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Gustav 19.10.2017

Ich habe die Schnauze voll

 

L

asst mich endlich mal in Ruhe!» oder «Non de blö wa detschö!» oder «F***************ck!!!!!» Solche und weit schlimmere Tiraden über mein Leben schreie ich ab und zu in mich hinein. Manchmal so laut, dass man sie auch ausserhalb der Hülle hört. «Wo ist dieser Knopf, um diese herzlose Höllenmaschine abzustellen?»

 

Problem eins ist: Hat man sich durch alle Knöpfe durchgedrückt, bleibt am Schluss nur noch: Stecker ziehen! So wie es all die Rentner mit ihren Computern machen, wenn da wieder so ein Kästchen mit allerhand Kauderwelsch aufpoppt. Problem zwei: Hat man den Stecker endlich mal in der Hand, läuft diese gottlose Maschine trotzdem weiter! Kein Reset, Neu von Anfang an, alles ist wieder gut: «Huere chrüz gopfertami gopfertelli no as mau!» – Ihr wisst schon, was ich meine … man nervt sich.

Ich habe vor einigen Monaten alle Knöpfe gedrückt plus den Stecker gezogen. Yes! Kurz tief einatmen, innehalten, die Ruhe mit allen Poren aufsaugen – denn beim Ausatmen greifen die Zahnräder ja schon wieder ineinander. Ich habe mich drei Tage lang geweigert auszuatmen. Drei Tage Kloster Hauterive. Ein Lavabo, ein Bett, ein Fenster, der Christus schief an der Wand, ein Stapel Blätter, ein Bleistift, ein Gummi, ein Spitzer (und in der Schublade heimlich ein Bier). Kopf und Herz aus mir hinaus, das Bier in mich hinein geleert und einen Stapel Blätter vollgekritzelt.

Geläutert und entschlossen, das Leben anders anzugehen, habe ich nach drei Tagen wieder ausgeatmet. Die Zahnräder der Höllenmaschine begannen wieder zu drehen – aber nicht quietschend wie vorher. Ich habe einige Zahnräder ausgewechselt, andere rausgerissen, die wichtigsten gut geölt. Ich habe nicht die Maschine komplett umgebaut, nur ein neues Betriebssystem installiert: Gustav 2.0

Die ersten Wochen und Monate musste ich fast täglich da und dort Schrauben anziehen. Hier war etwas locker, da quietschte etwas vor sich hin, überall gab es etwas zum Nachjustieren. Doch nun, heute, an diesem herrlichen Oktobertag läuft die Maschine «wie geschmiert», wie der Mech sagen würde. Über 80 Anmeldungen für die erste Ausgabe der Gustav Akademie – das verschlägt mir die Stimme. Ich könnte vor Freude juchzen wie eine Horde Sennen beim Alpabzug!

 

Ich kanns nicht leugnen, so eine Veränderung ist nichts für Angsthasen, man muss schon die richtige Salbe in der Schublade haben, um all die Schürfwunden zu pflegen. Aber hey, jede Beule verheilt mal. Und wir wissen ja, die Maschine läuft auch mit offenen Knien weiter. Aber solange man auf ihr drauf sitzt und nicht unter ihr liegt, ist das okay. Und wenns mal wieder zu quietschen anfängt und das Gefluche aus dem zu eng geschnürten Kragen quillt – Stecker ziehen, einatmen und ab ins Kloster, Bier saufen.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Katharina M. Fromm 12.10.2017

«Semesterferien» und ein Chemie-Nobelpreis für die Schweiz

 

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tudieren macht Spass: Während zwei Mal 14 Wochen geht man zur Uni, der Rest des Jahres heisst im Jargon «Semesterferien». Das klingt doch nach einem leichten Leben, sowohl für die Studierenden wie auch deren Lehrer, die Professoren und Assistenten.

 

In dieses Klischee passt die Szene neulich beim Arzt. Ich habe es nämlich geschafft, mir mitten im schönsten Sommer, während besagter Semesterferien, das Bein zu brechen. Prompt fragte mich der Arzt, ob ich eine Krankschreibung benötige, wo doch eh «Ferien» sind. Ich habe dankend abgelehnt, denn es gab viel zu tun mit hochgelegtem Bein: Publikationsmanuskripte mit Forschungsergebnissen erstellen beziehungsweise korrigieren und/oder bei Journalen einreichen, ein Forschungsprojekt schreiben, die Forschung anleiten und einen Übersichtsartikel fertig schreiben – nur die Fachkonferenzen mussten dieses Jahr zwangsweise ausfallen.

In der Tat ist die vorlesungsfreie Zeit diejenige, während der man sich voll dem zweiten Zweck einer Universität widmen kann, nämlich dem der Forschung. Eine Universität ist nämlich laut Statuten eine «Bildungs- und Forschungsstätte von allgemeinem und spezialisiertem Wissen …». Und so wird an der Universität Freiburg neben den Vorlesungen und anderen Lehrveranstaltungen auch das ganze Jahr über fleissig geforscht. Es ist wichtig, junge Lernende, die Doktoranden, in diese Forschung einzubeziehen. Denn nur so lernen sie, mit dem ungewissen Neuen umzugehen, mit den tollen Überraschungen, die uns die Forschung liefert, aber auch den dazugehörigen Frustrationen. Denn wenn etwas nicht so klappt wie geplant, steckt manchmal eine kleine Entdeckung dahinter. Und schliesslich lernt man ganz allgemein, wie man (neue) Lösungen auf Fragen aus dem Alltag findet. Die Konfrontation mit dem Unbekannten und dessen Erforschung macht aus Lernenden schliesslich kreative und innovative Köpfe – die, auf die die Schweiz stolz sein kann und die mithelfen, dass die Schweiz in Sachen Innovation international kompetitiv bleibt, was wiederum auch der Wirtschaft zugutekommt.

Am 4. Oktober 2017 wurde der Chemie-Nobelpreis an den Schweizer Biophysiker Jacques Dubochet sowie zwei weitere Kollegen verliehen. Er erfand in den 1980er-Jahren eine wichtige Methode, wie man Biomoleküle so einfrieren und analysieren kann, dass sie ihre Gestalt nicht verlieren und intakt bleiben. Auf die Frage eines Journalisten, ob es denn nun durch den Nobelpreis für die Forschung mehr Geld gebe in der Chemie, ist zu sagen, dass es bei uns keine Sieg- oder Torprämien gibt wie im Fussball. Dennoch sieht man an diesem Nobelpreis deutlich mehrere Faktoren, die eine gute Grundlagenforschung ausmachen: 1. Forschung ist sowohl geografisch wie auch fachlich grenzüberschreitend und international; 2. Es lohnt sich, in wissenschaftlichen Nachwuchs zu investieren; 3. Um Grundlagenforschung zu betreiben, braucht man Ausdauer und Zeit – die Ernte der daraus erwachsenden Früchte erfolgt oft erst nach Jahrzehnten; 4. Gute Forscher gibt es an allen Schweizer Hochschulen. Ich wage daher die Prognose, dass dieser Nobelpreis nicht der letzte für die Schweiz gewesen ist. In diesem Sinne: Frohes und erfolgreiches Forschen!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Franz Engel 05.10.2017

Unser täglich Brot

H eute stelle ich Ihnen eine Frage, verbunden mit einer nicht allzu schwierigen Aufgabe. Lesen Sie die unten stehende Liste sorgfältig durch, und dann beantworten Sie folgende Frage: Wo befinde ich mich?

Blei (Pb), Quecksilber (Hg), Cadmium (Cd), Caesium (Cs, radioaktiv), Aluminium (Al), Nitrat (HN03), Captafol, Dioxin und Dioxin-ähnliche (PcB), Chloramphenicol, Furazolidon, Fipronil, Glyphosphat, Tributylzinn, DDT, Trichloraethylen, Pentachlorphenol, Benzol, Lindan, Antibiotika. BSE, Salmonellen, Campylobacter, Listeriose.

Lassen Sie sich ruhig Zeit ... Ich helfe ein bisschen nach: Ich sitze nicht im Studienzimmer und büffle für die Maturaarbeit das Periodensystem der Elemente. Ich bin nicht in eine geheime Chemiewaffenfabrik der CIA oder des KGB eingedrungen, es ist auch kein Inventar aus Frankensteins Giftküche, nein, ich stehe an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts und habe, da ich heute Abend Gäste erwarte, grosszügig eingekauft. In meinem Einkaufswagen befinden sich: Fleisch, Poulet, Fisch (Süsswasser- wie auch Meerfisch, inklusive Zuchtlachs), Milch, Käse, Eier, Honig, Gemüse, Salat, Pilze und Früchte, Babynahrung inklusive Milchpulver (für die Enkelkinder), Kaffee in Kapseln, sauber verpackt.

Und jetzt kommen wir zur Aufgabe: Ordnen Sie die verschiedenen chemischen Substanzen den entsprechenden Esswaren zu (Mehrfachkombination möglich). Ja, ich mag übertreiben, und doch, alle diese Substanzen kamen und kommen zum Teil immer noch in unseren Lebensmitteln vor, in der Regel geschützt durch amtlich festgelegte Grenzwerte, die wohl eher einer gewissen Hilflosigkeit entsprechen, oder aber, viel schlimmer, ganz bestimmten Interessen dienen, letztlich mit unabsehbaren Folgen für unsere Gesundheit, denn die Natur kennt keine Grenzwerte. Und daher ist auch immer wieder erstaunlich, dass bei entsprechenden Veröffentlichungen rasch amtlich besoldete Mediensprecher (nicht selten legitimiert durch einen weissen Kittel) zur Stelle sind und steif und fest behaupten, dass für die Gesundheit der Bevölkerung keine akute Gefährdung bestehe, da ja die Grenzwerte eingehalten wurden. Das ist nicht gelogen, und doch, die jeweiligen Aussagen beziehen sich immer nur auf die gerade «aufgedeckte» Substanz, niemand fühlt sich für die Summe verantwortlich, kaum jemand kümmert sich um die Auswirkungen einer chronischen Vergiftung.

Der Fortschritt hat halt seinen Preis und macht auch bei der Herstellung von «Lebensmitteln» nicht halt, mag man sagen. Dabei geht es aber schon lange nicht mehr um eine genügende Versorgung der Bevölkerung, es geht auch hier wie in anderen Industriezweigen um gewinnbringende Produktion, möglichst günstig, möglichst viel, und das scheint ohne massiven Einsatz von «Chemie» nicht möglich.

Und doch stelle ich mir die Frage: Was zum Teufel haben diese zum Teil extrem gefährlichen Gifte in unserem Essen, auf unseren Tischen verloren? Wie kann jemand so krank sein, dies mittels Grenzwerten zu legalisieren? Und dann kommt noch die Ausrede, dass es so schlimm gar nicht sein kann, da ja die Leute immer älter werden. So ein ausgemachter Blödsinn, genau um das geht es ja, gerade weil wir älter werden, kommen diese chronischen Vergiftungen überhaupt erst zum Tragen, unter anderem eben auch als Krebserkrankungen, und das ist auch im Alter nicht etwas, was wir uns wirklich ­wünschen.

Und jetzt? Was tun? Ist alles wirklich so schwarz? Findet nicht da und dort ein Umdenken statt? Doch, das gibt es, und dieses Umdenken lässt hoffen und verdient es von allen, von dir und mir, unterstützt zu werden. Und haben wir auch den Mut, unsere Politiker in die Verantwortung zu nehmen, und messen wir sie an ihren Taten ...

Ich wünsche allen, die jetzt am Herd stehen oder vielleicht schon am Tisch sitzen: «Vo Härze a Gueta!»

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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«Was zum Teufel haben diese zum Teil extrem gefährlichen Gifte in unserem Essen, auf unseren Tischen verloren?»
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Andreas Kempf 28.09.2017

Berlin, Berlin

 

B

erlin scheint für mich ein gutes Pflaster zu sein. Im Frühjahr 2016 konnte ich in der deutschen Hauptstadt die Limite für die Europameisterschaften sowie den Freiburger Rekord im Halbmarathon unterbieten. Nun gelang mir am vergangenen Sonntag an selber Stätte trotz teilweise windigen und regnerischen Verhältnissen das gleiche Kunststück äusserst knapp auch über die doppelte Distanz.

 

In 2:19:22 Stunden verbesserte ich bei meinem Marathon-Debüt den Kantonalrekord, welcher fast 25 Jahre lang von Jean-François Cuennet gehalten wurde, um 13 Sekunden. Zudem erfüllte ich somit auch den Richtwert von Swiss Athletics (2:19:30) für die Leichtathletik-Europameisterschaften im August 2018. Zusammen mit einer gewissen Portion Wettkampfglück spielten viele Faktoren eine wichtige Rolle, dass ich am entscheidenden Tag diese Leistung erbringen konnte.

Einerseits wählte ich bewusst den Berlin-Marathon aus, weil die Strecke überaus flach und schnell ist, eine einzigartige Stimmung am Strassenrand herrscht, das Teilnehmerfeld um meine gewünschte Zielzeit jeweils sehr dicht besetzt ist und normalerweise das Wetter gut mitspielt. Andererseits versuchte ich seit den Schweizer Meisterschaften Ende Juli auf der Bahn alles dem Marathon unterzuordnen. Das heisst, ich stellte das Training um, verbrachte vier Wochen auf dem Berninapass auf 2300 Metern über Meer und testete die optimale Wettkampfverpflegung mehrmals aus. Dabei konnte ich auf die volle Unterstützung meines Umfelds und auf erstklassige Trainingspläne meines langjährigen Coaches Erwin Grossrieder zählen. Nach dieser (eigentlich zu) kurzen zweimonatigen Marathonvorbereitung reduzierte ich einige Tage das Training stark. Daneben ernährte ich mich ab 72 Stunden vor dem Start besonders kohlenhydratreich und ballaststoffarm, was vor hohen sportlichen Belastungen von über 90 Minuten von Ernährungswissenschaftlern empfohlen wird. Nach dieser sogenannten Tapering- und Carboloadingphase steht man dann möglichst erholt und mit vollen Speichern an der Startlinie. Bei mir reichten zum Glück die Energiereserven und die mentale Willenskraft, um den Freiburger Rekord sowie die EM-Limite in extremis zu knacken.

Sofern ich bis zum Selektionsentscheid im Frühling weiterhin den schnellsten sechs Schweizern angehöre und gesund bleibe, steht einem weiteren Einsatz im Nationaldress also nichts im Weg. Und wo finden diese nächsten kontinentalen Titelkämpfe statt? Genau, in Berlin!

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

 

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Daniel Eckmann 21.09.2017

Missverständnisse regieren die Welt

Nehmen wir an, ich wolle Ihnen etwas erklären. Etwas, das ich mir im Geiste vorstellen kann. Das muss ich nun in einem ersten Schritt in Wörter umwandeln. Diese spediere ich dann an Sie. Also an ein recht grosses Publikum, das die Buchstaben-Ladung je einzeln wieder in eine Vorstellung zurückbauen muss. Das Risiko ist gross, dass dabei Verschiedenes herauskommt. Denn verstehen ist subjektiv. Dieselbe Botschaft kommt nie bei allen gleich an. Kaum landet eine Information in tausend Köpfen, gibt es zig Deutungen. Ein und derselbe Börsenkurs führt dazu, dass die Hälfte kauft und die andere Hälfte verkauft. Und wenn ich «Blut- und Leberwurst» sage, löst das beim Verein katholischer Vegetarierinnen etwas komplett anderes aus als beim Metzgermeisterverband.

Aber nicht nur die Absender sind gefordert. Auch die Empfänger haben es immer schwerer. Bis vor wenigen Jahren war das Problem, an genügend Informationen heranzukommen. Heute gibt es viel zu viel davon. Wir wissen alles und genau deshalb fast nichts. Was sollen wir anfangen, mit all den Nachrichten, die uns jeden Tag wie Konfetti ins Gesicht geworfen werden? Was mit dem Tagesschau-Bericht aus Syrien, in welchem uns ein Kind, dem ein Bein fehlt, mit grossen Augen direkt ins Gewissen schaut und dann wieder im Nachrichtenstrom verschwindet? Wohl wenig bis nichts.

Und doch können wir wenigstens hinsehen. Hinsehen, damit der Wirklichkeit nicht plötzlich auch ein Bein fehlt. Hinsehen, damit die Realität nicht einfach im Nachrichtenstrom verschwindet. Aber helfen können wir ebenso wenig, wie begreifen. Denn mehr Informationen führen nicht zu mehr Kompetenz, sondern zu mehr Konfusion. Ständig neue Trommelwirbel erweitern nicht den Horizont, sie überfordern uns. Die Menge ist erdrückend. Heute werden alle zwei Jahre mehr neue Informationen in die Welt gesetzt, als in der gesamten Geschichte der Menschheit zuvor. Man muss sich das einmal vorstellen: alle zwei Jahre mehr als je zuvor, 95 Prozent davon digital. Würden Wörter wie Geröll auf uns losdonnern, wäre uns angst und bange. Aber Digits machen keinen Lärm.

Ich bin aufgewachsen, als klobige Schreibmaschinen üblich waren. Damals war ein Radio ein Radio, und es konnte nichts anderes – ein anderer Kasten in einem anderen Zimmer war ein Fernseher und nur ein Fernseher – und das Telefon war schwarz und hing im Gang an der Wand. Zeitungsnews waren auf Papier und lagen im Briefkasten. Man musste bewusst zu jedem einzelnen Medium hingehen, wenn man etwas wollte.

Heute sind kleine mobile Geräte gleichzeitig Telefon, Radio, Fernseher, Kamera, Zeitung, Fahrplan, GPS, Supermarkt, Briefersatz, Kino und Archiv – überall und jederzeit in der Hosentasche verfügbar. Dank sozialen Medien kann man sich in fast jede Diskussion einmischen. Auf Facebook gibt es 1,6 Milliarden Likes pro Tag. Jeder achte Mensch der Welt nutzt Whats­App. 2015 wurden jede Minute 400 Stunden Videos auf Youtube hochgeladen. Das gibt in sieben Tagen mehr Material, als die drei grössten amerikanischen TV-Gesellschaften in den letzten 30 Jahren gesendet haben. Täglich werden 500 Millionen Tweets versandt, das sind 6 000 pro Sekunde. Auch Weltführer twittern gern und viel. Bis hin zu Twitter als Lead-Medium für die Führung einer Grossmacht. 140 Zeichen im Zweifingersystem – wenn da bloss nicht die Welt wegen eines präsidialen Tippfehlers zugrunde geht.

Lichtgeschwindigkeit ist heute das Tempo des Tages. Entwürfe sind out, man stürzt sich gleich ins Original. Geschrieben wird nebenher, oft spontan aus Ärger – im Auto, während Sitzungen oder beim dritten Bier. Dann nur noch die halbe Welt einkopieren, «Senden» drücken und ab geht die Post. Und da wundern wir uns, dass Kommunikation zum Risikofaktor geworden ist.

Höchste Zeit, sich auf die Regeln zu besinnen, als man Texte von oben links bis unten rechts und ohne Korrekturmodus aufs Blatt schreiben musste: Nachdenken, bevor man loslegt. Die Wörter wägen und nicht schütten. Dabei an jene denken, an die man sich richtet, und nicht an sich selber. Und dann das Ganze beiseitelegen und noch einmal durchlesen, wenn sich das Adrenalin gelegt hat. Denn nur wer sich das Schreiben schwer macht, macht anderen das Lesen leicht.

 

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

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Beat Brülhart 14.09.2017

Extrem, diese Extreme

Manchmal gehen sie mir auf den Wecker. Geschwürartig überwuchern sie Gesellschaft und Politik. Die Extreme. Kaum ein Bereich, wo sie sich nicht diametral gegenüberstehen. Beide Seiten kennen die ausschliessliche Wahrheit und dreschen aufeinander ein. Woher das kommt, weiss ich nicht. Vielleicht davon, dass wir uns von einer Sache eine Meinung bilden können, ohne sie verstanden und durchschaut zu haben? Oder ist uns am Ende das eigene Denken abhandengekommen?

Da gibt es die abartigen Fleischfresser, die Steaks von zweieinhalb Kilo verschlingen, und die Veganer, die in jedem Fleischesser einen Mörder orten. Da gibts die «Alle raus»-Verkünder und die Gutmenschen, die in jedem Immigranten einen bedürftigen Flüchtling erkennen. In der Mitte gibt es nichts. Schwarzes Loch.

Oder man denke an den Klimawandel. Da gibt es die Ignoranten, die glauben, dass sich das Klima nicht verändert, und diejenigen, die hinter jedem überschwemmten Keller den Klimawandel sehen und den Sündenbock gleich mitliefern: CO2. Selbst die Frau Bundespräsidentin weist in Bondo mit Nachdruck auf die Klimaerwärmung hin, obwohl es an der Abrissstelle offenbar gar keinen Permafrost gibt.

Extreme zeigen im besten Fall einen Teil der Realität, blockieren sich gegenseitig und verhindern Lösungen. Aber wie wird man selbst nicht extrem? Indem man seine Gehirnzellen braucht, nicht alles glaubt, auch «wissenschaftlich» Belegtes nicht, zwischen Tatsachen und Meinungen unterscheidet, sich proaktiv informiert und Fragen stellt. Das ist nicht bequem, aber ungemein interessant.

Es gibt Extreme, die zur Normalität werden. Einige haben das Zeug zu einer neuen Religion. Beispielsweise Klimawandel, Erderwärmung, Klimakatastrophe. Klima ist ein Sammelbegriff für alle Vorgänge in der Atmosphäre, in einem definierten Gebiet, über mindestens 30 Jahre, in Zahlen ausgedrückt. Dass sich diese Werte wandeln, ist Fakt. Daraus eine künftige Klima­katastrophe abzuleiten, ist nicht lauter, zumal das niemand nur ansatzweise voraussagen kann.

Oder C02. Auch eine Religion. Gerade 0,038 Prozent der Atmosphäre macht dieses harmlose Gas – ohne das es keine einzige Pflanze gibt – aus. Davon sind vier Prozent menschengemacht, also 0,00152 Prozent der Luft. Wie ein so geringer Anteil das ganze Weltklima auf den Kopf stellen soll, ist mir ein Rätsel. Kein Rätsel sind mir hingegen die geplanten CO2-Abgaben und die dem mittelalterlichen Ablasshandel ähnelnden Deals mit CO2-Zertifikaten, ein Milliardengeschäft.

Solches fragt und sagt man besser nicht öffentlich. Statt eine Antwort zu bekommen, wird man schnurstracks als verblödeter Banause, Klimaleugner und Verschwörungstheoretiker in die Ecke gestellt. Das erinnert doch stark an religiösen Fanatismus.

Was wir tun müssen, ist, Sorge zur Umwelt zu tragen, und das ist nicht extrem, sondern überlebensnotwenig. Ich frage mich, wie lange es (weltweit) noch dauert, bis alle kapieren, dass die Verschmutzung der Gewässer, das brutale Abholzen von ganzen Regenwäldern, der Raubbau an den Ressourcen und die ins Endlose wachsenden Abfallhalden letztlich den Selbstmord der Menschheit bedeuten. Das erinnert mich an Hubert Reeves: «Der Mensch ist die dümmste Spezies. Er verehrt einen unsichtbaren Gott und vernichtet die sichtbare Natur, ohne zu wissen, dass die Natur die er vernichtet, dieser unsichtbare Gott ist, den er verehrt.»

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Claudine Brohy 07.09.2017

Mobil, Mobilität

Wenn wir zügeln, nehmen wir unsere Möbel mit, die sind ja mobil, und lassen die ehemalige Immobilie zurück, wir sind ja keine Schnecken. Wir brauchen dazu ein Automobil, das bald allein fahren kann. Mobilität ist in aller Munde und soll durch alle Mittel gefördert und verbessert werden.

Die soziale Mobilität ist in Freiburg in fast allen Familien spürbar: Ab den 1960er-Jahren kamen die meisten in den Genuss von beruflicher Bildung, und der Lebensstandard verbesserte sich merklich. Wie überall steigerte sich auch die geografische Mobilität. Immer weniger Personen sterben am Ort, an dem sie geboren wurden, oder wohnen an ihrem Bürgerort. Wir wohnen meist nicht dort, wo wir arbeiten, und auch nicht dort, wo wir unsere Freizeit verbringen.

Gleichzeitig wird die Mobilität undifferenziert als etwas Wünschenswertes dargestellt, sie wird in Lehrplänen und Positionspapieren erwähnt, zum Beispiel, dass die Mehrsprachigkeit die Mobilität fördere und umgekehrt. Aber die Realität sieht anders aus. Für gewisse Menschen, den sogenannten Expats, die schon ein komfortables Auskommen hatten, bringt Mobilität eine noch grössere Lohntüte, für andere den Erhalt des Arbeitsplatzes in einer anderen Region oder sogar im Ausland, für wiederum andere bedeutet Migration und Flucht das schiere Überleben. Das Radio meldet an Wochentagen Stau an den Schweizer Grenzen, am Samstag auch, aber in umgekehrter Richtung, da Schweizer ja anscheinend nicht nur lokal einkaufen.

Das statistische Amt kommuniziert, dass unsere Arbeitswege immer länger werden, als Kind stellte ich mir naiverweise vor, die Leute könnten doch ihre Wohnungen tauschen, wenn sie sich doch jeden Tag in ihren Autos auf der Strasse kreuzten. Eine sehr kurzzeitige Migration mit Billigflügen in Privatwohnungen europäischer Städte bringt unkontrollierten Massentourismus, den die Bewohnerinnen und Bewohner immer weniger ertragen und der heftige Proteste auslöst.

Mobilität hat halt ihren langfristigen sozialen und ökologischen Preis. «Den einzigen Luxus, den ich mir leiste, ist der, nicht mobil sein zu müssen», sagte mir mal ein Kollege. Verstehen Sie mich richtig, ich bin dafür, dass man andere Welten kennenlernt, ein Austauschsemester absolviert und anderswo arbeitet. Aber man muss sich eben im Klaren sein, dass Mobilität pauschal nicht unbedingt für alle Menschen, in jedem Fall immer und undifferenziert etwas Positives ist.

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Als Teil eines Autorinnen- und Autorenteams bearbeitet sie in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen. Auf Wunsch der FN-Redaktion tut Claudine Brohy dies mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

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Hubert Schaller 31.08.2017

Die sich selbst verweigernde Prophezeiung

Jetzt kann ich es ja gestehen, juristisch ist es verjährt, für die Ewigkeit vor Gott gebeichtet, auch habe ich mich seither zu einem halbwegs anständigen Menschen entwickelt: Als Biertrinker-Novize habe ich, wie andere in der Clique auch (ihre Namen sind nicht einmal der Redaktion bekannt), in Restaurants zwei-, höchstens dreimal ein exklusives Bierglas oder – wenn’s hoch kam – einen Humpen geklaut. Nicht eigentlich aus Sammlerleidenschaft, eher aus jugendlichem Übermut, wie es sich für Bubenstreiche halt so geziemt. Das ist anfangs gut gegangen, wenn man darunter versteht, dass ich nicht erwischt wurde. Aber beim vierten – oder war es das fünfte Mal? – ging es gründlich schief.

Ich bekam es mit einem ausgefuchsten Restaurantbesitzer zu tun, der mich nicht erst auf frischer Tat, sondern bereits beim Gedanken an die frische Tat ertappte. Als ich nämlich mein Diebesgut von allen vier Seiten betrachtete, prangte mir vom Grund des leer getrunkenen Humpens die entblössende Inschrift «Im Bären zu Signau gestohlen!» entgegen. Als hätte ich mir an seinem Henkel die Finger verbrannt, stellte ich den verräterischen Gegenstand blitzschnell auf den Tisch zurück und war für den vorläufigen Rest meines Lebens von allen Diebesgelüsten kuriert.

Als mir, Jahrzehnte später, immer wieder die schönsten Post- und Kunstkarten abhandenkamen, die ich zur Verschönerung meines Schulzimmers und zur farbenfrohen Belebung meines Unterrichts gut sichtbar an die Wand gehängt hatte, fiel mir der Trick des Bärenwirts wieder ein, und ich schrieb mit dickem Filzstift auf die Rückseite der begehrten Objekte: «Im Kollegium St. Michael gestohlen». Und siehe da – auch in meinem Fall liessen die in ihren unlauteren Absichten sich entlarvt fühlenden Möchtegerndiebe von ihrem Vorhaben ab.

Könnte man nicht, so frage ich mich seither immer wieder, auf einen grösseren und bedeutenderen Massstab übertragen, was im Bereich der Kleinkriminalität so gut funktioniert? Wenn schon als Diebesgut deklarierte Bierhumpen und Postkarten die potenziellen Täter zur Umkehr bewegen, dann muss es doch möglich sein, diese Art der Verbrechensbekämpfung auch im Bereich der Grosskriminalität einzuführen. So würde ich zum Beispiel einem Oppositionellen in der Türkei raten, sich die Prophezeiung «Wegen Gebrauchs der Meinungsäusserungsfreiheit von Erdogan ins Gefängnis geworfen» auf den Körper tätowieren zu lassen. Wer könnte sich des Mitleids mit dem augenfälligen Opfer erwehren? Welcher Scherge würde sich noch getrauen, die vorweggenommene Untat tatsächlich zu begehen? Mit Ausnahme von Erdogan natürlich.

Auch gebe ich zu: Wie so viele andere gute Ideen wäre auch diese hier nicht vor Missbrauch durch unechte Opfer geschützt. So könnte etwa Isabelle Moret ihre Wahl zur Bundesrätin mit dem Mitleid erheischenden Tattoo «Als Alibi-­Frau vom männerdominierten Parlament verheizt» kontrafaktisch erzwingen. Und der amerikanische Präsident könnte einem möglichen Absetzungsverfahren zuvorkommen, indem er sich – nach der hier postulierten Logik der sich selbst verweigernden Prophezeiung – seine wehenden Haare so zurechtschneiden liesse, dass auf seinem Schädel zu lesen wäre: «Von den bösen Medien aus dem Amt gemobbt.» Eine irrige Vorstellung, ich weiss. Niemals würde Trump das Präsidentenamt seiner tadellosen Frisur ­vorziehen.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung in diesem Sommer unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Silvan Jampen 24.08.2017

Misstrauen zerstört, Vertrauen baut auf

Die westliche Welt steckt in einer Vertrauenskrise. Nichts geht mehr. Viele Probleme harren einer Lösung. Deren Komplexität scheint erschlagend und das politische Personal unfähig, Lösungen hervorzubringen. Terrorismus, Migration, wirtschaftliche Entwicklung verbreiten Unsicherheit. Diese bildet zusammen mit Orientierungslosigkeit einen Nährboden, auf dem das Misstrauen zunehmend gepflegt wird. Angesichts des eingetretenen Stillstandes, des fehlenden Wachstums und der vorherrschenden Ratlosigkeit droht das Misstrauen so zum alleinigen Programmpunkt erhoben zu werden. Trotz völliger Inhaltsleere reicht dies neuerdings sogar zum Wahl- oder Abstimmungssieg aus, siehe Brexit oder Trump.

Und was sind die Konsequenzen? Offenen und ehrlichen Menschen der westlichen Welt dürfte es zu dämmern beginnen, dass man nicht folgenlos die Klaviatur des Misstrauens bespielen kann. Das Vertrauen unter den Mitgliedern der Gemeinschaft ist das konstitutive Element, der Kitt der Demokratien und offenen westlichen Gesellschaften. Wer Misstrauen sät, zersetzt diesen Gesellschafts-Kitt.

Gerade weil Trump und Brexit krasse Beispiele für die zersetzende Kraft des offen ausgedrückten Misstrauens sind, drohen die subtileren Entwicklungen zur Untergrabung des Vertrauens übersehen zu werden. Die Art und Weise, wie zum Beispiel Europa seit 2007 auf die Schulden- und Wirtschaftskrise reagiert, bietet dabei besten Anschauungsunterricht, wie Misstrauen schleichend passiv gefördert werden kann: Symptome werden bekämpft (prominentes Beispiel: Euro-Krise) und das ehrliche Benennen und Lösen fundamentaler Probleme wird zugunsten kurzfristiger Popularität aufgegeben.

Die Schweiz bildet leider keine Ausnahme. Hier ist es einerseits die SVP, die seit 1992 mit ihrem öffentlich zelebrierten Misstrauen gegen die EU, gegen Ausländer, gegen Migration oder gegen die offene Volkswirtschaft beträchtlichen Schaden angerichtet hat. Anstatt das Vertrauen aufzubauen, dass unser Land die Kraft und die Ideen hat, diese grossen Herausforderungen im besten Gemeinschaftsinteresse zu meistern, werden Institutionen und die «classe politique» schlecht geredet. Mit dem Resultat, dass heute eine totale Blockade des öffentlichen Diskurses und eine Angsthasen-Stimmung zu diesen Themen herrschen.

Ironischerweise verhalf die SVP andererseits damit der SP zu einem beispiellosen Erfolg im Ausbau der Staatsaktivitäten, zusammen mit einer wankelmütigen Mitte. Grundlage dafür war das Misstrauen gegenüber den Reichen, den Managern, den Unternehmern, der Globalisierung, kurz der erfolgreichen freien Wirtschaft. Plötzlich wurden sozialdemokratisch inspirierte Regulierungen ermöglicht, für die es zuvor in der liberalen und bürgerlichen Schweiz keinen Platz hatte. Das Misstrauen wird im Staat sozialistischer Prägung dadurch gefördert, dass die wohlfeilen Deklarationen des politischen Personals in der Wirklichkeit nicht umsetzbar sind. Unhaltbare Versprechungen eines sich überfordernden Staates erweisen sich letztlich als nicht vertrauensfördernd.

Die Erwartung, dass der Staat durch Regulierung Vertrauen schaffen soll, ist fundamental verkehrt. Vertrauen lässt sich nicht dekretieren. Das Vertrauen in die Gemeinschaft basiert einzig und allein auf dem höchstpersönlichen Befinden freier Individuen. Und dieses Befinden reagiert empfindlich, wenn Misstrauen gesät wird. Gerade autokratisch oder mit Einheitsdoktrin geführte Gesellschaften belegen, dass Misstrauen um sich greift, wenn die Lebenswirklichkeit der Menschen von oben kontrolliert und gesteuert wird. Schwindet das Vertrauen als Gemeinschafts-Kitt, stirbt auch der Gemeinschaftssinn. Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger gedeiht am besten durch Respekt vor deren Mündigkeit, Skepsis gegenüber staatlichem Machbarkeitsglauben, ehrliches Anstreben nachhaltiger Lösungen, Erhalten möglichst freier Entscheidungsgrundlagen für unsere Nachkommen und Offenheit gegenüber Fremdem und Neuem. In unserer Demokratie liegt es an uns, unser politisches Personal ständig daran zu erinnern, auf Vertrauen zu setzen statt Misstrauen zu säen.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Daniel Wegmann 17.08.2017

Wie mein Computer das Zwitschern lernte

Im Jahr 1996 gewann ein Computer zum ersten Mal eine Schachpartie gegen einen amtierenden Weltmeister. Das war eine gewaltige Leistung, allerdings hatte der spielende Computer nicht etwa selber gelernt, Schach zu spielen. Im Gegenteil: Ein Grossteil der Züge wurde im Vorfeld programmiert, oder der Computer errechnete den besten Zug nach fest definierten Regeln.

Nach aktuellem Verständnis ist dies aber dennoch ein Beispiel für künstliche Intelligenz, denn der Computer war selbständig fähig, auf Züge des Gegners so zu reagieren, dass seine Gewinnchancen erhöht wurden. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Beispielen von künstlicher Intelligenz. Selbstfahrende Autos zum Beispiel verhalten sich nach definierten Regeln und erlernen das Fahren zum Glück nicht durch ausprobieren auf der Strasse. Dies zeigt, wie weit weg wir immer noch von Systemen sind, die im menschlichen Sinne intelligent sind. Genau wie Deep Blue sind auch selbstfahrende Autos für eine ganz bestimmte Aufgabe programmiert und können nicht selber komplett andere Eigenschaften erlernen.

Allerdings gibt es durchaus Systeme, welche gezielt trainiert werden können, zum Beispiel um Objekte auf Bildern zu erkennen. Kamera-Apps in modernen Smartphones erkennen mühelos Gesichter oder Dokumente und brauchen dazu nicht einmal besonders viel Rechenleistung. Auch selbstfahrende Autos müssen zuverlässig andere Verkehrsteilnehmer erkennen. Wie schwierig das nach wie vor ist, zeigt der bisher einzige tödliche Unfall eines selbstfahrenden Autos, welches einen kreuzenden Lastwagen leider nicht als solchen erkannte.

Für die automatische Objekterkennung werden heute oft künstliche neuronale Netze verwendet. Solche Netze sind Computerprogramme, welche den neuronalen Netzen von Lebewesen nachempfunden sind, zum Beispiel unserem Gehirn. Der grosse Vorteil dabei ist, dass diese Netze aus ganz einfachen mathematischen Bausteinen bestehen (den Neuronen), welche dann zu komplizierten Strukturen verbunden werden können.

Aber wie kann nun ein solches Netz lernen, Objekte zu erkennen? Dazu werden diese künstlichen neuronalen Netze meist in Schichten konstruiert, so dass die Neuronen der ersten Schicht als Signal die Farben von einzelnen Bildpunkten erhalten, diese zu einem neuen Wert verrechnen und an die Neuronen der nächsten Schicht weitergeben. Das Ziel ist es dann, das Netz so zu trainieren, dass jeweils ein Neuron der letzten Schicht nur dann ein Signal produziert, wenn auf dem Bild ein bestimmtes Objekt vorhanden ist. Dazu müssen die Parameter von jedem einzelnen Neuron so justiert werden, dass das Signal am Ende beim richtigen Neuron ankommt. Und diese Justierung nennt man lernen, denn das funktioniert fast so wie bei unserem Hirn auch. Damit ein Netz zum Beispiel lernt, Bilder von Lastwagen von solchen ohne Lastwagen zu unterscheiden, werden dem Netz viele Beispiele von Bildern mit und ohne Lastwagen gezeigt. Für jedes Neuron werden dann die Parameter ermittelt, welche die Erkennung optimieren. Das fertig trainierte Netz kommt dann im Auto oder dem Smartphone zum Einsatz.

In einem aktuellen Forschungsprojekt trainieren wir solche künstlichen neuronalen Netze, um Vogelarten an ihrem Gesang automatisch zu erkennen. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, dass künstliche Intelligenz nicht nur Arbeitsplätze bedroht, sondern auch ganz neue Dinge ermöglicht, zum Beispiel im Naturschutz. Konkret leisten wir wissenschaftliche Unterstützung beim Aufbau eines neuen Nationalparks in Zentralafrika, unter anderem indem wir die Häufigkeit von Tierarten kartieren. Dazu haben wir an vielen Standorten Aufnahmen von Vogelgesängen gemacht, welche es nun auszuwerten gilt. Alle Vogelarten zweifelsfrei bestimmen können aber nur einige wenige Experten, und diese wollen sich wohl kaum Hunderte von Stunden mit unseren Aufnahmen beschäftigen. Unser Ziel ist es also, den Computer so viele Vogelarten wie möglich selber erkennen zu lassen, so dass wir den Experten nur die kniffligen Fälle vorlegen müssen.

Die Zuverlässigkeit der Computererkennung aber ist direkt abhängig von der Menge an Trainingsdaten, und in Fällen wie den unseren sind diese oft limitiert. Wer in Zukunft stark von künstlicher Intelligenz profitieren wird, hängt also direkt davon ab, wer Zugang zu welchen Daten hat. Darüber müssten wir uns vielleicht vermehrt Gedanken machen, bevor wir unsere Ferienfotos ohne mit der Wimper zu zucken mit Google und Facebook teilen.

 

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

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