Spitzmarke: 
Katharina M. Fromm 19.12.2019

WWWW – Winter-Weihnachts- Wochenend-Wienreise

 

F

alls Sie vorweihnachtliche Stressüberstunden abbauen wollen und können, bietet sich eine Wochenend-Städtereise an. Zum Beispiel nach Wien. Nehmen Sie doch den Flug am Freitagnachmittag ab Zürich, quartieren Sie sich in einem schönen Hotel ein und begeben Sie sich sofort per pedes in die vorgebuchte Abendvisite des kunsthistorischen Museums mit Sektempfang und Führung durch die aktuelle Ausstellung (zum Beispiel Breughel letztes und Caravaggio und Bernini dieses Jahr). Womöglich reicht die Zeit, um vorher noch schnell auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Museum einen Kaiserschmarren mit Zwetschkenröster zu verputzen, damit der Sekt nicht auf nüchternen Magen kommt.

 

Nach gut zwei Stunden kommen Sie garantiert begeistert und womöglich leicht beschwipst wieder heraus. Da stört dann auch nicht der in der Zwischenzeit eingesetzte Schneesturm, von dem man auf dem Weg zum Hotel ordentlich durchgepustet wird.

Am nächsten Morgen flanieren Sie gemütlich durch die Stadt, am Stephansdom vorbei (hier kann man auch in einen Fiaker steigen, wenn die Füsse wehtun), sagen der Pummerin Guten Tag, trinken ein Glaserl Champagner unterwegs in einem der herrlichen Weingeschäfte und bummeln dann langsam (idealerweise nicht über die Haupteinkaufsstrasse, sondern durch Nebengässlein im Zickzack und mit Zwischenstopps in den zahlreichen Boutiquen zum Aufwärmen und/oder Shoppen) in Richtung Musikverein am Karlsplatz.

Dort schauen Sie bei der Vorverkaufsstelle der Wiener Philharmonikern rein und kaufen sich, falls vorhanden, ein Ticket für ein Konzert am Samstag um 15.30  Uhr. Was gespielt wird, ist nicht so wichtig – die Qualität wird Sie ohnehin aus den Schuhen hauen. Empfehlenswert und noch erschwinglich sind unter anderem Plätze auf der Galerie ganz oben, erste Reihe, mit Panoramablick und «Mordsakustik», die einem bis ins Knochenmark fährt, besonders bei Bruckners 7.  Symphonie. In der Pause genehmigen Sie sich ein Glas Gespritzten oder einen Braunen.

Alternativ empfiehlt sich ein Besuch der Albertina mit der tollen Dürer-Ausstellung oder, wer es moderner mag, Alex Katz, Andy Warhol und Gerhard Richter. Danach kehren Sie in einem der vielen wunderbaren Wiener Restaurants ein und geniessen wahlweise ein riesiges Wiener Schnitzel vom Kalb mit Salzkartoffeln, einen zarten Tafelspitz mit Kren oder einen Gänsebraten mit Knödeln. Zum Nachtisch dürfen es auch mal Marillenknödel oder ein Apfelstrudel sein. Ein Absacker unterwegs zum Hotel schliesst den Tag harmonisch ab.

Am Sonntag gönnen Sie sich nach einem reichhaltigen Frühstück noch einen Besuch auf einem der zahlreichen und durchaus schönen Weihnachtsmärkte, auf denen meist gutes Handwerk geboten wird, bevor es zurück zum Flughafen geht. Der Rückflug über die herrlich verschneiten Berge lässt auf weisse Weihnachten hoffen. Beim Landeanflug erkennen Sie am in den Schnee gefrästen Logo eines berühmten Sackmesserherstellers, dass Sie im richtigen Land sind.

Vollgesogen mit hochrangigster Kultur und Wiener Schmäh (Küss’ die Hand!), fahren Sie mit den SBB nach Hause und zünden dort das nächste Kerzlein auf dem Adventskranz an – dann kann der Jahresendstress am Montag weitergehen. Alternativ zu Wien empfehlen sich in dieser Jahreszeit auch Strassburg, Hamburg, München, Paris, Mailand, Rom oder Berlin. Allen Lesern genussvolle Weihnachten, frohe Feiertage und ein gutes Jahr 2020!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
8
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Gustav 12.12.2019

Die letzte Kolumne

Seit Beginn meiner Karriere sammelt meine Mutter ALLE Artikel über mich. Sie schneidet oder druckt sie aus und klebt sie in ein Fotoalbum. Seit mehr als 25  Jahren. Es stehen mittlerweile zehn vollgeklebte Alben im Schrank! Neulich habe ich einige davon durchgeblättert. Und wenn man seine Karriere so ausführlich gesammelt und dokumentiert nachlesen kann, so darf man getrost auch mal einen Tag lang auf der faulen Haut liegen, denn laut Mutters gesammelten Werke über ihren geliebten Sohn ist dieser in den letzten Jahrzehnten kein fauler Hund gewesen (wie man ihn fälschlicherweise zu Hause oft nennt).

Obwohl – eine weltweite Karriere ist es ja nun auch wieder nicht, die da fein säuberlich in diesen Alben klebt. Die Hälfte aller Artikel stammt nämlich aus dieser Zeitung hier, aus den «Freiburger Nachrichten». Von zahlreichen Konzerten, «Kampf der Chöre» und meinem Abenteuer als Kreuzfahrtkapitän über persönliche Einblicke in den Familienalltag bis zur Gründung einer Akademie: Es scheint, als habe ich tatsächlich alle Schritte und Misstritte in meinem Leben mit euch geteilt – ja, sogar teilen wollen … Was seid ihr eigentlich für mich? Ihr seid ja bloss irgendwelche anonymen Leser und Leserinnen, die ihr irgendwo einen Text über mich lest, weiterblättert und mich wegwerft. Ich kenne euch gar nicht. Oder täusche ich mich? Seid ihr womöglich meine Freunde? Auf jeden Fall endet ein Zusammentreffen mit irgendeinem Deutschfreiburger am Ende der Welt so, dass wir schlussendlich miteinander verwandt sind … Familie also. Da hält man zusammen, durch dick und dünn.

Auf der allerersten Seite im Album Nummer eins hat meine Mutter aber keine Kolumne eingeklebt. Meine Karriere fängt mit einem hässlichen, mittlerweile vergilbten FN-Bild aus dem Jahre 1992 an: «Party Project – erstes Konzert im Sternen Cordast». Ich, 17 Jahre alt, stehend in der hintersten Reihe, mit runder Brille, Akne im Gesicht, im weissen Unterhemd und mit halblangen Lockenhaaren. Doch ich hatte anscheinend Blut geleckt, denn ein bisschen später fand man in der gleichen Zeitung alle paar Monate einen Artikel über mich. «Fri-Son Open-Stage mit Darmcabined», «Fritz Langs Metropolis vertont», «Gustav und sein Kummerorchester» – ich habe sogar einen Artikel mit der Schlagzeile «Der beste Lehrer», obwohl ich einige Jahre vorher fast vom Lehrerseminar geflogen wäre ...

Jeder meiner schöpferischen Fürze hat es in die FN geschafft. Und wisst ihr was? Nicht nur meine. Man muss nicht tot sein, um es in die FN zu schaffen. Alle da draussen, die irgendetwas in ihren Kellern bosgen, basteln, kritzeln und johlen, kriegen dort ihre kleine oder grosse Schlagzeile. Denn unsere Lokalzeitung ist die wichtigste Starthelferin und Verbündete für alle Kulturschaffenden aus Deutschfreiburg. Sie bietet vielen Künstlerinnen und Künstlern eine erste öffentliche Plattform. Junge oder Verkannte oder solche, die sich über Jahrzehnte in ihren kreativen Höhlen verkrochen haben, werden von ihr ermutigt, gestärkt, unterstützt und begleitet. Und verdammt noch mal, wer würde denn über all diese verschrobenen Menschen neben und unter uns berichten, wenn nicht unsere Lokalzeitung? «20 Minuten»? Der «Blick» etwa? Forget it. Da müsst ihr schon eure Hühner schänden oder die Grossmutter erstechen. Ohne unsere FN würde niemand mehr über uns berichten. Also, ehrt und abonniert sie bitteschön, liebe Gratis-Auflage-Leser und -innen am Donnerstag.

Ja, auch meine bescheidene Karriere hat in dieser Zeitung ihren Anfang genommen und mich zum treuen Abonnenten gemacht. Unsere gegenseitige Liebe ging sogar so weit, dass man mich als Kolumnisten haben wollte. Mich?! Einen Songschreiber? Man gab mir die Möglichkeit, mich aus dem starren Korsett der Song-Lyrik zu befreien, und hat mich motiviert, längere Texte als drei Strophen und einen Refrain zu schreiben. Zugegeben, das alles war etwas dilettantisch und ist es auch heute noch. Aber hey, es hat mich uhuere stolz gemacht, dass man mich zum gleichen erlauchten Kreis der auserwählten FN-Kolumnisten zählte wie meinen ehemaligen Deutschlehrer Hubert Schaller – er, der mir nach dem hundertsten Aufsatz auf die Schulter klopfte und väterlich meinte: «Jetzt kann man es langsam lesen, weiter so, mein Junge». Komischerweise gab es immer wieder Leute, die mir Nachrichten geschrieben und sich bedankt haben für meine erfrischenden Texte. Eine studierte Literaturfreundin aus Züri meinte mal, meine Art zu Schreiben klänge wie eine erbärmliche Version von Nick Hornby, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht, sie seien alle Vertreter der sogenannten «Popliteratur». Popliteratur – das klang nach Musik. Und ja, ich fand heraus, dass Texte einen Sound, eine Melodie, eine Dramaturgie haben und haben sollten. Wie ein Song. Und Popliteratur macht das ganz bewusst. Dort darf man alles, ausser gewöhnlich sein. Das hat mir gefallen. Denn wenn man alles darf, dann darf man auch holprig, wirr, vulgär, unfertig und so richtig dilettantisch schreiben. Und genau das habe ich dann auch zwölf Jahre lang gemacht, vor allem für die FN, aber später auch dann und wann für andere Zeitschriften oder Online-Blogs. Manchmal ist es mir gelungen, manchmal nicht. Bei euch durfte ich mich ja verbessern, durfte ausprobieren, über die Grenzen gehen, mal gut, mal schlecht sein, weil ihr meine Freunde – nein, meine Familie seid.

Ich möchte mich bei euch und vor allem bei den «Freiburger Nachrichten» ganz herzlich für diese Grossherzigkeit bedanken, die ich in all den Jahren erfahren durfte. Nach tollen Jahren als Kolumnen-Schreiberling für die FN ist es nun aber an der Zeit aufzuhören. Es gibt keinen wirklichen Grund. Einfach so. Weil alles mal genug ist – ausser die Liebe, und diese bleibt mir dieser Zeitung und euch allen ewig erhalten.

In meiner allerersten Kolumne mit dem Titel «Die heilige FN» habe ich Folgendes resümiert: «Geschichte wird auch bei uns geschrieben, man muss sie nur als solche erkennen.» Diese Geschichte endet hier. Adjö.

Anmerkung: Das Buch «Gustav – Kolumnen» erscheint 2020.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schrieb er seit 2008 über selbst gewählte Themen. Dies ist sein letzter Beitrag.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
5
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Franz Engel 05.12.2019

Greta Th., 16-jährig (Gastkolumne)

Im Jahr 1944 schrieb Astrid Lindgren für ihre kranke Tochter die erste Geschichte von Pippi Langstrumpf. Ein tapferes Mädchen, selbstbewusst, mutig, stark und unabhängig, immer in Konflikt mit gesellschaftlichen Normen und Tabus, heimliches Vorbild vieler braver Kinder.

Lieben wir nicht alle dieses Mädchen mit seiner ehrlichen, unkonventionellen Art und seinem Mut, Althergebrachtes zu hinterfragen?

75 Jahre später leben diese Geschichten immer noch. Und wir, die wir als Kinder die Erzählungen vorgelesen bekamen, die ersten Filme mit klopfendem Herzen und glänzenden Augen erlebten, lesen sie erneut unseren Kindern, unseren Enkelkindern vor, und immer noch glänzen die Augen.

Greta Thunberg kommt aus dem gleichen Land wie ­Pippi, sie ist keine Geschichte, im Gegenteil, obwohl noch ein Kind, macht sie Geschichte. Auch sie ist mutig, selbstbewusst, und ohne Rücksicht auf falsche Befindlichkeiten setzt sie sich für die «gute Sache» ein: einen Beitrag gegen die rücksichtslose Zerstörung unserer Mutter Erde zu leisten. Und um dies zu erreichen, wurde ihr bewusst, dass es nicht reicht, brav in der Schulbank zu sitzen und schlaue Aufsätze über den Klimawandel zu schreiben, und ihr ist auch klar, dass sie allein wenig erreichen kann. So appellierte sie an die Kinder auf der ganzen Welt: Wacht auf, wehrt euch, setzt ein Zeichen! Ihre Botschaft wurde gehört, und viele folgten ihr.

Und wie reagierten wir Erwachsenen, die wir doch zumindest einen Teil der Verantwortung mittragen? Mit Abwehr, Drohungen und teilweise mit offener Aggression. Haben wir ein so unglaublich schlechtes Gewissen oder Angst, dieses Mädchen wolle uns etwas wegnehmen?

Was ist bloss mit uns geschehen? Waren wir nicht auch Kinder und haben Fragen gestellt und nach Antworten verlangt? Sind wir in unserer Übersättigung träge und abgestumpft geworden? Warum brauchen wir Lügen und flüchten uns in billige Ausreden? Um unsere Trägheit zu rechtfertigen? Warum setzen wir uns nicht mit den Argumenten der Kinder auseinander, sondern greifen mit unglaublich bösartigen Kommentaren ein 16-jähriges Mädchen an. Von «schwedische Göre», «Greta Dummberg», « Einfaltspinsel» bis «Fuck you Greta» (als Aufschrift auf dem Auto) war alles versammelt.

Sogar mehr oder weniger mittelmässige Satiresendungen versuchen sich auf Kosten dieses Mädchens zu profilieren. Politiker, je nach Farbton, springen heuchlerisch auf den Zug auf oder malen Schreckensszenarien an die Wand. Da stellt sich schon die Frage, was sogenannte «gestandene» Männer bewegt, sich an einem 16-jährigen Mädchen abzu­reagieren? Was ist denn so böse an ihrer Botschaft?

Dass sie darauf hinweist, dass die Erde krank ist? Dass wir endlich aufwachen und handeln sollen, bevor es endgültig zu spät ist? Dass sie diese Botschaft, damit sie überhaupt wahrgenommen wird, mit einem Ausrufezeichen versehen hat: dem Schülerstreik?

Das genügt offensichtlich, um die Pharisäer in allen Lagern zu mobilisieren. Mit Hingabe suchen sie nach «Fehlern», um daraus einen Strick zu drehen. (Wie wir aus der Bibel wissen, hat dieses Verhalten der Pharisäer Tradition.) Erinnert ihr euch an die hämischen Kommentare zu ihrer Reise nach Amerika mit einem Segelschiff? Wie hätten wohl die Kommentare gelautet, wäre sie mit dem Flugzeug geflogen? Und ich bin mir sicher, wäre sie zu Fuss übers Meer gelaufen, man hätte ihr vorgeworfen, dass sie nicht einmal schwimmen könne.

Mir ist das alles fremd: Kinder kämpfen um ihre Zukunft, machen sich berechtigte Sorgen über die Welt von morgen. Drücken dies auf ihre kindliche Art aus und verlangen Entscheidungen. Und wir? Wir schlagen Türen zu, verschliessen Augen und Ohren, verschliessen unser Herz.

Was muss das für ein Triumph sein, ein 16-jähriges Mädchen zum Schweigen zu bringen? Ich wünsche mir so sehr für sie, dass sie ob all der bösartigen Kritik nicht zerbricht und vielleicht für ihren Einsatz belohnt wird, und sei es nur, dass sie wieder Kind sein darf. Was auch immer sie künftig tun mag, was auch immer mit ihr geschieht, an der Dringlichkeit ihrer Botschaft ändert sich nichts.

1854 (!) richtete der Indianerhäuptling ­Seattle (ein «Wilder») folgende Worte an den amerikanischen Kongress (Auszüge): «Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder gelehrt haben, dass die Erde unsere Mutter ist. Was immer der Erde widerfährt, widerfährt den Söhnen und Töchtern der Erde. Wenn Menschen die Erde zerstören, zerstören sie sich selbst. Wir sind ein Teil der Erde, und die Erde ist ein Teil von uns.»

Ich wünsche allen einen besinnlichen Advent.

P.S.: Ein Lied zum Thema: Hannes Wader: «Der Rattenfänger». Wer Ohren hat zu hören …

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
7
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Andreas Kempf 28.11.2019

Konkurrenz belebt das Geschäft

 

Die Freiburger Leichtathletik brachte immer wieder herausragende Athleten, insbesondere auch Läufer, hervor, was nicht zuletzt an der 50-Jahre-Jubiläumsfeier des Freiburger Leichtathletikverbands (FLV) letzten Freitag gebührend zelebriert wurde. Jede Generation hatte ihre läuferischen Aushängeschilder: Jean-Pierre Berset und Nick Minnig in den 1970er-Jahren; Jacques Krähenbühl, der die Freiburger Laufszene über 30  Jahre lang geprägt hatte; Alex Geissbühler, der immer noch alle Freiburger Rekorde über die Mittelstrecken inne- hat; oder in jüngerer Vergangenheit Rolf Rüfenacht, Michel Brügger und Adrian Jenny.

 

In den letzten Jahren musste ich mir allerdings zum Beispiel am Murtenlauf oder an der Corrida Bulloise nicht allzu viele Gedanken machen, ob ich es als bester Freiburger ins Ziel schaffte. Zu gross war der Unterschied in den Ambitionen und im Trainingsaufwand zwischen den anderen Freiburger Läufern und mir.

Doch just in diesem Jahr, wo mich eine erst spät diagnostizierte Hausstaubmilbenallergie seit dem Heitenriederlauf lahmlegte, tut sich etwas an der Spitze des Freiburger Laufsports. Der ehemalige Fussballer Jérémy Schouwey wird immer schneller und überzeugte mit 57:08 am Murtenlauf. Eben dieser Schouwey büsste eventuell für seine (zu) vielen Wettkämpfe und wurde am letzten Lauf des FriRun-Cups (ehemals Freiburger Volkslaufcup) von ­Jari Piller, notabene mehrfacher Medaillengewinner aller Couleur an Schweizermeisterschaften über 3000 Meter Steeple, geschlagen. Da die beiden in der Gesamtwertung gleich auflagen, gewann Piller den FriRun-Cup 2019 aufgrund des Siegs in der letzten Direktbegegnung.

Ein weiterer Kandidat, an dem wir in Zukunft hoffentlich viel Freude haben werden, ist der talentierte Yan Voléry mit Jahrgang 1998. Der U23-Vizeschweizermeister über die 5000  Meter klassierte sich an der Corrida Bulloise, seinem Heimlauf, knapp hinter Schouwey und vor Piller. Zudem erreichte er letztes Jahr über die 5000  Meter eine Zeit unter der psychologisch wichtigen Grenze von 15  Minuten.

Die Aussichten für das Freiburger Laufjahr 2020 sind also spannend, und ich freue mich, nächstes Jahr hoffentlich wieder in alter Frische eingreifen zu können. Denn Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Für die 100-Jahre-Feier des FLV benötigt es allerdings noch einige Generationen guter Läufer (und selbstverständlich auch Läuferinnen). Deshalb liebe Freiburger Jugendliche, Kinder und noch Ungeborene, schnürt eure Laufschuhe!

Der Heitenrieder Läufer und ausgebil­dete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000  m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Daniel Eckmann 21.11.2019

Plädoyer für einen sauberen Sport

Über den Sport wird viel geredet, aber zu wenig nachgedacht. Dabei gibt es sehr grundsätzliche Fragen. Zum Beispiel, wem der Sport eigentlich gehört und wer ihn wohin lenkt. Oder was aus dem gesunden Geist geworden ist, der zum gesunden Körper gehört. Und was ist das überhaupt, dieser gesunde Geist?

Pierre de Coubertin hat das seinerzeit wohl anders gesehen, als es die Dompteure des Weltsports von heute sehen. Für einige von ihnen heiligt so ziemlich jedes Mittel den Erfolg – vom Doping bis zur Korruption. Mit anderen Worten: Der Sport gehört nicht mehr dem Sport. Er gehört seinen Machern. Ihre Rechnung geht allerdings nur auf, wenn alles ins Unvorstellbare getrieben wird: unvorstellbare Rekorde, unvorstellbare Spektakel, unvorstellbare Duelle, unvorstellbare Schinderei, unvorstellbare Inszenierung, unvorstellbare Grössenordnungen und vor allem unvorstellbare Emotionen. Also wird an der Spirale der Überbietungslogik gedreht, bis sie irgendwann kippt.

Beim Weltspitzensport ist es wie bei Frau Müller, die aus dem 50. Stock eines Hochhauses springt, und beim 12. Stock haben alle noch das Gefühl, dass bei Frau Müller eigentlich alles im grünen Bereich ist. Nur ist es vom 12. Stock nicht mehr weit bis zum Boden. Höchste Zeit also zu fragen, ob der Höchstleistungssport noch zu seinen Idealen steht oder nicht. Ja oder nein? «Ja» würde bedeuten: fort mit Doping, fort mit Betrug, fort mit Kartellen und erst recht fort mit dem irrwitzigen Milliardenpoker um Fernsehrechte, um Spielerkäufe und um Topsaläre. Fort mit Pyros, fort mit Chaoten, fort mit der Gewalt in den Stadien und auch fort mit dem Getue, nach jedem Tor just dort jubelnd die Gitter hochzuklettern, wo die Totenkopffahnen wehen und die Fackeln brennen.

Natürlich ist nicht alles morsch im Sport. Der Sport-Apparat produziert viele zauberhafte Momente. Er macht jetzt gerade auf unzähligen Plätzen Menschen in grosser Zahl glücklich. Warum also all die Exzesse? Ist ein bisschen mehr Spektakel wirklich Abfahrtspisten wert, die im Paraplegiker-Zentrum enden? Sind rudelweise Eigenbluttransfusionen in Kauf zu nehmen? Wie ist es möglich, dass massenhafte Vergewaltigungen von Kunstturnerinnen im Mädchenalter bis hinauf zu Olympiasiegerinnen jahrelang unentdeckt bleiben? Wie viele Ampeln müssen noch von Grün auf Orange und von Orange auf Rot wechseln?

Schon fragen sich immer mehr Sponsoren, ab wann der schlechte Ruf der Fifa oder des IOC ihren eigenen Ruf zu beschädigen beginnt. Denn wenn – dann wird es gefährlich. Sponsoren brauchen einen positiven Imagetransfer und suchen zunehmend die ethisch sichere Seite. Erste Boykotte gibt es schon. Andere Firmen legen fest, wofür Sponsorengelder verwendet werden dürfen – und wofür nicht. So setzen immer mehr Unternehmen neue Massstäbe und zwingen den Sport zur Vernunft, indem sie der moralischen Perspektive einen materiellen Wert geben.

Beim Wiedergewinn des Vertrauens ist der Sport in seiner ganzen Breite gefordert, auch der Schweizer Sport. Entscheidend ist das Verhalten jedes Verbands, jedes Vereins, jedes Präsidenten, jeder Trainerin, jedes Trainers, aller Aktiven, jeder Sportpolitikerin und jedes Sportjournalisten. Denn darauf kommt es an: Der Sport muss wieder in den Mittelpunkt – und nicht das Business.

Viel wichtiger als das IOC oder die Fifa sind unsere Sportvereine. Denn wir ­brauchen den Sport, auch einen sauberen Spitzensport. Wir brauchen ihn, weil wir Vorbilder brauchen. Wir brauchen den Sport als Triebfeder. Wir brauchen ihn als Inbegriff des Spielens, der Freude, der Spannung, des Glücks, des Vergessens und Vergebens. Wir brauchen ihn als Chance des Neuanfangs nach jedem Schlusspfiff. Wir brauchen ihn, weil er uns guttut. Wir brauchen ihn, weil er so schön sein kann. Wir brauchen ihn als Hort des Fairplay. Wir brauchen ihn, um anständig verlieren und vor allem anständig gewinnen zu lernen. Wir brauchen ihn, um jeden Tag besser zu werden. Wir brauchen ihn als Juwel in einer an Scherben reichen Welt. So soll es sein. Der Kampf dafür lohnt sich.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann sowie Lehrbeauftragter für strategische Kommunikation an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor des Medienunternehmens SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Eckmann war von 1969 bis 1981 Goalie des BSV Bern und 95-facher Handball-Internationaler. Er wohnt und arbeitet in Murten.

 

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
4
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Beat Brülhart 14.11.2019

Die Anti-Kolumne

Kolumnenschreibende lieben es, sich zu äussern und «ihren Senf» dazuzugeben. Nicht wenige von ihnen glauben, dass ihre Texte höchstinteressant und von Bedeutung für die Menschheit sind. Vermutlich ist das etwas übertrieben. Macht nichts. Ohne etwas Eitelkeit würde es wohl niemandem in den Sinn kommen, Kolumnen zu schreiben. Eigentlich wollte ich etwas zur Klimafrage schreiben. Aber ich denke, dass es für mich an der Zeit ist, endlich eine Anti-Kolumne zu schreiben. Keine Stellungnahme, keine Thesen und Behauptungen, keine Meinung, keine Schilderung, keine Provokation, einfach nur Fragen.

Was sind eigentlich Klimakinder? Woher kommen sie? Wissen wirklich alle, die sich zu Klimafragen äussern – insbesondere Amateure, Medienleute und Politiker – was unter Klima verstanden wird? Seit wann gibt es Klimawandel? Wie kommt es zustande, dass ein 16-jähriges Mädchen am UNO-Klimagipfel der Welt die Leviten lesen kann? Um wie viel verbessert sich das Klima, wenn wir Schweizer demnächst für einen Flug zwischen 30 und 150 Franken draufzahlen und das Benzin um 10 Rappen verteuert wird? Bekanntlich werden unsere alten Autos ins Ausland verkauft, wo sie noch lange genutzt werden. Verhält sich dort das Weltklima anders?

Um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen, brauchen wir bis dahin für die Wintermonate 16 000 000 Quadratmeter – das sind 2240 Fussballfelder – Solarzellen und 1200 Stück 4-Megawatt-Windräder. Weiss jemand, wo die alle aufgestellt werden sollen? Gibt es genügend Leute, die darauf bestehen, dass in ihrer Gegend Windräder aufgestellt werden? Werden wir diesbezüglich auf die Klimaschützer zählen können? Was ist hierzulande die rechtliche Grundlage zur Ausrufung des Klimanotstands einer Gemeinde? Warum sind «Grüne» meistens «rot»? Was genau tun eigentlich Klimaretter? Ist ihr Anspruch, die Moral auf ihrer Seite zu haben, gerechtfertigt? Woher nimmt jemand die Legitimation, andern zu sagen, wie sie zu leben haben? Wer bestimmt, was das Gemeinwohl ist?

Wann ist etwas «wissenschaftlich erwiesen»? Warum wird alles, was wissenschaftlich daher kommt, für bare Münze genommen? Hat es je wissenschaftliche Prognosen gegeben, die dann tatsächlich auch 1:1 eingetroffen sind? Unter Einsatz modernster Technologien sind Meteorologen in der Lage, zuverlässige Wetterprognosen über drei bis fünf Tage zu machen; wie kommt es, dass Klimatologen wissen, wie sich das Klima in zehn bis zwanzig Jahren verhalten wird? Weshalb wird jemand, der die Klimaprognosen hinterfragt, verunglimpft und in die Ecke der Klimaleugner gestellt? Ist wissenschaftliche Wahrheit eine Frage von Mehrheiten?

Und zu guter Letzt noch etwas Weihnachtliches: Hat es mit Toleranz zu tun, wenn aus dem Weihnachtsmarkt der Wintermarkt wird, aus der Adventsbeleuchtung die Winterbeleuchtung und wenn Weihnachten in Jahresend­feier umbenannt wird? Soll man gegenüber Intoleranten tolerant sein?

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbands Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

«Um wie viel verbessert sich das Klima, wenn wir Schweizer für einen Flug zwischen 30 und 150 Franken draufzahlen und das Benzin um 10  Rappen verteuert wird?»
«Ich denke, dass es für mich an der Zeit ist, endlich eine Anti-Kolumne zu schreiben.»

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
4
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Hubert Schaller 07.11.2019

Alles zu meiner Zeit

Ich besitze eine SRF-App, die mich fortlaufend mit den aktuellsten Meldungen aus aller Welt versorgt. Selbst wenn das Handy unbenützt irgendwo herumliegt, leuchtet der Bildschirm (veraltetes Wort für Display) plötzlich von selbst auf und bestürmt mich mit einer noch aktuelleren Nachricht. (Vermutlich sind wir die bestinformierte Generation der Menschheitsgeschichte, die sich am wenigsten auskennt in der Welt, in der sie lebt.)

 

Neulich las ich folgende Aufforderung: «Abonnieren Sie den neuen ‹News am Morgen›-Push und erfahren Sie, was passiert ist, während Sie geschlafen haben!» Pardon, noch bevor ich den Schlaf aus den Augen gerieben, die Blase entleert und die Zähne geputzt habe, noch bevor ich mich also in meiner kleinen, überschaubaren Welt einigermassen zurechtgefunden habe, soll ich mich bereits um die Welt im Grossen kümmern! Warum behandeln die mich wie einen News-Junkie, der an der Spritze hängt und ständig um neuen Stoff bettelt? Muss ich mich Herrgott noch mal dafür entschuldigen, dass ich mich für ein paar Stündchen ins Bett lege, während die Welt da draussen weiter verrückt spielt? Heisst schlafen heutzutage nur noch verschlafen? Und muss ich das Verschlafene jetzt also spätestens mit dem Morgenkaffee pflichtschuldigst in mich hineinschlürfen?

 

Zugegeben, meine Empörung ist selbst verschuldet. Schliesslich leben wir in einem freien Land. Niemand zwingt mich, diesen «News am Morgen»-Push zu abonnieren, auch für die SRF-App habe ich mich freiwillig entschieden (als Nachrichtenlieferantin täten es die FN doch auch). Ja, selbst das Smartphone hat mir kein anderer aufgezwungen als ich selbst. Ginge es nicht auch ohne? Ich zögere, diese Frage mit einem eindeutigen Ja zu beantworten. Für viele Gleichaltrige und Ältere ist dieses Gerät so etwas wie eine unverzichtbare Waffe gegen das Abgehängtwerden, eine Art Überlebenshilfe in einer Welt, die uns unseren ungestörten Schlaf nur verzeiht, wenn wir uns mit den «News am Morgen» durch den erwachenden Tag pushen lassen.

 

Kürzlich musste ich mir beim Lesen eines Artikels auf meiner SRF-App eingestehen, dass mein täglicher Kampf gegen das Abgehängtwerden immer aussichtsloser wird. In seiner Streitschrift «Die Welt, die ihr nicht mehr versteht» fordert nämlich ein 25-jähriger Informatiker und Software-Unternehmer namens Samuel Koch den Rückzug der (holen Sie mal kurz Luft!) über 40-Jährigen von der öffentlichen Bühne. Wörtlich: «Mit 40 sollte man sich strategisch zurückziehen und den jungen Leuten die Bühne freimachen, damit sie die Zukunft gestalten können.» Wir Ergrauten können uns also noch so sehr bemühen, auf der digitalen Welle mit den Jungen durch die Welt zu surfen, am Schluss sehen wir so alt aus, wie wir tatsächlich sind. Nur dass das Alter jetzt schon mit 40 beginnt, war mir neu. Wahrscheinlich auch wieder so ein «News am Morgen»-Push, den ich sträflich verschlafen habe.

 

Ich plädiere für einen Geschwindigkeitsstreik der Ü40, für Fridays for stop the Future! Irgendwann wird auch dem allerletzten U40-Gestalter der Zukunft dämmern, was der hellsichtige George Orwell schon vor 100 Jahren ohne Zuhilfenahme der «News am Morgen»-Pushs feststellte: «Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, wir laufen nur eiliger an ihr vorbei.»

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St.  Michael in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt Hubert Schaller regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

«Warum behandeln die mich wie einen News-Junkie, der an der Spritze hängt und ständig um neuen Stoff bettelt?»

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
5
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Silvan Jampen 31.10.2019

Aktive Bodenpolitik: Vom Versprechen zum Erfolg

 

Der Grosse Rat hat das Gesetz über die aktive Bodenpolitik angenommen. Zusammen mit einem 2017 beschlossenen Fonds über 100 Millionen Franken soll eine noch zu errichtende kantonale Anstalt Grundstücke für wirtschaftliche Tätigkeiten erwerben, verwalten und entwickeln, um sie Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Als Wirtschaftsförderungsinstrument soll die aktive Bodenpolitik gemäss Staatsrat «in den kommenden Jahren eine massgebliche Rolle für die Stärkung der wirtschaftlichen Dynamik des Kantons spielen».

Die aktive Bodenpolitik ist spätestens seit dem «Fall Galmiz» (2004) ein zentrales Ziel der kantonalen Wirtschaftsförderung und somit nicht wirklich «neu». Freiburg hat bereits in der Vergangenheit Grundstücke erworben, beispielsweise in Freiburg, Romont und St. Aubin. Allerdings will der Staatsrat dem Grossen Rat erst in den nächsten Jahren die Frage vorlegen, «in welche Richtung die aktive Bodenpolitik weiterverfolgt werden soll» (FN vom 19. Oktober).

Aufgrund des Entstehungsprozesses drängt sich die Feststellung auf, dass die aktive Bodenpolitik offensichtlich nicht so schnell einsatzbereit sein wird. Bis der Kanton rascher und aktiver handeln kann, um ansiedlungs- oder ausbauwillige Unternehmen zu unterstützen, dauert es noch etwas. Zudem droht ein Interessenkonflikt: Will der Kanton nämlich ein Grundstück rasch zugunsten eines Unternehmens bereitstellen und nutzbar machen, muss ein solches Projekt auch von den kantonalen Instanzen bewilligt werden.

Der Erfolg der aktiven Bodenpolitik ist somit keinesfalls garantiert und dürfte im Einzelfall von den jeweiligen Umständen abhängen. Laut Forschung ist es denn auch «unklar, was mit aktiver Bodenpolitik genau gemeint ist und ob ein solches Konzept tatsächlich wirksam ist» (Andreas Hengstermann, «Von der passiven Bodennutzungsplanung zur aktiven Bodenpolitik»). Es stellt sich daher die Frage, was Kantone sonst tun können, um die Interessen der Wirtschaftsförderung und der Raumplanung so zu koordinieren, dass eine dynamische Wirtschaftsentwicklung mit möglichst ressourcenschonenden Auswirkungen erfolgen kann.

Seit jeher entscheidend für die Ansiedlung von Unternehmen mit wertschöpfungsintensiven Arbeitsplätzen sind die Rahmenbedingungen, die ein Kanton anbietet. Im Bereich von Raumplanung und Baubewilligung sind damit etwa die Geschwindigkeit der Bewilligungsverfahren und möglichst weitgehend erstellte Erschliessungen gemeint, aber auch innovative Zusatzdienste wie die Versorgung von Wirtschaftszonen mit Lösungen für Energie, Transport und Entsorgung oder auch mit Krippen- und Verpflegungsangeboten. Die Förderung der Rahmenbedingungen ist eine der Hauptaufgaben des Staats und eine vielschichtige Herausforderung.

Gerade was die Realisierung unternehmerischer Investitionen angeht, scheint sich die Situation in den vergangenen Jahren eher verschlechtert zu haben. Die Bewilligungsverfahren – ob für Detailbebauungspläne oder Baubewilligungen – sind für Private wie für federführende Gemeinden komplex, dauern lange und sind entsprechend kaum berechenbar. Investoren und Unternehmen drohen dadurch abgeschreckt zu werden oder benötigen einen langen Atem, was je länger, je weniger mit der unternehmerischen Realität vereinbar ist.

Im Rahmen einer Gesamtstrategie sollte der Freiburger Staatsrat deshalb die Bewilligungsverfahren darauf ausrichten, dass im Kanton ganz allgemein Terrains rascher erschlossen oder umgenutzt und der Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden können. Dies heisst insbesondere auch, die Gemeinden in ihrer Arbeit partnerschaftlich zu unterstützen, damit sie sich als Laien im Dickicht von Vorprüfungen und Bewilligungsvoraussetzungen nicht verlieren. Dabei steht nicht eine Ausweitung, sondern eine bessere Innennutzung, eine bessere Koordination und somit eine Arrondierung der bestehenden Zonen im Vordergrund.

Hausgemachte Verzögerungen beeinträchtigen die Planbarkeit von Entwicklungsschritten und verunsichern Unternehmen. Sie sind ein vielfach erlebtes Ärgernis, das der Kanton in eigener Kompetenz beseitigen könnte und sollte. Das würde auch der aktiven Bodenpolitik zugutekommen, so dass sie sich dereinst als wirksames Instrument erweist.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gast­kolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
8
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Daniel Wegmann 24.10.2019

Ich bin ein Mutant!

Aber ich bin nicht alleine: Im Schnitt trägt jede und jeder von uns ungefähr 50 neue Mutationen, die wir nicht von unseren Eltern geerbt haben. Die allermeisten davon haben keinen nennenswerten Effekt, ausser dass sie uns noch ein wenig einzigartiger machen.

Die ganz wenigen anderen sind höchstwahrscheinlich alles andere als erwünscht, sondern erhöhen unser Risiko für einen Herzinfarkt, an Krebs zu erkranken oder für irgendetwas anderes, das wir niemandem wünschen. Aber kein Grund zur Sorge: Gemessen an den vielen Tausenden ähnlich unerwünschten Mutationen, die uns unsere Vorfahren wie Familienjuwelen von Generation zu Generation weitergereicht haben, sind die paar zusätzlichen meist kaum von Bedeutung. Danke, Urgrossvater!

Sie denken, das klinge deprimierender als die Wettervorhersage der anstehenden Saison? Hier die gute Nachricht: Um einen wirklich negativen Effekt zu haben, müssen wir die meisten Mutationen doppelt in uns tragen. Das liegt daran, dass wir unser Erbgut sowohl von unserer Mutter als auch von unserem Vater erben, und deshalb mit wenigen Ausnahme von jedem Abschnitt zwei Kopien besitzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir die gleiche Mutation gleich von beiden Eltern erhalten haben, ist für die meisten Mutationen klein. Uff!

Natürlich gibt es auch Mutationen, die uns einen Vorteil bescheren. Eine Mutation an der Stelle 24 441 333 auf Chromosom 22 entscheidet zum Beispiel darüber, ob uns Kaffeekonsum den Schlaf raubt oder nicht. Oder die oft zitierte Mutation an der Stelle 135 851 076 auf Chromosom 2, die es auch Erwachsenen ermöglicht, in grossen Mengen Milch zu konsumieren. Alle neugeborenen Säugetiere ernähren sich erst einmal von Milch, erst das macht sie zu Säugetieren. Ausgewachsene Säugetiere trinken aber normalerweise keine Milch mehr, weshalb ihr Körper darauf verzichtet, das zur Verdauung des Milchzuckers notwendige Protein zu produzieren. Ich sowie rund 80  Prozent aller in der Schweiz lebenden Menschen tragen aber mindestens eine Kopie mit einem T anstelle eines C an jener Stelle und produzieren dieses Protein ein Leben lang und sind laktosetolerant. Danke, Urgrossvater!

Vor kurzem haben unsere Kollegen der Universität Zürich genetische Daten von mittelalterlichen Skeletten analysiert und festgestellt, dass auch damals ein Grossteil der Bevölkerung des heutigen Deutschlands Laktose vertrugen. Zur Zeit arbeiten wir an genetischen Daten von einem alten Schlachtfeld, die zeigen, dass dem vor rund 3000 Jahren jedoch nicht so war: Von den 16  untersuchten Kriegern waren nur zwei laktosetolerant.

Diese schnelle Verbreitung einer Mutation innert weniger Tausend Jahre lässt nur einen Schluss zu: Diese Mutation bescherte ihren Trägern einen grossen Vorteil, so dass sie im Schnitt deutlich mehr Kinder hatten als Menschen ohne diese Mutation. Worin bestand aber dieser Vorteil? Das ist nicht eindeutig verstanden, denn die Erklärung, die Träger und ihre Kindern hätten eben Milch konsumieren können und damit eine bessere Ernährung und somit höhere Überlebenswahrscheinlichkeit gehabt, greift zu kurz: Auch Kinder ohne diese Mutation vertragen Milch bestens, genau wie die Kinder aller anderen Säugetiere. Zudem hat der Mensch schon vor Tausenden Jahren herausgefunden, wie man Milch zu Joghurt oder Käse verarbeitet. Hartkäse ist quasi laktosefrei.

Deutlich einfacher ist es dagegen, die Vorteile einzelner Mutationen bei domestizierten Tieren nachzuvollziehen. Ein spannendes Beispiel ist die Mutation an der Stelle 22 999 655 auf dem Chromosom 23 von Pferden: Nur Pferde mit zwei Kopien dieser Mutation können Tölt, eine spezielle Gangart zwischen Trab und Galopp, die besonders angenehm zu reiten ist. Ist es nicht erstaunlich, dass im Wesentlichen eine einzige Mutation bestimmt, ob ein Pferd auf eine bestimmte Weise laufen kann?

Um herumzuspringen wie Roger Federer reicht eine einzige Mutation nicht aus. Dennoch, einige Mutationen beeinflussen nachweislich, wie erfolgreich jemand im Kraft- oder Ausdauersport ist. Sprinter sind genetisch schlechte Marathonläufer, und die meisten von uns sind weder das eine, noch das andere: Uns fehlen schlicht die richtigen Mutationen. Bleibe ich also besser bei meiner genetischen Stärke: dem Fondue. Aber ohne Kaffee danach.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse auf Grund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
1
Media Label: 
Kein Label
Spitzmarke: 
Sus Heiniger 17.10.2019

Füsse auf Erden

Tausende, Millionen Füsse … Es ist ein Fuss-Sprudeln, ein Bein-Flirren, ein bildbestimmendes Tun. Der Ort, an dem ich dies sah, ist zum Begehen geschaffen: Ich befand mich unter der Erde, in einer wichtigen Metrostation der Grossstadt.

Ankommer, Um- und Aussteiger, Einsteiger, Hinaufsteiger, jeder Einzelne schritt zu seinem Zweck und Ziel. Da umgebaut wird in dieser Station, ist der Bodenbelag so, dass Tausend, Millionen Füsse laut hörbar werden, stampfen. Füsse, Füsse, Füsse …

Niemand denkt an seine Füsse? Viele denken an ihr Gesicht. Oben zurechtgemacht, unten vergessen … Wer denkt schon an seine Füsse, ausser sie schmerzen? Obwohl sie mich durchs Leben tragen, meine Füsse. Als ich stehen blieb, um eine Weile dem Schreiten zuzusehen, wie es seinen scheinbar unablässigen Lauf nahm, war ich sofort Störung im Fluss. Ich stellte mich kurz an eine Wand, um das Gehen, Trippeln, Stöckeln als bewegtes Ganzes zu fühlen, das Eilen, alle im selben Fluss, fast im selben Rhythmus.

Unsere Füsse, unsere selbstverständliche Tragfläche von hier nach dort, menschlicher Automatismus eines intakten Körpers. Ich schaue in der Metro zu, sehe den Schwindel der Masse auf ihrem Lebensparcours. Da gibts keine Abstraktion des Schreitens, nur das Glück des Unbehindert-Seins.

Zwei meiner Enkelkinder besuchen begeistert Kletterkurse. Ein Blitzgedanke in dieser Metrostation: Könnte ein bewusstes Fuss- und Handplatzieren einen Weg nach oben, ein Entkommen aus dem Millionengetrampel der Welt bedeuten? Einen Platz der Übersicht?

Wir haben einen Freund, der geht übers Seil. Er kann das. Hoch über dem Boden, von hier nach dort, ein kurzer, langer Weg, ein Luftweg. Er ist auch schon übers Seil geschritten in unserer Stadt. Er schritt über der Hauptstrasse vom Waffenhaus zum Gemüsehaus, und unten standen die Leute mit den Köpfen im Nacken. Ich sah: Augenblicklich – als unser Freund das Seil betrat – schienen den Zuschauern Wurzeln zu wachsen, so reglos verankert standen sie, und so bewusst fühlten sie wohl, was Bodenhaftung, was Füsse bedeuten. Nur der Luftgeher schritt über den Köpfen, als würde sich sein Körper von der Umgebung lösen, bliebe nur noch Luft und Geste, die fast zum Tanz wird. Enthoben aller Fusswege, aller für Füsse vorgesehener Einrichtungen schritt er: Ein Bein hob er an, mit lockerem Knie, streckte den Unterschenkel, tippte mit den Zehenspitzen das Seil, um leicht schleifend nach vorn zu rutschen, um auf der Fusssohle zu stehen, dann dasselbe mit dem andern Bein. Der ganze Körper war ausschliessliches Schreiten, Gewicht Verschieben und Halten. Und man sah von unten die Fusssohlen, das so sehr bewusste Schreiten, man schaute in bewegungsloser Selbstverankerung, wohl ein Reflex auf das Luft-Schreiten.

Kein Luft-, aber ein Bergtänzer war ein anderer Berufsschreiter, der mir begegnete als Bergführer im Atlasgebirge von Marokko. Hussein trug hohe Bergschuhe aus Hartleder. Er trug sie stets nur wenig zugebunden, so dass sie immer etwas um seine dünnen Unterschenkel und um seine Füsse schlackerten. Als er gegen Ende unseres Trips vermehrt über Fussschmerz klagte, fragte ich nach der Art des Zubindens seiner Bergschuhe. Er sei immer so gelaufen, sagte er, kein Problem. Ich schaute auch seine Füsse an, bot gute Creme an, obwohl seine Füsse völlig intakt waren, seine Haut sehr in Ordnung wirkte. Hussein klagte weiter ab und zu über Fussschmerz, mit einem Blick auf meines Mannes Schuhe, wir waren ratlos, kümmerten uns aber fortan immer wieder etwas um seine Füsse. Am Schluss unserer Wanderung beschlossen wir, Hussein, unserem freundlichen und kompetenten Bergführer, die Schuhe meines Mannes zu schenken. Hussein freute sich sehr, die Schmerzen hörten auf. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, sahen wir die Schuhe kurze Zeit später im dörflichen Schuhladen zum Verkauf angeboten. Ich höre uns jetzt noch lachen.

Und obwohl ich nicht gern ungefragt Ratschläge gebe: Füsse pflegen! Sie tragen dich durchs Leben.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig zu selbst gewählten Themen.

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Prio (Story Nr): 
8
Media Label: 
Kein Label

Seiten