missbrauchen, um ihre Macht zu zementieren. Dass unsere Stimmen bei den Wahlen vom nächsten Jahr volles Gewicht haben werden, verdanken wir den Vorkämpfern von vor hundert Jahren und dem Instrument der Volksinitiativen. Doch sind diese ein zweischneidiges Schwert: Es bedürfte nur einer erfolgreichen Volksinitiative, um unsere Demokratie einer Diktatur zu opfern.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

 

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Sus Heiniger 08.11.2018

Unten angekommen

Es ist noch nicht lange her, da wurde ich konfrontiert mit neuen Nachbarn. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern und zwei junge Männer, diese unabhängig voneinander. Konfrontiert deshalb, weil all diese Unbekannten mich mit ihrer blossen Anwesenheit immer wieder herausforderten, mich mit meinen Empfindungen ihrer Situation gegenüber zu beschäftigen.

 

 

Alle neuen Nachbarn leben auf der Strasse, sind wohnungslose Menschen, Arbeitslose. Ich treffe immer wieder auf sie, da sie stets an denselben Stellen auf dem Strassenboden sitzen. Manchmal liegt eines der Familienmitglieder, oder es schläft ein Kind, oder beide. Die beiden jungen Männer lesen den ganzen Tag in Büchern, fast reglos. Ich kann jeweils sehen, wie viel sie wieder weitergelesen haben, an der Breite der Papierseiten, die sich rechts oder links im Buchdeckel beigen. Ich konnte mehrmals sehen, dass eine ältere Frau zur Mittagszeit dem einen dort sitzenden Mann eine Schale mit Essen brachte, in liebevoller Gestik und als würde sie an einem Tisch servieren. Und ich kann auch sehen, wenn die Mutter der Familie den Kindern etwas erzählt oder der Vater ihnen Kleidung an- oder auszieht, je nach Wetter.

Ich kann so lange an diesen Leben teilnehmen, wie ich zusehen will, so lange, wie ich es aushalte, zu spüren, dass wir nicht in einem Einheitsraum leben, da sie «unten» sitzen, ich «oben» stehe. Sie sind Ausgegrenzte in ihrer Situation. Sie sind «draussen», in doppelter Hinsicht. Welche Ungerechtigkeit hat dies so eingerichtet? Diese neuen Nachbarn leben in der Grossstadt, in der auch ich von Zeit zu Zeit lebe, weil ich das frei wählen kann. Weil ich eine von «drinnen» bin, also persönliche Entscheidungsfreiheit habe. Sie sind sozusagen verurteilt zu einer Lebensführung, die Betteln heisst. Und sie tun dies ständig in der Öffentlichkeit, allen fragenden, kritischen, mitleidigen, strafenden Blicken ausgesetzt.

 

Sie machen keine Probleme, sie haben Probleme. Die Familie ist syrisch, sagte sie mir, die beiden jungen Männer sind Franzosen, und die Grossstadt ist Paris, es könnte auch eine andere sein. Beim nahen Bahnhof, wo die syrische Familie sitzt, wurden kürzlich bei der Renovation hohe Gitter nah an die Bodenfenster-Nischen gesetzt. Da hatten sich vorher über längere Zeit einige Wohnungslose eigene Formen der Selbsthilfe ausgedacht, sich arrangiert mit Dingen, die sie finden konnten: Kartonteile, Plastikplanen, alte Matratzen, Holzreste, Decken, Papier … Bei Renovationen achte man heute darauf, keine Nischen freizuhalten und keine breiten Simse mehr zu bauen, um solchen Selbsthilfeformen von Ausgegrenzten zuvorzukommen, sagte man mir.

 

Die beiden jungen Männer sind äusserlich Menschen wie du und ich. Man erkennt, dass sie noch nicht lange auf der Strasse leben. An ihrer (noch) sauberen, guten Kleidung, an ihrer Scham, wenn sie ab und zu Vorbeigehenden antworten, wenn diese sie etwas fragen. Dann beugen sie sich wieder über ihre Bücher und lesen. Ausgegrenzt sein bedeutet sozialer Ausschluss. Wer einmal herausfällt aus der Leistungsgesellschaft, dessen bisher gelebtes Leben zerfällt. Das kann ganz plötzlich geschehen, rasant, und man ist in der Umklammerung der Armut und Einsamkeit. «Unten angekommen», heisst es in einem meiner Bücher.

So hatte ich über wohnungslose, ausweglose Schicksale gelesen, und dann war ich auch in meiner unmittelbaren Nähe mit solchen konfrontiert und sah, wie wahr alles Geschriebene ist. Es ist dieses Wissen, das mir dann im Magen liegt, wenn ich stehen bleibe, wenn jemand mich um Hilfe bittet. Ich Almosen gebend und «oben» stehend … So lief es auch ab mit den neuen Nachbarn, ich konnte dem Gefühl schlecht ausweichen. Ich begegnete ihnen, wir grüssten uns manchmal, da man sich eben öfter sah, und ich spürte diese fast prinzipielle Verlegenheit ihnen gegenüber. Sie heisst: Ich weiss, ich ändere nichts an deiner Lebenslage, und das Almosengeben weist dir, wie allen ausgegrenzten Menschen, erst recht den Platz der Dankbarkeit und Bescheidenheit zu.

 

An meiner Lebenslage änderte sich aber durch solche Begegnungen immer wieder etwas. Ich habe sehr Respekt vor Menschen, die im Elend nicht aggressiv und feindlich erscheinen, ich bewundere sie jedes Mal. Und vielleicht fährt mir ja auch dies in den Magen, dass es genau das ist, was Gebende eben erwarten: Wenn du schon was bekommst, sei dankbar und bleib sitzen. Unten.

 

Sicher, viele erinnern sich an die Pariser Bettler, die Clochards. Ihnen wurde zuerkannt, freiheitsliebend und selbstbestimmt ihr Leben zu leben, am liebsten mit einer Flasche in der Hand. Man sagte, die wollen das so. Sie wurden immer mehr zu einer Art Pariser Grossstadt-Dekor. Ihre Bedürftigkeit wurde und wird mit dieser Romantik nicht anerkannt. Und die Ignoranz ihres Elends gipfelt in der Tatsache, sie nur als die Lebenslustigen darzustellen.

 

Die syrische Familie habe ich seit langem nicht mehr gesehen. Die beiden jungen Männer sitzen noch an ihren gewohnten Stellen.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Patrick Buchs 25.10.2018

Hausaufgaben im Sportunterricht

Ich wurde letzthin gefragt, was ich davon halte, dass der Sportunterricht auf allen Schulstufen abgewertet wird. Nun ja, diese Frage ist eine meiner Lieblingsfragen, und mein Gegenüber musste sich anschliessend einen ziemlich langen Monolog anhören …

 

Es ist tatsächlich so, dass im Schweizer Bildungssystem den vermeintlichen Hauptfächern wie Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften immer mehr Wichtigkeit zugeschrieben wird. Dieser Ansatz wird jedoch von mehreren internationalen Studien als grundsätzlich falsch und sogar kontraproduktiv eingestuft. Finnland, Dänemark und andere Länder, die sich an den neusten Hirn- und Verhaltensforschungsresultaten orientieren und andere Schwerpunkte in ihrer Bildungsstrategie gesetzt haben, sind heute in den vordersten Rängen der Pisa-Länderrangliste zu finden.

Gemäss Hirnforschern sind Musik, Sport, Theater und Kunst die wichtigsten Fächer in der Primarschule, weil sie bei den Kindern einerseits Freude, Selbstvertrauen und soziale Bindung fördern und andererseits, wegen der höheren zerebralen Aktivität, deren Lernfähigkeit verbessern. Ausserdem würden Kinder dank physischer Aktivitäten weniger unter Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS leiden. Das ist darauf zurückzuführen, dass der Blutdruck wie auch der Cortisolspiegel im Blut durch Bewegung sinken.

Beim Lernen von Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften kommt immer häufiger auch das Smartphone zum Einsatz, das teilweise nützlich aber gleichzeitig auch der grösste Bewegungskiller ist und negative Nebenwirkungen für Kinder jeden Alters mit sich bringt. Den Kleinen bereitet es zum Beispiel Schlafstörungen, bei den Älteren reduziert es den Wortschatz.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, könnte zum Beispiel der Forderung des Bewegungswissenschaftlers Lukas Zahner (Uni Basel) nachgekommen und Hausaufgaben im Sportunterricht eingeführt werden. Das wäre übrigens nicht nur für die Kinder wirksam, sondern hätte zudem eine Vielzahl positiver Nebeneffekte. Die Eltern würden sich mehr bewegen, was die Volksgesundheit verbessert. Sie würden mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, was wiederum die Eltern-Kind-Beziehung stärkt und Erziehungsgrundsätze für spätere Generationen nachhaltig beeinflusst. Beruflich stark beanspruchte Eltern würden entweder mit anderen Familien zusammenspannen oder Unterstützung bei Sportvereinen suchen, was wiederum die soziale Kohäsion in der Gemeinde und die Vereinsstrukturen stärkt.

Aber kommen wir auf das finnische Bildungsmodell zurück. Was ist anders? Sie haben die kürzesten Schultage und Schuljahre in ganz Europa. Die Schule beginnt in Finnland nicht vor 9 Uhr, weil Studien belegen, dass die Leistungsfähigkeit am Morgen bei vielen Jugendlichen mit der Pubertät abnimmt und sogar gesundheitsschädigend sein kann. Ein späterer Unterrichtsbeginn hat demnach nichts mit Faulheit der Schüler zu tun, sondern vielmehr mit dem Biorhythmus, der für erfolgreiches Lernen verantwortlich ist. Das ist die Grundlage. Aber entscheidend ist, dass die Finnen den Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung legen. Sie fördern ganzheitliches, fächerübergreifendes Arbeiten und ... sie planen mehr Zeit für Bewegung ein.

Lange Rede kurzer Sinn: Sport wird meiner Meinung nach in unserem Bildungssystem immer noch unterbewertet! Was denken Sie?

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Swiss Olympic Trainer Spitzensport war zwischen 2003 und 2017 für verschiedene nationale Sportverbände tätig. Der ehemalige Düdinger Diskuswerfer war 2008 und 2012 als Trainer und Funktionär an den Olympischen Spielen tätig. Seit 2018 arbeitet er für Mercuri Urval im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung.

 

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Katharina M. Fromm 18.10.2018

Schatz, ich hab nichts zum Anziehen!

Neulich, in einem Zustand der körperlichen Müdigkeit nach dem samstäglichen Hausputz, setzte ich mich auf unser Sofa und zappte eine Runde durch die Kanäle. Dabei stiess ich auf eine Sendung, bei der es offenbar darum ging, anderen Personen bei deren Kleider-Shoppingtour zuzusehen, um sich zu Hause darüber zu entsetzen, welche Teile der/die Kandidat/in denn da anprobierte.

 

Entsprechend «inspiriert» ging ich dann doch einmal samstags drauf einkaufen. Da ich dafür selten Zeit habe, stelle ich bei diesen Gelegenheiten fest, dass seit dem letzten Mal so manche Geschäfte zu- und neue aufgemacht haben. Der neuste Trend sind ja die sogenannten Barber-Shops, von denen gleich mindestens vier allein im Perollesquartier wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ein Freund, selbst Bartträger, erklärte mir, dass man dafür keine Lehre braucht – es reicht offenbar, die Handbewegungen des Kebab-Schneidens zu beherrschen. Aha. Während mich Rasier-Läden eher nicht interessieren, erfreue ich mich an Schuhgeschäften mit grossen Schaufenstern. Als Frau mit leichtem Hang zum Schuhesammeln (keine Sorge, da gibt es schlimmere als mich) bin ich von schönen Schuhen fasziniert. Allerdings auch nur so lange, bis ich sie anprobiere. In den seltensten Fällen bleibt der positive Eindruck bestehen, denn oft ist die Passform miserabel. Sei es, dass der Schuh beim Laufen seitlich aufklappt, das Fussbett keinen Halt bietet oder die Sohle zu weich ist. Dann doch lieber einen nicht ganz so verrückten Schuh, der aber bequem ist und bei dem keine Rückenschmerzen vorprogrammiert sind.

Kleidungstechnisch ist es nicht immer einfach, etwas Passendes zu finden, und zwar in jeder Hinsicht – Stil und Grösse. Wenn man aber einen bestimmten Anlass ins Auge fasst, was bei mir der Fall war, wird es leichter. Und wenn man das richtige Geschäft hat, wird die Jagd nach Klamotten zum Erfolg. Aber langsam – erst mal schauen, überlegen und dann endlich anprobieren. Nach dem «Aufwärmen» kann ich dann durchaus das eine oder andere Outfit testen. Drei Stunden später hatte ich dann doch ein paar Tüten zu schleppen und war um ein paar Stutz ärmer. Auf dem Rückweg schlug ich noch einen Haken in ein weiteres Schuhgeschäft – ein gefährlicher Umweg, der dem Geldbeutel tüchtig zu Leibe rückte.

Zu Hause angekommen, präsentierte ich die erjagten Stücke meinem Mann, der gleich um eine Modeschau bat. Nach seiner wohlwollenden Begutachtung mussten die neuen Teile in den Schrank. Vor selbigem stellte ich dann fest, dass er ja eigentlich schon recht voll ist. Ein bisschen stopfen, dann passte diesmal gerade so alles hinein. Das Aussortieren muss auf das nächste Mal warten …

Als besagter Anlass kam, stand ich dann vor dem Kleiderschrank, suchte die neuen Sachen zusammen und kleidete mich an. Dank der langfristigen Planung hatte ich ja schon eine genaue Vorstellung, wie das Outfit aussehen sollte. Alles sitzt, wackelt und hat Luft, jetzt nur noch die Schuhe, fertig. Auch der Mantel ist schon parat – aber wo bleibt eigentlich mein Mann? Wo ist er überhaupt? Ich finde ihn vor seinem Kleiderschrank, verzweifelt seufzend: «Schatz, ich hab überhaupt nichts zum Anziehen!»

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Gustav 11.10.2018

Die Antwort auf alle Fragen

Ich weiss auch nicht, welcher Dämon mich da geritten hat. Ich wollte mich doch ein bisschen faul in die Matte hängen, den Glocken von Santifaschtus lauschen und wie ein Cornet unter der Sonne von Guintzet dahinschmelzen. Aus dem Internet habe ich mir eine Reihe von diesen blutrünstigen Schwedenkrimis bestellt mit Titeln wie «Töten», «Aufgeschlitzt» und «Der Kindermörder» – gute Lektüre zur Entspannung eben. Ich wollte mit Laubsägelen, Sport oder Bierbrauen anfangen. Einfach etwas, ohne Sinn und Ambitionen. Im Interio habe ich mir so ein «Bierbrauerset for Dummies» angeschaut (krass, was Möbelhäuser so alles aufbieten, damit auch der hinterletzte sackkratzende Adiletten-Wanst sich angesprochen fühlt), doch das Manual war drei Meter lang, und nach zehn Wochen Brauen wäre der Ertrag rund zwei Biergläser gewesen. Das war mir doch etwas zu ambitionslos. Im Kieser-Training wollten sie mir das Rückgrat und meine Liebe zu Schokolade, Crèmeschnitten, Brätzele und Kirschstängeli brechen, und Laubsägelen, na ja, was soll ich sagen. Ich kann verstehen, dass man diese Dinger als Kind hasst. Bisschen zu feste drücken und schon bricht das Sägeblatt oder das Holz oder die Geduld, und am Schluss sieht das Resultat eigentlich immer beschissen aus – auch mit Farbe. Sich-eine-Auszeit-Nehmen ist ja sooooo was von anstrengend, diese Langeweile war einfach nicht auszuhalten.

 

Stattdessen habe ich mich in ein hirnverbranntes Abenteuer gestürzt, mir eine chronische Schlaf- und Atemstörung angefressen, die halbe Verwandtschaft ruiniert, und von den unkontrollierten Zuckungen im rechten Augenlid reden wir besser gar nicht. Wer will schon wie ein toter Stein in der Sodbachströmung liegen, während die ganzen Abenteuer mit etwaigen Hals-, Bein- und Genickbrüchen an einem vorbeirauschen? Das Nichtstun ist nichts für mich. Denn die Antwort auf alle Fragen ist: Das Leben fägt, und mach dir nicht immer in die Hose, es kommt schon gut – irgendwie.

 

Zum Beispiel diesen Freitag im Fri-Son.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Franz Engel 04.10.2018

Wahre Geschichte

 

A

ls ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, hätte ich nie gedacht, dass ich sie viele Jahre später in unserer Zeitung erzählen würde und dass es gerade in der aktuellen Situation, wo Angst und Aggression die Begegnung mit fremden Kulturen prägen, wichtig ist, dass möglichst viel Menschen zuhören und den Mut haben, über Zusammenhänge nachzudenken.

 

 

Wir hatten uns in unserem «Bergspital» schon gut eingelebt. Nebst der medizinischen Arbeit gehörte es zu unserer Aufgabe, je nach Situation mit dem kleinen Laster ins «Unterland» (low lands), in die Hauptstadt, zu fahren, um notwendige Grosseinkäufe fürs Spital zu tätigen: Säcke mit Mehl, Salz, Zucker, Mais, Wasch­mittel usw.

So fanden wir uns mit voll beladenen Einkaufswagen in der Schlange zur Kasse des «Grossverteilers» wieder. Vor uns ein rüstiger, älterer Mann, der für seinen «Laden» in den Bergen eingekauft hatte. Wir kamen ins Gespräch, wobei die erste Frage wie meist lautete: «Woher kommt ihr?» «Switzerland, Europe.» («Switzerland» war vielen unbekannt, meist verwechselte man es mit «Sweden».) «Oh, Europe is a wonderful country (ein wunderschönes Land), ich war auch schon dort.» Und dann fing er an zu erzählen. Es war Anfang der 1940er-Jahre, in Europa wütete der Zweite Weltkrieg. Eines Tages kamen schwer bewaffnete Soldaten in die Dörfer in den Bergen (Lesotho war damals englische Kolonie), zwangen Hunderte junge, kräftige Männer auf Lastwagen und führten sie in ein Lager in Südafrika. Dort wurden sie in Uniformen gesteckt, bekamen ein Gewehr, und in kürzester Zeit lernten sie marschieren und schiessen. Bald ging die Reise weiter, in voll beladenen Schiffen verfrachtete man sie nach Europa. Der Ausdruck Schlepper war damals noch nicht üblich, es waren ja schliesslich Schiffe der englischen Krone, im Einsatz zur Rettung des christlichen Abendlandes. «You know, we had to fight in the big war between the English and the German» (man zwang uns zu kämpfen im grossen Krieg zwischen den Engländern und den Deutschen).

Unser Erzähler, nennen wir ihn «Letsie», landete mit seinen Kameraden auf Sizilien. Wenig später ging’s an die Front. Die «ausgeklügelte» Taktik verlief derart, dass in der vordersten Reihe jeweils junge Menschen aus den Kolonien marschierten, die englischen Soldaten kamen in der Regel erst dann, wenn das grösste Gemetzel vorüber war. Zum Ausgleich durften die «English» dann an den jeweiligen Siegesfeiern zuvorderst marschieren, während die schwarzen Soldaten, so sie die diversen Angriffe überlebt hatten, hinten anstehen mussten. Letsie selber musste nicht an die Front, ein Vorgesetzter (Sergeant) hatte sein Talent als Boxer entdeckt, worauf er eine zusätzliche «Ausbildung» erhielt und fortan die Ehre des Regimentes in den Offizierscasinos boxend vertrat. Als erfolgreicher Boxer war er für die Front viel zu schade. Dieser Einschätzung verdankte er wohl letztlich sein Leben. Irgendeinmal war auch dieser Krieg vorbei. Die Überlebenden wurden möglichst rasch zurückgeschickt, es sei denn, man hatte für sie praktische Verwendung bei gerade noch anstehenden Scharmützeln im grossen Königreich (sozusagen als «Kolonialware»). Als sich Letsies Karriere als Boxer zu Ende neigte, musste auch er Europa verlassen, und mit den letzten Übriggebliebenen kehrte er in sein Dorf zurück. Er hatte boxen gelernt, seine Kameraden marschieren und töten. Dem grössten Teil einer ganzen Generation wurde jegliche Chance genommen, sich je am Aufbau ihres Landes einzubringen.

Was mich nachdenklich stimmt: Damals, als wir diese Menschen brauchten, wurden sie gegen ihren Willen «schiffsladungenvoll» nach Europa gebracht, damit sie in einem Krieg, der sie nichts, aber auch gar nichts anging, ihr Leben opferten … Und heute, wenn sie ohne Gewehre, bloss um der Hoffnungslosigkeit zu entfliehen, wieder an unseren Küsten landen, stossen sie auf Ablehnung und Angst. Wie wär’s, wenn wir die Geschichte von Letsie in unsere Geschichtsbücher aufnähmen? Gäbe es dann, wenn wir Zusammenhänge erkennen, etwas mehr Verständnis?

Vor kurzem war ich mit Freunden in Bilbao, und selbstverständlich besuchten wir auch das Guggenheim-Museum. In einem Nebenraum, völlig überraschend, wurde das berühmte Panorama-Gemälde der Bourbaki-Armee gezeigt und erklärt. Am Eingang zum Ausstellungsraum war eine Tafel angebracht, auf der unter anderem stand: Im Winter 1871 flüchteten 87 000 (siebenundachtzigtausend!) Soldaten in die Schweiz. Das war die Geburtsstunde der Berufung der Schweiz als sicherer Hafen für Flüchtlinge (an event seen as the birth of Switzerland’s vocation as a haven for refugees).

Ich war noch nie so stolz, Schweizer zu sein!

PS: Diese Zeilen sind bis auf einige wenige, persönliche Ergänzungen «wahre Geschichte».

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

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Daniel Eckmann 20.09.2018

Fairness und Fairplay in Wirtschaft und Sport

Eigentlich scheint alles bestens. Die Sportler springen immer höher, werfen immer weiter, laufen immer schneller. Und auch der Wirtschaft geht es hierzulande gut, die Konjunkturprognosen zeigen nach oben, das BIP wächst. Der Sport (als Nebensache) und die Wirtschaft (als Hauptsache) sind gar nicht so grundverschieden, wie man auf Anhieb denken könnte. Sie funktionieren sogar erstaunlich ähnlich. Tel quel vergleichbar sind sie freilich nicht. Denn der Sport funktioniert nicht wie ein herkömmlicher Markt. Sein Produkt lässt sich nur bedingt planen, es ist in ungewöhnlichem Mass emotional beeinflussbar, und die Erfolgsfaktoren sind oft irrational. Vom Wetter über die Tagesform oder einen Pfostenschuss bis zum Losglück spielen Zufälligkeiten mit, welchen die Wirtschaft nicht in diesem Masse ausgesetzt ist. Und doch gibt es verblüffende Parallelen. Auch in der Frage, ob es ein zu hoch, zu weit, zu schnell gibt.

 

Adam Smith, der Vater der freien Marktwirtschaft, stellte schon 1776 fest, dass sich der nach Gewinn strebende Mensch für die Gemeinschaft einsetzen müsse. Nicht aus schierer Güte, sondern auch im eigenen Interesse. Smith sagte weiter, dass der freie Markt auf vier Voraussetzungen angewiesen sei: auf ein funktionierendes Rechtssystem, auf Vertrauen unter Wettbewerbern, auf Gewinnchancen und auf eine stete Produktivitätssteigerung. Den Rechtsschutz braucht es als Garantie, dass die Regeln auch gelten. Vertrauen ist nötig, damit der Handel Zug um Zug abgewickelt werden kann. Gewinnchancen sind Triebfedern der Innovation. Und die Produktivitätssteigerung ermöglicht bessere Leistungen ohne Preisanstieg. Er nannte das «die unsichtbare Hand des Marktes». Das alles gilt auch im Sport. Er ist an vier sinngemäss gleiche Voraussetzungen geknüpft, nämlich an Spielregeln, an Fairplay, an Titelchancen und an Training. Die Spielregeln sind das Rechtssystem. Das Fairplay entspricht dem Vertrauen eines Flügelstürmers, dass er nicht von hinten umgemäht wird. Die Aussicht auf Pokale spornt zu Höchstleistungen an. Und das Training ist das Pendant zur Produktivitätssteigerung. Talent allein reicht im Sport ebenso wenig, wie einer Volkswirtschaft Bodenschätze reichen. Man muss intelligente Methoden entwickeln, um etwas daraus zu machen. Nur dann werden der Einzelne, die Mannschaft, das Unternehmen besser.

 

Wichtige Gesetze sind also identisch. Auch dieses: Anerkennung holen sich Athleten und Unternehmer nicht nur mit Resultaten. Es zählt auch etwas weniger klar Fassbares, etwas Feineres, etwas Zerbrechlicheres: die Haltung hinter den Zahlen und Toren, der Umgang mit Menschen, der Stil. Vergisst man das, wird es gefährlich. Im Goldgräberrausch geht nicht nur das Gefühl für Risiken leicht verloren, sondern auch der Anstand. Menschen neigen dazu, Systeme zu überdehnen. Und plötzlich läuft es schief, die Blase platzt und im Ausverkauf der Werte geht das Vertrauen verloren. Gegen Infarkte dieser Art hilft ein Zauberwort, hinter dem mehr steckt, als man meint: Fairness. Fairness kommt aus dem britischen Pferde-Geländesport und verlangt vom Parcoursbauer, dass er den Parcours so anlegt, dass die Gesundheit der Pferde geschützt wird. Die Fairness will also vom Veranstalter, dass er zwar schwierige, aber lösbare Aufgaben stellt. Faire Rahmenbedingungen sind die primäre Voraussetzung für einen gesunden Wettbewerb. Sie entsprechen just den Marktregeln von Adam Smith Erst dann kommt das Fairplay ins Spiel, also das sportliche Verhalten auf dem Terrain. Beides bedingt sich: Fehlanreize bei der Fairness führen notgedrungen zu Fehlverhalten im Fairplay. Nehmen wir die Tour de France, denn ihre Skandale sind derart legendär, dass das Beispiel unverdächtig ist. Was sie fordert, ist unleistbar: Wochenlange Qualen, im Schnee über den Tourmalet und dann in heroischer Schinderei bei 40 Grad auf den Mont Ventoux. Kein Wunder, dass da für Geld, Spitzenplätze und Weltruhm gedopt, betrogen und bestochen wird. Auch in der Wirtschaft münden analoge Fehlanreize im Zerfall: Finanzkrise, Kartelle, Heuschrecken. Wie gesagt, ohne Fairness kein Fairplay. Die gröbsten Fouls passieren hier wie dort nicht vor aller Augen im Stadion, sondern versteckt hinter den Kulissen, wo Rahmenbedingungen auf Spektakel getrimmt werden, statt auf Fairness. Adam Smith hätte keine Freude daran. Denn seine unsichtbare Hand war eben gerade nicht zur Faust geballt.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

 

«Fehlanreize bei der Fairness führen notgedrungen zu Fehlverhalten im Fairplay.»

«Im Goldgräberrausch geht nicht nur das Gefühl für Risiken leicht verloren, sondern auch der Anstand.
«Auch in der Wirtschaft münden Fehlanreize im Zerfall.»

 

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