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Andreas Kempf 04.01.2018

Ziele statt Vorsätze

 

D

as neue Jahr ist vier Tage alt und viele Leute haben sich bereits wieder eine Menge vorgenommen. Sei es, dem Glimmstängel abzuschwören, sich gesünder zu ernähren oder mehr Sport zu treiben; gute Vorsätze sind schnell gefasst. Bei der Umsetzung hapert es jedoch häufig nach einem kurzen ambitionierten Beginn, denn alte Gewohnheiten sind hartnäckig.

 

Auch mir persönlich fällt es nicht immer leicht, mich für das Training zu motivieren. Insbesondere in den Wintermonaten, wenn die nächste Saison noch weit weg scheint und draussen häufig kalte oder sogar eisige Bedingungen herrschen. Erschwerend kommt der tiefe Sonnenstand hinzu, welcher die Zeit für Trainings bei Tageslicht einschränkt.

Da hilft es, für jeden Tag einen Trainingsplan zu haben und sich mit anderen Läufern zu verabreden. Somit lässt sich der «innere Schweinehund» einfacher überwinden und gewisse Ausreden entfallen. Zudem benötige ich ein klares, erreichbares Ziel und entsprechende Zwischenziele, um mich zu orientieren und meine Trainingsfortschritte zu überprüfen.

Dieses Jahr steht für mich die Teilnahme an den Europameisterschaften in Berlin im Marathon über allem. Da es allerdings bis Mitte August noch eine Weile dauert, habe ich zusammen mit meinem Trainer noch einige Meilensteine, wie ein verletzungsfreies Trainingslager in Kenia, mehr Laufkilometer pro Woche und eine neue Halbmarathon-Bestzeit im Frühling auf dem Weg zum grossen Ziel formuliert.

Genau diese Punkte können auch Sie sich, liebe Leserinne und Leser, beim Umsetzen Ihrer Neujahrsvorsätze zunutze machen. Schreiben Sie einen ernsthaften und realistischen Plan, wie die Vorsätze erreicht werden sollen, und überprüfen Sie die Fortschritte. Kommunizieren Sie Ihre Vorsätze, damit Ihr Umfeld Kenntnis davon hat und Sie immer wieder einmal damit konfrontiert. Auch Verbündete oder Mitstreiter können Ihnen helfen, denn zu zweit oder zu dritt ist die Hemmschwelle zum Kneifen gleich viel höher. Und zu guter Letzt machen Sie Ihre Vorsätze zu Zielen, denn in irgendeinem halbwegs schlauen Ratgeber stand einmal: «Ein Vorsatz ist etwas, was man gerne hätte. Mit einem Ziel hingegen legen Sie fest, was genau Sie bis wann erreicht haben wollen. Und das am besten schriftlich.»

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen beste Gesundheit und dass Sie viele Ihrer Ziele im neuen Jahr erreichen.

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf studiert Betriebsökonomie im Master an der Universität Bern. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

 

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Daniel Eckmann 28.12.2017

Das Schaf, der Wolf und das neue Jahr

Kennen Sie den Trickfilm vom Wolf und vom Schaf? Nein? Kein Wunder: Es gibt ihn nicht. Aber würde es ihn geben, ginge er so: Es geht um ein Schaf, das sich täglich abmüht – und um einen Wolf, der Gleiches tut. Beide ruft die Pflicht, beide geben ihr Bestes. So ist das, mit dem Wolf und dem Schaf. Und eigentlich sieht es zum Tagesbeginn noch ganz gut aus. Denn jeden Morgen fahren sie gemeinsam zur Arbeit in die Fabrik, auf einem Zweiersitz, ganz hinten im Werkbus. Dort sitzen sie dann nebeneinander und tauschen ihre Sorgen aus. Wie das am frühen Morgen wieder eine Plage war, bis die Kinder endlich aus dem Bett waren, das Frühstück gemacht, die Wohnung aufgeräumt, die Schulsachen kontrolliert. Und dann, dann hält der Bus am Tor vor der Fabrik, die Zeiterfassungskarten werden abgestempelt, und der Arbeitskampf geht los.

Das Schaf ist jetzt Schaf, und der Wolf ist Wolf. Und jedes tut seine Pflicht und gibt, was es kann. Der Wolf jagt das Schaf, hetzt und schreckt es um Leben und Tod, will es reissen und fressen – und das Schaf, das Schaf rennt um alles oder nichts und kommt nur knapp davon. Der Wolf ist jetzt ausser sich, und das Schaf sieht die Spielregeln wanken, hat plötzlich richtig Angst, was den Wolf nur noch rasender macht.

Der Wolf, der dem Schaf an die Gurgel geht. Und das Schaf, das ihm die Beute versagt. Das wird plötzlich echt und grimmig, denn den Wölfen im ganzen Land muss gezeigt werden, wie gnadenlos ihr Wolf das Schaf jagt, und die Schafe im ganzen Land müssen sehen, wie unermüdlich ihr Schaf für sie ums Leben rennt.

Und dann, dann ist die Arbeitszeit um, und es wird ausgestempelt. Jetzt sitzen sie erschöpft wieder nebeneinander, hinten im Bus. «War das ein Tag», sagt der Wolf, «eine einzige Hetzjagd». «Sag nichts», meint das Schaf, «und ich erst!». Sie sitzen wie immer beisammen, wie wenn nichts gewesen wäre, jedes unzufrieden mit dem Tag, mit seiner Rolle und mit dem Erreichten, das eigentlich darin besteht, dass trotz wild entschlossenem Gegeneinander nichts erreicht wurde. «Ich kann mir vorstellen, wie das für dich ist», sagt der Wolf zum Schaf, «aber du kennst ja die Regeln in der Fabrik.»

«Eben», seufzt das Schaf und nickt. Es ist müde. Aber morgen, morgen geht es dann wieder von vorne los.

Gegenwärtig feiern wir Festtage. Aber schon bald sitzen wir wieder im Werkbus und fahren zur Fabrik. Einige als Schaf, andere als Wolf. Nun, der Jahreswechsel ist die Zeit der guten Vorsätze. Vielleicht hat auch unser Trickfilm das Zeug dazu. Denn wenn wir darüber nachdenken, kommen den einen oder anderen vielleicht bessere Regeln in den Sinn, als jene, die in der imaginären Fabrik im imaginären Film gelten. Regeln mit einer besseren Chancengeometrie für das neue Jahr. Zum Beispiel Regeln zu dem, was der Wolf und das Schaf miteinander erreichen könnten, statt gegeneinander.

Es ist wie immer: Wer etwas will, findet Wege. Nur wer etwas nicht will, sucht Gründe. In diesem Punkt sind sich sogar Che Guevara und der Dalai Lama einig. Der eine sagte: «Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche». Und der andere: «Es gibt nur zwei Tage, an denen Du nichts verändern kannst: Gestern und morgen».

Ich wünsche Ihnen ein gefreutes 2018!

 

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

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Beat Brülhart 21.12.2017

Homo demens?

Eines Tages stiegen sie von den Bäumen herunter, legten die Felle ab, begannen aufrecht zu gehen und nannten sich fortan Homo sapiens – der weise Mensch. Das kommt mir wie ein veganer Hund vor. Zugegebenermassen ist der Krone der Schöpfung eine gewisse Bauernschläue nicht abzusprechen. Aber Weisheit? Ein Witz, masslose Übertreibung. Und Intelligenz? Sollte sie tatsächlich vorhanden sein, wird sie jedenfalls nicht hauptsächlich zur Schaffung einer besseren, einer leidlosen Welt benutzt, sondern um andere über den Tisch zu ziehen, möglichst viel zu scheffeln, andere zu bekämpfen und sich auch gelegentlich gegenseitig umzubringen. Und wozu das alles? Um am Ende grösser und mächtiger zu scheinen und reicher zu sterben als andere. Das ist Wahnsinn und nicht Weisheit. Müsste man den Homo sapiens nicht doch eher Homo demens nennen, der Verrückte, der Wahnsinnige?

 

In unseren Breitengraden wird Intelligenz mit dem Bildungsniveau gleichgesetzt. Je länger es einer in der Bildungsmaschinerie aushält, desto intelligenter sei er, meint man. Und da Intelligenz für Fortschritt und Entwicklung steht, wird Bildung zum Allerweltsheilmittel getunt. «Mehr Bildung, weniger Menschheitsprobleme» ist die Denkfigur. Dabei werden doch die grössten Eseleien und Niederträchtigkeiten und das meiste Elend dieser Welt – Kriege, Umweltverschmutzung, Hungersnöte, Finanzkrisen und so weiter – nicht von ein paar durchgeknallten Analphabeten veranstaltet, sondern von bestens ausgebildeten Wahnsinnigen. Die meisten Terroristen der letzten dreissig Jahre waren übrigens überdurchschnittlich gebildet.

Da läuft doch etwas schief. In der Dritten Welt ist mehr Bildung unverzichtbar. Aber in unseren Breitengraden bringt uns noch mehr Bildung – so wie sie ist – keinen Schritt weiter. Weil nicht mangelndes Wissen unser Problem ist, sondern unsere schrägen Einbildungen und Überzeugungen. Sie führen zu unserem grenzdementen Verhalten und lassen uns mit Fleiss den Ast, auf dem wir alle sitzen, unbeirrt absägen. Sie machen uns zu Wahnsinnigen – zum Homo demens. Es ist die Einbildung, dass wir die Mitte des Universums sind und dass alles exklusiv für uns geschaffen wurde; der Glaube an einen vermenschlichten Gott, der uns am Ende gnadenlos richtet, der Glaube, dass dieser Glaube der einzig richtige ist; die Überzeugung, dass es nicht genug für alle hat und wir uns deshalb gnadenlos konkurrenzieren müssen; die Überzeugung, dass Sinn und Zweck der Wirtschaft maximale Rendite ist; die Einbildung, dass nur der Stärkere etwas taugt; die Einbildung «recht zu haben»; die Überzeugung, dass es keine Alternative zum Bestehenden gibt. Erst wenn wir diese Hirnwürmer losgeworden sind, werden wir in der Lage sein, unsere Intelligenz intelligent einzusetzen.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Claudine Brohy 14.12.2017

Séparer et réunir

Durant l’automne 2017, la Catalogne semblait être le nombril du monde, focalisant l’attention de l’Europe entière et des nombreux Espagnols et Catalans établis autour de la planète, Suisse incluse. Les manifestations et contre-manifestations, avec leurs drapeaux respectifs telles les ondes d’un fleuve se déversant des Ramblas vers les places, sont encore dans toutes les mémoires. Le référendum accepté par 90 pour cent de «oui» à l’indépendance a cependant mobilisé moins de 50 pour cent de l’électorat, montrant ainsi la fracture à l’intérieur de la région, de groupes d’amis et même des familles. Une région autonome de presque huit millions d’habitants, qui est moins autonome qu’un canton suisse, cherche ainsi sa place sur la carte européenne, se heurtant à une constitution et à un appareil étatique qui se sont formés après la période franquiste.

 

En même temps, le Royaume-Uni avance dans son processus de divorce se demandant quels seront finalement les aliments à payer à l’Union européenne et comment façonner sa seule frontière terrestre, celle avec la République d’Irlande, mais ne serait-ce pas l’occasion de réunir les deux parties de l’île? Et juste en face, l’Écosse aimerait revoter sur une séparation du Royaume-Uni et réintégrer l’Union européenne.

Plus au sud, les nationalistes sont récemment les grands vainqueurs des élections territoriales en Corse, qui formera dorénavant une collectivité territoriale unifiée. Les Corses aimeraient pleinement vivre leur identité, en autonomie, en tant que peuple, et pouvoir utiliser le corse comme langue co-officielle et offrir une scolarité bilingue corse-français à leurs enfants.

Comme les individus, les communautés s’unissent et se séparent, dans un éternel mouvement impliquant proximité et distance.

Liebe Leserinnen und Leser der «Freiburger Nachrichten», seit 2005 schreibe ich regelmässig Kolumnen für Ihre Zeitung. Nach 12 Jahren der relativen Nähe ist für mich nun die Zeit gekommen, etwas auf Distanz zu gehen und die Plattform, die ich in all den Jahren sehr geschätzt habe, anderen zu überlassen. Ich verabschiede mich heute von Ihnen mit einem herzlichen Dankeschön.

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Als Teil eines Autorinnen- und Autorenteams bearbeitete sie in den letzten Jahren in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen. Auf Wunsch der FN-Redaktion tat Claudine Brohy dies mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

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Hubert Schaller 07.12.2017

Von schwierigen Erwachsenen und ausgebrannten Kindern

Ich habe gelesen, dass Burn-out bei Kindern und Jugendlichen in alarmierender Weise zunimmt. Die psychiatrischen Notfälle haben sich in den letzten Jahren vervielfacht und damit auch die Suizidgefahr. Das zwingt mir wieder einmal eine Korrektur meines Weltbildes auf. Bis jetzt habe ich Burn-out als Zivilisationskrankheit betrachtet, von der vornehmlich überarbeitete Manager, nervenflattrige Börsenmakler oder allzu idealistische Lehrpersonen betroffen waren. Dass jetzt offenbar schon Kinder ausgebrannt sein können, verstört, denn für mich gibt es keinen traurigeren Anblick als ein unglückliches Kind. Ja, hatten denn diese Kinder vor dem Ausbrennen überhaupt Zeit, für etwas ein richtiges Feuer zu entwickeln?

 

Fachleute machen unsere leistungsorientierte Gesellschaft, ehrgeizige Eltern, ein überbordendes Freizeitangebot, ständiger Vergleichsdruck, die Sozialen Medien, und was der Zeiterscheinungen mehr sind, für das Problem verantwortlich.

Da haben wir über Jahrzehnte die Schulen hochgerüstet mit Frühförderung, pädagogischem Stützunterricht, Psychologen, Logopädinnen, Sozialarbeitern, Mediatorinnen – und jetzt das! Statt dass sich die Kids optimal betreut fühlen, fragen sie sich, was denn mit ihnen nicht stimmt. Da haben wir das Sport- und Freizeitangebot unserer Teenager jedem noch so ausgefallenen Bedürfnis angepasst, und jetzt fallen die reihenweise in eine Depression! Noch nie wurde der Erziehungsmarkt mit so vielen Ratgebern, mit Erziehungsliteratur und Super Nannys überschwemmt – ja, liest und beachtet denn überhaupt jemand dieses Zeugs?

Ich finde das alles ein bisschen irre, aber es passt gut zu unserer widersprüchlichen Gesellschaft. Schliesslich feiern wir ja auch alle Weihnachten, obwohl die meisten nicht so richtig an Gott glauben, ärgern uns vom Auto aus über verstopfte Strassen oder wundern uns über die Antibiotikaresistenz, während wir gleichzeitig frischfröhlich das Fleisch von Tieren essen, denen systematisch Penizillinspritzen verabreicht wurden. Ganz ernst kann man uns also nicht nehmen.

Doch zurück zum Thema: Die Erfindung der Kindheit als eine Lebensphase, die den Wert in sich selber trägt, geht auf das 16. und 17. Jahrhundert zurück. Vorher wurden Kinder als defizitäre Erwachsene betrachtet, die so schnell wie möglich aufs Erwachsensein getrimmt werden sollten. Das geschah am besten dadurch, dass man Kinder arbeiten liess wie Erwachsene, dass man sie kleidete wie Erwachsene und ihnen das Sozialverhalten von Erwachsenen einhämmerte. Aber nicht einmal Gras wächst schneller, wenn man an ihm zieht – man reisst es höchstens aus.

Dass Kinder als Kinder und nicht bloss als zukünftige Erwachsene ein Existenzrecht besitzen, dieser Gedanke ist also erst ein paar Hundert Jahre alt. Aber es sieht ganz danach aus, als würden alle unsere Anstrengungen darauf hinauslaufen, unsere Kinder entweder erneut in die Zwangsjacke von Erwachsenen zu stecken oder aber sie systematisch am Erwachsenwerden zu hindern. Manchmal auch beides zugleich. Die minutiösen Beurteilungsbogen, mit denen die Leistung unseres Nachwuchses schon vom Kindergarten an im mathematischen Denken, in den sprachlichen Fähigkeiten, im Sozialverhalten und so weiter erfasst und codiert wird, «erinnern eher an ein Assessment für einen Managerposten als an die Wertschätzung für einen Dreikäsehoch», gibt Matthias Meili in der Zeitung «Tages-Anzeiger» zu bedenken. Und wenn Eltern der Lehrperson unverhohlen mit der Peitsche oder mit dem Anwalt drohen, weil diese den Genius ihrer Tochter oder ihres Sohnes verkennt, dann fördern sie damit nicht die natürlichen Anlagen ihrer Kinder, sondern ihren Narzissmus und ihre Versagerängste. Vielleicht möchten Kinder auch einmal bloss geliebt statt immer nur gefördert werden. Und genau so wichtig kann es für sie sein, ab und zu auf die Nase zu fallen und von selbst wieder aufzustehen, statt von einem Dutzend Händen aufgefangen und sofort wieder aufgerichtet zu werden.

Der Ruf nach Psychiatern, Antidepressiva und Ritalin ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Lasst Kinder endlich wieder Kinder sein! Was sie wirklich brauchen, hat Goethe in zwei Worten zusammengefasst: Wurzeln und Flügel.

Noch Fragen?

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung in diesem Sommer unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Gastkolumne 30.11.2017

Vollkasko-Mentalität überwinden

Die Wertpapieraufsichtsbehörde der EU (Esma) hat Mitte November vor «ICO» gewarnt. Sie machte erhebliche Risiken aus, meinte, ICOs seien rechtlich nicht geregelt, anfällig für Betrug und für widerrechtliche Aktivitäten. Wer investiere, warnte die Esma, sei typischerweise nicht genügend informiert, könne sich nicht so leicht von seiner Investition trennen und gehe das hohe Risiko eines Totalverlustes ein.

ICOs, Initial Coin Offerings, sind eine neue Entwicklung im Bereich virtueller Währungen. Sie sind eine innovative Art, öffentlich Geld aufzunehmen. «Coins», also Münzen oder eben Währungen, werden insbesondere von jungen Unternehmen ausgegeben, um neben der Geldaufnahme gleichzeitig auf sich und das zu finanzierende Projekt aufmerksam zu machen. Als Gegenleistung dafür, dass jemand investiert, werden Gewinnanteile, Mitbestimmungsrechte und andere Vorteile versprochen.

Die Wertpapieraufsichtsbehörde hat mit ihrer Warnung das Offensichtliche festgehalten, denn die erwähnten Risiken dürften jedem bekannt sein, der sich mit ICOs befasst. Immerhin hat sie vorerst bloss vor Risiken gewarnt; andere Länder haben ICOs gleich gänzlich verboten. Nach einer solchen behördlichen Warnung ist allerdings eine Regulierung durch die Politik in der Regel nicht weit. Die EU-Behörde wollte zweifellos die Bürger davor abhalten, etwas Unbekanntes auszuprobieren; sie will die Bürger diesem Risiko nicht aussetzen.

Warum gibt es überhaupt Leute, die auf diesem Weg versuchen, Geld aufzunehmen? Weshalb gibt es Menschen, die dabei auch noch mitmachen und investieren? Das sind doch alles unnötige und unnütze Risiken in einer Welt, die eh schon im Überfluss lebt. Da besteht doch nur die Gefahr, dass die Menschen übers Ohr gehauen werden und etwas verlieren könnten.

Die Gesellschaften in den sogenannt entwickelten Ländern erachten Risiken zunehmend als grundsätzlich schädlich. Die Vollkasko-Mentalität greift in vielen Lebensbereichen um sich, und zwar nicht nur da, wo es unmittelbar ums Lebendige geht. In der Arbeitswelt, der Altersvorsorge, dem Gesundheitswesen, dem Bankwesen, dem Kinderhaben, der Globalisierung und so weiter – überall wird es als höchstes zu erreichendes Ziel angeschaut, vor der Unbill des Lebens verschont zu werden.

Aber ohne Risiken geht es nicht, das hat uns die Evolution gelehrt. Das Eingehen von Risiken gehört zur ersten Stufe der Fortentwicklung der Menschheit. Risiken äussern sich nicht von vornherein darüber, ob sie sinnvoll sind oder unnütz, ob sie trotz Materialisierung irgendwann und irgendwie zu etwas Gutem führen, oder ob das unter Risiken eingegangene Ziel eventuell gar nie erreicht wird. Wir verspüren heute vor allem in den Gesellschaften der entwickelten Welt eine wachsende Unruhe über Ausweglosigkeit, Ohnmacht, Stillstand in so vielen Belangen. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass wir verlernt haben zuzulassen, Neues zu wagen, Gefahren einzugehen und Ungewissheiten zu erforschen. Wir sind in vielen Lebensbereichen im wahrsten Wortsinne risiko-feindlich geworden. Risiken eingehen bedeutet nämlich das Gegenteil von sich durch den Staat oder die Gemeinschaft vor den Unwägbarkeiten der Zukunft absichern zu lassen, wie dies heute zu oft zuoberst auf der Agenda von Politikern steht, die wiedergewählt werden wollen.

Risiken als unabdingbare Voraussetzung für Erneuerung und Weiterentwicklung müssen wieder stärker akzeptiert, ja sogar wertgeschätzt werden. Sonst untergraben wir das Fundament unseres erarbeiteten momentanen Wohlergehens. Risiken sollen wieder vermehrt ganz bewusst zugelassen, und nicht präventiv flächendeckend durch Politik und Regulierung ausgeschaltet werden. Zeit für sinnvolle Regulierung – wenn dann überhaupt reguliert werden muss – bleibt in den allermeisten Fällen genügend, nachdem man Erfahrungen mit eingegangenen Risiken gemacht hat. Lassen wir also Innovatoren aufbrechen, in neue Bereiche vorstossen, den Pionier-Bonus holen, der in Gewinn, Ruhm oder einfach bloss dem Gefühl besteht, als Erste dabei gewesen zu sein. Und sei es nur, indem wir mit ICOs etwas Geld riskieren.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

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Daniel Wegmann 23.11.2017

Ausgerechnet Robinien!

Vor knapp drei Monaten ist meine Forschungsgruppe in ein neues Gebäude umgesiedelt, einen schicken Holzbau, erbaut als temporäre Lösung für die kommenden dreissig Jahre. Seither kämpfen wir mit den typischen Kinderkrankheiten solcher Neubauten. Das hochintelligente Gebäude entscheidet zum Beispiel selber, wann und wo das Licht brennt, wobei es sich streng nach physikalischen Gesetzen richtet und nur ausnahmsweise auf unsere Tätigkeiten Rücksicht nimmt. Auch blockiert es wegen der Frostgefahr die Storen bei Temperaturen unter sechs Grad. Zum Glück hatte ich meine Ende Oktober noch hochgezogen! Immerhin wurde an den Fenstern der Herrentoiletten kürzlich ein Sichtschutz angebracht. Jetzt ist zwar die Aussicht beim Wasserlassen etwas getrübt, dafür ist die Arbeitsmoral in den Labors gegenüber merklich gestiegen.

Getrübte Aussichten zeichnen auch unsere Büros aus, denn das Gebäude verkörpert das Versprechen des Kantons zu verdichtetem Bauen exemplarisch. So sind die giftig-grellen Wände des Korridors das einzige Grüne, das wir von unseren Arbeitsplätzen aus sehen. Um den ökologischen Fussabdruck der Universität zu minimieren, nehmen wir das jedoch gerne in Kauf, und erfreuen uns jetzt umso mehr an all den Bäumen und Sträuchern in der Umgebung. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn schräg vor dem Gebäude steht ein Essigbaum (Rhus typhina) und gleich um die Ecke, entlang der Berufsfachschule an der Giessereistrasse, steht eine Reihe Falscher Akazien (Robinia pseudoacacia), auch Robinien genannt. Ausgerechnet Robinien!

Ich bin von Natur aus ein toleranter Mensch (Homo sapiens), sogar was des Nachbarn Kreativität und Gestaltungswut im Garten angeht. Aber Essigbäume und Robinien! Sollten Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, meinen Unmut nicht nachvollziehen können, möchte ich anmerken, dass Robinien und Essigbäume auf der Schwarzen Liste der invasiven Arten stehen und der Bund für Letztere sogar ein Freisetzungsverbot verhängt hat.

Invasive Arten oder Neobiota sind gebietsfremde Arten, welche sich jedoch sehr schnell verbreiten und dabei die heimische Biodiversität bedrohen. Viele der invasiven Pflanzenarten wurden einst gezielt als Gartenpflanzen oder Parkbäume eingeführt, oft weil sie im Vergleich zu lokalen Arten pflegeleichter sind. Die meisten stellen kein Problem dar. Einige fühlen sich aber leider bei uns so wohl, dass sie sich auch ausserhalb der Gärten und Pärke verbreiten, und im schlimmsten Fall grosse Flächen mit ehemals lokaler Flora überwuchern.

Diese Invasoren richten neben ökologischem oft auch erheblichen ökonomischen Schaden an. Der aktuell am meisten gefürchtete Neophyt in der Schweiz ist das harmlos klingende Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia), welches im Englischen zu Recht ragweed oder Fetzenkraut geschimpft wird. Dieses führt nicht nur zu grossen Ernteausfällen speziell beim Anbau von Soja und Sonnenblumen, sondern stellt wegen seines hochallergenen Pollens auch ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar. Die Bekämpfung solcher invasiven Arten ist sehr kostspielig: So investiert die Schweiz zum Beispiel jährlich rund eine halbe Million Franken, um invasive Goldruten (Solidago canadensis und Solidago gigantea) aus Flachmooren zu entfernen.

An der Universität Freiburg befassen sich weltweit führende Forscherinnen und Forscher mit invasiven Arten. Eine Gruppe sucht zum Beispiel nach Strategien, um die Verbreitung des Traubenkrautes einzudämmen. Eine andere versucht, besser zu verstehen, was invasive Arten von solchen unterscheidet, die zwar bei uns eingeführt, aber nie invasiv werden. Die Hoffnung dabei ist es, in Zukunft gefährliche Arten frühzeitig zu erkennen. Wie wichtig eine solche Früherkennung ist, hat auch die offizielle Eidgenossenschaft erkannt, die mit der Parole «Früh erkennen – sofort handeln» die Behörden auf Kantons- und Gemeindeebene dazu anhalten will, invasive Arten gezielt zu bekämpfen.

Noch besser als Bekämpfen ist es aber, Neobiota gar nicht erst einzuführen, und schon gar nicht zu pflanzen. Mit der Entscheidung vor fünf Jahren, entlang der Route de la Fonderie ausgerechnet Robinien zu pflanzen, hat Freiburg eine Chance verpasst, genau wie beim verdichteten Bauen auch im Bereich der invasiven Arten beispielhaft vorzugehen. Daher mein Vorschlag: Bitte bei der nächsten Gelegenheit auf einheimische Arten setzen, um so auch zwischen den verdichteten Bauten den grösstmöglichen ökologischen Mehrwert zu schaffen.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse auf Grund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

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Sus Heiniger 16.11.2017

Eine Sekunde Ewigkeit

Um einen Eindruck von «Ewigkeit» zu bekommen, erzählten wir uns ab und zu die Geschichte vom kleinen Vogel mit dem winzigen Schnabel:

Alle 1000 Jahre komme er zum höchsten Berg der Erde, um dort an dessen Spitze seinen Schnabel zu wetzen.

Wenn dann eines Tages der ganze Berg abgewetzt sein würde, sei eine Sekunde der Ewigkeit vorbei. Beliebig erhöhten wir die Zahl der Jahre des Wetz-Rhythmus, um der Ewigkeit noch mehr Unermesslichkeit zu geben.

Vor mehr als drei Jahrhunderten stand da ein Hügel, etwas ausserhalb der Stadt Paris, sein Name war «Stern», Butte de L’Etoile. Viele Jahre lang war auf seiner Anhöhe ein grosser achteckiger Platz angelegt. Ein Jahrhundert später entstand die Idee, den alten Strassen ein ausgeglicheneres Gefälle zu geben. Auf Vorschlag des Bauinspektors des Königs wurde der Sternen-Hügel um fünf Meter abgetragen. Mit dem Aushub wurden die Champs-Élysées aufgeschüttet. Es entstand der gross angelegte runde Platz, der Place de L’Etoile.

Man dachte auch da an ein ewiges Reich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Wenn Architekten heute fantastische, grossartige Gebäude aufstellen, sind diese womöglich nicht für die Ewigkeit gebaut, doch wer mag schon daran denken, beim Betrachten solcher Kunst- werke?

Als die Erde noch selbstverständlicher aus Freiplatz und Raum zu bestehen schien, konnten Fachleute – welche Freude, welche Arbeit – den Bau ganzer Städte planen. Daran musste ich denken, als ich kürzlich in Paris auf eine hohe Terrasse stieg.

So oft bin ich schon in dieser kunstvoll angelegten Weltstadt herumgegangen, kenne viele Ecken und staune immer wieder über geniale Anlagen von Architektur und Ingenieurwesen, bin aber noch nie auf der Plattform des Arc de Triomphe gestanden. Dieser Triumphbogen steht auf dem Place de l’Etoile, also auf dem abgetragenen Hügel. Und dieser Triumphbogen, der die Siegesgier von Napoleon verewigen soll, erschien mir immer als zu armee- und kriegsgetränkt, was wohl der Grund ist, dass ich ihn nur aus der Froschperspektive betrachtete.

Die Jahreszeiten wandern durch die Stadt, die Lichter gestalten ihr Ansehen, Paris beginnt manchmal in der Luft, ich wollte dem Herbsthimmel entgegengehn – wenn ich ein Vogel wär – diesmal dazu auf den Arc de Triomphe steigen.

Unten im Bogen erwartet einen die Ewigkeit, es brennt die traurige Flamme für die Erloschenen. Die Flamme, «die Ewige», symbolisiert die Erinnerung an die unbekannten Gefallenen, in Kriegen für Frankreich. Den Gedanken nahm ich mit auf den Stufenweg nach oben zur Plattform des Arc, obwohl ich die Rundsicht auf die wunderschöne Stadt wieder einmal sehen wollte und nicht in Kriegshistorie ertrinken.

Und es erwartete mich die Wucht der Schönheit!

Am klaren, leuchtenden Herbstabendhimmel segelten Wolkenkähne, wie auf einer Pariser Flagge die Seine-Schiffe – unten gerade und flach, oben gebauscht – und zu meinen Füssen lag der Stern, das enorme Strassenbild. Zwölf Avenuen laufen aus dem Rund des Platzes in jede Himmelsrichtung. Der Autostrassenverkehr ist aus meiner Vogelperspektive spielerisch leichtrollendes Karussell.

Der abgetragene Hügel ist sanftes An-und Absteigen der Sternstrassen. Heute heisst dieser Platz Charles-de-Gaulle-Etoile und ist ein Meisterwerk der Grossstadt-Verkehrsführung.

Da stand ich dann eine halbe Ewigkeit und schaute auf Stern und Himmel, Architektur und Baukunst, fand die Menschen wiedermal genial und vergass für eine Weile die unbekannten Toten unten im Hügel. Im Moment waren wir Stadtbetrachter die Übriggebliebenen.

Die Strahlung von unten, die Strahlung von oben, hat diese Stadt etwas Ewiges? Ich weiss, dass es nicht so ist, auch wenn alle Mauern des Arc de Triomphe «Sieg» heissen wollen.

 

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Gastkolumne 09.11.2017

Gisch a Gruess!

I

ch tu es. Sie tun es. Wir alle tun es: Grüsse ausrichten lassen.

Ich weiss nicht, wie viel Tausend Grüsse ich schon hätte ausrichten sollen, doch ich weiss, dass ich vermutlich mindestens die Hälfte davon vergessen habe. Geht es Ihnen auch so? Letzthin habe ich mich von einem Kollegen verabschiedet, und der meinte: »Grüss deine Frau von mir.» Natürlich hatte ich es, bis ich zu Hause war, vergessen.

Und wenn ich es einmal nicht vergesse und den Gruss tatsächlich ausrichte, so sagt der Empfänger zwar artig Danke, doch ansonsten nimmt er es meist ziemlich gleichgültig zur Kenntnis.

Deshalb kommen bei mir immer öfter Fragen hoch wie: Ist der auszurichtende Gruss mittlerweile nicht einfach nur noch eine Floskel? Und vor allem: Ist dieser Gruss überhaupt noch zeitgemäss in Zeiten, in denen man einen Gruss per WhatsApp oder E-Mail doch bequem selbst und erst noch gratis ausrichten könnte (wenn man es damit denn auch wirklich ernst meint)?

Ich habs ausprobiert: Nachdem ich diese Gedanken hatte, habe ich das nächste Mal, als ich jemandem einen Gruss mitgeben wollte, den Impuls unterdrückt und ihn stattdessen per WhatsApp dem Empfänger direkt geschrieben. In meiner Mitteilung stand lediglich: «A Gruess.» Und was kam zurück?

«Merci» und ein fröhliches Smiley.

Es funktioniert also auch per WhatsApp. Die Person hat sich offenbar darüber gefreut, ähnlich also, wie wenn ich den Gruss wie gewohnt hätte ausrichten lassen. Soll man also nun in Zukunft darauf verzichten, einen Gruss mitzugeben, und stattdessen eine WhatsApp-Nachricht schicken?

Nein, mit Sicherheit nicht. Beides soll und darf heutzutage aber Platz haben. Ein WhatsApp-Gruss (probieren Sie es doch einmal aus) wäre vielleicht mal etwas erfrischend Neues, während der traditionelle Gruss deshalb noch längst nicht ausgedient haben muss – im Gegenteil.

Der altmodische Gruss ist und bleibt nämlich ein Zeichen der Aufmerksamkeit, mit dem man eigentlich viel mehr als nur einen Gruss ausrichtet. Man will damit doch auch sagen, dass man die zu grüssende Person schätzt und dass man an sie denkt; dass man jemanden aus deren näheren Umfeld getroffen und dabei an die gegrüsste Person gedacht hat. Zudem liefert er meist auch gleich ein pfannenfertiges Gesprächsthema mit, denn die gegrüsste Person erkundigt sich doch meist, wo und bei welcher Gelegenheit man den Absender des Grusses denn getroffen habe und wie es ihm geht.

Und genau deshalb ist diese Art von Gruss eben doch nicht überholt, denn er ist ein wohltuend langsames Zeichen der Wertschätzung der zu grüssenden Person gegenüber in dieser schnelllebigen Zeit der Instant-Nachrichten.

So lasst uns weiterhin fleissig grüssen und Grüsse ausrichten (und zwischendurch auch einige ohne schlechtes Gewissen auszurichten vergessen).

Thomas Vaucher ist Autor, Musiker, Schauspieler und Lehrer. Der 36-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Giffers. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne

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Patrick Buchs 02.11.2017

Chancen und Gefahren der Olympischen Spiele 2026 in der Schweiz

Am Mittwoch 18. Oktober 2017 hat der Bundesrat informiert, dass er die Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026 unterstützen will. Bundesrat Parmelin sagte, dass die Olympischen Spiele eine grosse Chance für den Sport, den Tourismus, die Wirtschaft und die Gesellschaft seien. Es wurden 8 Millionen Franken für die Kandidaturphase gesprochen, und eine weitere Milliarde Franken wurde gesprochen, falls die Schweiz im Oktober 2019 vom IOC den Zuschlag erhalten sollte.

Kaum wurde diese Medienmitteilung veröffentlicht, startete in den verschiedenen sozialen Medien eine äusserst kontroverse Diskussion. In Anbetracht der vielen finanzpolitischen Herausforderungen wie z. B. die Sanierung der AHV und der Pensionskassen oder die stetig steigenden Gesundheitskosten, kann es dem «einfachen» Steuerzahler paradox vorkommen, wenn sich der Bundesrat mit einer Milliarde Franken für die Olympischen Spiele engagiert. Obwohl ich ein glühender Verfechter der Olympischen Spiele bin, kann ich diese Bedenken verstehen, zumal immer wieder äusserst negative Schlagzeilen rund um die Olympischen Spiele die Runde machen.

Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass sich das «Risiko» Olympische Spiele lohnt, weil es ein einmaliges Impulsprogramm für unser Land ist – auch aus gesellschaftspolitischer Sicht. Gerade in der heutigen Zeit, in der eine Anonymisierung unserer Gesellschaft zu beobachten ist, finde ich Projekte, die die soziale Kohäsion fördern, besonders wichtig. Leider ist die gesellschaftliche Wirkung von Olympia aber nicht in Franken kalkulierbar – meiner Meinung nach aber enorm viel wert!

Der Kanton Freiburg, als potenzieller Ausrichter olympischer Eishockeyspiele, hatte schon unlängst seine Unterstützung für die Olympiakandidatur in der Höhe von 500 000 Franken kundgetan (siehe FN vom 14.12.2016). Nach der nun auch formell ausgesprochenen Unterstützung des Bundesrats, wird der Freiburger Staatsrat aller Voraussicht nach die Olympischen Spiele 2026 in sein neues Legislaturprogramm aufnehmen. In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass der Staatsrat neben der finanziellen Unterstützung auch konkrete Massnahmen zur Sportentwicklung im Kanton verabschiedet. Meiner Meinung wäre es nämlich wichtig, dass bereits aus der Kandidaturphase ein konkreter Mehrwert entstehen würde.
Der Staatsrat könnte damit ein starkes Zeichen setzen, weil der Kanton trotz eines allfälligen Neins zu Olympia 2026 von der Kandidatur profitieren würde.
Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

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