13.02.2020

Mehr Spinner braucht die Welt

Egal, wohin man blickt, an jeder Ecke lauern ungelöste Probleme. Manche ziehen sich schon über viele Jahre hin. Und wenn mal ein Problem gelöst wird, schafft die Lösung oft gleich ein paar neue dazu. Dabei halten wir uns für die intelligentesten Wesen, die dieser Planet je gesehen hat. Warum sind wir dann nicht in der Lage, endlich unsere Probleme vernünftig zu lösen? Hatte Albert Einstein recht, als er meinte, dass man unmöglich ein Problem mit Gedanken und mit Leuten lösen könne, durch die es ja erst geschaffen wurde?

Ich jedenfalls denke, dass es an der Zeit ist, gewisse Zeitgenossen zu ignorieren. Skeptiker, die den Nuller anzeigen, bevor der Schuss losgegangen ist, ewig Gestrige, die glauben, dass früher alles besser war und die jede neue Idee mit «Ja, aber» killen, Realisten, die nur für möglich halten, was sie kennen, und ihre Sichtweisen mit der Wirklichkeit verwechseln, Leute für die jeder Winter zu kalt, jeder Frühling zu nass, jeder Sommer zu heiss und jeder Herbst zu trüb ist, auf all diese Normalen dürfen wir nicht länger hören. Wir dürfen uns von all den Empörten und Alarmisten, den Weltuntergangspropheten, den Angst- und Panikmachern nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wir sollten uns distanzieren von Leuten, die mit erhobenem Finger durchs Leben rennen, andere anklagen und verurteilen, die glauben zu wissen, was für andere gut ist und was diese zu tun und zu lassen haben; von all diesen Leuten gibt es so viele wie Sand am Meer, und ein Fensterplatz in den Medien ist ihnen erst noch sicher. Nur: Lösungen sind von ihnen keine zu erwarten.

Dabei brauchen wir dringend gute Lösungen. Dafür braucht es «Spinner». Wir brauchen Menschen, die wissen, dass wir noch lange nicht alles wissen, die erkennen, dass wir erst am Anfang und nicht am Ende sind, denen bewusst ist, dass alles im Fluss und nichts von Dauer ist. Menschen, die glauben dass mehr möglich ist, als das, was wir gerade für möglich halten. Wir brauchen Menschen, die trotz aller Widerwärtigkeiten an das Gute glauben, die glauben, dass Mensch und Natur in Einklang leben können, die eine friedliche Welt für realistisch halten, Menschen, die es wagen, das bisher Ungedachte zu denken und das noch nie Versuchte zu versuchen. Wir brauchen Menschen, die ohne ideologische Brille das Ganze sehen und ökologische, ökonomische und soziale Aspekte unter einen Hut bringen. Wir brauchen Menschen, die den kühlen Kopf bewahren, wenn alle um sie herum den Kopf verlieren. Wir brauchen Mutige und Beherzte, die gegen den Strom schwimmen. «Spinner» eben. Und wer weiss: Vielleicht liest gerade jetzt, hier in diesem Augenblick, ein solcher Spinner, eine solche Spinnerin diese Kolumne. Das wäre grossartig.

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbands Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne

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Hubert Schaller 06.02.2020

«Gott, der Herr, hat sie gezählet, ­ dass ihm auch nicht eines fehlet …»

Gemäss Schätzungen sollen die Buschbrände in Australien mehr als einer Milliarde Tieren das Leben gekostet haben. Das kann nur jenen gleichgültig sein, die das Leiden von Tieren für bedeutungslos halten. Der australische Tierethiker Peter Singer hat für diese Menschen den Ausdruck «Speziesisten» geprägt. Speziesisten sind Menschen, die die Interessen der eigenen Spezies höher gewichten als die Interessen jeder anderen Spezies. So wie Rassisten das Wohlergehen der eigenen Rasse über das Wohlergehen aller anderen Rassen stellen, ohne dafür moralisch triftige Gründe zu haben, so halten Speziesisten das Leiden von Menschen grundsätzlich für schlimmer als das Leiden von Tieren. Sie berufen sich dabei in der Regel auf die Vernunft, die dem Menschen eine Sonderstellung innerhalb der Schöpfung gewähre. Singer lässt dieses Argument nicht gelten, denn ob und wie stark ein Lebewesen leidet, hängt nicht von der Frage ab, ob es vernünftig ist, sondern ob es schmerzempfindlich ist. Wenn es um die Zumutbarkeit von Leiden und Schmerzen geht, sind Leidensfähigkeit und Schmerzempfindlichkeit die einzig relevanten Kriterien, die nach Singer in ethischer Hinsicht zu berücksichtigen sind.

Der Historiker Xaver Holtzmann hält in seiner Eröffnungsbilanz für das 21. Jahrhundert fest, dass es mehr Tiere auf Erden gibt als Sterne in der Milchstrasse. Bei einer Fehlerquote von 0,3  Prozent sollen es 200 Milliarden Sterne sein, während die Erde von einer Trillion Tieren (das ist eine Eins mit 18  Nullen) bevölkert wird. Auf einen Menschen entfallen demnach 130 Millionen Tiere. In Bezug auf einzelne Tier­arten liefert Holtzmann folgende Zahlen: 10 Billiarden Ameisen, 300 Milliarden Vögel, 3 Billionen Bienen, 13 Milliarden Hühner, 1,3 Milliarden Rinder, 1 Milliarde Schafe, 935 Millionen Schweine, 699 Millionen Ziegen, 60,9  Millionen Pferde, 19 Millionen Kamele usw.

Im Jahr 2003 gab es von der Gattung der Spixara – einer Papageienart – nur noch ein einziges Exemplar, heute ist diese Vogelart ausgestorben. Sie teilt dieses Schicksal mit 58 000 anderen Tierarten, die jährlich von der Erde verschwinden. «Pro Natura» schätzt, dass innerhalb der letzten drei Jahrzehnte die Insektenpopulation in gewissen Gegenden um bis zu 75 Prozent dezimiert wurde.

Das Leben auf der Erde wiegt 1850 Milliarden Tonnen. 99 Prozent davon sind pflanzlicher Natur. Die Biomasse der Menschheit ist mit 0,1 Milliarden Tonnen vergleichsweise bescheiden.

Rund 60 Milliarden Nutztiere werden weltweit jährlich geschlachtet. Das entspricht mehr als dem Siebenfachen der menschlichen Erdbevölkerung. Pro Sekunde verenden 1900 Tiere in Schlachthöfen überall auf der Welt. Tendenz steigend.

Speziesisten mögen dieses Datenmaterial achselzuckend hinnehmen. Pedanten mögen einwenden, dass es unmöglich ist, Ameisen oder Bienen zu zählen. Für den Fall einer Sammelklage – so der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge – könnten diese Zahlen (selbst bei einer Fehlerquote von 30 Prozent) durchaus erheblich sein.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St.  Michael in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt Hubert Schaller regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

 

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Silvan Jampen 30.01.2020

Taten statt Worte

Die Madrider Weltklimakonferenz im Dezember 2019 endete nach allgemeiner Einschätzung ergebnislos – die Regierungsvertreter konnten sich nicht auf gemeinsame und verbindliche Massnahmen gegen die negativen Auswirkungen der Klima- und Umweltveränderungen einigen. Nicht nur auf globaler Ebene hat die Politik Mühe, konkrete und wirksame Vorschläge durchzubringen, auch in unserem Kanton mahlen die politischen Mühlen extrem langsam, wenn man den zehnjährigen Leidensweg eines halbwegs griffigen Energiegesetzes betrachtet. Das verwundert wenig, denn selbst in unserer konsensbasierten Demokratie wollen Politikerinnen und Politiker wiedergewählt werden, und Bürgerinnen und Konsumenten finden, dass zuerst die anderen handeln sollen. Und zur Not kann man sich hinter der Komplexität des Themas verstecken. Selbst wenn die Wählerinnen und Wähler im vergangenen Herbst massiv die grünen Parteien unterstützt haben, bleibt die Hoffnung vage, der gordische Regulierungs-Knoten könne endlich durchhauen werden. Gefordert sind Taten statt Worte.

Intuitiv ahnen wir es alle: Es wird unangenehm werden. Und zwar so oder so: Die aktuelle Umweltbelastungen erfordern unangenehme Verhaltensänderungen, sonst werden wir von unangenehmen Folgen überrascht werden. Nach Jahren relativ wenig wirksamer Subventionierungen vieler gut gemeinten Ideen und Regulierung in homöopathischen Dosen wird der Druck auf den Energie- und Ressourcenverbrauch gerade im Privatbereich (Mobilität, Wohngebäude) zunehmen. In unserer Demo­kratie wird dies zum ultimativen Test.

Taten statt Worte liefert seit 2001 die praktisch ausschliesslich von Unternehmen finanzierte Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW). Sie berät und begleitet Unternehmen, selbst gesetzte Klimaziele oder Verpflichtungen aus den Reduktionsvereinbarungen mit dem Bund zu erreichen. Dabei wird jeweils die unternehmensspezifische Ausgangslage analysiert und dann die auf den Betrieb angepasste Massnahmen ergriffen. Aufgrund des erfreulich wirtschaftsfreundlichen ersten CO2-Gesetzes des Bundes wurde mit der EnAW ein überaus erfolgreicher Prozess angestossen. In diesem haben bisher mehr als 4000 Unternehmen eine über den Erwartungen liegende Reduktion der CO2-Intensität der Wirtschaft erreicht. Dank der bisher ergriffenen Massnahmen stösst die Schweizer Wirtschaft Jahr für Jahr weniger CO2 aus. Dadurch haben die hiesigen Unternehmen massgeblich dazu beigetragen, dass die Schweiz die Ziele des Kyoto-Protokolls bisher überhaupt erfüllen konnte.

Aber nicht nur das. Die EnAW hat auch eine sich selbst verstärkende Motivations­spirale ausgelöst. Unternehmen, die erfolgreich Projekte zur Ressourcenreduktion umgesetzt haben, wollen mehr machen. Zudem weitet die EnAW ihre Dienste auf KMU aus, die oftmals noch zögern, scheinbar unrentable Erstinvestitionen zu tätigen. Insgesamt entwickelt sich damit ein Multiplikator-Effekt, welcher der öffentlichen Hand und uns Einzelnen als Inspiration dienen kann.

Statt öffentliche Gelder in Subventionen zu stecken, die in alle Himmelsrichtungen zu verpuffen drohen, sollten Kantone damit ihre Vorbildfunktion finanzieren (z.B. Sanierung ihres Immobilien- oder Fahrzeugparks, Umstellung auf erneuerbare Energiequellen). Unser Kanton könnte hierbei proaktiv die «vier Säulen der Freiburger Wirtschaft» (FKB, Groupe E, KGV und TPF) miteinbeziehen. Auch Gemeinden haben ein grosses und weitgehend ungenütztes Potenzial, zum Beispiel beim Werkstoff-Recycling, wo die Schweiz gerade im Bereich Plastik international schlecht dasteht. Die Gemeinden sollten dabei verstärkt untereinander und mit privaten Dienstleistern zusammenarbeiten. Zu viel Naheliegendes liegt schon zu lange ungenutzt brach, selbst wenn die Politik ein rosigeres Bild malt.

Taten statt Worte – die Wirtschaft macht es vor. Jetzt sind die öffentliche Hand und wir Bürgerinnen und Bürger an der Reihe. Lassen wir uns inspirieren, werden wir kreativ und fangen mit jenen Massnahmen an, die rasch, unkompliziert und kostengünstig umgesetzt werden können! Denn wir alle wissen: Es gibt nichts Gutes – ausser man tut es.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Daniel Wegmann 23.01.2020

Lügner!

Zusammen mit einem guten Freund bestieg ich im September 2010 den Mount Langley und genoss die traumhafte Aussicht über die Sierra Nevada. Die Nacht davor hatten wir unser Zelt an einem einsamen Bergsee aufgeschlagen und versucht, uns an der Milchstrasse sattzusehen. Auf dem Gipfel schweiften unser Blicke von der Wüste im Death Valley bis zu den Coastal Mountains, und mit reichlich Fantasie glaubten wir dahinter auch noch den Pazifik zu erkennen.

Während sich meine Zunge noch mit den hartnäckigsten Nougatstücken der Gipfeltoblerone abmühte, betrachtete ich mit meinen Feldstecher den knapp acht Kilometer entfernen Mount Whitney, dem mit 4421 Metern höchsten Gipfel der USA ausserhalb Alaskas. Dort oben drängte sich ein Haufen greller Outdoorjacken, darin eingepackt die glücklichen Gewinnerinnen und Gewinner der begehrten Be­steigungsbewilligungen für diesen Tag.

Warum wollen alle nur immer genau an denselben Ort? Die Welt bietet fast unendlich viele traumhafte Plätze, aber manchmal scheint es mir, im Internet hätte es nur Platz für einige wenige. Kein Wunder: Es glaubt mir ja auch niemand, ich sei in Paris gewesen, ohne Selfie vor dem Eiffelturm. Und sowieso: Nur Aussteiger geben sich mit dem siebthöchsten Gipfel zufrieden, wenn man doch auf den höchsten kann!

Das haben sich bestimmt auch die 5780 Personen gedacht, die bis jetzt den Mount Everest erklommen haben. Die Suche nach Einsamkeit kann es nicht sein, denn an guten Tag muss man auf 8800 Metern bis zu eineinhalb Stunden anstehen, um auf den Gipfel zu kommen. Das kann gefährlich sein: Die Mehrheit der bis jetzt 305 Verunglückten starben auf dem Rückweg.

Deutlich einsamer ist es am tiefsten Punkt der Erde. Vor genau 60 Jahren, am 23.  Ja­nuar  1960, haben Jacques Piccard und Don Walsh als erste die als Challengertiefe bekannte Stelle im Marianengraben aufgesucht. Nur zwei weitere Menschen waren seither in einer solche Tiefe, und damit nur ein Drittel so viele wie auf dem Mond. Zugegeben, ein Selfie aus der dunklen Tiefsee ist halt schon nicht so spektakulär.

Nicht, dass ein Selfie immer genügen würde. Gemäss einer kürzlichen Umfrage in den USA glauben rund sechs Prozent, dass die Mondlandung nie stattgefunden hat. In Russland sollen es sogar mehr als 25  Prozent sein. Und das, obwohl seither verschiedene Satelliten die Landeplätze fotografiert haben.

Was bringt Menschen dazu, vehement an sich widerlegbare Unwahrheiten zu verbreiten? Klar, nicht alles im Leben ist überprüfbar. Manche mögen sogar einwerfen, dass es Wahrheit an sich nicht gibt. Das mag für philosophische Ohren nach reinster Poesie klingen, ist aber wenig alltagstauglich. Und so bekennen sich die Naturwissenschaften dazu, überprüfbare Wahrheiten unserer Welt zu ergründen.

Das heisst aber noch lange nicht, dass sich jede Wahrheit unseren Messungen und Beobachtungen erschliesst. Wo genau die tiefste Stelle im ­Marianengraben liegt, ist zum Beispiel immer noch umstritten, denn eine genau Messung bleibt technisch anspruchsvoll. Entscheidend ist aber nicht, wie gross die Messfehler an sich sind, sondern wie sie im Verhältnis zur Messgrösse stehen. Und so ist die Challengertiefe ganz bestimmt über 10 900 Meter tief, und ein darin versenkter Mount Everest würde mit Sicherheit nicht aus dem Meer ragen. Wer es bezweifelt, möge sich einen grossen Bagger leihen.

Menschen, die sich wissentlich um überprüfbare Fakten scheren, bezeichnen wir gemeinhin als Lügner. Und Lügner, denken wir, hätten in unserer Gesellschaft keinen Platz. Und dennoch sind sie oft unheimlich erfolgreich, gerade in der gegenwärtigen Politik. Woran mag das liegen?

Vielleicht, weil wir alle Mühe damit haben, unser Weltverständnis zu hinterfragen. Das lässt sich experimentell zeigen: Kürzlich wurden in den USA Probanden zuerst über ihre Einstellung zu Waffen befragt. Danach wurde ihnen eine Studie gezeigt, die angeblich einen positiven oder negativen Effekt eines neu erlassenen Waffenverbots in einem anderen Staat der USA beschrieb. Beide Studien waren exakt identisch, sie zeigen einfach vertauschte Zahlen. Dennoch beurteilten die Personen die vorgelegte Studie immer dann als robust und gut gemacht, wenn sie ihrer Meinung entsprach, und als zweifelhaft und nicht aussagekräftig, wenn sie ihrer Meinung widersprach.

Geschickte Lügner nutzen das gezielt aus: Sie bezweifeln nicht nur die Fakten an sich, sie bemühen sich vor allem auch darum, die Quelle der Fakten in Zweifel zu ziehen. Professionelle Lügner erkennt man darum am besten daran, dass sie weniger gerne über Zahlen reden, als anderen Böswilligkeit zu unterstellen. Gehen Sie ihnen nicht auf den Leim!

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse auf Grund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

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Katharina M. Fromm 19.12.2019

WWWW – Winter-Weihnachts- Wochenend-Wienreise

 

F

alls Sie vorweihnachtliche Stressüberstunden abbauen wollen und können, bietet sich eine Wochenend-Städtereise an. Zum Beispiel nach Wien. Nehmen Sie doch den Flug am Freitagnachmittag ab Zürich, quartieren Sie sich in einem schönen Hotel ein und begeben Sie sich sofort per pedes in die vorgebuchte Abendvisite des kunsthistorischen Museums mit Sektempfang und Führung durch die aktuelle Ausstellung (zum Beispiel Breughel letztes und Caravaggio und Bernini dieses Jahr). Womöglich reicht die Zeit, um vorher noch schnell auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Museum einen Kaiserschmarren mit Zwetschkenröster zu verputzen, damit der Sekt nicht auf nüchternen Magen kommt.

 

Nach gut zwei Stunden kommen Sie garantiert begeistert und womöglich leicht beschwipst wieder heraus. Da stört dann auch nicht der in der Zwischenzeit eingesetzte Schneesturm, von dem man auf dem Weg zum Hotel ordentlich durchgepustet wird.

Am nächsten Morgen flanieren Sie gemütlich durch die Stadt, am Stephansdom vorbei (hier kann man auch in einen Fiaker steigen, wenn die Füsse wehtun), sagen der Pummerin Guten Tag, trinken ein Glaserl Champagner unterwegs in einem der herrlichen Weingeschäfte und bummeln dann langsam (idealerweise nicht über die Haupteinkaufsstrasse, sondern durch Nebengässlein im Zickzack und mit Zwischenstopps in den zahlreichen Boutiquen zum Aufwärmen und/oder Shoppen) in Richtung Musikverein am Karlsplatz.

Dort schauen Sie bei der Vorverkaufsstelle der Wiener Philharmonikern rein und kaufen sich, falls vorhanden, ein Ticket für ein Konzert am Samstag um 15.30  Uhr. Was gespielt wird, ist nicht so wichtig – die Qualität wird Sie ohnehin aus den Schuhen hauen. Empfehlenswert und noch erschwinglich sind unter anderem Plätze auf der Galerie ganz oben, erste Reihe, mit Panoramablick und «Mordsakustik», die einem bis ins Knochenmark fährt, besonders bei Bruckners 7.  Symphonie. In der Pause genehmigen Sie sich ein Glas Gespritzten oder einen Braunen.

Alternativ empfiehlt sich ein Besuch der Albertina mit der tollen Dürer-Ausstellung oder, wer es moderner mag, Alex Katz, Andy Warhol und Gerhard Richter. Danach kehren Sie in einem der vielen wunderbaren Wiener Restaurants ein und geniessen wahlweise ein riesiges Wiener Schnitzel vom Kalb mit Salzkartoffeln, einen zarten Tafelspitz mit Kren oder einen Gänsebraten mit Knödeln. Zum Nachtisch dürfen es auch mal Marillenknödel oder ein Apfelstrudel sein. Ein Absacker unterwegs zum Hotel schliesst den Tag harmonisch ab.

Am Sonntag gönnen Sie sich nach einem reichhaltigen Frühstück noch einen Besuch auf einem der zahlreichen und durchaus schönen Weihnachtsmärkte, auf denen meist gutes Handwerk geboten wird, bevor es zurück zum Flughafen geht. Der Rückflug über die herrlich verschneiten Berge lässt auf weisse Weihnachten hoffen. Beim Landeanflug erkennen Sie am in den Schnee gefrästen Logo eines berühmten Sackmesserherstellers, dass Sie im richtigen Land sind.

Vollgesogen mit hochrangigster Kultur und Wiener Schmäh (Küss’ die Hand!), fahren Sie mit den SBB nach Hause und zünden dort das nächste Kerzlein auf dem Adventskranz an – dann kann der Jahresendstress am Montag weitergehen. Alternativ zu Wien empfehlen sich in dieser Jahreszeit auch Strassburg, Hamburg, München, Paris, Mailand, Rom oder Berlin. Allen Lesern genussvolle Weihnachten, frohe Feiertage und ein gutes Jahr 2020!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Gustav 12.12.2019

Die letzte Kolumne

Seit Beginn meiner Karriere sammelt meine Mutter ALLE Artikel über mich. Sie schneidet oder druckt sie aus und klebt sie in ein Fotoalbum. Seit mehr als 25  Jahren. Es stehen mittlerweile zehn vollgeklebte Alben im Schrank! Neulich habe ich einige davon durchgeblättert. Und wenn man seine Karriere so ausführlich gesammelt und dokumentiert nachlesen kann, so darf man getrost auch mal einen Tag lang auf der faulen Haut liegen, denn laut Mutters gesammelten Werke über ihren geliebten Sohn ist dieser in den letzten Jahrzehnten kein fauler Hund gewesen (wie man ihn fälschlicherweise zu Hause oft nennt).

Obwohl – eine weltweite Karriere ist es ja nun auch wieder nicht, die da fein säuberlich in diesen Alben klebt. Die Hälfte aller Artikel stammt nämlich aus dieser Zeitung hier, aus den «Freiburger Nachrichten». Von zahlreichen Konzerten, «Kampf der Chöre» und meinem Abenteuer als Kreuzfahrtkapitän über persönliche Einblicke in den Familienalltag bis zur Gründung einer Akademie: Es scheint, als habe ich tatsächlich alle Schritte und Misstritte in meinem Leben mit euch geteilt – ja, sogar teilen wollen … Was seid ihr eigentlich für mich? Ihr seid ja bloss irgendwelche anonymen Leser und Leserinnen, die ihr irgendwo einen Text über mich lest, weiterblättert und mich wegwerft. Ich kenne euch gar nicht. Oder täusche ich mich? Seid ihr womöglich meine Freunde? Auf jeden Fall endet ein Zusammentreffen mit irgendeinem Deutschfreiburger am Ende der Welt so, dass wir schlussendlich miteinander verwandt sind … Familie also. Da hält man zusammen, durch dick und dünn.

Auf der allerersten Seite im Album Nummer eins hat meine Mutter aber keine Kolumne eingeklebt. Meine Karriere fängt mit einem hässlichen, mittlerweile vergilbten FN-Bild aus dem Jahre 1992 an: «Party Project – erstes Konzert im Sternen Cordast». Ich, 17 Jahre alt, stehend in der hintersten Reihe, mit runder Brille, Akne im Gesicht, im weissen Unterhemd und mit halblangen Lockenhaaren. Doch ich hatte anscheinend Blut geleckt, denn ein bisschen später fand man in der gleichen Zeitung alle paar Monate einen Artikel über mich. «Fri-Son Open-Stage mit Darmcabined», «Fritz Langs Metropolis vertont», «Gustav und sein Kummerorchester» – ich habe sogar einen Artikel mit der Schlagzeile «Der beste Lehrer», obwohl ich einige Jahre vorher fast vom Lehrerseminar geflogen wäre ...

Jeder meiner schöpferischen Fürze hat es in die FN geschafft. Und wisst ihr was? Nicht nur meine. Man muss nicht tot sein, um es in die FN zu schaffen. Alle da draussen, die irgendetwas in ihren Kellern bosgen, basteln, kritzeln und johlen, kriegen dort ihre kleine oder grosse Schlagzeile. Denn unsere Lokalzeitung ist die wichtigste Starthelferin und Verbündete für alle Kulturschaffenden aus Deutschfreiburg. Sie bietet vielen Künstlerinnen und Künstlern eine erste öffentliche Plattform. Junge oder Verkannte oder solche, die sich über Jahrzehnte in ihren kreativen Höhlen verkrochen haben, werden von ihr ermutigt, gestärkt, unterstützt und begleitet. Und verdammt noch mal, wer würde denn über all diese verschrobenen Menschen neben und unter uns berichten, wenn nicht unsere Lokalzeitung? «20 Minuten»? Der «Blick» etwa? Forget it. Da müsst ihr schon eure Hühner schänden oder die Grossmutter erstechen. Ohne unsere FN würde niemand mehr über uns berichten. Also, ehrt und abonniert sie bitteschön, liebe Gratis-Auflage-Leser und -innen am Donnerstag.

Ja, auch meine bescheidene Karriere hat in dieser Zeitung ihren Anfang genommen und mich zum treuen Abonnenten gemacht. Unsere gegenseitige Liebe ging sogar so weit, dass man mich als Kolumnisten haben wollte. Mich?! Einen Songschreiber? Man gab mir die Möglichkeit, mich aus dem starren Korsett der Song-Lyrik zu befreien, und hat mich motiviert, längere Texte als drei Strophen und einen Refrain zu schreiben. Zugegeben, das alles war etwas dilettantisch und ist es auch heute noch. Aber hey, es hat mich uhuere stolz gemacht, dass man mich zum gleichen erlauchten Kreis der auserwählten FN-Kolumnisten zählte wie meinen ehemaligen Deutschlehrer Hubert Schaller – er, der mir nach dem hundertsten Aufsatz auf die Schulter klopfte und väterlich meinte: «Jetzt kann man es langsam lesen, weiter so, mein Junge». Komischerweise gab es immer wieder Leute, die mir Nachrichten geschrieben und sich bedankt haben für meine erfrischenden Texte. Eine studierte Literaturfreundin aus Züri meinte mal, meine Art zu Schreiben klänge wie eine erbärmliche Version von Nick Hornby, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht, sie seien alle Vertreter der sogenannten «Popliteratur». Popliteratur – das klang nach Musik. Und ja, ich fand heraus, dass Texte einen Sound, eine Melodie, eine Dramaturgie haben und haben sollten. Wie ein Song. Und Popliteratur macht das ganz bewusst. Dort darf man alles, ausser gewöhnlich sein. Das hat mir gefallen. Denn wenn man alles darf, dann darf man auch holprig, wirr, vulgär, unfertig und so richtig dilettantisch schreiben. Und genau das habe ich dann auch zwölf Jahre lang gemacht, vor allem für die FN, aber später auch dann und wann für andere Zeitschriften oder Online-Blogs. Manchmal ist es mir gelungen, manchmal nicht. Bei euch durfte ich mich ja verbessern, durfte ausprobieren, über die Grenzen gehen, mal gut, mal schlecht sein, weil ihr meine Freunde – nein, meine Familie seid.

Ich möchte mich bei euch und vor allem bei den «Freiburger Nachrichten» ganz herzlich für diese Grossherzigkeit bedanken, die ich in all den Jahren erfahren durfte. Nach tollen Jahren als Kolumnen-Schreiberling für die FN ist es nun aber an der Zeit aufzuhören. Es gibt keinen wirklichen Grund. Einfach so. Weil alles mal genug ist – ausser die Liebe, und diese bleibt mir dieser Zeitung und euch allen ewig erhalten.

In meiner allerersten Kolumne mit dem Titel «Die heilige FN» habe ich Folgendes resümiert: «Geschichte wird auch bei uns geschrieben, man muss sie nur als solche erkennen.» Diese Geschichte endet hier. Adjö.

Anmerkung: Das Buch «Gustav – Kolumnen» erscheint 2020.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schrieb er seit 2008 über selbst gewählte Themen. Dies ist sein letzter Beitrag.

 

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Franz Engel 05.12.2019

Greta Th., 16-jährig (Gastkolumne)

Im Jahr 1944 schrieb Astrid Lindgren für ihre kranke Tochter die erste Geschichte von Pippi Langstrumpf. Ein tapferes Mädchen, selbstbewusst, mutig, stark und unabhängig, immer in Konflikt mit gesellschaftlichen Normen und Tabus, heimliches Vorbild vieler braver Kinder.

Lieben wir nicht alle dieses Mädchen mit seiner ehrlichen, unkonventionellen Art und seinem Mut, Althergebrachtes zu hinterfragen?

75 Jahre später leben diese Geschichten immer noch. Und wir, die wir als Kinder die Erzählungen vorgelesen bekamen, die ersten Filme mit klopfendem Herzen und glänzenden Augen erlebten, lesen sie erneut unseren Kindern, unseren Enkelkindern vor, und immer noch glänzen die Augen.

Greta Thunberg kommt aus dem gleichen Land wie ­Pippi, sie ist keine Geschichte, im Gegenteil, obwohl noch ein Kind, macht sie Geschichte. Auch sie ist mutig, selbstbewusst, und ohne Rücksicht auf falsche Befindlichkeiten setzt sie sich für die «gute Sache» ein: einen Beitrag gegen die rücksichtslose Zerstörung unserer Mutter Erde zu leisten. Und um dies zu erreichen, wurde ihr bewusst, dass es nicht reicht, brav in der Schulbank zu sitzen und schlaue Aufsätze über den Klimawandel zu schreiben, und ihr ist auch klar, dass sie allein wenig erreichen kann. So appellierte sie an die Kinder auf der ganzen Welt: Wacht auf, wehrt euch, setzt ein Zeichen! Ihre Botschaft wurde gehört, und viele folgten ihr.

Und wie reagierten wir Erwachsenen, die wir doch zumindest einen Teil der Verantwortung mittragen? Mit Abwehr, Drohungen und teilweise mit offener Aggression. Haben wir ein so unglaublich schlechtes Gewissen oder Angst, dieses Mädchen wolle uns etwas wegnehmen?

Was ist bloss mit uns geschehen? Waren wir nicht auch Kinder und haben Fragen gestellt und nach Antworten verlangt? Sind wir in unserer Übersättigung träge und abgestumpft geworden? Warum brauchen wir Lügen und flüchten uns in billige Ausreden? Um unsere Trägheit zu rechtfertigen? Warum setzen wir uns nicht mit den Argumenten der Kinder auseinander, sondern greifen mit unglaublich bösartigen Kommentaren ein 16-jähriges Mädchen an. Von «schwedische Göre», «Greta Dummberg», « Einfaltspinsel» bis «Fuck you Greta» (als Aufschrift auf dem Auto) war alles versammelt.

Sogar mehr oder weniger mittelmässige Satiresendungen versuchen sich auf Kosten dieses Mädchens zu profilieren. Politiker, je nach Farbton, springen heuchlerisch auf den Zug auf oder malen Schreckensszenarien an die Wand. Da stellt sich schon die Frage, was sogenannte «gestandene» Männer bewegt, sich an einem 16-jährigen Mädchen abzu­reagieren? Was ist denn so böse an ihrer Botschaft?

Dass sie darauf hinweist, dass die Erde krank ist? Dass wir endlich aufwachen und handeln sollen, bevor es endgültig zu spät ist? Dass sie diese Botschaft, damit sie überhaupt wahrgenommen wird, mit einem Ausrufezeichen versehen hat: dem Schülerstreik?

Das genügt offensichtlich, um die Pharisäer in allen Lagern zu mobilisieren. Mit Hingabe suchen sie nach «Fehlern», um daraus einen Strick zu drehen. (Wie wir aus der Bibel wissen, hat dieses Verhalten der Pharisäer Tradition.) Erinnert ihr euch an die hämischen Kommentare zu ihrer Reise nach Amerika mit einem Segelschiff? Wie hätten wohl die Kommentare gelautet, wäre sie mit dem Flugzeug geflogen? Und ich bin mir sicher, wäre sie zu Fuss übers Meer gelaufen, man hätte ihr vorgeworfen, dass sie nicht einmal schwimmen könne.

Mir ist das alles fremd: Kinder kämpfen um ihre Zukunft, machen sich berechtigte Sorgen über die Welt von morgen. Drücken dies auf ihre kindliche Art aus und verlangen Entscheidungen. Und wir? Wir schlagen Türen zu, verschliessen Augen und Ohren, verschliessen unser Herz.

Was muss das für ein Triumph sein, ein 16-jähriges Mädchen zum Schweigen zu bringen? Ich wünsche mir so sehr für sie, dass sie ob all der bösartigen Kritik nicht zerbricht und vielleicht für ihren Einsatz belohnt wird, und sei es nur, dass sie wieder Kind sein darf. Was auch immer sie künftig tun mag, was auch immer mit ihr geschieht, an der Dringlichkeit ihrer Botschaft ändert sich nichts.

1854 (!) richtete der Indianerhäuptling ­Seattle (ein «Wilder») folgende Worte an den amerikanischen Kongress (Auszüge): «Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder gelehrt haben, dass die Erde unsere Mutter ist. Was immer der Erde widerfährt, widerfährt den Söhnen und Töchtern der Erde. Wenn Menschen die Erde zerstören, zerstören sie sich selbst. Wir sind ein Teil der Erde, und die Erde ist ein Teil von uns.»

Ich wünsche allen einen besinnlichen Advent.

P.S.: Ein Lied zum Thema: Hannes Wader: «Der Rattenfänger». Wer Ohren hat zu hören …

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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Andreas Kempf 28.11.2019

Konkurrenz belebt das Geschäft

 

Die Freiburger Leichtathletik brachte immer wieder herausragende Athleten, insbesondere auch Läufer, hervor, was nicht zuletzt an der 50-Jahre-Jubiläumsfeier des Freiburger Leichtathletikverbands (FLV) letzten Freitag gebührend zelebriert wurde. Jede Generation hatte ihre läuferischen Aushängeschilder: Jean-Pierre Berset und Nick Minnig in den 1970er-Jahren; Jacques Krähenbühl, der die Freiburger Laufszene über 30  Jahre lang geprägt hatte; Alex Geissbühler, der immer noch alle Freiburger Rekorde über die Mittelstrecken inne- hat; oder in jüngerer Vergangenheit Rolf Rüfenacht, Michel Brügger und Adrian Jenny.

 

In den letzten Jahren musste ich mir allerdings zum Beispiel am Murtenlauf oder an der Corrida Bulloise nicht allzu viele Gedanken machen, ob ich es als bester Freiburger ins Ziel schaffte. Zu gross war der Unterschied in den Ambitionen und im Trainingsaufwand zwischen den anderen Freiburger Läufern und mir.

Doch just in diesem Jahr, wo mich eine erst spät diagnostizierte Hausstaubmilbenallergie seit dem Heitenriederlauf lahmlegte, tut sich etwas an der Spitze des Freiburger Laufsports. Der ehemalige Fussballer Jérémy Schouwey wird immer schneller und überzeugte mit 57:08 am Murtenlauf. Eben dieser Schouwey büsste eventuell für seine (zu) vielen Wettkämpfe und wurde am letzten Lauf des FriRun-Cups (ehemals Freiburger Volkslaufcup) von ­Jari Piller, notabene mehrfacher Medaillengewinner aller Couleur an Schweizermeisterschaften über 3000 Meter Steeple, geschlagen. Da die beiden in der Gesamtwertung gleich auflagen, gewann Piller den FriRun-Cup 2019 aufgrund des Siegs in der letzten Direktbegegnung.

Ein weiterer Kandidat, an dem wir in Zukunft hoffentlich viel Freude haben werden, ist der talentierte Yan Voléry mit Jahrgang 1998. Der U23-Vizeschweizermeister über die 5000  Meter klassierte sich an der Corrida Bulloise, seinem Heimlauf, knapp hinter Schouwey und vor Piller. Zudem erreichte er letztes Jahr über die 5000  Meter eine Zeit unter der psychologisch wichtigen Grenze von 15  Minuten.

Die Aussichten für das Freiburger Laufjahr 2020 sind also spannend, und ich freue mich, nächstes Jahr hoffentlich wieder in alter Frische eingreifen zu können. Denn Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Für die 100-Jahre-Feier des FLV benötigt es allerdings noch einige Generationen guter Läufer (und selbstverständlich auch Läuferinnen). Deshalb liebe Freiburger Jugendliche, Kinder und noch Ungeborene, schnürt eure Laufschuhe!

Der Heitenrieder Läufer und ausgebil­dete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000  m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz.

 

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Daniel Eckmann 21.11.2019

Plädoyer für einen sauberen Sport

Über den Sport wird viel geredet, aber zu wenig nachgedacht. Dabei gibt es sehr grundsätzliche Fragen. Zum Beispiel, wem der Sport eigentlich gehört und wer ihn wohin lenkt. Oder was aus dem gesunden Geist geworden ist, der zum gesunden Körper gehört. Und was ist das überhaupt, dieser gesunde Geist?

Pierre de Coubertin hat das seinerzeit wohl anders gesehen, als es die Dompteure des Weltsports von heute sehen. Für einige von ihnen heiligt so ziemlich jedes Mittel den Erfolg – vom Doping bis zur Korruption. Mit anderen Worten: Der Sport gehört nicht mehr dem Sport. Er gehört seinen Machern. Ihre Rechnung geht allerdings nur auf, wenn alles ins Unvorstellbare getrieben wird: unvorstellbare Rekorde, unvorstellbare Spektakel, unvorstellbare Duelle, unvorstellbare Schinderei, unvorstellbare Inszenierung, unvorstellbare Grössenordnungen und vor allem unvorstellbare Emotionen. Also wird an der Spirale der Überbietungslogik gedreht, bis sie irgendwann kippt.

Beim Weltspitzensport ist es wie bei Frau Müller, die aus dem 50. Stock eines Hochhauses springt, und beim 12. Stock haben alle noch das Gefühl, dass bei Frau Müller eigentlich alles im grünen Bereich ist. Nur ist es vom 12. Stock nicht mehr weit bis zum Boden. Höchste Zeit also zu fragen, ob der Höchstleistungssport noch zu seinen Idealen steht oder nicht. Ja oder nein? «Ja» würde bedeuten: fort mit Doping, fort mit Betrug, fort mit Kartellen und erst recht fort mit dem irrwitzigen Milliardenpoker um Fernsehrechte, um Spielerkäufe und um Topsaläre. Fort mit Pyros, fort mit Chaoten, fort mit der Gewalt in den Stadien und auch fort mit dem Getue, nach jedem Tor just dort jubelnd die Gitter hochzuklettern, wo die Totenkopffahnen wehen und die Fackeln brennen.

Natürlich ist nicht alles morsch im Sport. Der Sport-Apparat produziert viele zauberhafte Momente. Er macht jetzt gerade auf unzähligen Plätzen Menschen in grosser Zahl glücklich. Warum also all die Exzesse? Ist ein bisschen mehr Spektakel wirklich Abfahrtspisten wert, die im Paraplegiker-Zentrum enden? Sind rudelweise Eigenbluttransfusionen in Kauf zu nehmen? Wie ist es möglich, dass massenhafte Vergewaltigungen von Kunstturnerinnen im Mädchenalter bis hinauf zu Olympiasiegerinnen jahrelang unentdeckt bleiben? Wie viele Ampeln müssen noch von Grün auf Orange und von Orange auf Rot wechseln?

Schon fragen sich immer mehr Sponsoren, ab wann der schlechte Ruf der Fifa oder des IOC ihren eigenen Ruf zu beschädigen beginnt. Denn wenn – dann wird es gefährlich. Sponsoren brauchen einen positiven Imagetransfer und suchen zunehmend die ethisch sichere Seite. Erste Boykotte gibt es schon. Andere Firmen legen fest, wofür Sponsorengelder verwendet werden dürfen – und wofür nicht. So setzen immer mehr Unternehmen neue Massstäbe und zwingen den Sport zur Vernunft, indem sie der moralischen Perspektive einen materiellen Wert geben.

Beim Wiedergewinn des Vertrauens ist der Sport in seiner ganzen Breite gefordert, auch der Schweizer Sport. Entscheidend ist das Verhalten jedes Verbands, jedes Vereins, jedes Präsidenten, jeder Trainerin, jedes Trainers, aller Aktiven, jeder Sportpolitikerin und jedes Sportjournalisten. Denn darauf kommt es an: Der Sport muss wieder in den Mittelpunkt – und nicht das Business.

Viel wichtiger als das IOC oder die Fifa sind unsere Sportvereine. Denn wir ­brauchen den Sport, auch einen sauberen Spitzensport. Wir brauchen ihn, weil wir Vorbilder brauchen. Wir brauchen den Sport als Triebfeder. Wir brauchen ihn als Inbegriff des Spielens, der Freude, der Spannung, des Glücks, des Vergessens und Vergebens. Wir brauchen ihn als Chance des Neuanfangs nach jedem Schlusspfiff. Wir brauchen ihn, weil er uns guttut. Wir brauchen ihn, weil er so schön sein kann. Wir brauchen ihn als Hort des Fairplay. Wir brauchen ihn, um anständig verlieren und vor allem anständig gewinnen zu lernen. Wir brauchen ihn, um jeden Tag besser zu werden. Wir brauchen ihn als Juwel in einer an Scherben reichen Welt. So soll es sein. Der Kampf dafür lohnt sich.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann sowie Lehrbeauftragter für strategische Kommunikation an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor des Medienunternehmens SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Eckmann war von 1969 bis 1981 Goalie des BSV Bern und 95-facher Handball-Internationaler. Er wohnt und arbeitet in Murten.

 

 

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Beat Brülhart 14.11.2019

Die Anti-Kolumne

Kolumnenschreibende lieben es, sich zu äussern und «ihren Senf» dazuzugeben. Nicht wenige von ihnen glauben, dass ihre Texte höchstinteressant und von Bedeutung für die Menschheit sind. Vermutlich ist das etwas übertrieben. Macht nichts. Ohne etwas Eitelkeit würde es wohl niemandem in den Sinn kommen, Kolumnen zu schreiben. Eigentlich wollte ich etwas zur Klimafrage schreiben. Aber ich denke, dass es für mich an der Zeit ist, endlich eine Anti-Kolumne zu schreiben. Keine Stellungnahme, keine Thesen und Behauptungen, keine Meinung, keine Schilderung, keine Provokation, einfach nur Fragen.

Was sind eigentlich Klimakinder? Woher kommen sie? Wissen wirklich alle, die sich zu Klimafragen äussern – insbesondere Amateure, Medienleute und Politiker – was unter Klima verstanden wird? Seit wann gibt es Klimawandel? Wie kommt es zustande, dass ein 16-jähriges Mädchen am UNO-Klimagipfel der Welt die Leviten lesen kann? Um wie viel verbessert sich das Klima, wenn wir Schweizer demnächst für einen Flug zwischen 30 und 150 Franken draufzahlen und das Benzin um 10 Rappen verteuert wird? Bekanntlich werden unsere alten Autos ins Ausland verkauft, wo sie noch lange genutzt werden. Verhält sich dort das Weltklima anders?

Um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen, brauchen wir bis dahin für die Wintermonate 16 000 000 Quadratmeter – das sind 2240 Fussballfelder – Solarzellen und 1200 Stück 4-Megawatt-Windräder. Weiss jemand, wo die alle aufgestellt werden sollen? Gibt es genügend Leute, die darauf bestehen, dass in ihrer Gegend Windräder aufgestellt werden? Werden wir diesbezüglich auf die Klimaschützer zählen können? Was ist hierzulande die rechtliche Grundlage zur Ausrufung des Klimanotstands einer Gemeinde? Warum sind «Grüne» meistens «rot»? Was genau tun eigentlich Klimaretter? Ist ihr Anspruch, die Moral auf ihrer Seite zu haben, gerechtfertigt? Woher nimmt jemand die Legitimation, andern zu sagen, wie sie zu leben haben? Wer bestimmt, was das Gemeinwohl ist?

Wann ist etwas «wissenschaftlich erwiesen»? Warum wird alles, was wissenschaftlich daher kommt, für bare Münze genommen? Hat es je wissenschaftliche Prognosen gegeben, die dann tatsächlich auch 1:1 eingetroffen sind? Unter Einsatz modernster Technologien sind Meteorologen in der Lage, zuverlässige Wetterprognosen über drei bis fünf Tage zu machen; wie kommt es, dass Klimatologen wissen, wie sich das Klima in zehn bis zwanzig Jahren verhalten wird? Weshalb wird jemand, der die Klimaprognosen hinterfragt, verunglimpft und in die Ecke der Klimaleugner gestellt? Ist wissenschaftliche Wahrheit eine Frage von Mehrheiten?

Und zu guter Letzt noch etwas Weihnachtliches: Hat es mit Toleranz zu tun, wenn aus dem Weihnachtsmarkt der Wintermarkt wird, aus der Adventsbeleuchtung die Winterbeleuchtung und wenn Weihnachten in Jahresend­feier umbenannt wird? Soll man gegenüber Intoleranten tolerant sein?

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbands Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

«Um wie viel verbessert sich das Klima, wenn wir Schweizer für einen Flug zwischen 30 und 150 Franken draufzahlen und das Benzin um 10  Rappen verteuert wird?»
«Ich denke, dass es für mich an der Zeit ist, endlich eine Anti-Kolumne zu schreiben.»

 

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