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Andreas Kempf 27.12.2018

Ernährung in aller Munde

Gerade während der Festtage ist das Thema Essen allgegenwärtig. Wahrscheinlich hat man weniger den Fokus auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung; sondern möglichst fein, traditionell und üppig soll das Mahl sein. Als Marathonläufer, der bei einer Körpergrösse von 177 Zentimetern ein Gewicht von 64 bis 66 Kilogramm auf die Waage bringt, werden mir viele Fragen zum Thema Ernährung und Gewicht gestellt: Wie schaffst du es, so schlank zu sein? Hast du einen Ernährungsplan? Darfst du auch Weihnachts­kekse und Schokolade essen? Der Fragenkatalog liesse sich beliebig erweitern.

 

Vorneweg, ich bin weder am Hungern, noch zähle ich Kalorien. Mir wird auch nicht von meinem Coach oder einem Ernährungsberater vorgeschrieben, was ich essen soll. Selbstverständlich interessiert mich das Thema Ernährung. Als Ausdauersportler kann ich meine Leistung nur erbringen, wenn ich genügend Energie sowie keine Mangelerscheinungen habe. Vor allem in harten Trainingsphasen mit zwei Laufeinheiten am Tag ist es manchmal gar nicht so einfach, ausreichend zu essen. Einige Stunden vor dem Training muss man aufpassen, dass man nicht zu viel und nur leicht verdauliche Kost zu sich nimmt. Ansonsten wird der Mageninhalt durch die Schläge bei jedem Schritt eher nach oben als nach unten befördert. Kurz nach einem harten Lauftraining ist der Magen-Darm-Trakt leicht durcheinander und hat nicht gross Lust auf Nahrungsaufnahme. Da kann es durchaus sinnvoll sein, mit isotonischen Getränken und Proteinshakes nachzuhelfen. Möchte jedoch ein Hobbysportler an Gewicht verlieren, macht es keinen Sinn, solche Produkte zu konsumieren.

Auch beim Weihnachts­essen muss ich mich zum Glück dank der erhöhten Kalorienverbrennung nicht im Verzicht üben. Die einzigen Geschirrstücke, von denen ich auch an Festtagen nur bedingt Gebrauch mache, sind die Gläser für Champagner, Wein und Bier. Alkohol verträgt sich nun mal nicht gut mit sportlichen (Aus­dauer-)Leistungen und der Regeneration.

Und sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, nach den Silvesterfestivitäten im neuen Jahr einige Pfunde loswerden wollen, versuchen Sie es mit mehr Bewegung und nicht mit einer radikalen Ernährungsumstellung. Denn verbrauchen Sie mehr Kalorien als Sie Ihrem Körper zuführen, fällt ihre Energie­bilanz ins Negative, was automatisch zu einem Gewichtsverlust führt.

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf schreibt als FN-Gastkolumnist regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

«Als Marathonläufer werden mir viele Fragen zum Thema Ernährung gestellt: Wie schaffst du es, so schlank zu sein? Hast du einen Ernährungsplan?»

 

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Daniel Eckmann 20.12.2018

Der Sternenbub, der Esel und das Christkind

Sterne sind keine Engel. Zwar sehen sie von der Erde aus ganz brav aus. Aber das trügt. Sie flackern deshalb so lustig, weil sie ganz zappelig auf die Welt herabgwundern. Einmal war sogar fast die Hölle los, am Himmel oben. Auf der Erde hatte man eine Volkszählung ausgerufen. Alle Menschen mussten dorthin zurück, wo sie geboren waren. Und so packten sie ihre Siebensachen zusammen und machten sich auf den Weg. Für die Sterne gab es natürlich viel zu sehen. War das eine Aufregung! Besonders die kleinen Sterne drängelten ganz waghalsig vor. Am meisten der vorwitzigste Sternenbub von allen. Und doch hatten ihn alle gern. So wie man kleine Sternenbuben halt eben gern hat.

Die himmlische Anziehungskraft hatte alle Hände voll zu tun, damit ja kein Stern vom Himmel purzelte. Sie ging zu Petrus und berichtete ihm ihre Sorgen. Petrus brummte. Er wollte zuletzt, dass die Menschen herausfänden, dass das brave Sternenmeer genau genommen eine Rasselbande war. Lauter Gwundernasen, die schlimmstenfalls vom Himmel zu fallen drohten. Das durfte nicht sein. Beide gingen zum lieben Gott, hielten Rat und fanden einen Ausweg: Petrus trommelte alle Regenwolken zusammen, und die Anziehungskraft zog so viel Staub an, wie sie nur konnte. Staub und Regen gaben einen prima Mörtel, und schon bald waren alle Sterne schön ordentlich an ihren Plätzen festgemauert. Sie leuchteten nun brav einer neben dem andern und ohne Gefahr, vom Himmel zu fallen. Für die vordersten Sterne war das gut. Sie hatten die beste Aussicht. Unser kleiner, vorwitziger Stern aber war gar nicht glücklich. Vor ihm sassen lauter grosse, dicke Sterne, die ihm die Sicht versperrten. Nein, nein, nein! Er wollte auch zuvorderst sitzen. Er musste doch alles sehen, nicht die andern. Mit aller Kraft versuchte er, sich loszureissen, und strampelte, rüttelte und zog. Gerade hatte er in der hintersten Fuge des Mörtels herumgebohrt, als es geschah: Mit Getöse brach sein Platz aus dem Firmament! Der kleine Stern, mitten in einem Schweif voll Staub, fiel und fiel. Die anderen Sterne fanden das lustig. Sie wussten nichts von der grossen Angst im kleinen Sternenherz und leuchteten fröhlich hinter ihm her.

 

Unten auf der Erde sah dieses Leuchten im Staubschweif wunderbar aus. Die Menschen hielten ein und stellten ihre Lasten ab. Sie glaubten, der Stern leuchte ihnen heim und folgten seiner goldenen Bahn einem einsamen Stall zu. Dort war das Christkind geboren. Und zwar nur kurz bevor just neben dem Kripplein unser kleiner Stern zu Boden fiel. Maria und Josef waren natürlich sehr beschäftigt und hatten nichts bemerkt. Nur der Esel hatte gut aufgepasst und spitzte die Ohren.

 

Oh je, jammerte der Stern. Er war jetzt noch verbeulter und hatte grosse Angst. Was würde nur Petrus sagen? Seine Angst wurde noch grösser, als rings um den Stall Stimmen laut und lauter wurden. Aber zum Glück war der Esel ein gescheiter Esel. Er spürte, dass etwas Besonderes geschehen war und er dem Sternenbub helfen musste. Es könnte ja sein, dass die Leute den goldenen Kobold suchten, weil sie immer hinter Gold her sind. Und weil der Esel ein grosses Herz für kleine Sterne hatte, legte er sich sanft über ihn. So konnte er ihn beschützen und gleichzeitig verstecken. Weil aber unser Sternlein zeitlebens gestrahlt und gestrampelt hatte, war es noch ganz warm und weich. Und so wurde aus den staubigen Zacken ein feiner goldener Reif, fast wie ein Heiligenschein. Das weiche Fell hatte ihn blank geputzt, und er glänzte wie nie zuvor. So konnte ihn Petrus nicht mehr erkennen. Er war in Sicherheit.

 

Nur mit etwas hatte niemand gerechnet. Nämlich, dass die Anziehungskraft ihren verlorenen Sternenbub immer noch suchte und zog, so fest sie konnte. Zum Glück war sie zu weit weg, um ihn wieder an den Himmel zu ziehen. Aber ein bisschen wirkte ihre Kraft halt bis auf die Erde. Und so kam es, dass der Sternenreif ein klein wenig schwebte. Dem Esel kam das gerade recht. Denn es kamen immer mehr Menschen zum Stall. Was tun? Und als alle hereindrängten, schob er seinen schwebenden Freund einfach über das Kripplein. Unser Sternenheld verhielt sich mucksmäuschenstill. Und weil er das Christkindlein so goldig anstrahlte, wurde allen warm ums Herz. Unser Stern war ganz stolz. Denn ohne sein Geheimnis wäre vielleicht alles ganz anders herausgekommen.

 

Der Sternenbub, der Esel und das Jesuskind waren fortan unzertrennlich. Unser Held war dort, wo er immer sein wollte: mitten im Geschehen. Und doch hatte er immer häufiger Heimweh nach dem Himmel. Auch das Christkind wurde gross und grösser. Es hatte seinen Heiligenschein zwar sehr gern. Sie waren richtige Freunde geworden. Aber so ein Schein fällt halt auf. Beim Versteckspiel wurde es immer gleich gefunden. Auch konnte es nie unbemerkt Wunder geschehen lassen. Das war sogar für das Christkind ein bisschen zu viel. Eines kam zum anderen und beide spürten, dass sie in einer neuen Form besser füreinander da sein könnten. Und schon bald hatten sie einen Plan. Eigentlich wäre es ja viel gescheiter, wenn der Stern vom Himmel aus zum Rechten schauen würde, und das Christkind auf Erden. Beide konnten ja weiterhin aneinander denken und miteinander plaudern. Sie machten Zeichen ab, wie sie sich zublinzeln können, und sie erfanden sogar eine Geheimsprache, die nur sie zwei verstehen ­konnten.

 

Dem Sternenbub fiel ein grosser Stein vom Herzen. Ihm wurde ganz leicht, und der Anziehungskraft fiel es nicht schwer, ihn an ein gutes Plätzchen am Himmel zu ziehen. Eines ganz zuvorderst. Denn jetzt war er ja nicht mehr einfach ein vorwitziger Stern, sondern hatte eine wichtige Aufgabe und musste immer für das Christkind da sein. Doch, doch: So wie es jetzt war, war es besser. Gut für den Stern, aber auch gut für das Christkind – und erst recht gut für die Menschen. Und darum ist es noch heute so.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann hat drei Söhne und einen Enkel. Er wohnt und arbeitet in Murten.

 

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Beat Brülhart 13.12.2018

Könnte es sein?

Wenn die so weitermachen, fahren sie den Karren noch an die Wand» und «Die machen sowieso, was sie wollen» – beides sind weitverbreitete Meinungen und die Morgendämmerung der Wutbürger. Die Schuldigen sind schnell gefunden: Politiker und Manager. Im schwer durchschaubaren Gebräu von gesellschaftlichem Anspruchsdenken, Eigeninteressen in der Politik und selbstlaufender Bürokratie bringt uns Schuldzuweisung aber keinen Schritt weiter. Vielleicht sollten wir die Scheinwerfer einmal drehen. Auf uns selbst. Auf Sie und mich. Denn uns betrifft es. Wir lassen das alles zu. Dabei könnten wir Einfluss nehmen. Das Einzige, was uns vor einer guten Zukunft abhält, sind wir selbst. Könnte es sein, dass wir unsere eigene Unbeweglichkeit gerne der Bürokratie in die Schuhe schieben? Könnte es sein, dass wir unser eigenes Verharren in der Bequemlichkeitszone dem Sozialstaat anlasten? Könnte es sein, dass die Politik nur deshalb das Spielfeld für mittlere Talente ist, weil wir so gewählt haben? Könnte es sein, dass wir lauthals Dampf ablassen, aber dann doch nichts unternehmen? Könnte es sein, dass wir Veränderung von allen andern erwarten, nur von uns selber nicht?

Wir können Einfluss nehmen. Als Erstes müssen wir dringend unsere Sensoren schärfen und Bewusstsein entwickeln. Wir müssen ein Gefühl bekommen für die unzähligen Volksverblödungen in Medien und Politik, Wirtschaft und Sport. Wir müssen sensibel werden für die Entmündigung und Zwangsbeglückung durch den Staat. Wir dürfen uns nicht länger gängeln lassen von politischen Oberlehrern, interessengesteuerten Experten und staatlichen Besserwissern, die keinen Respekt zeigen vor denen, die sie bezahlen. Wir müssen dringend wieder selbst Verantwortung übernehmen. Niemand muss ins Würstchen beissen, das vor seiner Nase baumelt.

Niemand kann uns zu irgendeinem Handeln verführen, wenn wir es nicht wollen. Niemand kann uns vorschreiben, wie wir zu leben haben, wenn wir es nicht zulassen. Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können selber denken. Und wir können handeln. Wir können fragwürdige Produkte ganz einfach nicht mehr kaufen. Wir müssen kein Antibiotika durchsetztes Fleisch und kein vergiftetes Gemüse essen. Wir können Firmen, die ihre Mitarbeiter ausnutzen, meiden. Wir können durch einen einfachen Druck auf die «Aus»-Taste seichte Sendungen und Selbstverkindlichungsprogramme abstrafen. Wir müssen uns nicht von Treuekarten und Superrabatten zu nach Gudis japsenden Pudeln abrichten lassen. Wir können die lästigen Verpackungen an der Kasse stehen lassen. Wir können das Kleine, das Besondere der Masse vorziehen und bei den örtlichen Dorfläden und Fachgeschäften einkaufen. Wir können den Zug statt das Auto nehmen und auch mal zu Fuss gehen. Wir können den Standby-Modus unserer Geräte abschalten. Wir können auf unseren Körper hören statt bei jedem kleinsten Wehwehchen zum Arzt zu rennen. Wir können die Krankenkasse, die Bank oder die Versicherung wechseln. Wir können den eigenen Abfall reduzieren. Wir können fragwürdige Politiker abwählen. Wir können unsinnige Reglemente nicht befolgen. Wir können uns selber in der Gesellschaft vermehrt engagieren. Das alles und noch viel mehr können wir.

Bequem ist das alles nicht, und womöglich kostet es etwas. Aber: Freiheit und Selbstbestimmung gibt es nicht gratis, und Verantwortung verpflichtet. Sich beklagen und Schuldige suchen ist wie am Bahnhof auf ein Schiff warten.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Gastbeitrag 29.11.2018

Von der SBB auf die Strasse gestellt

Das Bundesverwaltungsgericht hat die Beschwerde von Inclusion Handicap gegen die Einführung der neuen SBB-Doppelstockzüge nur teilweise gutgeheissen. Ursula Schwaller sieht darin die Autonomie von Menschen mit Behinderung eingeschränkt.

Nun fahren sie also, die neuen Doppelstockzüge (FV-Dosto) der SBB. Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden, dass sie jeweils über mindestens eine Einsteigerampe verfügen müssen, deren Neigung nicht mehr als 15 Prozent betragen darf. Zum Vergleich: der Jaunpass hat 14 Prozent maximale Neigung, die Rampe im Bahnhof Freiburg 12 Prozent. Mit meinem Rollstuhl komme ich in den Zug hinein, da brauche ich die Arme nicht für den Vortrieb und kann mich abstützen. Aber raus? Ich würde auf den Hinterkopf fallen, da ich wegen der Querschnittlähmung keine Rumpf­stabilität besitze. Die Bedienungshinweise des Rollstuhls sind klar: Die Stabilität ist bis 10,5 Prozent Neigung gewährt.

Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil zur Beschwerde der Organisation Inclusion Handicap eine EU-Verordnung (TSI PRM) vor das Schweizer Behindertengleich­stellungsgesetz (BehiG) gestellt und ignoriert, dass selbst die TSI-PRM die maximale Neigung, bei der sich ein Rollstuhl stabil bewegen lässt, bei 10,5 Prozent festlegt. Gemäss BehiG müssen Behinderte, die in der Lage sind, den öffentlichen Raum autonom zu benützen, auch Dienstleistungen des öffentlichen Verkehrs autonom beanspruchen können. Mit dem neuen Urteil werden nun in den Schweizer Zügen Rampen möglich, die nicht sicher und selbstständig befahren werden können. In der EU ist die Autonomie nicht gefordert, weshalb – mithilfe Dritter – 15-Prozent-Rampen erlaubt sind. Wie unsicher und herabwürdigend solche Hilfe von aussen sein kann, erfuhr ich, als ich von der SBB im Zug vergessen wurde und mir dann vorgeworfen wurde, ich hätte mich am Ausgangsbahnhof vom SBB-Mitarbeiter in den falschen Wagen «einladen» lassen.

Das neue Urteil des Bundesverwaltungsgerichts widerspricht neben dem BehiG auch den Anforderungen des Bundesamtes für Verkehr (BAV). Es hält eine netzweite autonome ÖV-Benützung nur möglich für mobilitätseingeschränkte Personen, die Rampen mit einer Neigung von zwölf Prozent überwinden können. Ich bin autonom. Wie genau soll ich nun im neuen Zug selbstständig die zusätzlichen drei Prozentpunkte Neigung schaffen? In meinem Berufsalltag als Architektin wird übrigens noch strenger gemessen: Sechs Prozent fordern die Schweizer Baunormen. Ausnahmen bis maximal zwölf Prozent Neigung sind nur in begründeten Einzelfällen möglich.

Es ist durchaus möglich, ohne Zusatzkosten hindernisfreie und kundenfreundliche Züge zu bauen. Die Schweizer Firma Stadler kann das. Ironischerweise fahren solche, auch in der Schweiz zertifizierten Züge, nur im EU-Raum.

Die SBB-Besteller haben übrigens beim Kaufentscheid der Züge nicht nur meine Autonomie der euro­päischen Verordnung TSI PRM geopfert. Auch andere Unzulänglichkeiten des FV-Dosto, beispielsweise das abweichende Raumprofil, das zu den schmalen Treppen und den dürftigen Gepäckablagen führte, sind der EU-Norm geschuldet. Viele Reisende werden dies in den Pendlerzeiten noch zu spüren bekommen. Grund dieses Raumprofils: Unser grösster Zug, konzipiert für die am meisten frequentierten Linien der Schweiz, soll nach den Vorstellungen der SBB wie eine eierlegende Wollmilchsau auch im Ausland eingesetzt werden. Es gibt jedoch weder konkrete Projekte noch einen Auftrag des Bundes in dieser Richtung. Und die erst kürzlich erteilte Bewilligung des BAV für die FV-Dosto-Züge lässt im Gegensatz zum Stadler-Dosto ausschliesslich einen Einsatz in der Schweiz zu.

Wie schwellenfrei die SBB aus eigener Perspektive ist, hat CEO Andreas Meyer erst kürzlich erklärt. In einem Interview wird Meyer zitiert, er nutze mit seinem geh­behinderten Vater das Auto, weil dies unkomplizierter sei.

Die SBB wirbt mit dem Slogan «Unterwegs zuhause». Ob sich Meyers Vater, ein ehemaliger Bähnler, wohl auch so fühlt, als wäre er auf die Strasse gestellt worden?

«Kernaussage Spezial. Wenn KA direkt unter Lead platziert wird, Spalte mit Weissraum füllen.»

Vorname Name

Funktion

Ursula Schwaller

Architektin

Ursula Schwaller ist siebenfache Paracycling-Weltmeisterin, Architektin und Vizepräsidentin der Stiftung «Denk an mich». Sie ist 42 Jahre alt und wohnt in Düdingen.

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29.11.2018

Von Sternen und Menschen

Vor einiger Zeit übernachtete ich in einer hoch über Engelberg gelegenen Berghütte. Nach dem Nachtessen zog es mich auf die Terrasse. Eine Frau mittleren Alters stand ebenfalls dort, eine warme Decke um die Schultern gehüllt.

«Hat es Sie auch auf eine Zigarettenlänge nach draussen verschlagen?», meinte sie in unverkennbarem Basler Dialekt. «Nein, ich möchte bloss den Himmel betrachten. So wie hier in einer Höhe von 2000 Metern in sternenklarer Nacht präsentiert er sich unten im Tal nie.» – «Aha!» – «Zu grosse Lichtverschmutzung.» – «Lichtverschmutzung? Nie gehört!» – «Na ja, so nennt man das halt, wenn die Lichter der Zivilisation den Blick in den Sternenhimmel verstellen.» – «Ach so! Dann sehen also die in Basel zurzeit nicht das Gleiche, wenn sie in den Nachthimmel blicken, wie wir zwei hier oben?» – «Machen Sie doch selber den Vergleich, wenn Sie morgen wieder zu Hause sind.» – «Vielleicht. Mal sehen. Wenn ich nach der Arbeit nicht zu müde bin. Ich habe es halt nicht so mit den Sternen ...!»

Die Frau zieht noch einmal kräftig an ihrer Zigarette, lässt ein letztes Rauchwölklein in den sternenübersäten Himmel steigen und verschwindet wieder in der Hütte. So tönt das also, wenn Altherrenromantik mit Realitätssinn einer überarbeiteten Städterin, die es halt nicht so mit den Sternen hat, zusammenstösst.

Bei nächtlichen Expeditionen habe ich meistens Lorenz Martis «Eine Hand voll Sternenstaub» im Gepäck, eine Art Kosmologie für Dummies, also genau das Richtige für mich. Martis Betrachtungen helfen mir jeweils aus dem blossen Staunen heraus, indem sie das Unfassbare mit Zahlen, Erklärungen und Vergleichen um einige Millimeter in die Gegend des Fassbaren rücken. So konnte ich mich noch in der gleichen Nacht vergewissern, dass wir den Sternen nichts Geringeres verdanken als unser Dasein. Ein Grossteil der Atome und Moleküle unseres Körpers soll aus dem Innern verloschener Sterne stammen. Sie liefern uns die lebensnotwendigen Elemente: Eisen für unser Blut, Sauerstoff für unsere Lungen, Kohlenstoff für unser Gewebe und Kalzium für unsere Knochen. Daraus folgert Marti: «Wir sind wortwörtlich Sternenstaub. Die Sterne sind uns näher als unsere Halsschlagader.»

Am folgenden Morgen beim Abstieg vom Berg holt mich die Frau vom Vorabend ein. Als wir ungefähr auf gleicher Höhe sind, verlangsamt sie ihre Schritte und meint mit einem leicht herablassenden Lächeln im Gesicht: «Na, haben Sie gestern Nacht mit den Sternen Freundschaft geschlossen?» – «Ich weiss nicht, ob die Sterne auf meine Freundschaft Wert legen. Im Allgemeinen haben sie eher ein distanziertes Verhältnis zu uns Menschen, es sei denn, wir befühlen hie und da unsere Halsschlagader ...» Die Frau glotzt mich wie ein lebendiges Fragezeichen an und drückt sich kopfschüttelnd an mir vorbei.

Ich schaue ihr hinterher, und hätte die gestrige Bettlektüre nicht auch meinen Respekt für das Naturwunder Mensch beflügelt, so hätte mich diese erneute Begegnung mit meiner astrophoben Wandergenossin wohl in einer etwas gereizten Stimmung zurückgelassen. Doch die Vorstellung, dass es im Kopf des Homo sapiens mehr neuronale Verknüpfungen geben soll als Sterne in der ganzen Milchstrasse, versetzt mich in eine so weltumspannende Menschenliebe, dass auch eine urbane Raucherin, die es halt nicht so mit den Sternen hat, problemlos darin Platz findet.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Silvan Jampen 22.11.2018

Wer ist hier die Konsumgesellschaft?

Black Friday steht an – die Konsumwelt steht Kopf. Die moderne Gesellschaft ist stark konsumorientiert. In vielem fällt uns auf, dass wir mit diesem Lebensstil beispielsweise unseren Planeten zu überfordern drohen. Wir wissen, das ist nicht nachhaltig.

 

In anderen Belangen unseres Privatlebens sind wir demgegenüber durchaus in der Lage, langfristig zu denken und zu handeln. Wir investieren in eine gute Aus- und Weiterbildung unserer selbst und unserer Kinder. Wir sparen und sorgen vor für den Fall der Fälle. Wir analysieren unsere Risiken und wählen bewusst gewisse Versicherungsdeckungen.

Unternehmen tun dasselbe, nur noch ausgeprägter. Die Unwägbarkeiten in ihrem Tätigkeitsfeld – von den Marktverhältnissen, über die Lieferkette hin zur eigenen Organisation – machen es für sie unabdingbar, langfristig zu denken, haushälterisch umzugehen und in die künftige Entwicklung zu investieren.

Und wie hält es eigentlich der Staat mit dem Konsum? Betrachtet man den Finanzhaushalt der Schweiz auf allen drei Staatsebenen, so muss man feststellen, dass auch bei den staatlichen Ausgaben der Konsumanteil überdurchschnittlich wächst. Konsumausgaben werden hier verstanden als solche, bei denen die öffentliche Hand blosser Umverteiler zwischen Anspruchsgruppen ist, also Steuereinnahmen hier, sofortige Ausgaben an den Unterhalt bestimmter Empfänger dort. Im Gegensatz dazu steht der Einsatz der Staatseinnahmen für längerfristig wirkende Ziele.

Zum Beispiel nahm zwischen 1995 und 2016 der Anteil für soziale Sicherung (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter, Invalidität usw.) an den gesamten staatlichen Ausgaben von 36 auf 40% zu (Quelle: BfS). In absoluten Zahlen ausgedrückt steigerte er sich von 50 Milliarden Franken 1995 auf 90 Milliarden Franken 2016. Dies entspricht einer jährlichen Steigerung von 3,8% bei einem Wachstum der gesamten Ausgaben der öffentlichen Hand von 2,9%. Ein weiteres Phänomen der Ausgaben zur sozialen Sicherung ist der intransparente, ursprünglich nicht gewollte und vor allem nicht nachhaltige Einsatz der Mittel. In der Altersvorsorge beispielsweise findet eine systemwidrige Umverteilung von Jung zu Alt statt (falsche Umrechnung der Einnahmen/Sparkapi­talien in Renten).

Neben der sozialen Sicherung, die zweifelsohne zu den Kernaufgaben eines modernen Staatswesens gehört, können als konsumorientierte Staatsausgaben auch die Subventionierung von strukturschwachen Wirtschaftsbereichen, des überdotierten Gesundheitswesens oder von staatlichen und staatsnahen Unternehmen ohne Konkurrenzdruck bezeichnet werden. Sie dienen heutigen Geldempfängern als Entgelt für gegenwärtige Leistungen, die in ihrem aktuellen Umfang langfristig nicht gerechtfertigt sind. Auch werden manchmal Konsumausgaben als Investitionen verbrämt wie zum Beispiel die flächendeckenden Präventionskampagnen für alles Mögliche mit nicht nachweisbarer Wirkung.

Schliesslich ist zum Staatskonsum auch der Anteil zu zählen, der den Bürgerinnen und Bürgern und den Unternehmen zwangsweise auferlegt wird, wie z. B. Beiträge an umverteilende Sozialversicherungen (AHV, IV, ALV) oder Prämien für die Krankenkassen-Grundversicherung.

Wird mehr für Konsum ausgegeben, verschieben sich die Gewichte im Gefüge der Staatsausgaben. Die relativen Anteile von langfristig wirkenden Ausgaben nimmt ab. So ist der Anteil für Bildung zwar im Beobachtungszeitraum 1995 bis 2016 auch gewachsen, allerdings weniger stark als zum Beispiel die Wohnbevölkerung (1,9% gegenüber 19,2%). Ferner verdrängen Konsumausgaben den Spielraum, der für die jährlichen Kosten von staatlich getätigten Investitionen benötigt wird (Verzinsung, Amortisation, Unterhalt). So besteht schweizweit ein Rückstand in der Infrastruktur (Bahn, Strasse, Abwasserbeseitigung, digitale Infrastruktur usw.). Dieser kommt nicht von ungefähr, wenn der Staat zunehmend das tägliche Umverteilen gegenüber dem langfristig orientierten Investieren bevorzugt.

Die gute Nachricht ist: Wir sind dem aus dem Gleichgewicht geratenen Konsumismus nicht schutzlos ausgeliefert. Wer wirklich etwas verändern will am Konsumverhalten, kann dies tun. Allerdings muss man hierfür angestammte Denkmuster und ausgetrampelte Pfade verlassen. Das gilt bezüglich des privaten wie des staatlichen Konsumverhaltens.

Silvan Jampen ist als Unternehmensjurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Daniel Wegmann 15.11.2018

Alle Stimmbürger sind gleich, aber manche sind gleicher als andere

 

L

etzte Woche wurde in Amerika gewählt. Haben Sie das auch mitbekommen?

 

Mich erinnern amerikanische Wahlen irgendwie an grosse Finale im Fussball: die roten Elefanten gegen die ­blauen Esel! Zwei historisch starke Teams mit treuen Fans, die sich gegenseitig zutiefst verachten. Und genau wie bei der Fussballweltmeisterschaft fiebert die halbe Welt zu nachtschlafender Zeit vor dem Fernseher mit. Auch ist das Regelwerk noch komplexer und sind die taktischen Möglichkeiten noch vielfältiger als im Fussball. Um so lebhafter lässt es sich zwischen den Werbepausen über Vorresultate streiten.

Im Vergleich dazu ist die Spannung bei unseren Wahlen höchstens auf dem Niveau des Guetnachtgschichtlis. Aber wieso eigentlich? Unser parlamentarisches System ist dem amerikanischen nämlich sehr ähnlich: Genau wie in den USA besteht unser Parlament aus zwei Kammern, eine mit Vertretern der Bevölkerung, eine mit Vertretern der Staaten respektive der Kantone. Diese Gemeinsamkeit ist alles andere als zufällig, denn die amerikanische Lösung diente als direktes Vorbild, als der Schweizer Bundesstaat gegründet wurde.

Ebenfalls kopiert wurde damals das Majorz-Wahl­system: In jedem Wahlkreis wurde jeweils der Kandidat mit den meisten Stimmen gewählt. Das führte zu einer ungleichen Machtverteilung, wie wir sie heute aus den USA kennen. Bei den letzten Wahlen haben sich in North Carolina zum Beispiel nur 50,5  Prozent der Wählenden für eine Kandidatin oder einen Kandidaten der Republikaner entschieden. Dennoch haben die Republikaner 10 der 13  Sitze North Carolinas im House of Representatives gewonnen. Mitgeholfen hat dabei auch aggressives Gerrymandering, womit die Praxis bezeichnet wird, die Grenzen von Wahlkreisen zum Vorteil einer Partei zu ziehen.

Auch ohne aktivem Gerrymandering stellten die Radikalen (Vorläufer der heutigen FDP) dank des Majorzsystems von der Gründung der Schweizer Bundesstaates 1848 bis 1917 die absolute Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments. In den Wahlen von 1917 zum Beispiel errangen die Radikalen mit 103 eine komfortable Mehrheit der damals 183 Nationalratssitze – mit nicht ganz 41 Prozent der Stimmen.

Genau wie heute in den USA regte sich seinerzeit in der Schweiz zunehmend Widerstand gegen das als ungerecht empfundene Wahlsystem. Und genau wie heute in den USA waren die Mächtigen in der Schweiz auch seinerzeit nicht bereit, freiwillig auf ihre Vorteile zu verzichten. Doch mittels Volksinitiativen konnte vor hundert Jahren im dritten Anlauf das Proporz­system eingeführt werden. Seit damals werden die Nationalratssitze relativ zu den Wählerstimmen verteilt. Mit dramatischen Auswirkungen: Die Radikalen verloren in den Wahlen von 1919 insgesamt 43  Sitze und müssen seither die Macht mit anderen Parteien teilen.

Eine Änderung des Wahl­systems ist zur Zeit in den USA unvorstellbar. Aber immerhin haben mehrere Staaten Gesetze erlassen, die Gerrymandering einschränken sollen. Der Weg zu einer fairen Wahl, bei der jede Stimme gleichwertig ist, bleibt aber steinig.

Und dennoch: Die USA sind eine funktionierende Demokratie mit vielen Checks and Balances, die keiner Partei uneingeschränkte Macht ermöglicht. Ganz anders sieht es in Ungarn aus: Dort stellt die Partei von Viktor Orban dank Gerrymandering und Majorzsystem eine Zweidrittelmehrheit im Parlament – mit weniger als 45 Prozent der Stimmen. Langweiliger sind nur noch Wahlen wie in Nordkorea, wo in jedem Wahlkreis genau eine einzige Person zur Wahl steht.

Eine funktionierende Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und bedingt, dass die Parteien an der Macht diese nicht missbrauchen, um ihre Macht zu zementieren. Dass unsere Stimmen bei den Wahlen vom nächsten Jahr volles Gewicht haben werden, verdanken wir den Vorkämpfern von vor hundert Jahren und dem Instrument der Volksinitiativen. Doch sind diese ein zweischneidiges Schwert: Es bedürfte nur einer erfolgreichen Volksinitiative, um unsere Demokratie einer Diktatur zu opfern.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

 

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Sus Heiniger 08.11.2018

Unten angekommen

Es ist noch nicht lange her, da wurde ich konfrontiert mit neuen Nachbarn. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern und zwei junge Männer, diese unabhängig voneinander. Konfrontiert deshalb, weil all diese Unbekannten mich mit ihrer blossen Anwesenheit immer wieder herausforderten, mich mit meinen Empfindungen ihrer Situation gegenüber zu beschäftigen.

 

 

Alle neuen Nachbarn leben auf der Strasse, sind wohnungslose Menschen, Arbeitslose. Ich treffe immer wieder auf sie, da sie stets an denselben Stellen auf dem Strassenboden sitzen. Manchmal liegt eines der Familienmitglieder, oder es schläft ein Kind, oder beide. Die beiden jungen Männer lesen den ganzen Tag in Büchern, fast reglos. Ich kann jeweils sehen, wie viel sie wieder weitergelesen haben, an der Breite der Papierseiten, die sich rechts oder links im Buchdeckel beigen. Ich konnte mehrmals sehen, dass eine ältere Frau zur Mittagszeit dem einen dort sitzenden Mann eine Schale mit Essen brachte, in liebevoller Gestik und als würde sie an einem Tisch servieren. Und ich kann auch sehen, wenn die Mutter der Familie den Kindern etwas erzählt oder der Vater ihnen Kleidung an- oder auszieht, je nach Wetter.

Ich kann so lange an diesen Leben teilnehmen, wie ich zusehen will, so lange, wie ich es aushalte, zu spüren, dass wir nicht in einem Einheitsraum leben, da sie «unten» sitzen, ich «oben» stehe. Sie sind Ausgegrenzte in ihrer Situation. Sie sind «draussen», in doppelter Hinsicht. Welche Ungerechtigkeit hat dies so eingerichtet? Diese neuen Nachbarn leben in der Grossstadt, in der auch ich von Zeit zu Zeit lebe, weil ich das frei wählen kann. Weil ich eine von «drinnen» bin, also persönliche Entscheidungsfreiheit habe. Sie sind sozusagen verurteilt zu einer Lebensführung, die Betteln heisst. Und sie tun dies ständig in der Öffentlichkeit, allen fragenden, kritischen, mitleidigen, strafenden Blicken ausgesetzt.

 

Sie machen keine Probleme, sie haben Probleme. Die Familie ist syrisch, sagte sie mir, die beiden jungen Männer sind Franzosen, und die Grossstadt ist Paris, es könnte auch eine andere sein. Beim nahen Bahnhof, wo die syrische Familie sitzt, wurden kürzlich bei der Renovation hohe Gitter nah an die Bodenfenster-Nischen gesetzt. Da hatten sich vorher über längere Zeit einige Wohnungslose eigene Formen der Selbsthilfe ausgedacht, sich arrangiert mit Dingen, die sie finden konnten: Kartonteile, Plastikplanen, alte Matratzen, Holzreste, Decken, Papier … Bei Renovationen achte man heute darauf, keine Nischen freizuhalten und keine breiten Simse mehr zu bauen, um solchen Selbsthilfeformen von Ausgegrenzten zuvorzukommen, sagte man mir.

 

Die beiden jungen Männer sind äusserlich Menschen wie du und ich. Man erkennt, dass sie noch nicht lange auf der Strasse leben. An ihrer (noch) sauberen, guten Kleidung, an ihrer Scham, wenn sie ab und zu Vorbeigehenden antworten, wenn diese sie etwas fragen. Dann beugen sie sich wieder über ihre Bücher und lesen. Ausgegrenzt sein bedeutet sozialer Ausschluss. Wer einmal herausfällt aus der Leistungsgesellschaft, dessen bisher gelebtes Leben zerfällt. Das kann ganz plötzlich geschehen, rasant, und man ist in der Umklammerung der Armut und Einsamkeit. «Unten angekommen», heisst es in einem meiner Bücher.

So hatte ich über wohnungslose, ausweglose Schicksale gelesen, und dann war ich auch in meiner unmittelbaren Nähe mit solchen konfrontiert und sah, wie wahr alles Geschriebene ist. Es ist dieses Wissen, das mir dann im Magen liegt, wenn ich stehen bleibe, wenn jemand mich um Hilfe bittet. Ich Almosen gebend und «oben» stehend … So lief es auch ab mit den neuen Nachbarn, ich konnte dem Gefühl schlecht ausweichen. Ich begegnete ihnen, wir grüssten uns manchmal, da man sich eben öfter sah, und ich spürte diese fast prinzipielle Verlegenheit ihnen gegenüber. Sie heisst: Ich weiss, ich ändere nichts an deiner Lebenslage, und das Almosengeben weist dir, wie allen ausgegrenzten Menschen, erst recht den Platz der Dankbarkeit und Bescheidenheit zu.

 

An meiner Lebenslage änderte sich aber durch solche Begegnungen immer wieder etwas. Ich habe sehr Respekt vor Menschen, die im Elend nicht aggressiv und feindlich erscheinen, ich bewundere sie jedes Mal. Und vielleicht fährt mir ja auch dies in den Magen, dass es genau das ist, was Gebende eben erwarten: Wenn du schon was bekommst, sei dankbar und bleib sitzen. Unten.

 

Sicher, viele erinnern sich an die Pariser Bettler, die Clochards. Ihnen wurde zuerkannt, freiheitsliebend und selbstbestimmt ihr Leben zu leben, am liebsten mit einer Flasche in der Hand. Man sagte, die wollen das so. Sie wurden immer mehr zu einer Art Pariser Grossstadt-Dekor. Ihre Bedürftigkeit wurde und wird mit dieser Romantik nicht anerkannt. Und die Ignoranz ihres Elends gipfelt in der Tatsache, sie nur als die Lebenslustigen darzustellen.

 

Die syrische Familie habe ich seit langem nicht mehr gesehen. Die beiden jungen Männer sitzen noch an ihren gewohnten Stellen.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Patrick Buchs 25.10.2018

Hausaufgaben im Sportunterricht

Ich wurde letzthin gefragt, was ich davon halte, dass der Sportunterricht auf allen Schulstufen abgewertet wird. Nun ja, diese Frage ist eine meiner Lieblingsfragen, und mein Gegenüber musste sich anschliessend einen ziemlich langen Monolog anhören …

 

Es ist tatsächlich so, dass im Schweizer Bildungssystem den vermeintlichen Hauptfächern wie Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften immer mehr Wichtigkeit zugeschrieben wird. Dieser Ansatz wird jedoch von mehreren internationalen Studien als grundsätzlich falsch und sogar kontraproduktiv eingestuft. Finnland, Dänemark und andere Länder, die sich an den neusten Hirn- und Verhaltensforschungsresultaten orientieren und andere Schwerpunkte in ihrer Bildungsstrategie gesetzt haben, sind heute in den vordersten Rängen der Pisa-Länderrangliste zu finden.

Gemäss Hirnforschern sind Musik, Sport, Theater und Kunst die wichtigsten Fächer in der Primarschule, weil sie bei den Kindern einerseits Freude, Selbstvertrauen und soziale Bindung fördern und andererseits, wegen der höheren zerebralen Aktivität, deren Lernfähigkeit verbessern. Ausserdem würden Kinder dank physischer Aktivitäten weniger unter Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS leiden. Das ist darauf zurückzuführen, dass der Blutdruck wie auch der Cortisolspiegel im Blut durch Bewegung sinken.

Beim Lernen von Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften kommt immer häufiger auch das Smartphone zum Einsatz, das teilweise nützlich aber gleichzeitig auch der grösste Bewegungskiller ist und negative Nebenwirkungen für Kinder jeden Alters mit sich bringt. Den Kleinen bereitet es zum Beispiel Schlafstörungen, bei den Älteren reduziert es den Wortschatz.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, könnte zum Beispiel der Forderung des Bewegungswissenschaftlers Lukas Zahner (Uni Basel) nachgekommen und Hausaufgaben im Sportunterricht eingeführt werden. Das wäre übrigens nicht nur für die Kinder wirksam, sondern hätte zudem eine Vielzahl positiver Nebeneffekte. Die Eltern würden sich mehr bewegen, was die Volksgesundheit verbessert. Sie würden mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, was wiederum die Eltern-Kind-Beziehung stärkt und Erziehungsgrundsätze für spätere Generationen nachhaltig beeinflusst. Beruflich stark beanspruchte Eltern würden entweder mit anderen Familien zusammenspannen oder Unterstützung bei Sportvereinen suchen, was wiederum die soziale Kohäsion in der Gemeinde und die Vereinsstrukturen stärkt.

Aber kommen wir auf das finnische Bildungsmodell zurück. Was ist anders? Sie haben die kürzesten Schultage und Schuljahre in ganz Europa. Die Schule beginnt in Finnland nicht vor 9 Uhr, weil Studien belegen, dass die Leistungsfähigkeit am Morgen bei vielen Jugendlichen mit der Pubertät abnimmt und sogar gesundheitsschädigend sein kann. Ein späterer Unterrichtsbeginn hat demnach nichts mit Faulheit der Schüler zu tun, sondern vielmehr mit dem Biorhythmus, der für erfolgreiches Lernen verantwortlich ist. Das ist die Grundlage. Aber entscheidend ist, dass die Finnen den Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung legen. Sie fördern ganzheitliches, fächerübergreifendes Arbeiten und ... sie planen mehr Zeit für Bewegung ein.

Lange Rede kurzer Sinn: Sport wird meiner Meinung nach in unserem Bildungssystem immer noch unterbewertet! Was denken Sie?

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Swiss Olympic Trainer Spitzensport war zwischen 2003 und 2017 für verschiedene nationale Sportverbände tätig. Der ehemalige Düdinger Diskuswerfer war 2008 und 2012 als Trainer und Funktionär an den Olympischen Spielen tätig. Seit 2018 arbeitet er für Mercuri Urval im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung.

 

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Katharina M. Fromm 18.10.2018

Schatz, ich hab nichts zum Anziehen!

Neulich, in einem Zustand der körperlichen Müdigkeit nach dem samstäglichen Hausputz, setzte ich mich auf unser Sofa und zappte eine Runde durch die Kanäle. Dabei stiess ich auf eine Sendung, bei der es offenbar darum ging, anderen Personen bei deren Kleider-Shoppingtour zuzusehen, um sich zu Hause darüber zu entsetzen, welche Teile der/die Kandidat/in denn da anprobierte.

 

Entsprechend «inspiriert» ging ich dann doch einmal samstags drauf einkaufen. Da ich dafür selten Zeit habe, stelle ich bei diesen Gelegenheiten fest, dass seit dem letzten Mal so manche Geschäfte zu- und neue aufgemacht haben. Der neuste Trend sind ja die sogenannten Barber-Shops, von denen gleich mindestens vier allein im Perollesquartier wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ein Freund, selbst Bartträger, erklärte mir, dass man dafür keine Lehre braucht – es reicht offenbar, die Handbewegungen des Kebab-Schneidens zu beherrschen. Aha. Während mich Rasier-Läden eher nicht interessieren, erfreue ich mich an Schuhgeschäften mit grossen Schaufenstern. Als Frau mit leichtem Hang zum Schuhesammeln (keine Sorge, da gibt es schlimmere als mich) bin ich von schönen Schuhen fasziniert. Allerdings auch nur so lange, bis ich sie anprobiere. In den seltensten Fällen bleibt der positive Eindruck bestehen, denn oft ist die Passform miserabel. Sei es, dass der Schuh beim Laufen seitlich aufklappt, das Fussbett keinen Halt bietet oder die Sohle zu weich ist. Dann doch lieber einen nicht ganz so verrückten Schuh, der aber bequem ist und bei dem keine Rückenschmerzen vorprogrammiert sind.

Kleidungstechnisch ist es nicht immer einfach, etwas Passendes zu finden, und zwar in jeder Hinsicht – Stil und Grösse. Wenn man aber einen bestimmten Anlass ins Auge fasst, was bei mir der Fall war, wird es leichter. Und wenn man das richtige Geschäft hat, wird die Jagd nach Klamotten zum Erfolg. Aber langsam – erst mal schauen, überlegen und dann endlich anprobieren. Nach dem «Aufwärmen» kann ich dann durchaus das eine oder andere Outfit testen. Drei Stunden später hatte ich dann doch ein paar Tüten zu schleppen und war um ein paar Stutz ärmer. Auf dem Rückweg schlug ich noch einen Haken in ein weiteres Schuhgeschäft – ein gefährlicher Umweg, der dem Geldbeutel tüchtig zu Leibe rückte.

Zu Hause angekommen, präsentierte ich die erjagten Stücke meinem Mann, der gleich um eine Modeschau bat. Nach seiner wohlwollenden Begutachtung mussten die neuen Teile in den Schrank. Vor selbigem stellte ich dann fest, dass er ja eigentlich schon recht voll ist. Ein bisschen stopfen, dann passte diesmal gerade so alles hinein. Das Aussortieren muss auf das nächste Mal warten …

Als besagter Anlass kam, stand ich dann vor dem Kleiderschrank, suchte die neuen Sachen zusammen und kleidete mich an. Dank der langfristigen Planung hatte ich ja schon eine genaue Vorstellung, wie das Outfit aussehen sollte. Alles sitzt, wackelt und hat Luft, jetzt nur noch die Schuhe, fertig. Auch der Mantel ist schon parat – aber wo bleibt eigentlich mein Mann? Wo ist er überhaupt? Ich finde ihn vor seinem Kleiderschrank, verzweifelt seufzend: «Schatz, ich hab überhaupt nichts zum Anziehen!»

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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